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Schlagwort-Archive: Selbstwahrnehmung

7. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

Ihre Emails haben für mein Empfinden immer eine „gewisse“ Sprachmelodie“, oder anders formuliert: Ich meine „zwischen den Zeilen“ Ihren Gemütszustand erahnen zu können. Bei den letzten Emails hat nicht nur der Inhalt, sondern auch die Melodie zwischen den Zeilen auf große Verunsicherung und weitere stark belastende Eindrücke hingewiesen.

Wie geht es Ihnen heute?

Liebe Grüße

Platon“

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Verfasst von - 13. Februar 2014 in Briefe

 

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8. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

Der Tag heute war kein wirklicher Unterschied zu gestern.

Das sind solche Situationen sind, mit denen ich nicht „richtig“ umgehen kann ­- wenn die Leute fragen, warum man nicht da war oder ob es einem „besser gehe“. Ein Grund, warum ich nur fehle, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Zumal dann auch die Tage nicht mehr „richtig“ sind. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Die Dinge haben ihre Reihenfolge, dann kann ich sicher sein, dass alles funktioniert und geordnet ist. Wenn ein Punkt wegfällt, wird es schwierig, wenn mehrere Punkte wegfallen, bricht das ganze System zusammen und es entsteht Chaos. Nach Montag kommt der Dienstag, nach Dienstag der Mittwoch, und so weiter. Wenn der Donnerstag dann plötzlich ein Feiertag ist oder ich nicht das mache, was ich immer Donnerstags mache, dann ist es ein „falscher Donnerstag“. Damit ist auch der Freitag falsch und das Wochenende. Und wenn ich weiß, dass der Donnerstag ein Feiertag ist, dann ist auch der Mittwoch bereits falsch, weil er eigentlich ein Freitag ist. Ich habe keine Ahnung, ob das nachvollziehbar ist, was ich meine. Wenn ich Leuten sage, dass ich „freie Tage“ nicht mag (was ich schon lange nicht mehr gemacht habe), weil die Woche dann eine „falsche Woche“ ist, lachen sie meistens. Es ist eben ­ Chaos.

Aber hier habe ich ja erst angefangen, zu versuchen, das Chaos zu systematisieren. Und ich kann gerade nicht behaupten, dass mir das gelingt.

Ich bin, glaube ich, kein geduldiger Mensch, vor allem nicht mit mir. Ich kann nur Hartnäckigkeit (oder Sturheit) anbieten.

Sie schreiben von „Schwerstarbeit“. Aber anderen fallen die Dinge, an die ich immer wieder anstoße, scheinbar unglaublich leicht. Und ich denke dann, dass ich mich einfach nur nicht genug anstrenge… meist komme ich mir dann auch unglaublich dumm vor, wenn ich an Dingen scheitere, die für andere vollkommen selbstverständlich sind. Oft weiß ich dann nicht mal, ob die Dinge wirklich selbstverständlich sind oder sie nur so tun, als seien sie selbstverständlich. Wobei letzteres nicht logisch wäre, aber mit Logik komme ich da ja generell nicht weit. Deswegen mache ich auch die Dinge „mit mir aus“ ­ ich weiß nicht, was davon wichtig ist und was nicht, oft kann ich auch nicht abschätzen, ob und welche Reaktionen kommen oder wie unter Umständen damit verfahren wird.

Liebe Grüße

Sophie“

 
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Verfasst von - 11. Februar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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7. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

danke für Ihr Vertrauen. Alles mit sich alleine auszumachen, kann auf Dauer krank und müde machen. Sie können mir grundsätzlich immer schreiben. Ich wollte Sie nur nicht mit weiteren Fragen meinerseits in dieser Woche wieder zu sehr beanspruchen.

Sie befinden sich gerade in einer Phase, in der viele Dinge für Sie neu sind, in der Sie sich neu orientieren und strukturieren müssen. Sie hatten das ja auch schon geschrieben. Hinzu kommen die Dinge, die auch so schiefgelaufen sind. Und nicht zuletzt der Kontakt mit mir, der Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Ressourcen ebenfalls in Anspruch nimmt. Dann sind solche Tage, an denen nichts mehr geht, nur allzu verständlich.

