RSS

Schlagwort-Archive: Schlaf

Die Trance – Teil II

Sophie:

Ich solle einen Punkt im Raum suchen, auf den ich mich konzentriere. Meine Wahl fällt – warum auch immer – auf eine Spinne, die es sich in einem Netz am Fenster häuslich eingerichtet hat. Eigentlich eine seltsame Wahl, denn obwohl ich wirklich tierlieb bin, gehören Spinnen nur bedingt zu meinen Favoriten. Aber gut. Hallo, Spinne.

Der Philosoph beginnt zu sprechen und mit jedem Wort erheitert mich das Tierchen mehr. Ob das beabsichtigt ist? Ich glaube nicht. Ich versuche, mich gedanklich zusammenzureißen, kann das Kichern jedoch nicht ganz unterbinden. Binnen weniger Minuten haben mich Philosoph oder Spinne – oder beide – so weit, dass ich aus dem Lachen nicht mehr herauskomme. Irgendwas ist demnach irre witzig. Doof nur, dass ich nicht weiß, was. Die Spinne sitzt in ihrem Netz und bekommt hoffentlich nicht mit, dass ich gerade dabei bin, sie in Grund und Boden zu lachen.

Platon:

Die kleine Spinne wird immer lustiger und Sophie bekommt einen Lachanfall. Ich platziere weiter meine Suggestionen, und es scheint irgendwann zu wirken. Sie wird ruhiger, knetet aber noch unablässig ihre Hände. Dann lacht sie wieder über die kleine Spinne. Ich lache auch und fahre unbeirrt fort mit den Suggestionen. Sie wird tatsächlich ruhiger, so ist zumindest mein Eindruck. Ich mache weiter und weiter, und sie wird offenbar immer ruhiger. Ich denke wieder an die kleine Spinne. Ich muss mich zwischendurch selbst beherrschen, dass ich nicht anfange zu lachen.

Ihr Augenlid wird immer schwerer, ich habe den Eindruck, dass die Augen fast ganz geschlossen sind. Jetzt sind sie geschlossen.Und plötzlich hört auch ihr Händekneten auf. Sie ist nun völlig bewegungslos.

Sophie:

Irgendwann ist der Punkt überschritten und dieses nicht zu kontrollierende Lachen hört auf. Ich bin ganz froh darüber. Eigentlich bin ich gerne Herr meiner Sinne – auch, was das Lachen angeht.

Ich habe grundsätzlich kaum ein Zeitgefühl, aber nun ist es mir vollkommen abhanden gekommen. Das Sprechen des Philosophen höre ich noch, aber es ist wie eine Hintergrundberieselung. Der Raum um mich herum ist verschwommen, so, wie wenn der Blick an nichts mehr haften bleibt. Und plötzlich ist es still. Der Philosoph schweigt, ich kann nicht einmal sagen, wie lange bereits. Ist irgendwas falsch gelaufen? Oder hat er aufgegeben, die Geduld verloren?

Platon:

Ich mache mit meinen Suggestionen weiter. Ich kann es kaum glauben, dass sie eingeschlafen ist. Ich überlege, den Raum zu verlassen. Mir ist ein Bein eingeschlafen, und es sind mittlerweile etwa 10 Minuten vergangen, seit dem sie die Augen geschlossen hat. Ich versuche, mich langsam zu entfernen. Das klappt nicht, sie wird wach.

Sophie:

Mir wird das Schweigen suspekt, ich suche nach einer Orientierung. Will den Philosophen fragen, was jetzt genau los sei. Er behauptet, ich sei eingeschlafen. Ich dementiere. Schließlich hatte ich die gesamte Zeit visuelle Eindrücke vom Raum, von daher hatte ich nicht mal die Augen geschlossen. Nur der auditive Sinn, der schien sich mal kurz verabschiedet zu haben. Der Philosoph ist gegenteiliger Meinung. Ich glaube nicht, dass er mir Märchen erzählt. Andererseits weiß ich ja auch, was ich wann gemacht habe. Oder?

Der Philosoph fragt nach der Arzthelferin. Die miesgelaunte Tante, denke ich – und vergesse sie gleich wieder. Vor einer Stunde war das noch anders. Eine Kontrolle des Ruhepulses überrascht mich dann doch. Bewege ich mich in aller Regel im 120er Bereich, so hat sich der Puls nun auf unglaubliche und bislang nie dagewesene 75 gesenkt. Das ist nun wirklich eine Überraschung.

