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Schlagwort-Archive: Kommunikation

16. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

ich habe noch einige Fragen:

1. Hatten oder haben Sie Konzentrationsprobleme?

2. Fällt es Ihnen schwer, Dinge zu Ende zu bringen, also Vorgänge zu beenden?

3. Wechseln Sie häufiger spontan von einer Tätigkeit zur anderen Tätigkeit?

4. Verspüren Sie häufiger innere Unruhe?

5. Neigen Sie zu Hyperaktivität?

6. Neigen Sie zur Tagträumerei, zum „Abschalten“? Haben Sie also bei Vorlesungen, damals in der Schulklasse oder jetzt in Besprechungen das Bedürfnis, an ganz andere Dinge zu denken, also gedanklich abzuschweifen?

7. Haben Sie in den letzten 14 Tagen etwas anderes als Nudeln und Spinat gegessen?

8. Hat sich Ihre Schlafsituation etwas verbessert?

9. Was sind Ihre typischen Beschäftigungen zwischen Dienstschluss und Dienstbeginn? Also die Dinge, die Sie in Ihrer Freizeit machen. (nur die wichtigsten Beschäftigungen nennen)

Sie können auch bei einzelnen Fragen mit Ja bzw. Nein antworten …

Mit lieben Grüßen

Platon“

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Verfasst von - 20. April 2014 in Briefe

 

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13. Brief von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

In den vergangenen Tagen sind mir einige Dinge im Alltag aufgefallen, die ich auch in der Vergangenheit immer wieder beobachten konnte. Vielleicht haben Sie eine Erklärung für mich. Ich bemühe mich auf der Arbeit in der Regel um ein
„unauffälliges Verhalten“, auch wenn mir das wahrscheinlich nur semi­optimal gelingt. Immer wieder kommt es vor, dass ich nicht mit Namen, sondern nur mit Personalkürzel angesprochen werde (also der erste Buchstabe des Vor- und die ersten beiden Buchstaben des Nachnamens). Das Phänomen ist mir bislang in fast jeder Arbeitssituation aufgefallen – selbst dann, wenn die Kollegen sich untereinander mit dem Namen ansprechen. Ich bin nicht wirklich namensaffin, trotzdem irritiert mich das ein wenig.

Ich war heute wegen des Feiertags nicht arbeiten und der Tag recht ruhig. Aber mir ist verstärkt aufgefallen, wie sehr mich meine Katze im Moment stört. Aktuell weiß ich kaum, wie ich mit dem Tier umgehen soll. Ich habe den Eindruck, als würde er sich wie ein Elefant durch die Wohnung bewegen. Ich höre ihn, wenn er durch die Räume läuft und wenn er übers Dach geht. Besonders schlimm ist sein Spieltrieb, er rutscht dann auf Teppichen durch die Wohnung oder kickt Bälle durch die Gegend. Warum macht mich das im Moment so wahnsinnig und wie kann ich das wieder in den Griff bekommen, ohne dem Tier gegenüber ungerecht zu sein?

Ich hatte am Dienstag noch einen Gedanken, bei dem ich nicht wusste, ob es klug ist, da näher drauf einzugehen. Aber vielleicht erklärt es etwas. Sie hatten sich meiner Erinnerung nach gewundert, dass kein schulisches Hilfssystem angesprungen sei während meiner Schulzeit. Ich habe da auch noch einmal drüber nachgedacht und glaube, dass das damals auch gar nicht möglich gewesen wäre. Im Kindergarten und in der Grundschule konnte ich ­ von wenigen kleineren Konflikten abgesehen ­ recht unauffällig mitlaufen. Ich war lieber alleine, ­ das ist auch durchaus aufgefallen, ­ aber so lange es keine Konflikte mit Lehrkräften gab, wurde ich kaum registriert – wahrscheinlich, weil Mädchen eben schüchtern sind? Meine Klassenkameraden habe ich so direkt gar nicht wahrgenommen, ich ließ sie in Ruhe, so lange man mir meine Ruhe ließ. Und es gab durchaus laute und auffällige Schüler, die teils auch sehr aggressiv waren, das war häufiger ein Thema, das die Lehrer beschäftigte.