Grundsätzlich ist es keine Katastrophe, wenn man aus gesundheitlichen Gründen nichts mehr geht. Die Mehrzahl der Menschen kennt solche Tage. Dann ist man schlapp und müde, man hat Kopfschmerzen, den einen plagen dann große Selbstzweifel, den anderen terrorisieren Angstattacken. Das Spektrum der negativen Empfindungen und Emotionen ist hier sehr weit. Auch ich kenne solche Tage. Aber dann geht es bald wieder, das Tal ist dann durchschritten. Und dann kommen auch wieder gute Tage.

Diese große Müdigkeit signalisiert Ihnen Ihr Körper. Nach den Jahren der Schwerstarbeit kommen die ersten Ermüdungserscheinungen. Darum auch meine Hausarbeit für Sie, um besser überblicken zu können, wie viel Ruhe und welche Ernährung Sie Ihrem Körper gestatten.

Ein weiterer Schritt wird dann sein, zu „erforschen“, welche Aktivitäten (zum Beispiel Fotografieren, etc.) und welche Entspannungsverfahren Ihnen wieder Kraft und Lebensfreude bringen.

Wenn es Ihnen zusätzlich gelingt, diejenigen Fahrpläne zu erkennen, die Ihnen auf Dauer Kraft entziehen, und neue Fahrpläne zu entwickeln, die Ihnen das Leben in und um soziale Situationen erleichtern, dann ist schon viel gewonnen. Das wird ein zentraler Punkt unserer Zusammenarbeit sein. Und: wieder möglichst viele positive Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen machen. Und: Geduld und Gelassenheit.

Es sind oft nur Kleinigkeiten, die allerdings eine große Wirkung haben können. Das haben Sie jetzt gestern wieder leidvoll erfahren müssen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Sie die Dinge sortieren und strukturieren können. Dass Sie die Dinge auch restrukturieren können.

Liebe Grüße

Platon“

 
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Verfasst von - 9. Februar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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Die dritte Sitzung – Teil I

Sophie:

Mein Parkplatz ist besetzt. Dahinter sind fünf Plätze frei, aber auf meinem steht ein Auto. Ich schaue auf die Uhr und bin froh, dass ich – wie immer – zu früh bin. Einen Moment halte ich Ausschau, ob ich vielleicht den Fahrer des Wagens auf meinem Parkplatz sehen kann. Nichts.

Noch mal ein Blick auf die Uhr – sicher ist sicher. Ich biege links ab, folge dem schmalen Weg, halte mich die nächste Abbiegung wieder links. Der Theorie nach müsste ich dann irgendwann wieder an dem Ort herauskommen, wo ich meine Rundfahrt gestartet habe. Ich habe nur nicht mit den verwinkelten Straßen gerechnet und bereits nach wenigen Metern die Orientierung verloren.

Blick auf die Uhr. Da, plötzlich, eine Wegmarke. Ich weiß wieder, wo ich bin. Biege erneut in die Straße vor der Praxis ein. Mein Parkplatz ist immer noch besetzt.

Blick auf die Uhr. Noch eine Runde um den Block. Der Wagen steht immer noch auf meinem Parkplatz.

Blick auf die Uhr. Eine weitere Runde schaffe ich nicht, dann komme ich zu spät. Und wenn der Parkplatz dann nicht frei ist? Ich muss mein Auto auf dem Parkplatz dahinter abstellen, mir bleibt nichts anderes übrig.

17:27 Uhr. Ich behalte die Straße im Blick, hoffe, dass der Fahrer des Wagens kommt. Dann könnte ich noch zurücksetzen und meinen Wagen dort abstellen, wo er die beiden vergangenen Wochen auch stand. Niemand kommt.