Als ich die Praxis verlasse, fällt mein Blick auf das Fenster, das Netz, die kleine Spinne. Ich gehe mit einem leisen Kichern zum Auto.

Platon:

Ich gebe ihr etwas Zeit, sich zu sammeln. Dann sage ich ihr, dass sie eingeschlafen war. Sie antwortet, dass sie nicht geschlafen hätte. Wir fangen etwas an zu diskutieren. Sie bleibt letztlich dabei. Sie sagt aber auch, dass ihre Hände plötzlich wieder warm seien. das ist gut. zu oft hat sie kalte Hände. Und sie sagt dann auch, dass sie aus der Gedankenschleife raus ist. Dann haben meine Suggestionen wohl doch funktioniert, denke ich. Sophie war anfangs so skeptisch, was Entspannung oder gar Hypnose angeht. Jetzt scheint sie etwas verwundert. Sie misst erneut ihren Puls. 75. Wir können es beide kaum glauben.

Advertisements
 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 22. Juni 2014 in Die Trance

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

16. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

ich habe noch einige Fragen:

1. Hatten oder haben Sie Konzentrationsprobleme?

2. Fällt es Ihnen schwer, Dinge zu Ende zu bringen, also Vorgänge zu beenden?

3. Wechseln Sie häufiger spontan von einer Tätigkeit zur anderen Tätigkeit?

4. Verspüren Sie häufiger innere Unruhe?

5. Neigen Sie zu Hyperaktivität?

6. Neigen Sie zur Tagträumerei, zum „Abschalten“? Haben Sie also bei Vorlesungen, damals in der Schulklasse oder jetzt in Besprechungen das Bedürfnis, an ganz andere Dinge zu denken, also gedanklich abzuschweifen?

7. Haben Sie in den letzten 14 Tagen etwas anderes als Nudeln und Spinat gegessen?

8. Hat sich Ihre Schlafsituation etwas verbessert?

9. Was sind Ihre typischen Beschäftigungen zwischen Dienstschluss und Dienstbeginn? Also die Dinge, die Sie in Ihrer Freizeit machen. (nur die wichtigsten Beschäftigungen nennen)

Sie können auch bei einzelnen Fragen mit Ja bzw. Nein antworten …

Mit lieben Grüßen

Platon“

 
3 Kommentare

Verfasst von - 20. April 2014 in Briefe

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Die dritte Sitzung – Teil III

Sophie:

Er scheint etwas zu suchen. Geht um den Schreibtisch, auf dem sich bereits wieder ein leichtes Chaos breit gemacht hat, hebt Ordner und Blöcke an, murmelt etwas unverständliches. Ich überlege, ob er etwas zu mir gesagt haben könnte, da setzt er sich wieder hin. „Ich finde den Flyer nicht.“ Ich nehme die Information zur Kenntnis, da springt er wieder auf und beginnt erneut, die Ordner und Blöcke wieder hochzunehmen. Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen und mache ihn darauf aufmerksam, dass er erst vor wenigen Augenblicken an diesen Orten nachgesehen hat. „Glauben Sie ernsthaft, dass der Flyer nun dort liegt, obwohl er es vor einer Minute noch nicht tat?“ Er muss selbst lachen. „Ziemlich bescheuert, oder?“ Ich komme nicht umhin, die Sinnlosigkeit seiner zweiten Suche zu bestätigen. Und merke zugleich, dass ich das außerhalb dieser vier Wände nicht so offen gesagt hätte. Die Gefahr, dass jemand das, was ich sage, als Angriff oder Beleidigung aufgefasst hätte, wäre zu groß. Oft wird nicht verstanden, dass ich die Dinge so meine, wie ich sie sage. Ohne Zwischentöne oder versteckte Botschaften.

Platon:

Das Telefon klingelt. Ich merke, wie sie zusammenzuckt. Ich lasse es durch klingeln, solange ist Gesprächspause. Ich merke auch, wie sehr sie der Lärm auf der Straße stört. Mir war das bisher nie so deutlich aufgefallen. Mittlerweile fühle ich regelrecht mit, wenn wieder ein großer LKW durch den Ort fährt.

Sie vermutet auch Tiere bei mir im Raum, oder zumindest im Fußboden. Und eine Mücke im Raum ist besonders lästig. Aber erschlagen darf ich die Mücke nicht, sie sagt die könne da ja auch nichts für. Auch das Licht habe ich mittlerweile so gut es geht abgedunkelt.