In den zwei Jahren, die ich auf der ersten weiterführenden Schule war, waren die Konflikte hingegen wesentlich heftiger – allerdings habe ich die Ursachen und Anbahnungen dieser Konflikte nie kommen sehen. Es kam immer wieder zu Gängeleien, vor allem von seiten zweier Lehrkräfte. Letzten Endes und nach gut zwei Jahren konfrontierte man meine Eltern und mich überraschend mit einer Schulsuspendierung. Meine Eltern suchten daraufhin das Gespräch mit den Lehrkräften, allerdings liefen sie hier gegen eine sprichwörtliche Wand. Die Suspendierung sei auf Anraten des Schulpsychologen geschehen, den ich bis dahin und auch danach nie zu Gesicht bekommen hatte. Heute weiß ich, dass diese Suspendierung so auch keineswegs erlaubt war, es gab keine Klassenkonferenz, keine Elterngespräche – und auch in der Schulakte tauchte diese Suspendierung nicht auf, wie ich Jahre später erfuhr. Trotzdem legte mir die Schule auf, dass ich – wieder auf Anraten des Schulpsychologen – in der Woche, die ich zu Hause verbringen musste, das Haus nicht verlassen und keinen Kontakt zu Klassenkameraden haben durfte. Das war der Punkt, an dem meine Eltern sich entschlossen, mich von der Schule zu nehmen. Damals wussten sie schlicht nicht, dass weder die Suspendierung rechtens oder gar genehmigt war, noch dass die Schule das Recht hatte, mir einen Hausarrest und eine Kontaktsperre aufzuerlegen.

Nach dem Schulwechsel war mein Misstrauen dann natürlich entsprechend groß. In der neuen Schule hielt ich mich von Lehrern und Schülern gleichermaßen fern, auch wenn hier die Bosheiten vor allem von Klassenkameraden ausgingen.

Ich weiß nicht, ob das Ihre Frage beantwortet, warum kein „Hilfssystem ansprang“, wie Sie es formulierten. Ich würde behaupten, dass ­ selbst wenn diese Systeme „ansprangen“ ­ sie keine Chance hatten, das Ziel zu erreichen – ich hatte schließlich gelernt, dass es nur ein unauffälliges Mitschwimmen ermöglicht, einigermaßen in Ruhe leben zu können.

Mit lieben Grüßen

Sophie“

 
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Verfasst von - 22. März 2014 in Briefe

 

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Zwischen Gedanken – Nach dem Einkauf

Sophie:

Ich stehe in meiner Wohnung, mit der Tiefkühlpackung und dem Wasser. Und starre in den Kühlschrank. Jetzt habe ich zwar meine Produkte, aber kein Tiefkühlfach. Der ganze Aufwand und es passt doch nicht. Irgendwo finde ich eine Schüssel, schütte die Sachen um – sonst schmecken sie nach Pappe. Aber die Schüssel im Kühlschrank ist nicht richtig. Der Einkauf war nicht richtig. Nicht mein Laden, nicht meine Produkte.

Früher hatte ich einen Laden, da habe ich alles bekommen. Hier muss ich in mindestens zwei Läden – ein Laden zuviel. Ich weiß nicht, ob das auf Dauer klappen kann.

Platon:

Wie soll es weitergehen? Ich bin unsicher. Mal wieder. Andererseits sind vielleicht Teile des grundsätzlichen Problems, also der Müdigkeit und der Konzentrationsprobleme, auf mangelnde Ernährung zurückzuführen. Und das sind lösbare Probleme. Sofort lösbare Probleme. Theoretisch.

Praktisch geht es nun darum, zunächst die tägliche Mindestversorgung sicherzustelllen. Das Gefrierfach muss funktionieren. Lösbar. Sophie muss deutlich regelmäßiger essen und trinken. Lösbar. Die eingeschränkte Produktpalette an Nahrungsmitteln sollte etwas erweitert werden. Lösbar, aber zugegebener Weise eine große Herausforderung.