17:28 Uhr. Kein Mensch in Sicht. Der fremde Wagen bleibt auf meinem Parkplatz. Mein Wagen steht auf dem falschen. Aber es ist Zeit. Ich wäge ab. Zu spät kommen ist schlimmer als mein Auto auf dem falschen Parkplatz. Aber richtig wäre es, wenn ich pünktlich wäre UND mein Auto auf dem richtigen Platz steht.

Ich habe keine Wahl. Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus. Noch mal ein Blick zurück. Vielleicht kommt der Fahrer doch noch? Nichts.

Punkt 17:30 Uhr drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. In Gedanken bin ich noch beim Parkplatz.

Platon:

Ich bin auf die Sitzung gespannt. Ich merke, wie ich zwischendurch immer wieder an das kommende Gespräch denken muss. Ich versuche meine Eindrücke und Fragen zu sortieren. Ihre Antworten möchte ich verstehen. Aber nicht jede einzelne ihrer Antworten isoliert verstehen, sondern das Gesamtbild. Nicht nur einige gern oder weniger gern gesehene Facetten, die vielleicht aus unterschiedlichen Gründen besonders hervortreten, sondern die gesamte Person als solche in ihrer Vielfalt und Komplexität verstehen. Es fällt mir schwer. Diesmal wird mir das besonders bewusst. Sonst denke ich nicht derart darüber nach. Ich habe fast den Eindruck, als wäre ich jetzt gleichermaßen fasziniert und überrascht von meiner eigenen Unfähigkeit, von ihr einen Gesamteindruck zu erhalten. Und wenn es auch zunächst wenigstens nur ein vorläufiger Eindruck wäre. Aber es gelingt mir offenbar nicht. Vielleicht sehe ich sie bis jetzt genauso wie sie die Welt sieht: Nur einzelne Details, aber kein richtiges Gesamtbild.

Sie klingelt wieder pünktlich auf die Minute. Ich öffne, und das gleiche Ritual wie beim letzten Besuch startet. Allerdings weise ich erst noch auf die Baumaßnahmen im Flur hin. Eine Antwort bekomme ich darauf nicht wirklich. Ich bitte sie dann wieder in den Raum, ich bitte sie sich zu setzen, ich bitte sie, sich sicher und wohl zu fühlen. Sie blickt sich um. Ich habe wieder die mir bekannten Fixpunkte unberührt bzw. gut sichtbar für sie gelassen. Ich sehe, wie sie auf meine Schuhe blickt. Ich habe extra wieder das Paar angezogen, welches ihr besser gefallen hatte. Sie lächelt.

Sophie:

Der Flur ist verändert. Ein Gerüst steht direkt hinter der Tür. Der neue Windfang – oder das, was davon bereits steht. Der Philosoph hat davon geschrieben, darauf konnte ich mich einstellen. Nicht einstellen konnte ich mich darauf, dass mein Auto heute auf dem falschen Parkplatz stehen muss. Ich mag sowas nicht. Also suche ich Bekanntes.

Die Muschel ist da, im Glas, wo sie hingehört. Die Schachfiguren daneben. Der abgerissene Schnürsenkel, er hat wieder die anderen Schuhe an, aus der ersten Sitzung. Das Chaos im Regal – Chaos zwar, aber immerhin verlässlich Chaos. Er scheint kein System in den Büchern zu haben. Manche sind vertauscht, er muss sie herausgenommen und anders wieder eingestellt haben. Ein Teil der Bücher sind immer noch eingeschweißt. Ich finde das respektlos, wage aber nicht, es zu sagen. Jedes meiner Bücher hat seinen festen Platz im Regal. Sie sind ordentlich sortiert, ich kenne jedes einzelne und weiß genau, wo ich es finde. Und jedes meiner Bücher verdient es, gelesen zu werden. Nicht irgendwann. Sondern sofort. Bücher nicht einmal auszupacken – das geht nicht. Er sagte, keine Sanktionen. Es ist mir wichtig, dass man Bücher mit Respekt behandelt. Ich wage es trotzdem nicht, etwas zu sagen.

