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Schlagwort-Archive: Platon

Zwischen Gedanken – Nach der Trance

Sophie:

Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, dass da heute irgendwas bei herauskommt. Ich bin nicht einmal sicher, ob da etwas herausgekommen ist. Aber lustig war es allemal. Wahrscheinlich werde ich in den kommenden Woche keine Spinne sehen können, ohne grinsen zu müssen.

Die Bemerkung des Philosophen, dass er glaubt, ich sei eingeschlafen, wundert mich. Schließlich habe ich mein kaum vorhandenes Zeitgefühl zwar verloren, bin mir allerdings sicher, dass ich wach war. Es wäre auch zu schön, wenn sich auf diese Weise und so einfach einschlafen ließe. Aber auch der Philosoph schien sich sicher. Und für einige Momente zweifle ich ernsthaft an meiner Wahrnehmung – schließlich fand ich auch eine Spinne zum Schreien komisch…

Platon:

Damit habe ich nicht gerechnet. Wir hatten schon einige Achtsamkeitsübungen gemacht, aber ohne Erfolg. Ganz im Gegenteil, Sophie hat so gut wie keine „Verbindung“ zum eigenen Körper. Wie sollen daher Achtsamkeitsübungen gelingen? Dieses Thema – also Entspannungstechniken bei Mensch aus dem Autismus-Spektrum-Bereich – ist in der Literatur kaum erwähnt. Hier ist aus meiner Sicht in Forschung und Praxis eine große Lücke. Hier ist großer Handlungsbedarf.

Eine weitere Frage ist, wie Bewußstsein und Unterbewußtsein miteinander verknüpft sind, wie beide Bereiche präsent bzw. nicht präsent sind. Ich habe den Eindruck, dass bei Sophie das Bewußte und Unbewußte anders zusammenspielen. Sie muss sich auf alles konzentrieren, zum Beispiel auf jede Körper-Bewegung beim Autofahren. Oder beim Zubinden der Schnürsenkel, bei der Steuerung des rechten und des linken Arms, beider Körperhälften. Prozesse laufen nicht intuitiv ab. Dadurch sind alle Handlungen letztlich sehr anstrengend und wenig multitaskingfähig. Daher vielleicht auch die große Müdigkeit. Und die großen Schlafprobleme.

Sophie:

Immerhin, eine Sache fällt mir auf: Mir scheint, als hätte jemand die Gedanken in meinem Kopf einfach ausgeknipst. Oder zumindest die dahinterstehende Eigendynamik. Im Laufe der Nacht schraubte sich mein Herzschlag wieder in die wohlbekannte Höhe, dennoch fühle ich mich einige Stunden regelrecht gelassen und ruhig. An die Situation beim Arzt verschwende ich keinen Gedanken mehr. An den Rest auch nicht. Das ist eine sehr willkommene Abwechslung – so, als hätte jemand in einem Raum, in dem mehrere Menschen durcheinander reden und immer lauter werden, für einige Zeit für Stille gesorgt. So sollte es eigentlich immer sein.

Platon:

Ob für Sophie Entspannungstechniken und hypnothische Verfahren sinnvoll sind, muss wohl schlichtweg ausprobiert werden. Interessant ist jedenfalls, dass sie auf ganz einfache und direkte Suggestionen, die offenbar nur oft genug wiederholt weren müssen, anspricht. Hier wünschte ich mir Forschungserbnisse und Berichte aus der Praxis. Erfahrungsberichte von Verfahren und Techniken, die vielleicht so manche pharmakologische Intervention ersparen könnten.

Kleine Mitteilung

Achtung, ab heute ändern wir noch einmal den Erscheinungsrhythmus unserer Beiträge. Zum einen wollen wir den Sommer herbeizwingen und euch Zeit geben, die Sonne und das schöne Wetter (ja, das kommt jetzt. Wirklich.) zu genießen (und außerdem nicht langweilig für euch werden), zum anderen arbeiten wir gerade intensiv am Buch zu diesem Blog mit vielen zusätzlichen Hintergrundinfos und brauchen dafür etwas Luft. Außerdem war der bisherige Erscheinungsrhythmus etwas „unrund“ und gerade am Wochenende knubbelten sich die Beiträge schon. Daher:

Ab heute erscheinen neue Beiträge jeden Mittwoch und jeden Samstag um 10 Uhr.