Sophie:

Das Telefon klingelt. Genauer: Vier Telefone klingeln. Damit habe ich nicht gerechnet. Ein störendes Geräusch. Es frisst soviel Aufmerksamkeit, dass ich dem Gespräch kaum folgen kann und selbst den Faden verliere. Also sage ich nichts mehr. Und bin verwundert, dass er auch nichts sagt. Er verspricht, das Telefon beim nächsten Mal auszumachen. Dabei sind ständig irgendwelche Geräusche in diesem Raum. Geräusche, die er gar nicht wahrzunehmen scheint. Das Vibrieren des Handys auf dem Schreibtisch. Der Laptop, der im Stand-By vor sich hin summt. Das Trappeln kleiner Pfoten in der Wand. Das leise Platschen, wenn die Fische im Aquarium sich plötzlich bewegen. Hustende Nachbarn. Schritte im Haus. Der ständige Verkehr vor dem Fenster. Und das Summen einer Fliege. Zumindest die scheint er auch wahrzunehmen, denn er fragt, ob er sie erschlagen soll. Ich verneine. Menschen neigen dazu, gerade kleine Tiere als Störfaktor zu betrachten, die man ohne Bedenken töten darf. Aber die Tiere wissen nicht, dass sie sich in einen Raum verirrt haben, in dem sie als Störfaktor wahrgenommen werden. Draufschlagen scheint da einfacher zu sein als das Tier einzufangen und draußen wieder einzusetzen. Zweiteres ist vielleicht mühsamer. Aber in meinen Augen auch respektvoller.

Ich weiß nicht, ob er das versteht. Aber er lässt die Fliege in Ruhe.

Er bringt unvermittelt den Vorschlag eines Arztbesuchs. Er hielte es für sinnvoll. Ich nicht. Ich mag es nicht. Und versuche, aus der Situation zu kommen. Äußere mich nicht näher dazu. Und hoffe, dass er das Thema schnell wieder vergisst.

Platon:

Ich mache mir Gedanken um ihre Gesundheit, sie isst einseitig, und sie schläft zu wenig. Hinzu kommt, dass sie offenbar sehr schreckhaft und wachsam ist. Auch schon beim letzten Besuch.

Insgesamt scheint sie zusätzlich eine stark erhöhte Körpererregung und Anspannung zu haben. Sie knetet permanent ihre eigenen Finger, sitzt sprungbereit auf der vorderen Sesselkante. Das hat nicht unbedingt etwas mit Autismus zu tun. Darauf werde ich sie noch ansprechen. Aber nicht jetzt.

Ich empfehle ihr, einen Arztbesuch aufgrund der sehr starken Müdigkeit in Erwägung zu ziehen. Ich sage, dass ich sie dabei unterstützen würde. Sie sagt, dass Arztbesuche bisher Erfahrungen waren, auf die sie gerne verzichten könne. Ich denke, dass ich das mit ihr bestimmt besser hinbekomme.

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , ,

6. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

es sind nicht so viele Fragen. Ich will Sie auch nicht zu sehr von Ihren anderen Dingen abhalten.

1. Beschreiben Sie drei Probleme der letzten Wochen bei der Ausführung Ihrer Arbeit (Schwerpunkt soziale Interaktion).

2. Beschreiben Sie, wie Sie sehen, wie Sie also die Welt visuell wahrnehmen.

3. Ich glaube, Sie hatten es schon erwähnt. Sie fotografieren gerne. Wie gehen Sie vor, um den Bildaufbau und den richtigen Moment abschätzen zu können, wenn Menschen Motiv sind?

4. Wenn über Nacht ein Wunder geschehen würde, und Ihre Probleme plötzlich größtenteils behoben wären, woran würden Sie das am nächsten Tag feststellen?

5. Wenn alle Menschen so wären wie Sie, wie wäre dann die soziale Interaktion auf unserem Planeten. (Hierzu könnte man vermutlich einen ganzen Roman schreiben. Vielleicht beschreiben Sie einfach nur die Dinge, die Ihnen ganz spontan zuerst einfallen).

Mich hat übrigens ein Anflug von Ordnungsliebe getroffen, ich habe aufgeräumt. Nur das Regal ist noch unverändert. Ihre Muschel habe ich allerdings nicht einen Millimeter verschoben. Ich habe Ihnen auch neue Fixpunkte besorgt, damit Sie sich schnell wieder orientieren können.

Zudem wird gerade ein Windfang im Flur gebaut, also nicht erschrecken, wenn Sie Mittwoch das Haus betreten (helfen Ihnen solche Ankündigungen zur Vorbereitung?).