Platon:

Sie schaut sich wieder im Raum um. Ich lasse ihr die Zeit. Ihr Blick bleibt beim Regal hängen. Es ist immer noch unsortiert. Ich habe fast den Eindruck, einen missbilligenden Blick bei ihr zu erkennen. Sie sagt, ich hätte einige Bücher umgestellt oder ganz raus bzw. neu wieder einsortiert. Falsch sortiert. Ich stimme zu.

Mir wird wieder dieser besondere „Bruch“ in meiner Wahrnehmung besonders deutlich. Wie beim letzten mal. Die unmittelbare Begegnung mit ihr trifft und berührt mich offenbar völlig anders als es bei der schriftliche Kommunikation der Fall ist. Ich beobachte meine eigene Empfindung.

Ich erzähle ihr von ihren Beiträgen, die ich im Internet gelesen habe. Und von meinen Irritationen, die durch diese Beiträge bei mir entstanden sind. Sie gibt mir eine Antwort, die ich wohl nicht bis in alle Tiefe verstehe. Ich merke aber auch, dass Nachfragen jetzt nicht sinnvoll ist. Ich gebe ihr zu verstehen, dass die Antwort für mich völlig okay ist. Und so ist es auch wirklich.

 

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6. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

es sind nicht so viele Fragen. Ich will Sie auch nicht zu sehr von Ihren anderen Dingen abhalten.

1. Beschreiben Sie drei Probleme der letzten Wochen bei der Ausführung Ihrer Arbeit (Schwerpunkt soziale Interaktion).

2. Beschreiben Sie, wie Sie sehen, wie Sie also die Welt visuell wahrnehmen.

3. Ich glaube, Sie hatten es schon erwähnt. Sie fotografieren gerne. Wie gehen Sie vor, um den Bildaufbau und den richtigen Moment abschätzen zu können, wenn Menschen Motiv sind?

4. Wenn über Nacht ein Wunder geschehen würde, und Ihre Probleme plötzlich größtenteils behoben wären, woran würden Sie das am nächsten Tag feststellen?

5. Wenn alle Menschen so wären wie Sie, wie wäre dann die soziale Interaktion auf unserem Planeten. (Hierzu könnte man vermutlich einen ganzen Roman schreiben. Vielleicht beschreiben Sie einfach nur die Dinge, die Ihnen ganz spontan zuerst einfallen).

Mich hat übrigens ein Anflug von Ordnungsliebe getroffen, ich habe aufgeräumt. Nur das Regal ist noch unverändert. Ihre Muschel habe ich allerdings nicht einen Millimeter verschoben. Ich habe Ihnen auch neue Fixpunkte besorgt, damit Sie sich schnell wieder orientieren können.

Zudem wird gerade ein Windfang im Flur gebaut, also nicht erschrecken, wenn Sie Mittwoch das Haus betreten (helfen Ihnen solche Ankündigungen zur Vorbereitung?).

Waren Sie schon einmal an der Küste? Ich könnte mir vorstellen, dass die Strände Ihnen sehr gefallen würden: so gut wie keine Menschen, eine ganz klare, waagerechte Horizontlinie. Natürliche Farben, natürliche Struktur (Wasser, Strand, Dünen). Keine Hindernisse, vor die man laufen könnte oder denen man aus dem Weg gehen muss. Und vor allem: klare, saubere Luft. Wenn es einen Ort gibt, der das Gegenteil einer Großstadt sein könnte, dann wäre es aus meiner Sicht einer dieser Strände.

Liebe Grüße

Platon“

 
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Verfasst von - 25. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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5. Nachricht von Sophie an Platon – Teil III

Sophie:

“ […] 6. Ziemlich eindeutig eine Notwendigkeit. Ich mag bestimmte Lebensmittel mehr als andere, aber ich bin nicht so „verrückt“ danach wie andere es scheinen.

7. Ja, ich kenne Smileys. Und nein, ich verwende sie selten. Ich habe es mal mit der Verwendung von Smileys versucht, diese aber eher nach „Gefällt mir“­Kriterien ausgewählt. Das hat dann in der schriftlichen Kommunikation zu Irritiationen geführt, weil der Smiley eine Bedeutung hatte, die mir nicht ersichtlich war und ich ihn demnach falsch verwendet habe.

Daher bin ich dazu übergegangen, die meiste Zeit gar keine mehr zu verwenden.

8. Ich weiß nicht, wie man Müdigkeit beschreiben kann. Ich merke dann, dass ich leicht irritierbar bin, mich wahnsinnig viele Dinge in meinem Umfeld stören und auch schneller als sonst überfordern. Außerdem reagiere ich dann sehr empfindlich darauf, wenn Planungen nicht funktionieren. Es ist ambivalent ­ einerseits halte ich dann extrem an meinen Plänen fest, weil mich ein Abweichen ganz aus dem Konzept bringt, gleichzeitig habe ich aber eigentlich gerade nicht das Bedürfnis, das zu tun, was ich mache. Dinge außer der Reihe kann ich dann nicht machen.

9. Was meinen Sie damit? Ich habe keine „Techniken“, wüsste aber auch nicht, was Sie konkret damit meinen könnten.

10. Wenn Sie die Frage gelöscht haben, warum schreiben Sie dann auf, dass Sie sie gelöscht haben?

Liebe Grüße

Sophie“

 
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Verfasst von - 23. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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5. Nachricht von Sophie an Platon – Teil II

Sophie:

„[…] 2. Ihr Schuh und der damit verbundene Schnürsenkel ist ein beweglicher Punkt. Allerdings haben bewegliche Fixpunkte auch ihre Tücken, denn sie können meine Aufmerksamkeit auch komplett absorbieren. Besonders gefährlich ist das bei Gegenständen, die sich drehen, da muss ich mich zwingen, nicht hinzusehen, denn dann bekomme ich gar nichts mehr mit.

Was Ohr oder Brille angeht, meine ich zu wissen, worauf Sie hinauswollen. Es gab Menschen, die versucht haben, mich dazu zu bringen, ihr beim Gespräch zumindest auf die Nasenspitze zu schauen, um so wenigstens die Illusion eines Blickkontaktes zu schaffen. Die Punkte, die mich im Raum anziehen, haben jedoch meist einen besonderen Reiz, weswegen ich sie auch als Fixpunkte wählen und nutzen kann. Die Muschel im Glas auf Ihrer Fensterbank hinter Ihrem Schreibtisch ist zum Beispiel gedreht, ich mag diese Muschelform sehr. Das Verhältnis der einzelnen „Muschelringe“ entspricht einem mathematischen Zahlenverhältnis, da übrigens sehr häufig in der Natur zu finden ist. Im Fall der Muschel kann man dieses Zahlenverhältnis aber von vorneherein „sehen“. Das wiederum macht die Muschel als Fixpunkt für mich interessant, sie ist etwas, worüber ich nicht nachdenken, mich nicht darauf konzentrieren muss. Ich weiß nicht, ob es dauerhaft möglich wäre, mich auf eine Brille zu fixieren. Im Fall der Nasenspitzewar es so, dass ich nicht mehr mitbekommen habe, was sie eigentlich sagte, weil ich so damit beschäftigt war, ihre Nase nicht „zu verlieren“.

3. Als ich Ihnen mein Handy gab, war ich mehr darauf konzentriert, wie ich Ihnen das Gerät übergeben kann, ohne Ihre Hände zu berühren. Da Sie das Handy mit beiden Händen entgegen genommen haben, ist mir das allerdings nicht gelungen. Zusätzlich bin ich niemand, der gerne Dinge aus der Hand gibt – ­ wahrscheinlich, weil ich sie dann nicht mehr direkt unter Kontrolle habe und nicht klar bestimmen kann, was als Nächstes kommt oder ob mit diesen Dingen „richtig“ verfahren wird. Ich habe bei vielen Dingen ein System oder eine für mich durchaus logische Ordnung, die ich als schön empfinde und die mir zudem hilft, meine Sachen wieder zu finden. Wenn andere Leute da dann etwas verändern, verliere ich Zeit, weil ich die Dinge entweder wieder ordnen muss oder aber Teile suchen muss. Zurückgegeben haben Sie mir das Handy übrigens mit nur einer Hand, da war es dann einfacher, eine Berührung zu umgehen.