 
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Verfasst von - 25. Juni 2014 in Zwischen Gedanken

 

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Die Trance – Teil II

Sophie:

Ich solle einen Punkt im Raum suchen, auf den ich mich konzentriere. Meine Wahl fällt – warum auch immer – auf eine Spinne, die es sich in einem Netz am Fenster häuslich eingerichtet hat. Eigentlich eine seltsame Wahl, denn obwohl ich wirklich tierlieb bin, gehören Spinnen nur bedingt zu meinen Favoriten. Aber gut. Hallo, Spinne.

Der Philosoph beginnt zu sprechen und mit jedem Wort erheitert mich das Tierchen mehr. Ob das beabsichtigt ist? Ich glaube nicht. Ich versuche, mich gedanklich zusammenzureißen, kann das Kichern jedoch nicht ganz unterbinden. Binnen weniger Minuten haben mich Philosoph oder Spinne – oder beide – so weit, dass ich aus dem Lachen nicht mehr herauskomme. Irgendwas ist demnach irre witzig. Doof nur, dass ich nicht weiß, was. Die Spinne sitzt in ihrem Netz und bekommt hoffentlich nicht mit, dass ich gerade dabei bin, sie in Grund und Boden zu lachen.

Platon:

Die kleine Spinne wird immer lustiger und Sophie bekommt einen Lachanfall. Ich platziere weiter meine Suggestionen, und es scheint irgendwann zu wirken. Sie wird ruhiger, knetet aber noch unablässig ihre Hände. Dann lacht sie wieder über die kleine Spinne. Ich lache auch und fahre unbeirrt fort mit den Suggestionen. Sie wird tatsächlich ruhiger, so ist zumindest mein Eindruck. Ich mache weiter und weiter, und sie wird offenbar immer ruhiger. Ich denke wieder an die kleine Spinne. Ich muss mich zwischendurch selbst beherrschen, dass ich nicht anfange zu lachen.

Ihr Augenlid wird immer schwerer, ich habe den Eindruck, dass die Augen fast ganz geschlossen sind. Jetzt sind sie geschlossen.Und plötzlich hört auch ihr Händekneten auf. Sie ist nun völlig bewegungslos.

Sophie:

Irgendwann ist der Punkt überschritten und dieses nicht zu kontrollierende Lachen hört auf. Ich bin ganz froh darüber. Eigentlich bin ich gerne Herr meiner Sinne – auch, was das Lachen angeht.

Ich habe grundsätzlich kaum ein Zeitgefühl, aber nun ist es mir vollkommen abhanden gekommen. Das Sprechen des Philosophen höre ich noch, aber es ist wie eine Hintergrundberieselung. Der Raum um mich herum ist verschwommen, so, wie wenn der Blick an nichts mehr haften bleibt. Und plötzlich ist es still. Der Philosoph schweigt, ich kann nicht einmal sagen, wie lange bereits. Ist irgendwas falsch gelaufen? Oder hat er aufgegeben, die Geduld verloren?

Platon:

Ich mache mit meinen Suggestionen weiter. Ich kann es kaum glauben, dass sie eingeschlafen ist. Ich überlege, den Raum zu verlassen. Mir ist ein Bein eingeschlafen, und es sind mittlerweile etwa 10 Minuten vergangen, seit dem sie die Augen geschlossen hat. Ich versuche, mich langsam zu entfernen. Das klappt nicht, sie wird wach.

Sophie:

Mir wird das Schweigen suspekt, ich suche nach einer Orientierung. Will den Philosophen fragen, was jetzt genau los sei. Er behauptet, ich sei eingeschlafen. Ich dementiere. Schließlich hatte ich die gesamte Zeit visuelle Eindrücke vom Raum, von daher hatte ich nicht mal die Augen geschlossen. Nur der auditive Sinn, der schien sich mal kurz verabschiedet zu haben. Der Philosoph ist gegenteiliger Meinung. Ich glaube nicht, dass er mir Märchen erzählt. Andererseits weiß ich ja auch, was ich wann gemacht habe. Oder?

Der Philosoph fragt nach der Arzthelferin. Die miesgelaunte Tante, denke ich – und vergesse sie gleich wieder. Vor einer Stunde war das noch anders. Eine Kontrolle des Ruhepulses überrascht mich dann doch. Bewege ich mich in aller Regel im 120er Bereich, so hat sich der Puls nun auf unglaubliche und bislang nie dagewesene 75 gesenkt. Das ist nun wirklich eine Überraschung.