Waren Sie schon einmal an der Küste? Ich könnte mir vorstellen, dass die Strände Ihnen sehr gefallen würden: so gut wie keine Menschen, eine ganz klare, waagerechte Horizontlinie. Natürliche Farben, natürliche Struktur (Wasser, Strand, Dünen). Keine Hindernisse, vor die man laufen könnte oder denen man aus dem Weg gehen muss. Und vor allem: klare, saubere Luft. Wenn es einen Ort gibt, der das Gegenteil einer Großstadt sein könnte, dann wäre es aus meiner Sicht einer dieser Strände.

Liebe Grüße

Platon“

 
9 Kommentare

Verfasst von - 25. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , ,

5. Nachricht von Sophie an Platon – Teil III

Sophie:

“ […] 6. Ziemlich eindeutig eine Notwendigkeit. Ich mag bestimmte Lebensmittel mehr als andere, aber ich bin nicht so „verrückt“ danach wie andere es scheinen.

7. Ja, ich kenne Smileys. Und nein, ich verwende sie selten. Ich habe es mal mit der Verwendung von Smileys versucht, diese aber eher nach „Gefällt mir“­Kriterien ausgewählt. Das hat dann in der schriftlichen Kommunikation zu Irritiationen geführt, weil der Smiley eine Bedeutung hatte, die mir nicht ersichtlich war und ich ihn demnach falsch verwendet habe.

Daher bin ich dazu übergegangen, die meiste Zeit gar keine mehr zu verwenden.

8. Ich weiß nicht, wie man Müdigkeit beschreiben kann. Ich merke dann, dass ich leicht irritierbar bin, mich wahnsinnig viele Dinge in meinem Umfeld stören und auch schneller als sonst überfordern. Außerdem reagiere ich dann sehr empfindlich darauf, wenn Planungen nicht funktionieren. Es ist ambivalent ­ einerseits halte ich dann extrem an meinen Plänen fest, weil mich ein Abweichen ganz aus dem Konzept bringt, gleichzeitig habe ich aber eigentlich gerade nicht das Bedürfnis, das zu tun, was ich mache. Dinge außer der Reihe kann ich dann nicht machen.

9. Was meinen Sie damit? Ich habe keine „Techniken“, wüsste aber auch nicht, was Sie konkret damit meinen könnten.

10. Wenn Sie die Frage gelöscht haben, warum schreiben Sie dann auf, dass Sie sie gelöscht haben?

Liebe Grüße

Sophie“

 
3 Kommentare

Verfasst von - 23. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , ,

5. Nachricht von Sophie an Platon – Teil II

Sophie:

„[…] 2. Ihr Schuh und der damit verbundene Schnürsenkel ist ein beweglicher Punkt. Allerdings haben bewegliche Fixpunkte auch ihre Tücken, denn sie können meine Aufmerksamkeit auch komplett absorbieren. Besonders gefährlich ist das bei Gegenständen, die sich drehen, da muss ich mich zwingen, nicht hinzusehen, denn dann bekomme ich gar nichts mehr mit.

Was Ohr oder Brille angeht, meine ich zu wissen, worauf Sie hinauswollen. Es gab Menschen, die versucht haben, mich dazu zu bringen, ihr beim Gespräch zumindest auf die Nasenspitze zu schauen, um so wenigstens die Illusion eines Blickkontaktes zu schaffen. Die Punkte, die mich im Raum anziehen, haben jedoch meist einen besonderen Reiz, weswegen ich sie auch als Fixpunkte wählen und nutzen kann. Die Muschel im Glas auf Ihrer Fensterbank hinter Ihrem Schreibtisch ist zum Beispiel gedreht, ich mag diese Muschelform sehr. Das Verhältnis der einzelnen „Muschelringe“ entspricht einem mathematischen Zahlenverhältnis, da übrigens sehr häufig in der Natur zu finden ist. Im Fall der Muschel kann man dieses Zahlenverhältnis aber von vorneherein „sehen“. Das wiederum macht die Muschel als Fixpunkt für mich interessant, sie ist etwas, worüber ich nicht nachdenken, mich nicht darauf konzentrieren muss. Ich weiß nicht, ob es dauerhaft möglich wäre, mich auf eine Brille zu fixieren. Im Fall der Nasenspitzewar es so, dass ich nicht mehr mitbekommen habe, was sie eigentlich sagte, weil ich so damit beschäftigt war, ihre Nase nicht „zu verlieren“.

