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Schlagwort-Archive: Hoffnung

Die Trance – Teil II

Sophie:

Ich solle einen Punkt im Raum suchen, auf den ich mich konzentriere. Meine Wahl fällt – warum auch immer – auf eine Spinne, die es sich in einem Netz am Fenster häuslich eingerichtet hat. Eigentlich eine seltsame Wahl, denn obwohl ich wirklich tierlieb bin, gehören Spinnen nur bedingt zu meinen Favoriten. Aber gut. Hallo, Spinne.

Der Philosoph beginnt zu sprechen und mit jedem Wort erheitert mich das Tierchen mehr. Ob das beabsichtigt ist? Ich glaube nicht. Ich versuche, mich gedanklich zusammenzureißen, kann das Kichern jedoch nicht ganz unterbinden. Binnen weniger Minuten haben mich Philosoph oder Spinne – oder beide – so weit, dass ich aus dem Lachen nicht mehr herauskomme. Irgendwas ist demnach irre witzig. Doof nur, dass ich nicht weiß, was. Die Spinne sitzt in ihrem Netz und bekommt hoffentlich nicht mit, dass ich gerade dabei bin, sie in Grund und Boden zu lachen.

Platon:

Die kleine Spinne wird immer lustiger und Sophie bekommt einen Lachanfall. Ich platziere weiter meine Suggestionen, und es scheint irgendwann zu wirken. Sie wird ruhiger, knetet aber noch unablässig ihre Hände. Dann lacht sie wieder über die kleine Spinne. Ich lache auch und fahre unbeirrt fort mit den Suggestionen. Sie wird tatsächlich ruhiger, so ist zumindest mein Eindruck. Ich mache weiter und weiter, und sie wird offenbar immer ruhiger. Ich denke wieder an die kleine Spinne. Ich muss mich zwischendurch selbst beherrschen, dass ich nicht anfange zu lachen.

Ihr Augenlid wird immer schwerer, ich habe den Eindruck, dass die Augen fast ganz geschlossen sind. Jetzt sind sie geschlossen.Und plötzlich hört auch ihr Händekneten auf. Sie ist nun völlig bewegungslos.

Sophie:

Irgendwann ist der Punkt überschritten und dieses nicht zu kontrollierende Lachen hört auf. Ich bin ganz froh darüber. Eigentlich bin ich gerne Herr meiner Sinne – auch, was das Lachen angeht.

Ich habe grundsätzlich kaum ein Zeitgefühl, aber nun ist es mir vollkommen abhanden gekommen. Das Sprechen des Philosophen höre ich noch, aber es ist wie eine Hintergrundberieselung. Der Raum um mich herum ist verschwommen, so, wie wenn der Blick an nichts mehr haften bleibt. Und plötzlich ist es still. Der Philosoph schweigt, ich kann nicht einmal sagen, wie lange bereits. Ist irgendwas falsch gelaufen? Oder hat er aufgegeben, die Geduld verloren?

Platon:

Ich mache mit meinen Suggestionen weiter. Ich kann es kaum glauben, dass sie eingeschlafen ist. Ich überlege, den Raum zu verlassen. Mir ist ein Bein eingeschlafen, und es sind mittlerweile etwa 10 Minuten vergangen, seit dem sie die Augen geschlossen hat. Ich versuche, mich langsam zu entfernen. Das klappt nicht, sie wird wach.

Sophie:

Mir wird das Schweigen suspekt, ich suche nach einer Orientierung. Will den Philosophen fragen, was jetzt genau los sei. Er behauptet, ich sei eingeschlafen. Ich dementiere. Schließlich hatte ich die gesamte Zeit visuelle Eindrücke vom Raum, von daher hatte ich nicht mal die Augen geschlossen. Nur der auditive Sinn, der schien sich mal kurz verabschiedet zu haben. Der Philosoph ist gegenteiliger Meinung. Ich glaube nicht, dass er mir Märchen erzählt. Andererseits weiß ich ja auch, was ich wann gemacht habe. Oder?

Der Philosoph fragt nach der Arzthelferin. Die miesgelaunte Tante, denke ich – und vergesse sie gleich wieder. Vor einer Stunde war das noch anders. Eine Kontrolle des Ruhepulses überrascht mich dann doch. Bewege ich mich in aller Regel im 120er Bereich, so hat sich der Puls nun auf unglaubliche und bislang nie dagewesene 75 gesenkt. Das ist nun wirklich eine Überraschung.

Als ich die Praxis verlasse, fällt mein Blick auf das Fenster, das Netz, die kleine Spinne. Ich gehe mit einem leisen Kichern zum Auto.

Platon:

Ich gebe ihr etwas Zeit, sich zu sammeln. Dann sage ich ihr, dass sie eingeschlafen war. Sie antwortet, dass sie nicht geschlafen hätte. Wir fangen etwas an zu diskutieren. Sie bleibt letztlich dabei. Sie sagt aber auch, dass ihre Hände plötzlich wieder warm seien. das ist gut. zu oft hat sie kalte Hände. Und sie sagt dann auch, dass sie aus der Gedankenschleife raus ist. Dann haben meine Suggestionen wohl doch funktioniert, denke ich. Sophie war anfangs so skeptisch, was Entspannung oder gar Hypnose angeht. Jetzt scheint sie etwas verwundert. Sie misst erneut ihren Puls. 75. Wir können es beide kaum glauben.

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Verfasst von - 22. Juni 2014 in Die Trance

 

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Die Trance – Teil I

Sophie:

 Wie immer bin ich zu früh. Mein Parkplatz ist frei. Ich warte im Auto, die Uhr fest im Blick. Der Ablauf ist zwischenzeitlich selbstverständlich, es ist ein „Wie-immer“-Ablauf geworden. Trotzdem gibt er mir heute nur wenig Sicherheit, ich bin  abgelenkt. In meinem Kopf läuft ein Film. Der aus der Arztpraxis. Immer und immer wieder sehe ich die Situation vor meinem geistigen Auge.

17:25 Uhr – 17:26 Uhr – 17:27 Uhr – 17:28 Uhr.

Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:30 drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. Vielleicht würde mir auffallen, mit welcher Selbstverständlichkeit, welcher Sicherheit ich mich zwischenzeitlich hier bewege. Aber das Grübeln über die Situation in der Arztpraxis lässt mich das gar nicht wahrnehmen. Ich ärgere mich selbst in mehrfacher Hinsicht. Zum einen, dass ich offenbar nicht in der Lage war, die Situation trotz ihrer Banalität adäquat aufzulösen. Zum anderen darüber, dass es einer solchen Bagatelle gelingt, mich über Stunden zu beschäftigen.

Die Tür öffnet sich. Der Philosoph.

Platon:

Sophie ist gedanklich noch immer in der Situation beim Arzt. Der Dialog mit der Arzthelferin geht ihr wie eine Endlosschleife durch den Kopf. Sie sagt, sie könne das nicht ausblenden, sie hänge wie festgewachsen in dieser Situation fest. Und Sie mache sich Vorwürfe, suche immer wieder den Fehler, was sie besser hätte machen können. Sie misst ihren Puls. Der liegt bei über 120. Mal wieder viel zu hoch.

Wir haben heute wieder unsere reguläre Sitzung. Passt ganz gut. Wir hatten es schon ein paar Mal mit Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen erfolglos probiert. Erfolglos deshalb, weil Sophie ihren Körper kaum spürt, kaum Körperempfindungen wahrnimmt. Und sich auch nur ungern darauf einlässt. Ich starte jetzt einen neuen Versuch, ändere etwas die Strategie. Ich versuche heute, eine Trance herbeizuführen.

Sophie:

Der Philosoph bemerkt meine gedankliche Abgelenktheit. Selbst das merke ich kaum, wie gut er sich zwischenzeitlich auf mich einstellen konnte, wie sehr er wohl schon subtile Anzeichen in meiner Stimmung wahrnehmen und deuten kann. Meist muss ich nicht mal etwas sagen.

Eigentlich ist es diese doofe Arzthelferin nicht wert, dass ich mir wegen ihr so einen Kopf mache. Das weiß ich auch. Allerdings hilft es mir nicht, wenn der Philosoph mir das so auch sagt, die Gedankenschleife läuft einfach. Und läuft. Und läuft. Und läuft. Ist ja nicht so, dass ich das nicht kennen würde. Er schlägt vor, dass wir versuchen, das Ganze mit einer Art Trance zu durchbrechen. Ich bin skeptisch. Mit den Achtsamkeitsübungen kam ich in der Vergangenheit keinen Schritt weiter und kam mir zudem auch ziemlich bescheuert vor. Von Ent-Spannung keine Spur, eher das Gegenteil. Zudem weigere ich mich konsequent, im Beisein anderer Menschen die Augen zu schließen. Das kommt mir vor wie eine Art Kontrollverlust. Trotzdem willige ich ein. Denn – zugegeben – neugierig, ob das klappen kann, bin ich schon.

Platon:

Ich werde die Trance einleiten, allerdings mit ganz direkten Suggestionen, ohne den Schwerpunkt auf Körperempfindungen zu legen. Und einfach mit Geduld und vielen Wiederholungen. Irgendwann muss Sophie ja mein monotones Sprechen zumindest in den Anfangsbereich einer Trance versetzen, denke ich. Ich bitte sie, sich entspannt hinzusetzen und sich eine Stelle im Raum zu suchen, auf die sie sich konzentriert.

Sie findet schließlich eine kleine Spinne oben im Fenster. Irgendetwas daran erheitert Sophie. Sie lacht. Auch ich lache, und nutze die Situation.

 
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Verfasst von - 21. Juni 2014 in Die Sitzungen, Die Trance

 

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13. Brief von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

In den vergangenen Tagen sind mir einige Dinge im Alltag aufgefallen, die ich auch in der Vergangenheit immer wieder beobachten konnte. Vielleicht haben Sie eine Erklärung für mich. Ich bemühe mich auf der Arbeit in der Regel um ein
„unauffälliges Verhalten“, auch wenn mir das wahrscheinlich nur semi­optimal gelingt. Immer wieder kommt es vor, dass ich nicht mit Namen, sondern nur mit Personalkürzel angesprochen werde (also der erste Buchstabe des Vor- und die ersten beiden Buchstaben des Nachnamens). Das Phänomen ist mir bislang in fast jeder Arbeitssituation aufgefallen – selbst dann, wenn die Kollegen sich untereinander mit dem Namen ansprechen. Ich bin nicht wirklich namensaffin, trotzdem irritiert mich das ein wenig.

Ich war heute wegen des Feiertags nicht arbeiten und der Tag recht ruhig. Aber mir ist verstärkt aufgefallen, wie sehr mich meine Katze im Moment stört. Aktuell weiß ich kaum, wie ich mit dem Tier umgehen soll. Ich habe den Eindruck, als würde er sich wie ein Elefant durch die Wohnung bewegen. Ich höre ihn, wenn er durch die Räume läuft und wenn er übers Dach geht. Besonders schlimm ist sein Spieltrieb, er rutscht dann auf Teppichen durch die Wohnung oder kickt Bälle durch die Gegend. Warum macht mich das im Moment so wahnsinnig und wie kann ich das wieder in den Griff bekommen, ohne dem Tier gegenüber ungerecht zu sein?

Ich hatte am Dienstag noch einen Gedanken, bei dem ich nicht wusste, ob es klug ist, da näher drauf einzugehen. Aber vielleicht erklärt es etwas. Sie hatten sich meiner Erinnerung nach gewundert, dass kein schulisches Hilfssystem angesprungen sei während meiner Schulzeit. Ich habe da auch noch einmal drüber nachgedacht und glaube, dass das damals auch gar nicht möglich gewesen wäre. Im Kindergarten und in der Grundschule konnte ich ­ von wenigen kleineren Konflikten abgesehen ­ recht unauffällig mitlaufen. Ich war lieber alleine, ­ das ist auch durchaus aufgefallen, ­ aber so lange es keine Konflikte mit Lehrkräften gab, wurde ich kaum registriert – wahrscheinlich, weil Mädchen eben schüchtern sind? Meine Klassenkameraden habe ich so direkt gar nicht wahrgenommen, ich ließ sie in Ruhe, so lange man mir meine Ruhe ließ. Und es gab durchaus laute und auffällige Schüler, die teils auch sehr aggressiv waren, das war häufiger ein Thema, das die Lehrer beschäftigte.

In den zwei Jahren, die ich auf der ersten weiterführenden Schule war, waren die Konflikte hingegen wesentlich heftiger – allerdings habe ich die Ursachen und Anbahnungen dieser Konflikte nie kommen sehen. Es kam immer wieder zu Gängeleien, vor allem von seiten zweier Lehrkräfte. Letzten Endes und nach gut zwei Jahren konfrontierte man meine Eltern und mich überraschend mit einer Schulsuspendierung. Meine Eltern suchten daraufhin das Gespräch mit den Lehrkräften, allerdings liefen sie hier gegen eine sprichwörtliche Wand. Die Suspendierung sei auf Anraten des Schulpsychologen geschehen, den ich bis dahin und auch danach nie zu Gesicht bekommen hatte. Heute weiß ich, dass diese Suspendierung so auch keineswegs erlaubt war, es gab keine Klassenkonferenz, keine Elterngespräche – und auch in der Schulakte tauchte diese Suspendierung nicht auf, wie ich Jahre später erfuhr. Trotzdem legte mir die Schule auf, dass ich – wieder auf Anraten des Schulpsychologen – in der Woche, die ich zu Hause verbringen musste, das Haus nicht verlassen und keinen Kontakt zu Klassenkameraden haben durfte. Das war der Punkt, an dem meine Eltern sich entschlossen, mich von der Schule zu nehmen. Damals wussten sie schlicht nicht, dass weder die Suspendierung rechtens oder gar genehmigt war, noch dass die Schule das Recht hatte, mir einen Hausarrest und eine Kontaktsperre aufzuerlegen.

Nach dem Schulwechsel war mein Misstrauen dann natürlich entsprechend groß. In der neuen Schule hielt ich mich von Lehrern und Schülern gleichermaßen fern, auch wenn hier die Bosheiten vor allem von Klassenkameraden ausgingen.

Ich weiß nicht, ob das Ihre Frage beantwortet, warum kein „Hilfssystem ansprang“, wie Sie es formulierten. Ich würde behaupten, dass ­ selbst wenn diese Systeme „ansprangen“ ­ sie keine Chance hatten, das Ziel zu erreichen – ich hatte schließlich gelernt, dass es nur ein unauffälliges Mitschwimmen ermöglicht, einigermaßen in Ruhe leben zu können.

Mit lieben Grüßen

Sophie“

 
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Verfasst von - 22. März 2014 in Briefe

 

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7. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

Sie wollten nicht schreiben und ich wollte es eigentlich auch lassen, da ich immer noch etwas unsicher bin. Oder dem Gesagten nicht traue. Ich habe gelernt, misstrauisch zu sein und Vertrauen passt nicht zum Misstrauen.

Nun scheint es mir aber logisch, dass zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit Vertrauen dazu gehört. Und da ich ja möchte, dass sich was ändert…

Wie auch immer, unter normalen Umständen hätte ich versucht, das mit mir auszumachen, aber dass das so nicht mehr funktioniert, habe ich ja mittlerweile auch selbst gemerkt. Und ich könnte mir vorstellen, dass Sie wissen wollen, wie der heutige Tag gelaufen ist.

Oder wie er eben nicht gelaufen ist. Ich kann nicht sagen, woran es gelegen hat. Aber heute war meinerseits nichts möglich. Ich kam nicht mal bis ins Wohnzimmer meiner Wohnung, geschweige denn aus dem Haus. Ich kenne diese Tage, wenn die ganze Struktur wegbricht und ich mit jedem Punkt, den ich nicht erledigt habe, obwohl er jetzt gemacht werden muss, den Tag nur weiter verliere. Ich kenne diese Tage, wenn alles zu laut, zu viel, zu grell wird. Wenn das „Außen“ nur noch feindlich ist, weil es jede einzelne Nervenzelle angreift. Wenn ich schon mit Kleinigkeiten überfordert bin.

Ich hatte gehofft, dass ich hier davon endlich verschont bleibe, stattdessen kam das jetzt noch schneller und wesentlich unvermittelter, als ich dachte. Der Tag ist einfach „verschwunden“, als hätte er nie existiert. Und übrig geblieben ist nur diese Müdigkeit. Ich weiß nicht, wo und wie ich ansetzen soll. Stattdessen werde ich morgen wieder versuchen, so weiterzumachen wie bisher und dabei hoffen, dass alles wenigstens nach Plan verläuft. Auch wenn ich den Eindruck habe, dass es nicht gut ist. Aber das spielt wohl keine Rolle.

Sophie“

 
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Verfasst von - 8. Februar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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Zwischen Gedanken – Nach der dritten Sitzung

Sophie:

Als ich den Philosophen verlasse, ist der Parkplatz frei. Es ärgert mich ungemein, dass mein Wagen auf dem falschen Platz steht. Die Räder der vorbeifahrenden Autos auf dem Kopfsteinpflaster erscheinen unglaublich laut, die Scheinwerferlichter greller als sonst. Ich versuche, es zu ignorieren.

Nach Hause fahre ich einen Umweg. Ich kenne die direkte Strecke nicht, nur die über meine Arbeit. Also fahre ich erst zu meiner Arbeit und von da aus nach Hause. Der Philosoph sagte mir, ich bräuchte nur zwanzig Minuten bis nach Hause. Auf dieser Strecke brauche ich vierzig. Immer wieder geblendet von den grellen Scheinwerfern.

Platon:

Ich habe mir vorgenommen, mein Interesse und meine Neugier weniger stark zum Ausdruck zu bringen. Ich werde meine Fragen deutlich reduzieren. Ich werde etwas passiver werden, um ihr Raum für eigene Aspekte und Themen zu ermöglichen. Ich möchte sie nicht mit meinen Fragen erdrücken. Darum hatte ich ihr am Ende des Gesprächs noch gesagt, dass ich unsicher sei mit meinen vielen Anfragen und nun ihr die Initiative überlassen werde. Ich bin gespannt, wie sie darauf reagiert.

Auch die dritte Sitzung hat bei mir wieder mehr Fragen als Antworten generiert. Und wieder bin ich mit mir nicht ganz zufrieden. Einerseits. Ich habe aber ­ ohne es begründen zu können – andererseits den Eindruck, dass ich ihrem Sein, ihrer Art zu denken näher gekommen bin, als sie üblicherweise im Alltag erfährt. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum sie meine vielen Unzulänglichkeiten toleriert.

Sophie:

Ich bin unsicher, wie ich es einordnen kann, dass er angekündigt hat, vorerst nicht zu schreiben. War es nur eine einfache Ankündigung? Oder bahnt sich da gerade wieder ein Problem an, weil im Sub-Text noch irgendeine andere Aussage verborgen ist? Habe ich wieder irgendetwas falsch gemacht, ohne es zu merken?

Die Lichter am Straßenrand lenken mich ab. Dazu selbst die kleinen, mir vertrauten Geräusche im Wagen, die sich anfühlen, die falsch klingen, zu laut sind. Ich muss in die Wohnung. Irgendwohin, wo es ruhig ist und dunkel. Die Konzentration strengt an, so dass ich bereits den Faden zur Sitzung verliere.

Platon:

Ich mache mir Gedanken, wie es weitergehen kann. Ich versuche, die Dinge zu sortieren, zu gewichten. Der Arztbesuch erscheint mir wichtig, daran möchte ich festhalten. Die Sicherung des Arbeitsplatzes ist ein weiteres großes Thema. Wobei ich mir immer noch nur sehr schwer vorstellen kann, wie es mit ihr überhaupt funktioniert am Arbeitsplatz. Die vielen Termine, Planänderungen, Unwägbarkeiten, nötige Flexibilität, Gelassenheit. Viele Menschen, Machtspielchen, Klatsch und Tratsch. Das volle Programm.

Ich frage mich, wie sie überhaupt auf die Idee gekommen ist, sich so weit fern von Familie und  Bekannten und auf sich gestellt sich dem Job und dem rauen Leben zu stellen.

Vielleicht beurteile ich aber die Situation auch falsch. Ich bin unsicher. Schon wieder unsicher.

Sophie:

Ich gehe im Dunkeln zur Wohnungstür. Habe die nächsten Schritte klar vor Augen und alles mich sonst umgebende ausgeblendet, habe nur noch eine Art Tunnelblick. Schlüssel und Schloss. Mehr existiert nicht. Die Sitzung – vergessen.

Der Schlüssel hakt, verhakt. Ich probiere es wieder, weiß nicht, wie viel Zeit vergeht. Es können nur Sekunden sein, aber es reicht, dass ich in einen Zustand zwischen Stress und Panik gerate und den Schlüssel am liebsten wegwerfen würde. Unangemessen, ich weiß. Das rede ich mir ein. Damit ich den Schlüssel nicht wirklich wegwerfe. Endlich öffnet sich die Haustür und ich betrete die Wohnung. Wohl fühle ich mich trotzdem nicht. Ich lasse das Licht aus, hoffe, dass die Dunkelheit und die Stille dazu beitragen, dass sich die überreizten Sinne regenieren. Dass der Druck im Kopf nachlässt.

Platon:

 Wie kann es weitergehen? Kann es weitergehen?

Ich werde die Dinge, die ich für wichtig erachte, in einem Plan zusammenfassen. Das wird sie mögen. Hoffe ich. Und ich habe den Eindruck, dass sie noch nicht so viele positive Erfahrungen im Rahmen von persönlichen, unmittelbaren Begegnungen gesammelt hat. Oder noch allgemeiner gesagt, dass sie bisher im Aufbau und der Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten überwiegend Schiffbruch erlitten hat. Das möchte ich ändern. Ich möchte ihr vermitteln, dass Kommunikation möglich ist, ohne Angst vor Unangemessenheit, vor Häme, vor Spott und Gelächter. Ohne diese permanente Unsicherheit.

Ich überlege, was sie wirklich braucht. Sicherheit. Ruhe. Struktur. Einen Rückzugsort, der ihr dieses gibt. Orientierung. Verständnis. Wertschätzung. Menschen, die ihr dieses geben. Herausforderung, Begeisterung, Erfolg. Aufgaben, die ihr dieses geben.

 
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Verfasst von - 6. Februar 2014 in Alltägliches, Zwischen Gedanken

 

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Die dritte Sitzung – Teil III

Sophie:

Er scheint etwas zu suchen. Geht um den Schreibtisch, auf dem sich bereits wieder ein leichtes Chaos breit gemacht hat, hebt Ordner und Blöcke an, murmelt etwas unverständliches. Ich überlege, ob er etwas zu mir gesagt haben könnte, da setzt er sich wieder hin. „Ich finde den Flyer nicht.“ Ich nehme die Information zur Kenntnis, da springt er wieder auf und beginnt erneut, die Ordner und Blöcke wieder hochzunehmen. Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen und mache ihn darauf aufmerksam, dass er erst vor wenigen Augenblicken an diesen Orten nachgesehen hat. „Glauben Sie ernsthaft, dass der Flyer nun dort liegt, obwohl er es vor einer Minute noch nicht tat?“ Er muss selbst lachen. „Ziemlich bescheuert, oder?“ Ich komme nicht umhin, die Sinnlosigkeit seiner zweiten Suche zu bestätigen. Und merke zugleich, dass ich das außerhalb dieser vier Wände nicht so offen gesagt hätte. Die Gefahr, dass jemand das, was ich sage, als Angriff oder Beleidigung aufgefasst hätte, wäre zu groß. Oft wird nicht verstanden, dass ich die Dinge so meine, wie ich sie sage. Ohne Zwischentöne oder versteckte Botschaften.

Platon:

Das Telefon klingelt. Ich merke, wie sie zusammenzuckt. Ich lasse es durch klingeln, solange ist Gesprächspause. Ich merke auch, wie sehr sie der Lärm auf der Straße stört. Mir war das bisher nie so deutlich aufgefallen. Mittlerweile fühle ich regelrecht mit, wenn wieder ein großer LKW durch den Ort fährt.

Sie vermutet auch Tiere bei mir im Raum, oder zumindest im Fußboden. Und eine Mücke im Raum ist besonders lästig. Aber erschlagen darf ich die Mücke nicht, sie sagt die könne da ja auch nichts für. Auch das Licht habe ich mittlerweile so gut es geht abgedunkelt.

Sophie:

Das Telefon klingelt. Genauer: Vier Telefone klingeln. Damit habe ich nicht gerechnet. Ein störendes Geräusch. Es frisst soviel Aufmerksamkeit, dass ich dem Gespräch kaum folgen kann und selbst den Faden verliere. Also sage ich nichts mehr. Und bin verwundert, dass er auch nichts sagt. Er verspricht, das Telefon beim nächsten Mal auszumachen. Dabei sind ständig irgendwelche Geräusche in diesem Raum. Geräusche, die er gar nicht wahrzunehmen scheint. Das Vibrieren des Handys auf dem Schreibtisch. Der Laptop, der im Stand-By vor sich hin summt. Das Trappeln kleiner Pfoten in der Wand. Das leise Platschen, wenn die Fische im Aquarium sich plötzlich bewegen. Hustende Nachbarn. Schritte im Haus. Der ständige Verkehr vor dem Fenster. Und das Summen einer Fliege. Zumindest die scheint er auch wahrzunehmen, denn er fragt, ob er sie erschlagen soll. Ich verneine. Menschen neigen dazu, gerade kleine Tiere als Störfaktor zu betrachten, die man ohne Bedenken töten darf. Aber die Tiere wissen nicht, dass sie sich in einen Raum verirrt haben, in dem sie als Störfaktor wahrgenommen werden. Draufschlagen scheint da einfacher zu sein als das Tier einzufangen und draußen wieder einzusetzen. Zweiteres ist vielleicht mühsamer. Aber in meinen Augen auch respektvoller.

Ich weiß nicht, ob er das versteht. Aber er lässt die Fliege in Ruhe.

Er bringt unvermittelt den Vorschlag eines Arztbesuchs. Er hielte es für sinnvoll. Ich nicht. Ich mag es nicht. Und versuche, aus der Situation zu kommen. Äußere mich nicht näher dazu. Und hoffe, dass er das Thema schnell wieder vergisst.

Platon:

Ich mache mir Gedanken um ihre Gesundheit, sie isst einseitig, und sie schläft zu wenig. Hinzu kommt, dass sie offenbar sehr schreckhaft und wachsam ist. Auch schon beim letzten Besuch.

Insgesamt scheint sie zusätzlich eine stark erhöhte Körpererregung und Anspannung zu haben. Sie knetet permanent ihre eigenen Finger, sitzt sprungbereit auf der vorderen Sesselkante. Das hat nicht unbedingt etwas mit Autismus zu tun. Darauf werde ich sie noch ansprechen. Aber nicht jetzt.

Ich empfehle ihr, einen Arztbesuch aufgrund der sehr starken Müdigkeit in Erwägung zu ziehen. Ich sage, dass ich sie dabei unterstützen würde. Sie sagt, dass Arztbesuche bisher Erfahrungen waren, auf die sie gerne verzichten könne. Ich denke, dass ich das mit ihr bestimmt besser hinbekomme.

 
 

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Die dritte Sitzung – Teil II

Sophie:

Er spricht mich auf Beiträge an, die er von mir im Internet gefunden hat. Es verwundert mich nicht, das Schreiben ist mein Beruf. Gleichzeitig bin ich abgelenkt. Ich versuche, einen Blick auf den Parkplatz zu erhaschen, aber eine Hecke steht im Weg.

Ob mein Parkplatz zwischenzeitlich frei ist? Ich erkläre ihm, dass ich Beiträge schreibe zu Themen, die aktuell sind. Der Gedanke, dass ein Thema mit mir persönlich zu tun haben könnte, kommt mir da selten. Vielleicht liegt es an der Distanz, die ich zu den Themen wahren muss, um sie einigermaßen neutral beurteilen zu können. Und manchmal liegt es auch an zu allgemeinen Aussagen. Da bekommen manche Faktoren schnell den Charakter von Horoskopen. Und ich beachte sie nicht weiter, weil ich nichts von Esoterik halte.

Mir kommt der Gedanke, dass ich etwas Wichtiges nicht deutlich genug gemacht habe. Aber der falsche Parkplatz lenkt weiter ab.

Platon:

Ich stelle nun wieder meine Fragen, vermutlich etwas zu viele. Ich bin manchmal etwas ungeduldig. Ich hake zu früh wieder sprachlich ein. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, ihr mehr Zeit zum antworten zu geben. Und das eine Pause nach einer Antwort noch nicht bedeutet, dass sie jetzt fertig ist. Es kommt zu Überschneidungen, die ich aber zunehmend vermeiden kann.

Besonders interessiere ich mich für die Art und Weise, wie sie sieht und fotografiert. Auch ich habe einmal früher leidenschaftlich gerne fotografiert. Leider ist dieses Hobby bei mir fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Warum eigentlich? Ich beschließe, meine alten Spiegelreflexkameras wieder zu reaktivieren. Der Gedanke daran lenkt mich vom Gespräch ab. Ich kann mich wieder schlecht konzentrieren, meine Gedanken vermehren sich und gehen auf Wanderschaft.

Es ist wieder der letzte Termin für heute. Ich mag die letzten Termine besonders gerne, bin aber dann auch häufiger unkonzentriert. Ich merke, wie der rote Faden mir wieder entglitten ist. Aber der Umgang damit stärkt auch die soziale Kompetenz. Auch bei ihr, so hoffe ich.

Sophie:

Der falsche Parkplatz hat sich zwischenzeitlich in meinem Kopf eingenistet. Es ist ärgerlich. Ich kenne solche Situationen zu Genüge. Mein Platz im Bus, mein Platz in der Uni, meine Kasse im Supermarkt. Seit einer TV-Serie ist zwar der Satz: „Das ist mein Platz!“ gesellschaftstauglich geworden, trotzdem versuche ich zu vermeiden, derart aufzufallen. Dann warte ich lieber auf den nächsten Bus und hoffe, dass dann der Platz, auf dem ich immer sitze, frei ist. Und nun der Parkplatz. Mein Kopf beschäftigt sich dann stundenlang mit solchen Situationen.

Er scheint das Thema gewechselt zu haben, ganz genau habe ich den Wechsel nicht mitbekommen. Er spricht von Kameras, das ist gut. Da kenne ich mich ein wenig aus, ich hatte selbst eine digitale Spiegelreflex. Er möchte wissen, wie ich warum welche Bilder aufbaue. Ich versuche, dieses Gefühl zu beschreiben, wenn ich weiß, dass ein Bild so und nur so „richtig“ ist. Es ist nichts, was man in ein künstlerisches Schema pressen kann. Ich sehe das Bild und weiß, dass es stimmt. Das klingt einfacher, als es ist. Denn es bedeutet zugleich, dass ich sehr viele „falsche“, objektiv aber vielleicht gute Bilder mache, die ich dann wieder verwerfe, weil das „Just-Right“ einfach fehlt. Und ohne dieses „Just-Right“ ist das Bild für mich wertlos.

Platon:

Ich komme auf den sozialpsychiatrischen Dienst zu sprechen. Ich erkläre ihr die Antragstellung und das Leistungsspektrum. Ich sage ihr, dass sie Anspruch darauf hat. Wenn sie möchte.

Ich suche den Flyer von einem Anbieter, finde ihn aber nicht. Ich schaue unter Ordnern und Blöcken bei mir auf dem Schreibtisch. Sie lächelt plötzlich sehr offensichtlich. Ich frage warum sie plötzlich lächelt. Sie sagt: „Sie haben mehrmals unter den gleichen Block geschaut“. Ich denke: ja, so bin ich. Das sagt mir nur leider zu selten jemand. Ich finde das auch ausgesprochen lustig und vor allem schusselig. Auch ich muss lächeln, gebe ihr recht. Und finde den Flyer trotzdem nicht.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2. Februar 2014 in Die dritte Sitzung, Die Sitzungen

 

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Die dritte Sitzung – Teil I

Sophie:

Mein Parkplatz ist besetzt. Dahinter sind fünf Plätze frei, aber auf meinem steht ein Auto. Ich schaue auf die Uhr und bin froh, dass ich – wie immer – zu früh bin. Einen Moment halte ich Ausschau, ob ich vielleicht den Fahrer des Wagens auf meinem Parkplatz sehen kann. Nichts.

Noch mal ein Blick auf die Uhr – sicher ist sicher. Ich biege links ab, folge dem schmalen Weg, halte mich die nächste Abbiegung wieder links. Der Theorie nach müsste ich dann irgendwann wieder an dem Ort herauskommen, wo ich meine Rundfahrt gestartet habe. Ich habe nur nicht mit den verwinkelten Straßen gerechnet und bereits nach wenigen Metern die Orientierung verloren.

Blick auf die Uhr. Da, plötzlich, eine Wegmarke. Ich weiß wieder, wo ich bin. Biege erneut in die Straße vor der Praxis ein. Mein Parkplatz ist immer noch besetzt.

Blick auf die Uhr. Noch eine Runde um den Block. Der Wagen steht immer noch auf meinem Parkplatz.

Blick auf die Uhr. Eine weitere Runde schaffe ich nicht, dann komme ich zu spät. Und wenn der Parkplatz dann nicht frei ist? Ich muss mein Auto auf dem Parkplatz dahinter abstellen, mir bleibt nichts anderes übrig.

17:27 Uhr. Ich behalte die Straße im Blick, hoffe, dass der Fahrer des Wagens kommt. Dann könnte ich noch zurücksetzen und meinen Wagen dort abstellen, wo er die beiden vergangenen Wochen auch stand. Niemand kommt.

17:28 Uhr. Kein Mensch in Sicht. Der fremde Wagen bleibt auf meinem Parkplatz. Mein Wagen steht auf dem falschen. Aber es ist Zeit. Ich wäge ab. Zu spät kommen ist schlimmer als mein Auto auf dem falschen Parkplatz. Aber richtig wäre es, wenn ich pünktlich wäre UND mein Auto auf dem richtigen Platz steht.

Ich habe keine Wahl. Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus. Noch mal ein Blick zurück. Vielleicht kommt der Fahrer doch noch? Nichts.

Punkt 17:30 Uhr drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. In Gedanken bin ich noch beim Parkplatz.

Platon:

Ich bin auf die Sitzung gespannt. Ich merke, wie ich zwischendurch immer wieder an das kommende Gespräch denken muss. Ich versuche meine Eindrücke und Fragen zu sortieren. Ihre Antworten möchte ich verstehen. Aber nicht jede einzelne ihrer Antworten isoliert verstehen, sondern das Gesamtbild. Nicht nur einige gern oder weniger gern gesehene Facetten, die vielleicht aus unterschiedlichen Gründen besonders hervortreten, sondern die gesamte Person als solche in ihrer Vielfalt und Komplexität verstehen. Es fällt mir schwer. Diesmal wird mir das besonders bewusst. Sonst denke ich nicht derart darüber nach. Ich habe fast den Eindruck, als wäre ich jetzt gleichermaßen fasziniert und überrascht von meiner eigenen Unfähigkeit, von ihr einen Gesamteindruck zu erhalten. Und wenn es auch zunächst wenigstens nur ein vorläufiger Eindruck wäre. Aber es gelingt mir offenbar nicht. Vielleicht sehe ich sie bis jetzt genauso wie sie die Welt sieht: Nur einzelne Details, aber kein richtiges Gesamtbild.

Sie klingelt wieder pünktlich auf die Minute. Ich öffne, und das gleiche Ritual wie beim letzten Besuch startet. Allerdings weise ich erst noch auf die Baumaßnahmen im Flur hin. Eine Antwort bekomme ich darauf nicht wirklich. Ich bitte sie dann wieder in den Raum, ich bitte sie sich zu setzen, ich bitte sie, sich sicher und wohl zu fühlen. Sie blickt sich um. Ich habe wieder die mir bekannten Fixpunkte unberührt bzw. gut sichtbar für sie gelassen. Ich sehe, wie sie auf meine Schuhe blickt. Ich habe extra wieder das Paar angezogen, welches ihr besser gefallen hatte. Sie lächelt.

Sophie:

Der Flur ist verändert. Ein Gerüst steht direkt hinter der Tür. Der neue Windfang – oder das, was davon bereits steht. Der Philosoph hat davon geschrieben, darauf konnte ich mich einstellen. Nicht einstellen konnte ich mich darauf, dass mein Auto heute auf dem falschen Parkplatz stehen muss. Ich mag sowas nicht. Also suche ich Bekanntes.

Die Muschel ist da, im Glas, wo sie hingehört. Die Schachfiguren daneben. Der abgerissene Schnürsenkel, er hat wieder die anderen Schuhe an, aus der ersten Sitzung. Das Chaos im Regal – Chaos zwar, aber immerhin verlässlich Chaos. Er scheint kein System in den Büchern zu haben. Manche sind vertauscht, er muss sie herausgenommen und anders wieder eingestellt haben. Ein Teil der Bücher sind immer noch eingeschweißt. Ich finde das respektlos, wage aber nicht, es zu sagen. Jedes meiner Bücher hat seinen festen Platz im Regal. Sie sind ordentlich sortiert, ich kenne jedes einzelne und weiß genau, wo ich es finde. Und jedes meiner Bücher verdient es, gelesen zu werden. Nicht irgendwann. Sondern sofort. Bücher nicht einmal auszupacken – das geht nicht. Er sagte, keine Sanktionen. Es ist mir wichtig, dass man Bücher mit Respekt behandelt. Ich wage es trotzdem nicht, etwas zu sagen.

Platon:

Sie schaut sich wieder im Raum um. Ich lasse ihr die Zeit. Ihr Blick bleibt beim Regal hängen. Es ist immer noch unsortiert. Ich habe fast den Eindruck, einen missbilligenden Blick bei ihr zu erkennen. Sie sagt, ich hätte einige Bücher umgestellt oder ganz raus bzw. neu wieder einsortiert. Falsch sortiert. Ich stimme zu.

Mir wird wieder dieser besondere „Bruch“ in meiner Wahrnehmung besonders deutlich. Wie beim letzten mal. Die unmittelbare Begegnung mit ihr trifft und berührt mich offenbar völlig anders als es bei der schriftliche Kommunikation der Fall ist. Ich beobachte meine eigene Empfindung.

Ich erzähle ihr von ihren Beiträgen, die ich im Internet gelesen habe. Und von meinen Irritationen, die durch diese Beiträge bei mir entstanden sind. Sie gibt mir eine Antwort, die ich wohl nicht bis in alle Tiefe verstehe. Ich merke aber auch, dass Nachfragen jetzt nicht sinnvoll ist. Ich gebe ihr zu verstehen, dass die Antwort für mich völlig okay ist. Und so ist es auch wirklich.

 

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6. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

es sind nicht so viele Fragen. Ich will Sie auch nicht zu sehr von Ihren anderen Dingen abhalten.

1. Beschreiben Sie drei Probleme der letzten Wochen bei der Ausführung Ihrer Arbeit (Schwerpunkt soziale Interaktion).

2. Beschreiben Sie, wie Sie sehen, wie Sie also die Welt visuell wahrnehmen.

3. Ich glaube, Sie hatten es schon erwähnt. Sie fotografieren gerne. Wie gehen Sie vor, um den Bildaufbau und den richtigen Moment abschätzen zu können, wenn Menschen Motiv sind?

4. Wenn über Nacht ein Wunder geschehen würde, und Ihre Probleme plötzlich größtenteils behoben wären, woran würden Sie das am nächsten Tag feststellen?

5. Wenn alle Menschen so wären wie Sie, wie wäre dann die soziale Interaktion auf unserem Planeten. (Hierzu könnte man vermutlich einen ganzen Roman schreiben. Vielleicht beschreiben Sie einfach nur die Dinge, die Ihnen ganz spontan zuerst einfallen).

Mich hat übrigens ein Anflug von Ordnungsliebe getroffen, ich habe aufgeräumt. Nur das Regal ist noch unverändert. Ihre Muschel habe ich allerdings nicht einen Millimeter verschoben. Ich habe Ihnen auch neue Fixpunkte besorgt, damit Sie sich schnell wieder orientieren können.

Zudem wird gerade ein Windfang im Flur gebaut, also nicht erschrecken, wenn Sie Mittwoch das Haus betreten (helfen Ihnen solche Ankündigungen zur Vorbereitung?).

Waren Sie schon einmal an der Küste? Ich könnte mir vorstellen, dass die Strände Ihnen sehr gefallen würden: so gut wie keine Menschen, eine ganz klare, waagerechte Horizontlinie. Natürliche Farben, natürliche Struktur (Wasser, Strand, Dünen). Keine Hindernisse, vor die man laufen könnte oder denen man aus dem Weg gehen muss. Und vor allem: klare, saubere Luft. Wenn es einen Ort gibt, der das Gegenteil einer Großstadt sein könnte, dann wäre es aus meiner Sicht einer dieser Strände.

Liebe Grüße

Platon“

 
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Verfasst von - 25. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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5. Nachricht von Sophie an Platon – Teil III

Sophie:

“ […] 6. Ziemlich eindeutig eine Notwendigkeit. Ich mag bestimmte Lebensmittel mehr als andere, aber ich bin nicht so „verrückt“ danach wie andere es scheinen.

7. Ja, ich kenne Smileys. Und nein, ich verwende sie selten. Ich habe es mal mit der Verwendung von Smileys versucht, diese aber eher nach „Gefällt mir“­Kriterien ausgewählt. Das hat dann in der schriftlichen Kommunikation zu Irritiationen geführt, weil der Smiley eine Bedeutung hatte, die mir nicht ersichtlich war und ich ihn demnach falsch verwendet habe.

Daher bin ich dazu übergegangen, die meiste Zeit gar keine mehr zu verwenden.

8. Ich weiß nicht, wie man Müdigkeit beschreiben kann. Ich merke dann, dass ich leicht irritierbar bin, mich wahnsinnig viele Dinge in meinem Umfeld stören und auch schneller als sonst überfordern. Außerdem reagiere ich dann sehr empfindlich darauf, wenn Planungen nicht funktionieren. Es ist ambivalent ­ einerseits halte ich dann extrem an meinen Plänen fest, weil mich ein Abweichen ganz aus dem Konzept bringt, gleichzeitig habe ich aber eigentlich gerade nicht das Bedürfnis, das zu tun, was ich mache. Dinge außer der Reihe kann ich dann nicht machen.

9. Was meinen Sie damit? Ich habe keine „Techniken“, wüsste aber auch nicht, was Sie konkret damit meinen könnten.

10. Wenn Sie die Frage gelöscht haben, warum schreiben Sie dann auf, dass Sie sie gelöscht haben?

Liebe Grüße

Sophie“

 
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Verfasst von - 23. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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