Ich habe einen Plan, werde ihn mit ihr demnächst besprechen. Sie muss letztlich entscheiden, sie gibt die Geschwindigkeit an. Und natürlich die Richtung. Ich bin zuversichtlich. Ja, doch. Zuversichtlich.

Sophie:

Langsam geht mir auf, dass das so nicht funktioniert. Diese Blockade im Denken, das muss sich ändern. Zumindest soweit, dass ich in irgendeiner Form etwas einigermaßen „normal“ erledigen kann. Und sei es nur, auf Produkt B auszuweichen, wenn A nicht mehr da ist. Oder einen Ersatz-Laden zu haben, wenn der eigentliche zu voll ist.

Sobald ich daheim bin, klappt das in der Theorie ganz gut. Stehe ich vor Ort, scheitert all das an der Praxis. Dann geht mein Ersatzplan verloren, weil der ursprüngliche Plan nicht eingehalten werden konnte.

Wäre ich alleine gewesen, hätte ich nicht mal das Wasser gekauft. In einen zweiten Laden zu gehen – auf die Idee wäre ich wohl schlicht gar nicht gekommen. Nein, es ist eindeutig. Es muss sich was ändern. Und zwar bald.

Platon:

Es gibt bestimmte Zeiten in der Woche, die besser sind. Zum Beispiel Dienstags um 11 Uhr. Dann gehen kaum Menschen einkaufen. Das muss beobachtet werden. Sie kann für die ganze Woche einkaufen. Sie kann sich eine eigene, eine richtige Struktur aufbauen. Darum geht es. Es wird vermutlich einfacher, wenn sie sich selbst findet.

Ich suche noch eine geeignete Person, die dabei helfen kann. Da gibt es Möglichkeiten. Bis dahin werde ich das wohl übernehmen müssen. Zum Beispiel  kochen. Ich werde einmal mit Sophie kochen. Vielleicht einmal zur Abwechslung etwas Öl an die Nudeln. Hochwertiges Öl. Vielleicht auch einmal Kartoffeln statt Nudeln. Und weiterhin regelmäßig Äpfel. Sie muss letztlich entscheiden, sie gibt die Geschwindigkeit an. Und natürlich die Richtung. Ich bin zuversichtlich. Ja, doch. Immmer noch zuversichtlich.

Und dann, erst dann, wenn die Ernährung funktioniert, können alle weiteren Schrittte geplant werden. Sie muss entscheiden.

 
 

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Der Einkauf – Teil III

Sophie:

Plötzlich verschwindet der Philosoph. Er bräuchte noch etwas – sprach’s und verschwindet. Ich bleibe stehen, irgendwo zwischen Tiefkühltheken und Obstabteilung. Ein Mann mit einem Einkaufswagen kommt an mir vorbei. Das Geräusch der Räder auf dem Boden ist unangenehm, gleichzeitig wird mein Blick fast magisch vom vorderen linken Rad angezogen. Ein Zettel klebt daran, bei jeder Drehung verändert sich das Geräusch, sobald das Papier über den Boden fährt. Die drehende Bewegung ist faszinierend und ich bleibe weiter mit den Augen dran kleben.

Unvermittelt taucht der Philosoph wieder auf. Und steuert die Kasse an. Während er vor mir bezahlt, lege ich mir bereits meine Sätze zurecht. „Hallo“ zur Begrüßung, „Mit Karte, bitte“, wenn es ans Bezahlen geht und die Kassierin den Preis genannt hat und „Tschüss“ beim Gehen. Meist reicht das aus.

Ich zahle fast jeden Preis mit Karte – so vermeide ich, dass mir die Kassierin das Geld in die Hand geben muss. Es ist am Unkompliziertesten. Ich habe in einem anderen Laden mal eine Kundin gesehen, die das Wechselgeld hingelegt bekommen wollte. Die Kassierin tat es, doch als die Kundin anschließend weg war, lachte sie mit ihrer Kollegin über die „Bekloppte“. Und erzählte dem nachfolgenden Kunden, dass es öfter mal „Spinner“ im Laden gebe. Wenn ich mit Karte bezahle, bleibe ich unauffällig. Und vermeide die Berührung.