3. Als ich Ihnen mein Handy gab, war ich mehr darauf konzentriert, wie ich Ihnen das Gerät übergeben kann, ohne Ihre Hände zu berühren. Da Sie das Handy mit beiden Händen entgegen genommen haben, ist mir das allerdings nicht gelungen. Zusätzlich bin ich niemand, der gerne Dinge aus der Hand gibt – ­ wahrscheinlich, weil ich sie dann nicht mehr direkt unter Kontrolle habe und nicht klar bestimmen kann, was als Nächstes kommt oder ob mit diesen Dingen „richtig“ verfahren wird. Ich habe bei vielen Dingen ein System oder eine für mich durchaus logische Ordnung, die ich als schön empfinde und die mir zudem hilft, meine Sachen wieder zu finden. Wenn andere Leute da dann etwas verändern, verliere ich Zeit, weil ich die Dinge entweder wieder ordnen muss oder aber Teile suchen muss. Zurückgegeben haben Sie mir das Handy übrigens mit nur einer Hand, da war es dann einfacher, eine Berührung zu umgehen.

4. Ich habe keinen „festen“ Schlafrhythmus, scheint mir. Pro Nacht komme ich auf einige Stunden, bin dazwischen aber mehrfach wach. Es gibt zudem Nächte, in denen ich gar nicht schlafe. Eine Nacht ohne Schlaf kann ich kompensieren, bei zwei und mehr merke ich doch erhebliche Einbußen im Tagesablauf.

5. Ja, ich träume. Vorrangig akustisch, wobei ich das, was ich höre, meist auch einer konkreten Situation zuordnen kann, dem also im Nachhinein „Bilder“ geben kann. Es gibt aber auch immer mal wieder Träume mit visuellen Eindrücken, wobei mir dann auch meist klar ist, dass ich träume. Und Träume mit einer Art „Nicht­Sicht“ ­ ich nehme akustische Reize wahr und mir ist in dem Moment bewusst, dass ich nicht sehe, aber es gelingt mir nicht, die Augen zu öffnen. Diese Nicht­-Sicht ist zudem gekoppelt an irgendwelche Wendeltreppen, die ich nach oben muss oder wenn ich durch sehr enge Passagen hindurch soll.

Allerdings habe ich immer wieder Phasen, bei denen irgendetwas in der Schlaf­-Regulation „stottert“. Dann setzt die eigentlich für die REM­-Phase typische Paralyse ein, ich bin aber eigentlich noch wach. Seit ich weiß, was da genau passiert, habe ich mich einigermaßen daran gewöhnt. Vorher habe ich immer versucht, den Zustand aktiv aufzuheben, indem ich einen Finger bewege (was in dem Fall wirklich Schwerstarbeit ist), zwischenzeitlich warte ich einfach ab. […]“

 
3 Kommentare

Verfasst von - 21. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , ,

5. Nachricht von Sophie an Platon – Teil I

Sophie:

„Hallo Platon,

Zu Ihren Fragen habe ich folgende Antworten:

1. Meine Fixpunkte haben eine doppelte Funktion. Zum einen sind sie in noch recht unbekannten Räumen ein fester Bezugspunkt, der bleibt und mir vertraut ist. Je besser ich einen Raum kenne desto mehr dieser Fixpunkte habe ich. Es ist für mich eine Form der Orientierung, anhand dieser Punkte merke ich mir auch ganze Wege. Das funktioniert zumindest so lange, bis einer dieser Fixpunkte verschwindet. Für bestimmte Wege, von denen ich weiß, dass sich deren Umgebung häufig verändert, habe ich mir daher ein System der „falschen Fixpunkte“ angelegt: ­ wenn eine bestimmte Wegmarke auftaucht, weiß ich, dass ich zu weit bin und umkehren muss. Aus irgendeinem Grund fällt es mir jedoch schwerer, „falsche Fixpunkte“ zu definieren, lieber ist es mir, wenn ich klar weiß, wo ich bin.

Betrete ich also einen mir bekannten Raum, kann ich ihn anhand dieser Punkte recht schnell einordnen, sofern ich ihn bereits kenne. Anhand dieser Punkte ziehe ich dann auch den kompletten Raum auf, ich erfasse also zuerst einen dieser mir bekannten Punkte und kann von dort ausgehend den weiteren Raum „sehen“. Ich glaube, das klang jetzt komplizierter, als es ist.