4. Ich habe keinen „festen“ Schlafrhythmus, scheint mir. Pro Nacht komme ich auf einige Stunden, bin dazwischen aber mehrfach wach. Es gibt zudem Nächte, in denen ich gar nicht schlafe. Eine Nacht ohne Schlaf kann ich kompensieren, bei zwei und mehr merke ich doch erhebliche Einbußen im Tagesablauf.

5. Ja, ich träume. Vorrangig akustisch, wobei ich das, was ich höre, meist auch einer konkreten Situation zuordnen kann, dem also im Nachhinein „Bilder“ geben kann. Es gibt aber auch immer mal wieder Träume mit visuellen Eindrücken, wobei mir dann auch meist klar ist, dass ich träume. Und Träume mit einer Art „Nicht­Sicht“ ­ ich nehme akustische Reize wahr und mir ist in dem Moment bewusst, dass ich nicht sehe, aber es gelingt mir nicht, die Augen zu öffnen. Diese Nicht­-Sicht ist zudem gekoppelt an irgendwelche Wendeltreppen, die ich nach oben muss oder wenn ich durch sehr enge Passagen hindurch soll.

Allerdings habe ich immer wieder Phasen, bei denen irgendetwas in der Schlaf­-Regulation „stottert“. Dann setzt die eigentlich für die REM­-Phase typische Paralyse ein, ich bin aber eigentlich noch wach. Seit ich weiß, was da genau passiert, habe ich mich einigermaßen daran gewöhnt. Vorher habe ich immer versucht, den Zustand aktiv aufzuheben, indem ich einen Finger bewege (was in dem Fall wirklich Schwerstarbeit ist), zwischenzeitlich warte ich einfach ab. […]“

 
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Verfasst von - 21. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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5. Nachricht von Sophie an Platon – Teil I

Sophie:

„Hallo Platon,

Zu Ihren Fragen habe ich folgende Antworten:

1. Meine Fixpunkte haben eine doppelte Funktion. Zum einen sind sie in noch recht unbekannten Räumen ein fester Bezugspunkt, der bleibt und mir vertraut ist. Je besser ich einen Raum kenne desto mehr dieser Fixpunkte habe ich. Es ist für mich eine Form der Orientierung, anhand dieser Punkte merke ich mir auch ganze Wege. Das funktioniert zumindest so lange, bis einer dieser Fixpunkte verschwindet. Für bestimmte Wege, von denen ich weiß, dass sich deren Umgebung häufig verändert, habe ich mir daher ein System der „falschen Fixpunkte“ angelegt: ­ wenn eine bestimmte Wegmarke auftaucht, weiß ich, dass ich zu weit bin und umkehren muss. Aus irgendeinem Grund fällt es mir jedoch schwerer, „falsche Fixpunkte“ zu definieren, lieber ist es mir, wenn ich klar weiß, wo ich bin.

Betrete ich also einen mir bekannten Raum, kann ich ihn anhand dieser Punkte recht schnell einordnen, sofern ich ihn bereits kenne. Anhand dieser Punkte ziehe ich dann auch den kompletten Raum auf, ich erfasse also zuerst einen dieser mir bekannten Punkte und kann von dort ausgehend den weiteren Raum „sehen“. Ich glaube, das klang jetzt komplizierter, als es ist.

Und ja, bei kommunikativen Situationen hilft mir das, mich auf das Gespräch zu konzentrieren, zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Ich „verliere“ diese Punkte jedoch, wenn zu viele Geräusche oder störende Lichteffekte um mich herum sind. Dann kann ich allerdings auch dem Gespräch nur noch sehr schwer bis gar nicht mehr folgen. Im schlimmsten Fall bekomme ich die diversen Sinneseindrücke gar nicht mehr sortiert, das sind dann Situationen, die ich sehr abrupt verlasse.

Das, was ich als „Matrix“ bezeichne, ist eine Art „Übersetzungsmodul“. Ich versuche, es an einem Beispiel deutlich zu machen: Wenn mich jemand fragt, ob ich weiß, wie spät es ist, würde ich, je nachdem, ob ich vorher auf eine Uhr gesehen habe, mit „Ja“ oder „Nein“ antworten. In genau diesem Moment schaltet sich die Matrix ein und analysiert die Frage: „Wissen Sie, wie spät es ist?“ nach doppelten Bedeutungen. Ich muss mir in dem Moment die Frage stellen, ob die Person von mir wissen möchte, ob ich weiß, wie spät es ist (wovon ich eigentlich ausgehen würde) oder ob dies eine indirekte Aufforderung (was paradox ist, weil eine Frage eigentlich keine Aufforderung impliziert) ist, die Uhrzeit zu nennen. Unter Umständen muss ich den Schritt noch weiter aufschlüsseln, denn ich weiß vielleicht wirklich nicht, wie spät es ist (müsste demnach formal mit „Nein“ antworten), trage aber eine Armbanduhr. Damit beinhaltet die formale Frage implizit nicht nur die Aufforderung, die Uhrzeit zu nennen, sondern auch die der Nennung vorgeschaltete Aufforderung, auf meine Uhr zu sehen, die Uhrzeit für mich in Erfahrung zu bringen (dann weiß ich sie, müsste also mit „Ja“ antworten) und sie anschließend zu nennen. Bei dem bekannten Spiel „Wissen Sie, wie spät es ist?“ reagiert die Matrix recht schnell, weil die Situation zwischenzeitlich bekannt ist. Kniffelig wird es , wenn unbekannte Faktoren ins Spiel kommen. Auch hier ein Beispiel: Mir waren bislang keine Supermärkte geläufig, in denen man selbst Obst abwiegen muss. Vor einigen Wochen stand ich hier in einem Laden und entdeckte über dem Obst und Gemüse das Schild: „Bitte wiegen Sie die Ware ab“. Das ist wieder der Moment, in dem die Matrix aktiv wird. Aus der Tatsache, dass über der jeweiligen Ware in aller Regel der Preis steht, wurde dann abgeleitet, dass sich das Abwiegen der Ware ebenfalls nur auf die Ware bezieht, über der die Aufforderung steht ­ also dem jeweiligen Obst oder Gemüse.

Aller Wahrscheinlichkeit kann damit nicht gemeint sein, alle Waren, die man einkaufen möchte, abzuwiegen. Gleichzeitig fragte ich mich, welchen Sinn es haben könnte, die Waren abzuwiegen. Ich nehme es zwar gern genau, möchte aber in aller Regel nicht aufs Gramm wissen, wie viel jetzt in meiner Nudelpackung (die ja sowieso nicht gewogen werden muss) beinhaltet ist. Erst an der Kasse, als vor mir ein Kunde Gemüse kaufte, wurde mir klar, was es mit diesem Schild eigentlich auf sich hat: Es geht nicht darum, die Ware abzuwiegen. Der Vorgang des Wiegens ist nicht relevant, denn die Aufforderung: „Bitte wiegen Sie die Ware ab“ heißt eigentlich: „Wiegen Sie die Ware ab, suchen Sie die passende Bezeichnung im Menü der Waage und etikettieren Sie die Ware anschließend korrekt.“ Im Umkehrschluss heißt das: Selbst, wenn Sie die Ware abwiegen (also der Aufforderung des Schildes Genüge tun), haben Sie nicht korrekt gehandelt, denn von Relevanz ist das Etikett.

Inwiefern meine Fixpunkte die „Ressourcen“ für die Arbeit meiner Matrix freischalten, kann ich so pauschal jedoch nicht beantworten. Sicher ist es so, dass ich bei zu viel Gewusel um mich herum mich weder auf meine Fixpunkte noch auf eine korrekte und schnelle Arbeit meiner Matrix verlassen kann. […]“

 

 
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Verfasst von - 19. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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5. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

Hallo Sophie,

Für die kommende Woche interessieren mich noch die folgenden Fragen:

1. Ihre Fixpunkte (zum Beispiel die Muschel) werden vermutlich von Ihnen deswegen mit Ihren Augen fokussiert, um Ordnung und Struktur in die permanent „feuernden“ visuellen Reize zu bekommen, um letztlich Ressourcen für die akustischen Reize und die Matrix freischaufeln zu können. Ist das ansatzweise richtig beschrieben?

2. Könnte der Fixpunkt auch ein beweglicher Punkt sein? Zum Beispiel ein Hemdkragen, der sich durch die Bewegungen seines Trägers gelegentlich bewegt? Oder sogar ein Ohr? Eine getragene Brille? (Diese Fragen sind wirklich ernst gemeint)

3. Als Sie mir Ihr Handy gegeben haben, haben Sie dabei meine Hände angeschaut? (ähnlich wie bei meinem abgerissenen Schnürsenkel?) Falls ja,  können Sie meine Hände noch beschreiben?

4. Wie viele Stunden schlafen Sie täglich?

5. Träumen Sie? Falls ja, haben Sie ein Beispiel? (interessant wäre eine eventuelle akustische, visuelle oder sonstige Fokussierung)

6. Ist die Nahrungsaufnahme für Sie gelegentlich ein Genuss oder eine lästige Notwendigkeit?

7. Kennen bzw. verwenden Sie Smileys?

8. Können Sie beschreiben, wie sich die Müdigkeit anfühlt, also konkrete Körperempfindungen?

9. Gibt es für Sie Entspannungstechniken, kommen Sie im Wachzustand „zur Ruhe“?

10. Die zehnte Frage habe ich wieder gelöscht, die bewahre ich besser für kommende Woche auf…

Liebe Grüße

Platon“

 
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Verfasst von - 18. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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4. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

menschliche Kommunikation ist permanent von Unsicherheit geprägt, hundertprozentiges Verstehen kann nicht überprüft werden, dafür wären weitere Kommunikationsprozesse nötig, die ebenfalls dann wieder überprüft werden müssten und so weiter und so weiter.

Ja, ich habe diese Unsicherheit bewusst provoziert, und Sie haben sehr gut reagiert.

Ich kann gut nachvollziehen, was Sie durchgemacht haben und aktuell auch noch durchmachen. Sie vollbringen Tag für Tag Höchstleistungen, die irgendwann Ihren Körper auslaugen. Die zentralen Probleme, die Sie ständig bewältigen müssen, werden mir von Mail zu Mail klarer. Sie haben zahlreiche Punkte angesprochen, die ich gerne alle wieder mit Ihnen Schritt für Schritt durchgehen möchte.

Haben Sie aktuell neben der Tätigkeit im Beruf noch andere Aufgaben zu erledigen? Zum Beispiel für Ihr Studium? Gibt es noch weitere Schulungen?

Sie baten um Rückmeldung, ob Ihre Emails unangemessen seien: Ich empfinde unseren Kontakt und vor allem Ihr Verhalten inklusive der Emails als angemessen und sehr zielführend. Unsere Kommunikation ist aus meiner Sicht sehr anspruchsvoll und tiefgreifend. Ein Grund dafür, warum ich das so empfinden kann, ist mein zunehmendes Wissen über Ihre „andersartige“ Wahrnehmungsfähigkeit. Ich stelle Ihre Gedanken und Reaktionen dieser besonderen Wahrnehmungssituation in Rechnung. Dadurch macht ihr Verhalten für mich wieder einen ganz konkreten Sinn und ist verständlich.

Ich sehe für Sie einige Perspektiven und Ziele. Denke aber auch, dass Sie zur Zeit an einem kritischen Punkt sind, gerade in Bezug auf die Sicherung des Arbeitsplatzes und Ihres körperlichen Gesundheitszustandes. Diese Themen müssen wir sehr bald angehen.

Ich habe noch weitere Fragen, die ich jetzt aber aus Zeitgründen nicht formulieren kann. Ich werde also wohl noch weitere Emails schreiben.

Liebe Grüße

Platon“

 
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Verfasst von - 16. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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