Platon:

Jetzt fehlt noch das Gemüse. Ich schlage ihr vor, zu einem anderen Laden zu fahren, der diese Marke hat. Nach einiger Überlegung willigt sie ein. Dort angekommen, frage ich, ob sie mit rein möchte. Nein, sie warte lieber im Auto. Ich beeile mich, nach einigen Minuten bin ich mit der richtigen Sorte in der richtigen Verpackungsgröße wieder am Wagen und steige zu ihr ein.

Sophie:

Ginge es nach mir, würden wir wieder zurück fahren. Aber der Philosoph bleibt am Tiefkühlprodukt hängen. Er möchte es in einem anderen Laden besorgen. Der einzige weitere Laden in der Nähe ist noch unübersichtlicher und viel voller. Eigentlich möchte ich nicht. Ich habe das Wasser, das reicht doch. Allerdings bin ich mir sicher, dass der Philosoph das anders sehen wird.

Er scheint mein Unbehagen zu merken, denn er bietet an, dass er schnell in den Laden geht und das Produkt holt. Ich willige ein und frage mich gleichzeitig, ob das auch bedeutet, dass ich zu langsam bin. Da er den Schlüssel stecken lässt, geht das Licht im Wagen nicht aus. Ich schalte es manuell aus. Als er wieder da ist, merkt er nicht einmal, dass das Licht beim Türöffnen nicht angeht.

Platon:

Wir fahren zurück. Ich möchte sie eigentlich direkt aussteigen lassen und dann wieder fahren. Doch sie stellt ungefragt eine Frage, was selten genug vorkommt. Wir kommen ins  Gespräch, ich stelle den Motor ab. Wir klären noch einige andere Dinge. Quatschen noch über den Blog. Dann verabschieden wir uns.

Ich denke, dass ich schon viel früher mit ihr hätte einkaufen gehen können. Durch solche Aktionen lerne ich sie viel besser zu verstehen, als durch puren direkten oder schriftlichen Dialog. Der Einkauf war für sie sicherlich eine Tortur. Für mich interessant und spannend. Letztlich wird sie sich dieser Einkaufssituation immer wieder stellen müssen.

 
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Verfasst von - 16. März 2014 in Der Einkauf, Die Sitzungen

 

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Der Einkauf – Teil II

Sophie:

Ich mag es nicht, wenn ich aus dem Dunkel ins Licht komme. Der plötzliche Wechsel der Lichtverhältnisse ist unangenehm, fast schmerzhaft. Der Laden hat Neonröhren, die ein beständiges, tieffrequentes Summen verursachen. Ein Geräusch, das man mehr fühlt als hört. Immer wieder unterbrochen vom schrillen Piepen einer Kasse und einem durchgehenden Knattern, das ich einfach nicht zuordnen kann. Das Licht ist grell und wird von den verspiegelten Lampen noch reflektiert.

Im Regal stapeln sich bunte Verpackungen, lila, blau, gelb, grün – bevor es mir im wahrsten Sinne des Wortes zu bunt wird, fixiere ich die Linien auf dem Boden. Die Fließen sind gelb mit Flecken, aber sie ergeben ein sich wiederholendes Muster, klare Linien.

Diese Läden sind wie ein Gefängnis, denn wenn sich die Schiebetür hinter einem geschlossen hat, kann man nicht mehr hinaus. Man muss erst durch den halben Laden, um zum Ausgang zu gelangen. Versperrte Fluchtwege sind auch Dinge, die ich eindeutig nicht mag.

Platon:

Sie bewegt sich unsicher, und sie orientiert sich an meinen Bewegungen. Ein Deckengebläse macht höllischen Lärm. Die Kasse piept laut. Überall Lichter. Grell.

In meiner Gedankenlosigkeit gehe ich am Wasser vorbei. Als ich das merke, bleibe ich stehen, Sophie dann auch sofort. Ich sage: „Oh, wir sind am Wasser vorbeigegangen“. Ich gehe zurück. Auch Sophie dreht sich um und begleitet mich zurück zum Wasser. Ich meine, einen Anflug von Genervtsein auf ihrem Gesicht zu erkennen. Sie nimmt schließlich eine Sechserpackung von der Palette.

Nun laufe ich schnurstracks zur Gefriertheke. Ich ahne natürlich schon die kleine Katastrophe. Ja, es ist zwar das Gemüse da, aber von der falschen Marke.

Sophie:

Nach einem kurzen Irrweg finden wir doch das Wasser. Ich versuche, mir die Position zu merken – sollte ich tatsächlich noch einmal hierher kommen, werde ich die Schritte von der Tür bis zur Palette zählen, dann finde ich es wieder. Für einen Moment habe ich die Illusion, dass alles klappen könnte.

An der Tiefkühltheke ist mein Produkt nicht da. Nur von einer Marke, die ich nicht kenne. Ich suche die Theke mit Blicken ab – nichts. Irgendwo in meinem Kopf entsteht das Bild einer ähnlichen Situation, bei der ich mich mehrere Minuten lang durch die Tiefkühltheke gewühlt habe, immer und immer wieder und dabei stets panischer werdend. Als irgendwann ein Verkäufer sagte, dass das Produkt aus dem Sortiment genommen worden sei, war das für mich Grund genug, um ein Haar in Tränen auszubrechen. Und den Laden nicht mehr zu betreten.

Auch jetzt merke ich, wie sich eine unangenehme Grundstimmung breit macht. Ich überlege, ob ich mich die Theke durchsuchen soll, aber es sieht vielmehr so aus, als hätte der Laden mein Produkt nicht gehabt. Aber ohne dieses Produkt kann ich nicht weitergehen, nicht bezahlen. Ich wollte nur diese wenigen Sachen. Sekunden vergehen, vielleicht sogar eine Minute. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Meist enden solche Situationen damit, dass ich alles, was ich eingepackt habe, hinstelle und den Laden mit leeren Händen verlasse. Da klinkt sich plötzlich der Philosoph ein, sagt, dass wir das Wasser kaufen und dann gehen werden.

Platon:

Sophie steht wie versteinert neben mir und findet offenbar keinen Anschluss-Fahrplan für weitere Verhaltensoptionen. Ich sage: „Egal, wir kaufen jetzt das Wasser und fertig“. Sie sagt „OK“.

Wir gehen zur Kasse. Auf dem Weg dorthin fällt mir ein, dass auch ich etwas gebrauchen könnte. Ich sage es ihr, und gehe noch einmal zurück zur Kühltheke. Als ich wieder zurückkomme, steht sie noch immer etwas ratlos an gleicher Stelle. Wieder dieser leichte Anflug von Missbilligung im Gesicht geschrieben.

Wir kommen sofort dran, keine Schlange an der Kasse. Erst zahle ich. Dann zahlt sie, 2 Euro nochwas mit EC-Karte. Die Kassiererin blickt unsicher zu Sophie, dann zu mir, dann weder noch. Ich spüre aber den Blick der Kassiererin im Rücken, als wir den Laden verlassen.

 
 

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Der Einkauf – Teil I

Sophie:

Ich bin unschlüssig. Der Philosoph hat das Thema „Einkaufen“ angesprochen. Das ist zwischenzeitlich fast so ein unangenehmes Thema wie die Nahrungsmittelzufuhr generell. Unangenehm deshalb, weil ich mich darüber ärgere, dass mir etwas, was anderen vollkommen selbstverständlich scheint, nicht adäquat erledigen kann.

Normalerweise habe ich meinen festen Laden. Dort kenne ich „meine“ Produkte, weiß, wo sie stehen. Da ist es einfach. Ich betrete den Laden, laufe meine „Spur“ ab, sammle an den Wegpunkten die Produkte ein und gut ist. Aber „mein Laden“ ist mehrere hundert Kilometer entfernt. Dazu kommt, dass ich einen neuen Kühlschrank habe und dieser kein Tiefkühlfach hat. Damit fällt ein Teil der Produkte weg, die ich sonst immer kaufe und ich weiß nicht, wie ich diese Produkte ersetzen kann. Beide Situationen zusammen führen in eine komplette Überforderung, scheint mir. Ich weiß nicht, wo ich einkaufen kann und ich weiß nicht, was ich einkaufen kann. Daher lasse ich es sein. Und komme mir dabei ziemlich dämlich vor.