Und ja, bei kommunikativen Situationen hilft mir das, mich auf das Gespräch zu konzentrieren, zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Ich „verliere“ diese Punkte jedoch, wenn zu viele Geräusche oder störende Lichteffekte um mich herum sind. Dann kann ich allerdings auch dem Gespräch nur noch sehr schwer bis gar nicht mehr folgen. Im schlimmsten Fall bekomme ich die diversen Sinneseindrücke gar nicht mehr sortiert, das sind dann Situationen, die ich sehr abrupt verlasse.

Das, was ich als „Matrix“ bezeichne, ist eine Art „Übersetzungsmodul“. Ich versuche, es an einem Beispiel deutlich zu machen: Wenn mich jemand fragt, ob ich weiß, wie spät es ist, würde ich, je nachdem, ob ich vorher auf eine Uhr gesehen habe, mit „Ja“ oder „Nein“ antworten. In genau diesem Moment schaltet sich die Matrix ein und analysiert die Frage: „Wissen Sie, wie spät es ist?“ nach doppelten Bedeutungen. Ich muss mir in dem Moment die Frage stellen, ob die Person von mir wissen möchte, ob ich weiß, wie spät es ist (wovon ich eigentlich ausgehen würde) oder ob dies eine indirekte Aufforderung (was paradox ist, weil eine Frage eigentlich keine Aufforderung impliziert) ist, die Uhrzeit zu nennen. Unter Umständen muss ich den Schritt noch weiter aufschlüsseln, denn ich weiß vielleicht wirklich nicht, wie spät es ist (müsste demnach formal mit „Nein“ antworten), trage aber eine Armbanduhr. Damit beinhaltet die formale Frage implizit nicht nur die Aufforderung, die Uhrzeit zu nennen, sondern auch die der Nennung vorgeschaltete Aufforderung, auf meine Uhr zu sehen, die Uhrzeit für mich in Erfahrung zu bringen (dann weiß ich sie, müsste also mit „Ja“ antworten) und sie anschließend zu nennen. Bei dem bekannten Spiel „Wissen Sie, wie spät es ist?“ reagiert die Matrix recht schnell, weil die Situation zwischenzeitlich bekannt ist. Kniffelig wird es , wenn unbekannte Faktoren ins Spiel kommen. Auch hier ein Beispiel: Mir waren bislang keine Supermärkte geläufig, in denen man selbst Obst abwiegen muss. Vor einigen Wochen stand ich hier in einem Laden und entdeckte über dem Obst und Gemüse das Schild: „Bitte wiegen Sie die Ware ab“. Das ist wieder der Moment, in dem die Matrix aktiv wird. Aus der Tatsache, dass über der jeweiligen Ware in aller Regel der Preis steht, wurde dann abgeleitet, dass sich das Abwiegen der Ware ebenfalls nur auf die Ware bezieht, über der die Aufforderung steht ­ also dem jeweiligen Obst oder Gemüse.

Aller Wahrscheinlichkeit kann damit nicht gemeint sein, alle Waren, die man einkaufen möchte, abzuwiegen. Gleichzeitig fragte ich mich, welchen Sinn es haben könnte, die Waren abzuwiegen. Ich nehme es zwar gern genau, möchte aber in aller Regel nicht aufs Gramm wissen, wie viel jetzt in meiner Nudelpackung (die ja sowieso nicht gewogen werden muss) beinhaltet ist. Erst an der Kasse, als vor mir ein Kunde Gemüse kaufte, wurde mir klar, was es mit diesem Schild eigentlich auf sich hat: Es geht nicht darum, die Ware abzuwiegen. Der Vorgang des Wiegens ist nicht relevant, denn die Aufforderung: „Bitte wiegen Sie die Ware ab“ heißt eigentlich: „Wiegen Sie die Ware ab, suchen Sie die passende Bezeichnung im Menü der Waage und etikettieren Sie die Ware anschließend korrekt.“ Im Umkehrschluss heißt das: Selbst, wenn Sie die Ware abwiegen (also der Aufforderung des Schildes Genüge tun), haben Sie nicht korrekt gehandelt, denn von Relevanz ist das Etikett.

Inwiefern meine Fixpunkte die „Ressourcen“ für die Arbeit meiner Matrix freischalten, kann ich so pauschal jedoch nicht beantworten. Sicher ist es so, dass ich bei zu viel Gewusel um mich herum mich weder auf meine Fixpunkte noch auf eine korrekte und schnelle Arbeit meiner Matrix verlassen kann. […]“

 

 
4 Kommentare

Verfasst von - 19. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , ,