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Die Zugfahrt – Teil II

Platon

Die Geschichte, die mir Sophie erzählt, scheint im ersten Moment kaum vorstellbar. Je mehr ich aber darüber nachdenke, umso deutlicher sehe ich die Szene vor mir, und um so klarer wird mir auch, warum gerade Sophie für diese Intervention am besten geeignet war. Da Sophie ohnehin ohne Blickkontakt unterwegs ist, fällt ihr ein bewußt unterlassener Blickkontakt nicht schwer. Da sie auch nonverbal so gut wie unsichtbar in sozialen Situationen agiert, braucht sie sich keine zusätzlichen Gedanken darüber zu machen, wie sie nonverbal ihre Entschlossenheit demonstriert. Sie ist einfach wie sie immer ist. Sie weiß ja nicht einmal genau in der Situation, ob sie Angst haben soll oder nicht oder diese sogar tatsächlich verspürt. Und gerade das macht Sophie offenbar in dieser Situation so stark, so überzeugend und unangreifbar. Sie bleibt auf der Sachebene, zeigt keine Emotionen. Stur den Blick auf irgendwelche Details gerichtet, die Mimik ohne jegliche soziale Modulation.

Sophie

Ich sitze den beiden Handy-Störenfriede schräg gegenüber. Das Gedudel ist so nervig, ich meine zu spüren, wie meine Nerven sich anspannen. Das geht mir im wahrsten Sinne des Wortes auf die Nerven. Und nicht nur mir. Auch den anderen Zugteilnehmern, die immer wieder laut schimpfen, aber keine spürbare Reaktion von der Musik-Fraktion erhalten.

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche. Suche im Menü und finde das Lied, dass mir eine Bekannte vor einigen Wochen mit dem Vermerk „Musik als Folter“ geschickt hat. Zum türkischen Techno gesellt sich Helene Fischer. „Wir ziehen durch die Straßen und die Clubs dieser Stadt, das ist unsere Nacht, wie für uns beide gemacht, oh-oh, oh-oh…“ Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie die beiden Herren sich aufsetzen. Ich vermute, dass sie in meine Richtung schauen, bin aber nicht sicher. „Was das zwischen uns auch ist, Bilder, die man nie vergisst…“ Das ist ja wirklich Folter.

Platon

Sie spiegelt letztlich das Verhalten der Störenfriede, und gibt diesen gleichzeitig keine Chance, etwas dagegen zu unternehmen. Das letzte Mittel wären nur Handgreiflichkeiten, und dazu waren die drei Herren dann wohl doch nicht bereit. Oder vielleicht doch? War es gefährlich? Ich diskutiere mit Sophie darüber, und merke, dass sie nicht in der Lage war, die Gefahr einzuschätzen. Ich übrigens auch nicht, zumindest nicht aus ihren Erzählungen. Nennt man so etwas nun Civilcourage oder Risikofreude? Oder Dumm? Nicht wenige mussten für ihren Mut und ihr Engagement schmerzhaft bezahlen.

Auf jeden Fall war Sophie in diesem Abteil vermutlich ein kleiner Star, jemand, der durch sein Handeln das Wohlwollen und den Respekt der Mitreisenden auf plötzlich auf seiner Seite hatte. Für einen kurzen Moment ist Sophie aus der sozialen Unscheinbarkeit in das Scheinwerferlicht des täglichen gesellschaftlichen Wahnsinns gerückt.. Mit Erfolg und Applaus. Auch ich zolle ihr meinen Respekt. Und ich überlege, ob auch ich dazu bereit gewesen wäre. Und wie es dann wohl geendet hätte? Auf jeden Fall geht mir seit dieser Erzählung das Lied von Helene Fischer lange nicht mehr aus dem Kopf. Und diese ganze Situation. Schade, das wäre eine tolle Aufnahme für ein Handyvideo gewesen …

Sophie

Helene Fischer setzt an zum Refrain: „Atemlos durch die Nacht, bis ein neuer Tag erwacht.“ Meine Güte. Endlich hat die Fraktion gegenüber ein Einsehen. Vielleicht funktioniert auch der Folter-Aspekt. Auf jeden Fall hört die Geräuschbelästigung drüben genauso schlagartig auf, wie sie begonnen hat. Die beiden schalten das Handy aus. Ich tue es ihnen – immer noch ohne einen Blick hinüber – gleich und im Abteil herrscht für ein paar Sekunden Stille. Zu meiner Verblüffung beginnt das ältere Pärchen einige Reihen weiter zu klatschen. Die anderen Zuggäste tun es den beiden gleich. Mir ist das unangenehm. Ich wollte doch nur meine Ruhe.

Eine Viertelstunde später sehe ich, wie einer der beiden Männer erneut sein Handy aus der Tasche zieht. Ohne einen Blick hinüber greife ich zu meinem Telefon. Wir können das Spielchen gerne noch mal machen, denke ich mir. Aber die Konditionierung scheint funktioniert zu haben. Ich sehe, dass er mir einen langen Blick zuwirft. Was auch immer der heißen mag. Und dann sein Handy wieder einsteckt. Na bitte. Einziger Nachteil: Das Pärchen am anderen Ende des Abteils fand die Geschichte so toll, dass sie sich zu mir setzen und mir vom Ziel ihrer Reise erzählen…

Als ich glücklich meinen Zielbahnhof ohne weitere Vorkommnisse erreicht habe, erzähle ich dem Philosophen von dem Zwischenfall. Und vor dessen Auge scheinen ganze Horrorszenarien mit Schlägereien und was weiß ich nicht alles aufzutauchen. Ich hatte überhaupt nicht bedacht, dass irgendwas hätte schiefgehen können. Für mich gab es nur: Kann funktionieren. Kann aber auch nicht.

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Verfasst von - 25. März 2015 in Alltägliches

 

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