Aber ich weiß, dass es sein muss. Also willige ich ein, als der Philosoph einen gemeinsamen Einkauf vorschlägt, am Abend. Vielleicht wird das ganze scheinbar so banale Thema dann einfacher.

Platon:

Sie hat seit einigen Tagen kaum gegessen und getrunken. Sie hat kein Gefrierfach mehr. Sie geht nicht einkaufen.  Ich meine auch, dass ich ihr den Mangel an Flüssigkeit und Ernährung anmerke. Ihre ganzen Vorräte sind aufgebraucht, sie macht aber keinerlei Anstalten, einkaufen zu gehen. Ich würde mich selbst der unterlassenen Hilfeleistung im akuten Notfall bezichtigen, wenn ich ihr jetzt nicht helfe. Einerseits. Andererseits interssiert es mich sehr, Sophie einmal beim Einkaufen zu  begleitet und zu beobachten. Zu sehen, wie sie sich orientiert, sich bewegt, sich insgesamt verhält.

Immerhin, dass Futter für ihre Tiere kann man ja über das Internet bestellen. Die sind also bestens versorgt.

Ich biete ihr kurzfristig einen Termin an. Um 19 Uhr. Wohl wissend, dass kurzfristige Termine ein Problem sind. Ich kann aber nur dann, und sie sollte möglichst schnell wieder essen und trinken. Sie willigt ein. Sie fragt, ob um 19 Uhr denn noch die Läden geöffnet wären.

Sophie:

Ich weiß nicht, was der Philosoph genau vor hat. Das hatten wir nicht im Detail besprochen und es macht mich unsicher. Will er, dass ich ihn durch den Laden führe – was ich nicht kann, weil ich keinen dieser Läden kenen. Will er vielleicht, dass ich komplett fremde Sachen einkaufe – was mit Sicherheit nicht passieren wird. Ich ärgere mich, dass ich nicht genauer nachgefragt habe und überlege krampfhaft, wie ich nun mit dieser Dreifach-Situation – neuer Laden, kein Tiefkühlfach und „Anhang“ beim Einkaufen – umgehen kann. Die Situation ist aus der Not geboren, wirklich glücklich bin ich damit aber nicht.

Als wir auf dem Parkplatz vor dem hell erleuchteten Laden stehen, möchte ich am liebsten wieder gehen. In meinem Kopf laufen die Szenarien ab, wie ich sie schon zu häufig erlebt habe. Etwas ist nicht da oder steht an der falschen Stelle und ich suche und suche und suche. Oder der Laden ist überfüllt mit Menschen, das Licht ist zu hell, die Geräusche zu laut, das gesamte Verpackungszeug in den Regalen zu bunt und durcheinander.

Ich habe mich mit dem Philosoph darauf geeinigt, dass ich trotz fehlendem Tiefkühlfach die gefrorenen Sachen kaufe. Auch aufgetaut sind sie bis zu vier Tage im Kühlschrank haltbar, das sollte reichen. Heißt aber im Umkehrschluss, dass ich dann fast jeden Tag einkaufen müsste – wenn ich es denn täte. Wieder ärgere ich mich, dass es so kompliziert ist.

Platon:

Ich hole sie ab. Pünklich. Wie immer. Bei Sophie bin ich immer sehr pünktlich. Für meine Verhältnisse. Wir fahren los, direkt zum Discounter.

Es muss eine ganz bestimmte Nudelsorte sein, ein ganz bestimmtes Tiefkühlgemüse, ein ganz bestimmmtes Wasser. Marke und Verpackungsgröße müssen stimmen. Wir stehen auf dem Parkplatz. Bevor wir aussteigen, frage ich, wie wir nun vorgehen sollen. Ich sage, dass mir meine Rolle für die Begleitung jetzt beim Einkauf etwas unklar wäre. Sie antwortet, dass wir dann schon zwei wären, die sich unsicher bezüglich der bevorstehenden Rollen wären. Wir lachen, steigen aus, und gehen in den Laden.

 
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Verfasst von - 13. März 2014 in Der Einkauf, Die Sitzungen

 

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12. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

ich hatte den Eindruck, mich heute nicht wirklich verständlich machen zu können. Daher versuche ich auf diese Art noch einmal, es „übersichtlicher“ zu machen.

Mir sind zum Arztbesuch einige Fragen gekommen: So war mir erstens nicht bewusst, dass ich „ängstlich“ wirke. Mir war die Situation extrem unangenehm, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass Ärzte meine Grenzen nicht wahrnehmen oder ignorieren. Zum anderen hatte ich nach Arztbesuchen häufiger den Eindruck, dass ich mit einem Thema aus einer Praxis komme, mit dem ich ursprünglich gar nicht in die Praxis gegangen bin. Schlicht, weil die Ärzte die „falschen“ Fragen gestellt haben und damit das Gespräch in eine ganz neue Richtung gelenkt haben – das Eigentliche ging aber unter.

Ich fand die Praxis sehr laut und unübersichtlich, das Knattern des PCs und vor allem der laute Drucker und die Gespräche aus dem Nebenraum fand ich sehr störend. Jedoch hatte ich meinerseits nicht das Gefühl, ängstlich zu sein. Überfordert – ja.

In Bezug auf die Blutprobe muss ich vielleicht auch eine Erklärung nachschieben, die für mich so offenkundig war, dass ich nicht dachte, dass ich darauf eingehen muss. Ich habe weder ein Problem mit Spritzen noch mit Blut. Auch in Bezug auf Schmerzen habe ich keine Bedenken oder was das Können der Arzthelferin anbelangt. Mir ging es lediglich darum, dass ich nicht angefasst werden wollte – und das lässt sich bei einer Blutabnahme nicht vermeiden. Wenn ich die Abnahme selbst vornehmen könnte, dürfte der Arzt soviel Blut haben, wie er möchte.

Eine weitere Frage betrifft die Vitamin-Mangelerscheinung. Die Erklärung leuchtete mir soweit ein. Allerdings verstehe ich nicht, warum das – gesetz dem Fall, dem ist so – nicht bereits weit im Vorfeld aufgefallen ist.

Nichtsdestotrotz werde ich die Tabletten nehmen. Schaden können sie offenbar nicht und vielleicht sind sie ja doch das „Wundermittel“, nach dem ich so lange suche…

Liebe Grüße,

Sophie“

 
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Verfasst von - 9. März 2014 in Alltägliches

 

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Zwischen Gedanken – Nach dem Arztbesuch – Teil II

Sophie:

Insgeheim hatte ich ja doch die Hoffnung, dass das anders ablaufen kann, wenn jemand dabei ist, der die Situation von außen steuert. Ich komme mir nach solchen Momenten immer vor wie ein Idiot. Die Tatsache, dass der Philosoph da nicht gegensteuern konnte, zeigt mir aber zumindest, dass dieses Problem in der Kommunikation tatsächlich existiert. Das diese imaginäre Glasscheibe, die zwischen mir und dem Rest der Welt zu stehen scheint, kein reines Konstrukt ist. Denn manchmal glaube ich schon, dass ich einfach nur verrückt bin…

Platon:

Ich werde mit Sophie über diesen Besuch noch ausführlicher reden. Mich interessiert ihre  Wahrnehmung und ihre Meinung. Ich habe aber auch gesehen, wie schwer ihr offenbar  der Kontakt zur Außenwelt gelingt, wenn dort normaler Alltagswusel ist. Wie sehr sie als  Fremdkörper auf ihre Mitmenschen wirkt. Und wie sehr sie missverstanden wird.