Als ich die Praxis verlasse, fällt mein Blick auf das Fenster, das Netz, die kleine Spinne. Ich gehe mit einem leisen Kichern zum Auto.

Platon:

Ich gebe ihr etwas Zeit, sich zu sammeln. Dann sage ich ihr, dass sie eingeschlafen war. Sie antwortet, dass sie nicht geschlafen hätte. Wir fangen etwas an zu diskutieren. Sie bleibt letztlich dabei. Sie sagt aber auch, dass ihre Hände plötzlich wieder warm seien. das ist gut. zu oft hat sie kalte Hände. Und sie sagt dann auch, dass sie aus der Gedankenschleife raus ist. Dann haben meine Suggestionen wohl doch funktioniert, denke ich. Sophie war anfangs so skeptisch, was Entspannung oder gar Hypnose angeht. Jetzt scheint sie etwas verwundert. Sie misst erneut ihren Puls. 75. Wir können es beide kaum glauben.

 
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Verfasst von - 22. Juni 2014 in Die Trance

 

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Die Trance – Teil I

Sophie:

 Wie immer bin ich zu früh. Mein Parkplatz ist frei. Ich warte im Auto, die Uhr fest im Blick. Der Ablauf ist zwischenzeitlich selbstverständlich, es ist ein „Wie-immer“-Ablauf geworden. Trotzdem gibt er mir heute nur wenig Sicherheit, ich bin  abgelenkt. In meinem Kopf läuft ein Film. Der aus der Arztpraxis. Immer und immer wieder sehe ich die Situation vor meinem geistigen Auge.

17:25 Uhr – 17:26 Uhr – 17:27 Uhr – 17:28 Uhr.

Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:30 drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. Vielleicht würde mir auffallen, mit welcher Selbstverständlichkeit, welcher Sicherheit ich mich zwischenzeitlich hier bewege. Aber das Grübeln über die Situation in der Arztpraxis lässt mich das gar nicht wahrnehmen. Ich ärgere mich selbst in mehrfacher Hinsicht. Zum einen, dass ich offenbar nicht in der Lage war, die Situation trotz ihrer Banalität adäquat aufzulösen. Zum anderen darüber, dass es einer solchen Bagatelle gelingt, mich über Stunden zu beschäftigen.

Die Tür öffnet sich. Der Philosoph.

Platon:

Sophie ist gedanklich noch immer in der Situation beim Arzt. Der Dialog mit der Arzthelferin geht ihr wie eine Endlosschleife durch den Kopf. Sie sagt, sie könne das nicht ausblenden, sie hänge wie festgewachsen in dieser Situation fest. Und Sie mache sich Vorwürfe, suche immer wieder den Fehler, was sie besser hätte machen können. Sie misst ihren Puls. Der liegt bei über 120. Mal wieder viel zu hoch.

Wir haben heute wieder unsere reguläre Sitzung. Passt ganz gut. Wir hatten es schon ein paar Mal mit Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen erfolglos probiert. Erfolglos deshalb, weil Sophie ihren Körper kaum spürt, kaum Körperempfindungen wahrnimmt. Und sich auch nur ungern darauf einlässt. Ich starte jetzt einen neuen Versuch, ändere etwas die Strategie. Ich versuche heute, eine Trance herbeizuführen.

Sophie:

Der Philosoph bemerkt meine gedankliche Abgelenktheit. Selbst das merke ich kaum, wie gut er sich zwischenzeitlich auf mich einstellen konnte, wie sehr er wohl schon subtile Anzeichen in meiner Stimmung wahrnehmen und deuten kann. Meist muss ich nicht mal etwas sagen.

Eigentlich ist es diese doofe Arzthelferin nicht wert, dass ich mir wegen ihr so einen Kopf mache. Das weiß ich auch. Allerdings hilft es mir nicht, wenn der Philosoph mir das so auch sagt, die Gedankenschleife läuft einfach. Und läuft. Und läuft. Und läuft. Ist ja nicht so, dass ich das nicht kennen würde. Er schlägt vor, dass wir versuchen, das Ganze mit einer Art Trance zu durchbrechen. Ich bin skeptisch. Mit den Achtsamkeitsübungen kam ich in der Vergangenheit keinen Schritt weiter und kam mir zudem auch ziemlich bescheuert vor. Von Ent-Spannung keine Spur, eher das Gegenteil. Zudem weigere ich mich konsequent, im Beisein anderer Menschen die Augen zu schließen. Das kommt mir vor wie eine Art Kontrollverlust. Trotzdem willige ich ein. Denn – zugegeben – neugierig, ob das klappen kann, bin ich schon.

Platon:

Ich werde die Trance einleiten, allerdings mit ganz direkten Suggestionen, ohne den Schwerpunkt auf Körperempfindungen zu legen. Und einfach mit Geduld und vielen Wiederholungen. Irgendwann muss Sophie ja mein monotones Sprechen zumindest in den Anfangsbereich einer Trance versetzen, denke ich. Ich bitte sie, sich entspannt hinzusetzen und sich eine Stelle im Raum zu suchen, auf die sie sich konzentriert.

Sie findet schließlich eine kleine Spinne oben im Fenster. Irgendetwas daran erheitert Sophie. Sie lacht. Auch ich lache, und nutze die Situation.

 
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Verfasst von - 21. Juni 2014 in Die Sitzungen, Die Trance

 

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Die Re:Publica – Teil I

Platon:

Ich bin bei vielen Dingen durchaus nachlässig mit meiner Sorgfalt. Ich bin täglich am Improvisieren, sei es bei der Planung meiner Termine oder sonstiger Angelegenheiten. Eine sich ständig ändernde Tagesstruktur macht mich nicht vervös. Ich mag nicht nur Flexibilität, ich lebe sie auch. Ich weiß, dass es bei Sophie eher entgegengesetzt ist. Um so erstaunter bin ich, wie sie unsere Berlin-Fahrt zur re:pulica vorbereitet. Oder besser gesagt, eben nicht vorbereitet. Zumindest für mich wahrnehmbar.

Ich fühle mich vor Seminaren oder Vorträgen, die ich selbst halte, nur dann extrem unsicher und unvorbereitet, wenn ich nicht einen genauen Fahrplan habe. Ich benötige eine ganz klare und differenziete Struktur der Inhalte, die ich vortragen möchte. Erst das gibt mir dann Sicherheit und Raum für meine kleinen Improvisationen und Späßchen. Bei der re:publica stehen uns nur etwa 20 Minuten zur Verfügung, plus der anschließenden Fragen. Wenn ich hier nicht ganz genau weiß, was ich wann sagen möchte, werde ich unruhig. Und ich möchte den Zuhörern, die sich ja extra die Zeit für den Vortrag nehmen, bestmöglich über unser Projekt informieren. Ohne mich zu verzetteln.

Sophie:

Der Philosoph hat mich bereits mehrfach auf den kommenden Vortrag angesprochen. Und deutlich gemacht, dass er nicht gerade die Ruhe in Person ist. Mich wundert das, denn er ist erfahren in Vorträgen. Ich hingegen bin zugegebenermaßen überfordert. Da ist einerseits die Fahrt, bei der ich noch nicht genau weiß, wie es abläuft. Hin mit dem Wagen, ja. Zurück auch bis nach NRW, aber dort trennen sich unsere Wege und ich muss mit dem Zug weiter. Ich habe mehrere Verbindungen rausgesucht, weiß aber nicht, welche wir zeitlich erreichen werden. Damit ich mich nicht verrückt mache, versuche ich, das Problem zu verschieben. Erst die Hinfahrt. Dann der Vortrag. Und dann kann ich mich erst um die Rückfahrt kümmern. Dann ist da noch die Stadt selbst. Berlin. Dieses Wort macht mir mehr Sorgen als alle Vorträge zusammen. Wenn es einen real gewordenen Albtraum gibt, dann ist das Berlin. Ich bin niemand, der Emotionen gut einordnen kann, aber die Stadt ist einer der Inbegriffe meiner Angst. Eine Angst, die lähmt und alles blockiert. Und ich weiß, dass ich, wenn ich zu genau darüber nachdenke, freiwillig keinen Fuß nach Berlin setzen werde.

Und dann ist da noch der Vortrag. Es ist ungewohnt, mit jemandem gemeinsam etwas zu machen. In der Uni habe ich das vermieden, die Referate immer so gelegt, dass ich sie alleine halte. Dieses Hin- und Herspielen von Worten, das ist nicht meins. Bin ich allerdings alleine, dann weiß ich, dass das klappt. Ich habe kein Problem, vor Menschen zu reden, so lange ich nicht MIT ihnen reden muss. Auf meinem Fachgebiet bringt mich nichts aus der Ruhe, keine Frage, kein Querulant, nichts. Da bewege ich mich vollkommen sicher, weiß, wo ich hin möchte. In meinem Kopf ist alles sortiert und ich weiß, dass es genau in dem Moment griffbereit ist, in dem ich es brauche. Ich erkläre es mit einem großen Apothekerschrank mit vielen Schubladen – ich weiß genau, wann ich welche Schublade aufmachen muss und was sich darin befindet.

Platon:

Ich merke, dass ich zunehmend unruhiger werde, weil Sophie offenbar keinerlei Anstalten macht, sich ebenfalls in ähnlicher Form vorzubereiten. Ich muss sie regelrecht bitten, mit mir ein gemeinsames Konzept für unsere Co-Moderation zu erstellen. Das hatte ich so nicht erwartet. Sophie meint lediglich, dass ich den Einstieg machen solle und dann würden wir uns irgendwie  abwechseln. Und ihr wäre ja auch im Großen und Ganzen schon klar, was sie sagen wolle. Und in der Regel wäre sie auch nach den ersten Minuten „warmgelaufen“. Es würde dann immer besser funktionieren mit ihrem freien Vortrag.

Ich denke, dass wir gut harmonieren werden. Sie auf ihre Art und Weise, ich auf meine. Und ich denke, dass sie ähnlich denkt. Aber vermutlich gepaart mit ihren generellen Zweifeln und Unsicherheiten.

Sophie:

Der Philosoph möchte alles aufgeschrieben haben. Und vorher üben. Wort für Wort. Ich soll mir vorstellen, dass auf der leeren Couch das Auditorium sitzt. Kann ich nicht. Da ist eine leere Couch. Er rennt durch das Wohnzimmer und spricht in den Raum. In meinem Kopf herrscht Leere. Warum soll ich einem ebenso leeren Raum etwas erzählen? Ich versuche, mitzumachen. Bei diesem „Üben“. Und komme mir ziemlich albern vor. Der Philosoph will ein Konzept. Auch hier bin ich verwirrt. Wenn ich beginne, das Konstrukt in meinem Kopf aufzuschreiben, wird das ein Roman. Auf Stichpunkte, das Wesentliche zusammenstreichen, das kann ich nicht. Und wenn ich ein Blatt Papier vor mir habe, lese ich ab. Dann ist es mir nicht mehr möglich, frei zu formulieren. Also kommt das gar nicht erst in Frage. Es ist auch alles da, in meinem Kopf. Ich weiß es. Nichts ist improvisiert, alles wie Perlen auf einer Kette aneinandergereiht. Sechs Jahre habe ich so jede meiner Prüfungen bestanden. Ich muss nur den Einstieg kriegen, das ist die einzige Hürde. In Gedanken bin ich bereits jedes mögliche Szenario durchgegangen, immer und immer wieder. Sogar den Fall, dass kein Zuhörer kommt. Wenn ich improvisieren muss, scheitere ich. Also ist jeder Satz exakt geplant, nichts ist einfach so dahergesagt.. Aber ich habe gelernt, es so aussehen zu lassen, als ob. Das ist mein tägliches Leben.

Auf einmal fragt der Philosoph nach einer Präsentation. Knappe 24 Stunden vor der Re:Publica. Ganz toll… ich bin bei 15 Minuten Vortrag davon ausgegangen, dass eine Präsentation zuviel des Guten ist. Außerdem finde ich Folien extrem ablenkend. Die Leute lesen, anstatt zuzuhören. Und überhaupt, 24 Stunden reichen nicht, um eine gute, ausgefeilte Präsentation zu machen, die dem, was wir uns vorstellen, gerecht wird. Mir fehlt die Zeit, mich differenziert damit auseinanderzusetzen. Ob wir wirklich eine Präsentation brauchen, will ich wissen. Ich bringe meine Argumente gegen Folien vor, der Philosoph scheint einverstanden. Keine Präsentation. Als ich zu Hause bin, verbringe ich trotzdem die Hälfte der Nacht damit, zumindest einige Folien zusammenzustellen. Ich mag die Präsentation nicht, sie ist schnell zusammengeschustert und nicht „richtig“. Aber sicher ist sicher. Beim Philosophen rechne ich immer damit, dass er es sich noch anders überlegt.

Platon:

Ich lasse es auf diesen spannenden  Versuch ankommen. Ich erstelle und übe regelrecht meinen Part, spreche es uns beiden tatsächlich laut vor. Sophie hört sich das von mir an, lächelt, und gibt ihr „Okay“ dazu. Ich merke, dass sie wenig Verständnis für mein Vorgehen aufbringen kann. Andererseits macht sie aber mit, teils amüsiert, teils irritiert. Und wohl mit etwas Neugier. Sie werde dann dieses und jenes dazu sagen. Schriftliche Notizen brauche sie nicht. Ich aber. Ich drucke mir mein Konzept aus. Für Sophie auch eine Kopie. Jetzt fühle ich mich sicherer. Obwohl wir nicht einmal eine Folienpräsentation haben. Brauchen wir nicht, meint Sophie. Sie wählt die freie Improvisation. Zumindest erscheint es so für mich. Irgendwie denke ich, dass das jetzt umgekehrte Welt ist.

 
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Verfasst von - 10. Mai 2014 in Alltägliches, Re:Publica

 

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16. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

ich habe noch einige Fragen:

1. Hatten oder haben Sie Konzentrationsprobleme?

2. Fällt es Ihnen schwer, Dinge zu Ende zu bringen, also Vorgänge zu beenden?

3. Wechseln Sie häufiger spontan von einer Tätigkeit zur anderen Tätigkeit?

4. Verspüren Sie häufiger innere Unruhe?

5. Neigen Sie zu Hyperaktivität?

6. Neigen Sie zur Tagträumerei, zum „Abschalten“? Haben Sie also bei Vorlesungen, damals in der Schulklasse oder jetzt in Besprechungen das Bedürfnis, an ganz andere Dinge zu denken, also gedanklich abzuschweifen?

7. Haben Sie in den letzten 14 Tagen etwas anderes als Nudeln und Spinat gegessen?

8. Hat sich Ihre Schlafsituation etwas verbessert?

9. Was sind Ihre typischen Beschäftigungen zwischen Dienstschluss und Dienstbeginn? Also die Dinge, die Sie in Ihrer Freizeit machen. (nur die wichtigsten Beschäftigungen nennen)

Sie können auch bei einzelnen Fragen mit Ja bzw. Nein antworten …

Mit lieben Grüßen

Platon“

 
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Verfasst von - 20. April 2014 in Briefe

 

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12. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

ich hatte den Eindruck, mich heute nicht wirklich verständlich machen zu können. Daher versuche ich auf diese Art noch einmal, es „übersichtlicher“ zu machen.

Mir sind zum Arztbesuch einige Fragen gekommen: So war mir erstens nicht bewusst, dass ich „ängstlich“ wirke. Mir war die Situation extrem unangenehm, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass Ärzte meine Grenzen nicht wahrnehmen oder ignorieren. Zum anderen hatte ich nach Arztbesuchen häufiger den Eindruck, dass ich mit einem Thema aus einer Praxis komme, mit dem ich ursprünglich gar nicht in die Praxis gegangen bin. Schlicht, weil die Ärzte die „falschen“ Fragen gestellt haben und damit das Gespräch in eine ganz neue Richtung gelenkt haben – das Eigentliche ging aber unter.

Ich fand die Praxis sehr laut und unübersichtlich, das Knattern des PCs und vor allem der laute Drucker und die Gespräche aus dem Nebenraum fand ich sehr störend. Jedoch hatte ich meinerseits nicht das Gefühl, ängstlich zu sein. Überfordert – ja.

In Bezug auf die Blutprobe muss ich vielleicht auch eine Erklärung nachschieben, die für mich so offenkundig war, dass ich nicht dachte, dass ich darauf eingehen muss. Ich habe weder ein Problem mit Spritzen noch mit Blut. Auch in Bezug auf Schmerzen habe ich keine Bedenken oder was das Können der Arzthelferin anbelangt. Mir ging es lediglich darum, dass ich nicht angefasst werden wollte – und das lässt sich bei einer Blutabnahme nicht vermeiden. Wenn ich die Abnahme selbst vornehmen könnte, dürfte der Arzt soviel Blut haben, wie er möchte.

Eine weitere Frage betrifft die Vitamin-Mangelerscheinung. Die Erklärung leuchtete mir soweit ein. Allerdings verstehe ich nicht, warum das – gesetz dem Fall, dem ist so – nicht bereits weit im Vorfeld aufgefallen ist.

Nichtsdestotrotz werde ich die Tabletten nehmen. Schaden können sie offenbar nicht und vielleicht sind sie ja doch das „Wundermittel“, nach dem ich so lange suche…

Liebe Grüße,

Sophie“

 
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Verfasst von - 9. März 2014 in Alltägliches

 

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Zwischen Gedanken – Nach dem Arztbesuch – Teil II

Sophie:

Insgeheim hatte ich ja doch die Hoffnung, dass das anders ablaufen kann, wenn jemand dabei ist, der die Situation von außen steuert. Ich komme mir nach solchen Momenten immer vor wie ein Idiot. Die Tatsache, dass der Philosoph da nicht gegensteuern konnte, zeigt mir aber zumindest, dass dieses Problem in der Kommunikation tatsächlich existiert. Das diese imaginäre Glasscheibe, die zwischen mir und dem Rest der Welt zu stehen scheint, kein reines Konstrukt ist. Denn manchmal glaube ich schon, dass ich einfach nur verrückt bin…

Platon:

Ich werde mit Sophie über diesen Besuch noch ausführlicher reden. Mich interessiert ihre  Wahrnehmung und ihre Meinung. Ich habe aber auch gesehen, wie schwer ihr offenbar  der Kontakt zur Außenwelt gelingt, wenn dort normaler Alltagswusel ist. Wie sehr sie als  Fremdkörper auf ihre Mitmenschen wirkt. Und wie sehr sie missverstanden wird.

Sophie:

Es sind noch Fragen geblieben, die ich ansprechen möchte. Dinge, die ich noch nicht ganz verstehe. Zum Beispiel, warum der Arzt mich für ängstlich gehalten hat. Was ihn wohl zu dem Trugschluss gebracht hat? Und ich muss klären, ob ich wirklich der Alien bin – oder der Arzt in Teilen auch nicht adäquat reagiert hat. Ich kann das nicht beurteilen, aber ich hoffe, dass der Philosoph es kann. Ich werde die Fragen beim nächsten Mal stellen. Heute kann ich das nicht mehr.

Platon:

Diese Probleme, wie sie jetzt aufgetreten sind, betreffen nicht nur Arztbesuche, sondern wohl alle öffentlichen Plätze, wie zum  Beispiel Kaufhäuser und Lebensmittelmärkte. Und sie werden wahrscheinlich auch Folgen haben. Auch darüber werde ich noch ausführlicher mit ihr reden. Wenn sie das möchte.

 
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Verfasst von - 8. März 2014 in Zwischen Gedanken

 

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Zwischen Gedanken – nach dem Arztbesuch – Teil I

Sophie:

Das war ein Reinfall. Und irgendwie klassisch. Ich kenne solche Situationen, die sich gerade bei Ärzten bis ins Groteske steigern können. Ich komme mit einer medizinischen Frage zu Sachverhalt A, gehe aber mit einem Rezept und vielen Weisheiten zu Sachverhalt B, der eigentlich nichts mit mir zu tun hat.  Es ist – ja, frustrierend trifft es wohl. Und ermüdend.

Ich merke, dass die Wartezimmer-Situation mich geschlaucht hat. Und das Arztgespräch nur verwirrend und ermüdend war. Der Druck im Hinterkopf, der das Denken träge macht, meldet sich verstärkt. Ich bin wieder an dem Punkt bin, an dem es mir eigentlich zuviel ist. Genau das sollte ja eigentlich nicht passieren. Vor allem nicht bei Dingen, die für andere Menschen offenbar simpel und alltäglich sind.

Platon:

Ich bin unzufrieden. Wir sind keinen Schritt weiter. Ich ärgere mich auch, dass das mit dem  Brief offenbar nicht geklappt hatte. Ich wollte den Arzt ja zuvor telefonisch erreichen. Das klappte aber nicht. Darum dann der Brief. Für die Zukunft ist es ratsamer, wenn ich vorab mit dem Arzt alleine spreche.

Sophie:

Ich frage mich – wie so häufig nach solchen Situationen – was ich eigentlich an mir habe, dass ich offenbar wie ein Alien wirke. Dass es mir nicht gelingt, in einem fünfminütigen Arztgespräch die Dinge klar an den Mann zu bringen und dabei so aufzutreten, dass nicht nur mein Befinden, sondern auch meine Zustandsbeschreibung darüber in Frage gestellt wird. Ich glaube, nach so vielen Jahren, in denen sich das immer und immer wiederholt, kann ich nur schwer behaupten, dass diese kommunikativen Katastrophen die „Schuld“ der anderen seien.

Platon:

Ich hatte gehofft, dass wir zu dritt über die Schlafstörungen von Sophie reden, eventuell  medikamentöse Optionen in Betracht ziehen. Damit ihre permanente Müdigkeit gelindert  wird.

Auch Aspekte einer möglichen Mangelernährung hätte ich gerne etwas ausführlicher  besprochen. Aber offenbar ist es mir nicht gelungen, mein Problembewusstsein zu vermitteln.

 
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Verfasst von - 6. März 2014 in Zwischen Gedanken

 

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10. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

ich freue mich, dass es Ihnen offenbar etwas besser geht.

Ich halte Sie nicht für eine Spinnerin. Ganz im Gegenteil: Ich zolle größten Respekt, wie Sie all die Jahre alles geschafft haben und so weit gekommen sind. Sie schreiben und beschreiben Ihre Situation so deutlich für mich, dass ich regelrecht miterleben und „mitfühlen“ kann.

Sie haben recht, es sollte ein Veränderungsprozess eingeleitet werden. Habe mir schon einige konkrete Gedanken dazu gemacht.

Liebe Grüße

Platon“

 
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Verfasst von - 23. Februar 2014 in Briefe

 

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10. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

nein, nicht unangemessen. Ich wusste nur nicht, wie ich reagieren sollte. Die Matrix hat sich wohl aufgehängt… Und nein, Ihre Anfragen stören auch nicht. Ich habe ja jederzeit die Möglichkeit, den PC auszumachen. Ich habe gestern die Dunkelheit der Nacht genutzt. Rausgehen würde ich heute noch nicht, aber das Licht blendet heute nicht mehr ganz so unerträglich wie gestern. Und auch die Nachbarn waren ab 2 Uhr endlich ruhig. Ich konnte zwar nicht schlafen, aber dieses Zuviel an allem hat für ein paar Stunden aufgehört.

Normalerweise kenne ich die Anzeichen vorab ganz gut und ziehe mich selbst auf vertrautes Terrain zurück. Je früher mir das gelingt, desto geringer sind dann auch die Auswirkungen.

Die Notabschaltungen – ich weiß einfach nicht, wie ich es besser umschreiben soll – sind zum Glück selten. Die letzte war vor etwas über einem Jahr. Ich hatte ein Seminar auf einer Messe und den ganzen Tag waren sogenannte Cosplayer unterwegs, bunt kostümierte Menschen. Es war voll, laut und eine komplett verdrehte Welt. Ich habe es da eigentlich keine Stunde ausgehalten, musste aber Fotos machen. Selbst durch den Sucher der Kamera war das alles zu viel. Am Abend fuhren wir mit der Straßenbahn (was auch nicht besser ist) zurück und saßen irgendwann irgendwo in einem Restaurant, mitten im Durchgangsweg mit 20 Leuten an einem langen Tisch. Das Essen habe ich nicht angerührt. Irgendwann verschwimmen die Geräusche immer mehr, bis sie nur noch eine Art „weißes Rauschen“ sind, ich verstehe dann so gut wie kein Wort mehr. Meist bekommen die Leute um mich herum, wenn welche dabei sind, nicht davon mit, außer dass ich „still“ bin.

Ich habe leider noch kein wirklich wirksames Mittel dagegen gefunden. Ich habe eine Decke, die um die sechs Kilo wiegt, das hilft ein wenig, weil es ein begrenzender, gleichmäßiger, kontrollierter, taktiler Reiz ist, das hilft aber nur in der Anfangsphase.

Ich hoffe, Sie halten mich jetzt nicht für eine komplette Spinnerin.

Liebe Grüße

Sophie“

 
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Verfasst von - 22. Februar 2014 in Briefe

 

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