Sophie:

Es sind noch Fragen geblieben, die ich ansprechen möchte. Dinge, die ich noch nicht ganz verstehe. Zum Beispiel, warum der Arzt mich für ängstlich gehalten hat. Was ihn wohl zu dem Trugschluss gebracht hat? Und ich muss klären, ob ich wirklich der Alien bin – oder der Arzt in Teilen auch nicht adäquat reagiert hat. Ich kann das nicht beurteilen, aber ich hoffe, dass der Philosoph es kann. Ich werde die Fragen beim nächsten Mal stellen. Heute kann ich das nicht mehr.

Platon:

Diese Probleme, wie sie jetzt aufgetreten sind, betreffen nicht nur Arztbesuche, sondern wohl alle öffentlichen Plätze, wie zum  Beispiel Kaufhäuser und Lebensmittelmärkte. Und sie werden wahrscheinlich auch Folgen haben. Auch darüber werde ich noch ausführlicher mit ihr reden. Wenn sie das möchte.

 
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Verfasst von - 8. März 2014 in Zwischen Gedanken

 

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Zwischen Gedanken – nach dem Arztbesuch – Teil I

Sophie:

Das war ein Reinfall. Und irgendwie klassisch. Ich kenne solche Situationen, die sich gerade bei Ärzten bis ins Groteske steigern können. Ich komme mit einer medizinischen Frage zu Sachverhalt A, gehe aber mit einem Rezept und vielen Weisheiten zu Sachverhalt B, der eigentlich nichts mit mir zu tun hat.  Es ist – ja, frustrierend trifft es wohl. Und ermüdend.

Ich merke, dass die Wartezimmer-Situation mich geschlaucht hat. Und das Arztgespräch nur verwirrend und ermüdend war. Der Druck im Hinterkopf, der das Denken träge macht, meldet sich verstärkt. Ich bin wieder an dem Punkt bin, an dem es mir eigentlich zuviel ist. Genau das sollte ja eigentlich nicht passieren. Vor allem nicht bei Dingen, die für andere Menschen offenbar simpel und alltäglich sind.

Platon:

Ich bin unzufrieden. Wir sind keinen Schritt weiter. Ich ärgere mich auch, dass das mit dem  Brief offenbar nicht geklappt hatte. Ich wollte den Arzt ja zuvor telefonisch erreichen. Das klappte aber nicht. Darum dann der Brief. Für die Zukunft ist es ratsamer, wenn ich vorab mit dem Arzt alleine spreche.

Sophie:

Ich frage mich – wie so häufig nach solchen Situationen – was ich eigentlich an mir habe, dass ich offenbar wie ein Alien wirke. Dass es mir nicht gelingt, in einem fünfminütigen Arztgespräch die Dinge klar an den Mann zu bringen und dabei so aufzutreten, dass nicht nur mein Befinden, sondern auch meine Zustandsbeschreibung darüber in Frage gestellt wird. Ich glaube, nach so vielen Jahren, in denen sich das immer und immer wiederholt, kann ich nur schwer behaupten, dass diese kommunikativen Katastrophen die „Schuld“ der anderen seien.

Platon:

Ich hatte gehofft, dass wir zu dritt über die Schlafstörungen von Sophie reden, eventuell  medikamentöse Optionen in Betracht ziehen. Damit ihre permanente Müdigkeit gelindert  wird.

Auch Aspekte einer möglichen Mangelernährung hätte ich gerne etwas ausführlicher  besprochen. Aber offenbar ist es mir nicht gelungen, mein Problembewusstsein zu vermitteln.

 
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Verfasst von - 6. März 2014 in Zwischen Gedanken

 

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10. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

ich freue mich, dass es Ihnen offenbar etwas besser geht.

Ich halte Sie nicht für eine Spinnerin. Ganz im Gegenteil: Ich zolle größten Respekt, wie Sie all die Jahre alles geschafft haben und so weit gekommen sind. Sie schreiben und beschreiben Ihre Situation so deutlich für mich, dass ich regelrecht miterleben und „mitfühlen“ kann.

Sie haben recht, es sollte ein Veränderungsprozess eingeleitet werden. Habe mir schon einige konkrete Gedanken dazu gemacht.

Liebe Grüße

Platon“

 
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Verfasst von - 23. Februar 2014 in Briefe

 

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