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Innenwelten – Routinen

Sophie:

Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich höre, dass Menschen etwas machen, ohne darüber nachzudenken und sich nachher sogar nicht mehr daran erinnern können. Damit meine ich nicht, dass sie es nach einer Stunde schlicht vergessen haben, sondern die Tatsache, dass sie genau im Anschluss an ihre Handlung nicht mehr wissen, was sie gerade gemacht haben.

In meinem Tagesablauf habe ich bestimmte Dinge so eingerichtet, dass ich sie immer wiederhole und sie stetig gleich ablaufen. Ich mag das, weil ich dabei weniger denken und planen muss. Ich weiß, welcher Schritt als nächstes kommt, sehe ihn direkt schon vor meinem geistigen Auge und kann in Sekundenschnelle mehrere Handlungssequenzen im Voraus denken. Neue Handlungsabfolgen muss ich ins Detail zerlegen und manchmal wollen dann meine Hände nicht so, wie ich es will und es klappt nicht gleich. Dann brauche ich länger, muss vielleicht etwas anderes probieren. Hier ist der Konzentrationsaufwand weit größer als bei meinen täglichen Routinen, bei denen ich zwar trotzdem denke, aber nicht so ein Maß an Konzentration brauche.

Platon:

Ich steige ins Auto und fahre los. Ich denke keine Sekunde über die Position oder Bewegungsabfolge meiner Gliedmaßen nach. Ich mache das Radio an, schaue durch die Gegend und vertiefe mich in Gedanken, die nichts mit dem Autofahren und der Fahrstrecke zu tun haben. Ich mache das alles automatisch. Intuitiv. Ohne darüber nachzudenken. Es entspannt mich. Ich kann mich sogar in Tagträume flüchten. Alle visuellen, akustischen und taktilen Reize werden offenbar von einem im Unterbewußten laufenden Prozessor verarbeitet und für das Autofahren ausgewertet. Solange alles planmäßig läuft, bin ich in einer anderen Gedankenwelt, sobald irgendetwas unerwartetes passiert – ein Vogel auf der Straße, ein unpassendes Geräusch oder eine unerklärliche Vibration – bin ich blitzschnell wieder im Modus Autofahren. Etwas später schalte ich meistens wieder nahtlos um in den Gedankenmodus.

So geht es mir mit vielen Situationen: Spazierengehen, Joggen, Fahrradfahren, Angeln, Segeln, usw. Mein Körper agiert meistens automatisch. Es sei denn, etwas ist deutlich anders als sonst. Ich kann sogar Gespräche führen, und gleichzeitig gedanklich in eine Parallelwelt abdriften. Oder ganze Buchseiten lesen, und dabei an ganz andere Dinge denken. Dann muss ich aber meistens die Seiten erneut lesen, weil nicht viel hängen geblieben ist.

Sophie:

Manchmal glaube ich, dass ich nur auf einer Spur denke und agiere. Und wenn diese Spur zu sehr mit Gedanken belegt ist, scheitern die Bewegungen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn ich nicht klar und bewusst die Anweisung „Hand zum Lichtschalter“ gebe, dann bleibt es dunkel. Das Licht anmachen und dabei daran denken, dass ich noch die Wäsche waschen muss, funktioniert gleichzeitig nicht. Und ganz verrückt finde ich, dass es Leute gibt, die behaupten, dass sie „nicht“ denken. Das kenne ich nicht. Ich denke immer. Mal Schönes, mal weniger Schönes, aber ein „Nichts“ gab es noch nie. Und wenn ich mich auf die Bewegung konzentriere, dann ist die Kapazität für ein „Gespräch nebenher“ unter Umständen schon belegt.

Wenn ich doch mal gedanklich abgleite (wobei ich dabei immer noch denke), dann unterbreche ich auch die Bewegung, die ich gerade mache. So, als wäre die Energie aus dem Bewegungsapparat abgezogen und werde nun an anderer Stelle gebraucht. Selbst einfaches Geradeauslaufen klappt dann nicht mehr – ich bleibe einfach stehen. In dem Fall vergesse ich dann aber wirklich alles, selbst der Satz, den ich gerade noch sagen wollte, der bricht dann -…

Platon:

Ich wage zu behaupten, dass ich zu 95 Prozent am Tag meine Körperbewegungen nicht bewußt steuer. Vermutlich sind es 99 Prozent. Meine Gedanken und Kognitionen allerdings wähle ich meistens bewußt. Ich komme zwar von Höckschen auf Stöckschen, bin aber zumeist in bewußter Steuerung meiner Gedanken, kann beliebig umschwenken, lasse gerne aber auch meine Gedanken frei schweifen oder fast ganz verschwinden. Das entspannt mich.

Bei Sophie scheint alles umgekehrt zu sein. Ihre Gedanken führen offenbar ein Eigenleben, sind von ihr oft nicht bewußt zu kontrollieren. Ihren Körper hingegen kann sie nur bewußt und konzentriert steuern. Es gibt keine verborgenen Prozessoren, die ganze Bewegungsabläufe und Routineprozesse unbewußt steuern. Wie schon so oft denke ich: verkehrte Welt.

 
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Verfasst von - 5. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Die Trance – Teil I

Sophie:

 Wie immer bin ich zu früh. Mein Parkplatz ist frei. Ich warte im Auto, die Uhr fest im Blick. Der Ablauf ist zwischenzeitlich selbstverständlich, es ist ein „Wie-immer“-Ablauf geworden. Trotzdem gibt er mir heute nur wenig Sicherheit, ich bin  abgelenkt. In meinem Kopf läuft ein Film. Der aus der Arztpraxis. Immer und immer wieder sehe ich die Situation vor meinem geistigen Auge.

17:25 Uhr – 17:26 Uhr – 17:27 Uhr – 17:28 Uhr.

Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:30 drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. Vielleicht würde mir auffallen, mit welcher Selbstverständlichkeit, welcher Sicherheit ich mich zwischenzeitlich hier bewege. Aber das Grübeln über die Situation in der Arztpraxis lässt mich das gar nicht wahrnehmen. Ich ärgere mich selbst in mehrfacher Hinsicht. Zum einen, dass ich offenbar nicht in der Lage war, die Situation trotz ihrer Banalität adäquat aufzulösen. Zum anderen darüber, dass es einer solchen Bagatelle gelingt, mich über Stunden zu beschäftigen.

Die Tür öffnet sich. Der Philosoph.

Platon:

Sophie ist gedanklich noch immer in der Situation beim Arzt. Der Dialog mit der Arzthelferin geht ihr wie eine Endlosschleife durch den Kopf. Sie sagt, sie könne das nicht ausblenden, sie hänge wie festgewachsen in dieser Situation fest. Und Sie mache sich Vorwürfe, suche immer wieder den Fehler, was sie besser hätte machen können. Sie misst ihren Puls. Der liegt bei über 120. Mal wieder viel zu hoch.

Wir haben heute wieder unsere reguläre Sitzung. Passt ganz gut. Wir hatten es schon ein paar Mal mit Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen erfolglos probiert. Erfolglos deshalb, weil Sophie ihren Körper kaum spürt, kaum Körperempfindungen wahrnimmt. Und sich auch nur ungern darauf einlässt. Ich starte jetzt einen neuen Versuch, ändere etwas die Strategie. Ich versuche heute, eine Trance herbeizuführen.

Sophie:

Der Philosoph bemerkt meine gedankliche Abgelenktheit. Selbst das merke ich kaum, wie gut er sich zwischenzeitlich auf mich einstellen konnte, wie sehr er wohl schon subtile Anzeichen in meiner Stimmung wahrnehmen und deuten kann. Meist muss ich nicht mal etwas sagen.

Eigentlich ist es diese doofe Arzthelferin nicht wert, dass ich mir wegen ihr so einen Kopf mache. Das weiß ich auch. Allerdings hilft es mir nicht, wenn der Philosoph mir das so auch sagt, die Gedankenschleife läuft einfach. Und läuft. Und läuft. Und läuft. Ist ja nicht so, dass ich das nicht kennen würde. Er schlägt vor, dass wir versuchen, das Ganze mit einer Art Trance zu durchbrechen. Ich bin skeptisch. Mit den Achtsamkeitsübungen kam ich in der Vergangenheit keinen Schritt weiter und kam mir zudem auch ziemlich bescheuert vor. Von Ent-Spannung keine Spur, eher das Gegenteil. Zudem weigere ich mich konsequent, im Beisein anderer Menschen die Augen zu schließen. Das kommt mir vor wie eine Art Kontrollverlust. Trotzdem willige ich ein. Denn – zugegeben – neugierig, ob das klappen kann, bin ich schon.

Platon:

Ich werde die Trance einleiten, allerdings mit ganz direkten Suggestionen, ohne den Schwerpunkt auf Körperempfindungen zu legen. Und einfach mit Geduld und vielen Wiederholungen. Irgendwann muss Sophie ja mein monotones Sprechen zumindest in den Anfangsbereich einer Trance versetzen, denke ich. Ich bitte sie, sich entspannt hinzusetzen und sich eine Stelle im Raum zu suchen, auf die sie sich konzentriert.

Sie findet schließlich eine kleine Spinne oben im Fenster. Irgendetwas daran erheitert Sophie. Sie lacht. Auch ich lache, und nutze die Situation.

 
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Verfasst von - 21. Juni 2014 in Die Sitzungen, Die Trance

 

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13. Brief von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

In den vergangenen Tagen sind mir einige Dinge im Alltag aufgefallen, die ich auch in der Vergangenheit immer wieder beobachten konnte. Vielleicht haben Sie eine Erklärung für mich. Ich bemühe mich auf der Arbeit in der Regel um ein
„unauffälliges Verhalten“, auch wenn mir das wahrscheinlich nur semi­optimal gelingt. Immer wieder kommt es vor, dass ich nicht mit Namen, sondern nur mit Personalkürzel angesprochen werde (also der erste Buchstabe des Vor- und die ersten beiden Buchstaben des Nachnamens). Das Phänomen ist mir bislang in fast jeder Arbeitssituation aufgefallen – selbst dann, wenn die Kollegen sich untereinander mit dem Namen ansprechen. Ich bin nicht wirklich namensaffin, trotzdem irritiert mich das ein wenig.

Ich war heute wegen des Feiertags nicht arbeiten und der Tag recht ruhig. Aber mir ist verstärkt aufgefallen, wie sehr mich meine Katze im Moment stört. Aktuell weiß ich kaum, wie ich mit dem Tier umgehen soll. Ich habe den Eindruck, als würde er sich wie ein Elefant durch die Wohnung bewegen. Ich höre ihn, wenn er durch die Räume läuft und wenn er übers Dach geht. Besonders schlimm ist sein Spieltrieb, er rutscht dann auf Teppichen durch die Wohnung oder kickt Bälle durch die Gegend. Warum macht mich das im Moment so wahnsinnig und wie kann ich das wieder in den Griff bekommen, ohne dem Tier gegenüber ungerecht zu sein?

Ich hatte am Dienstag noch einen Gedanken, bei dem ich nicht wusste, ob es klug ist, da näher drauf einzugehen. Aber vielleicht erklärt es etwas. Sie hatten sich meiner Erinnerung nach gewundert, dass kein schulisches Hilfssystem angesprungen sei während meiner Schulzeit. Ich habe da auch noch einmal drüber nachgedacht und glaube, dass das damals auch gar nicht möglich gewesen wäre. Im Kindergarten und in der Grundschule konnte ich ­ von wenigen kleineren Konflikten abgesehen ­ recht unauffällig mitlaufen. Ich war lieber alleine, ­ das ist auch durchaus aufgefallen, ­ aber so lange es keine Konflikte mit Lehrkräften gab, wurde ich kaum registriert – wahrscheinlich, weil Mädchen eben schüchtern sind? Meine Klassenkameraden habe ich so direkt gar nicht wahrgenommen, ich ließ sie in Ruhe, so lange man mir meine Ruhe ließ. Und es gab durchaus laute und auffällige Schüler, die teils auch sehr aggressiv waren, das war häufiger ein Thema, das die Lehrer beschäftigte.

In den zwei Jahren, die ich auf der ersten weiterführenden Schule war, waren die Konflikte hingegen wesentlich heftiger – allerdings habe ich die Ursachen und Anbahnungen dieser Konflikte nie kommen sehen. Es kam immer wieder zu Gängeleien, vor allem von seiten zweier Lehrkräfte. Letzten Endes und nach gut zwei Jahren konfrontierte man meine Eltern und mich überraschend mit einer Schulsuspendierung. Meine Eltern suchten daraufhin das Gespräch mit den Lehrkräften, allerdings liefen sie hier gegen eine sprichwörtliche Wand. Die Suspendierung sei auf Anraten des Schulpsychologen geschehen, den ich bis dahin und auch danach nie zu Gesicht bekommen hatte. Heute weiß ich, dass diese Suspendierung so auch keineswegs erlaubt war, es gab keine Klassenkonferenz, keine Elterngespräche – und auch in der Schulakte tauchte diese Suspendierung nicht auf, wie ich Jahre später erfuhr. Trotzdem legte mir die Schule auf, dass ich – wieder auf Anraten des Schulpsychologen – in der Woche, die ich zu Hause verbringen musste, das Haus nicht verlassen und keinen Kontakt zu Klassenkameraden haben durfte. Das war der Punkt, an dem meine Eltern sich entschlossen, mich von der Schule zu nehmen. Damals wussten sie schlicht nicht, dass weder die Suspendierung rechtens oder gar genehmigt war, noch dass die Schule das Recht hatte, mir einen Hausarrest und eine Kontaktsperre aufzuerlegen.

Nach dem Schulwechsel war mein Misstrauen dann natürlich entsprechend groß. In der neuen Schule hielt ich mich von Lehrern und Schülern gleichermaßen fern, auch wenn hier die Bosheiten vor allem von Klassenkameraden ausgingen.

Ich weiß nicht, ob das Ihre Frage beantwortet, warum kein „Hilfssystem ansprang“, wie Sie es formulierten. Ich würde behaupten, dass ­ selbst wenn diese Systeme „ansprangen“ ­ sie keine Chance hatten, das Ziel zu erreichen – ich hatte schließlich gelernt, dass es nur ein unauffälliges Mitschwimmen ermöglicht, einigermaßen in Ruhe leben zu können.

Mit lieben Grüßen

Sophie“

 
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Verfasst von - 22. März 2014 in Briefe

 

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12. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

ich hatte den Eindruck, mich heute nicht wirklich verständlich machen zu können. Daher versuche ich auf diese Art noch einmal, es „übersichtlicher“ zu machen.

Mir sind zum Arztbesuch einige Fragen gekommen: So war mir erstens nicht bewusst, dass ich „ängstlich“ wirke. Mir war die Situation extrem unangenehm, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass Ärzte meine Grenzen nicht wahrnehmen oder ignorieren. Zum anderen hatte ich nach Arztbesuchen häufiger den Eindruck, dass ich mit einem Thema aus einer Praxis komme, mit dem ich ursprünglich gar nicht in die Praxis gegangen bin. Schlicht, weil die Ärzte die „falschen“ Fragen gestellt haben und damit das Gespräch in eine ganz neue Richtung gelenkt haben – das Eigentliche ging aber unter.

Ich fand die Praxis sehr laut und unübersichtlich, das Knattern des PCs und vor allem der laute Drucker und die Gespräche aus dem Nebenraum fand ich sehr störend. Jedoch hatte ich meinerseits nicht das Gefühl, ängstlich zu sein. Überfordert – ja.

In Bezug auf die Blutprobe muss ich vielleicht auch eine Erklärung nachschieben, die für mich so offenkundig war, dass ich nicht dachte, dass ich darauf eingehen muss. Ich habe weder ein Problem mit Spritzen noch mit Blut. Auch in Bezug auf Schmerzen habe ich keine Bedenken oder was das Können der Arzthelferin anbelangt. Mir ging es lediglich darum, dass ich nicht angefasst werden wollte – und das lässt sich bei einer Blutabnahme nicht vermeiden. Wenn ich die Abnahme selbst vornehmen könnte, dürfte der Arzt soviel Blut haben, wie er möchte.

Eine weitere Frage betrifft die Vitamin-Mangelerscheinung. Die Erklärung leuchtete mir soweit ein. Allerdings verstehe ich nicht, warum das – gesetz dem Fall, dem ist so – nicht bereits weit im Vorfeld aufgefallen ist.

Nichtsdestotrotz werde ich die Tabletten nehmen. Schaden können sie offenbar nicht und vielleicht sind sie ja doch das „Wundermittel“, nach dem ich so lange suche…

Liebe Grüße,

Sophie“

 
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Verfasst von - 9. März 2014 in Alltägliches

 

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Zwischen Gedanken – Nach dem Arztbesuch – Teil II

Sophie:

Insgeheim hatte ich ja doch die Hoffnung, dass das anders ablaufen kann, wenn jemand dabei ist, der die Situation von außen steuert. Ich komme mir nach solchen Momenten immer vor wie ein Idiot. Die Tatsache, dass der Philosoph da nicht gegensteuern konnte, zeigt mir aber zumindest, dass dieses Problem in der Kommunikation tatsächlich existiert. Das diese imaginäre Glasscheibe, die zwischen mir und dem Rest der Welt zu stehen scheint, kein reines Konstrukt ist. Denn manchmal glaube ich schon, dass ich einfach nur verrückt bin…

Platon:

Ich werde mit Sophie über diesen Besuch noch ausführlicher reden. Mich interessiert ihre  Wahrnehmung und ihre Meinung. Ich habe aber auch gesehen, wie schwer ihr offenbar  der Kontakt zur Außenwelt gelingt, wenn dort normaler Alltagswusel ist. Wie sehr sie als  Fremdkörper auf ihre Mitmenschen wirkt. Und wie sehr sie missverstanden wird.

Sophie:

Es sind noch Fragen geblieben, die ich ansprechen möchte. Dinge, die ich noch nicht ganz verstehe. Zum Beispiel, warum der Arzt mich für ängstlich gehalten hat. Was ihn wohl zu dem Trugschluss gebracht hat? Und ich muss klären, ob ich wirklich der Alien bin – oder der Arzt in Teilen auch nicht adäquat reagiert hat. Ich kann das nicht beurteilen, aber ich hoffe, dass der Philosoph es kann. Ich werde die Fragen beim nächsten Mal stellen. Heute kann ich das nicht mehr.

Platon:

Diese Probleme, wie sie jetzt aufgetreten sind, betreffen nicht nur Arztbesuche, sondern wohl alle öffentlichen Plätze, wie zum  Beispiel Kaufhäuser und Lebensmittelmärkte. Und sie werden wahrscheinlich auch Folgen haben. Auch darüber werde ich noch ausführlicher mit ihr reden. Wenn sie das möchte.

 
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Verfasst von - 8. März 2014 in Zwischen Gedanken

 

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Zwischen Gedanken – nach dem Arztbesuch – Teil I

Sophie:

Das war ein Reinfall. Und irgendwie klassisch. Ich kenne solche Situationen, die sich gerade bei Ärzten bis ins Groteske steigern können. Ich komme mit einer medizinischen Frage zu Sachverhalt A, gehe aber mit einem Rezept und vielen Weisheiten zu Sachverhalt B, der eigentlich nichts mit mir zu tun hat.  Es ist – ja, frustrierend trifft es wohl. Und ermüdend.

Ich merke, dass die Wartezimmer-Situation mich geschlaucht hat. Und das Arztgespräch nur verwirrend und ermüdend war. Der Druck im Hinterkopf, der das Denken träge macht, meldet sich verstärkt. Ich bin wieder an dem Punkt bin, an dem es mir eigentlich zuviel ist. Genau das sollte ja eigentlich nicht passieren. Vor allem nicht bei Dingen, die für andere Menschen offenbar simpel und alltäglich sind.

Platon:

Ich bin unzufrieden. Wir sind keinen Schritt weiter. Ich ärgere mich auch, dass das mit dem  Brief offenbar nicht geklappt hatte. Ich wollte den Arzt ja zuvor telefonisch erreichen. Das klappte aber nicht. Darum dann der Brief. Für die Zukunft ist es ratsamer, wenn ich vorab mit dem Arzt alleine spreche.

Sophie:

Ich frage mich – wie so häufig nach solchen Situationen – was ich eigentlich an mir habe, dass ich offenbar wie ein Alien wirke. Dass es mir nicht gelingt, in einem fünfminütigen Arztgespräch die Dinge klar an den Mann zu bringen und dabei so aufzutreten, dass nicht nur mein Befinden, sondern auch meine Zustandsbeschreibung darüber in Frage gestellt wird. Ich glaube, nach so vielen Jahren, in denen sich das immer und immer wiederholt, kann ich nur schwer behaupten, dass diese kommunikativen Katastrophen die „Schuld“ der anderen seien.

Platon:

Ich hatte gehofft, dass wir zu dritt über die Schlafstörungen von Sophie reden, eventuell  medikamentöse Optionen in Betracht ziehen. Damit ihre permanente Müdigkeit gelindert  wird.

Auch Aspekte einer möglichen Mangelernährung hätte ich gerne etwas ausführlicher  besprochen. Aber offenbar ist es mir nicht gelungen, mein Problembewusstsein zu vermitteln.

 
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Verfasst von - 6. März 2014 in Zwischen Gedanken

 

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10. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

ich freue mich, dass es Ihnen offenbar etwas besser geht.

Ich halte Sie nicht für eine Spinnerin. Ganz im Gegenteil: Ich zolle größten Respekt, wie Sie all die Jahre alles geschafft haben und so weit gekommen sind. Sie schreiben und beschreiben Ihre Situation so deutlich für mich, dass ich regelrecht miterleben und „mitfühlen“ kann.

Sie haben recht, es sollte ein Veränderungsprozess eingeleitet werden. Habe mir schon einige konkrete Gedanken dazu gemacht.

Liebe Grüße

Platon“

 
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Verfasst von - 23. Februar 2014 in Briefe

 

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10. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

nein, nicht unangemessen. Ich wusste nur nicht, wie ich reagieren sollte. Die Matrix hat sich wohl aufgehängt… Und nein, Ihre Anfragen stören auch nicht. Ich habe ja jederzeit die Möglichkeit, den PC auszumachen. Ich habe gestern die Dunkelheit der Nacht genutzt. Rausgehen würde ich heute noch nicht, aber das Licht blendet heute nicht mehr ganz so unerträglich wie gestern. Und auch die Nachbarn waren ab 2 Uhr endlich ruhig. Ich konnte zwar nicht schlafen, aber dieses Zuviel an allem hat für ein paar Stunden aufgehört.

Normalerweise kenne ich die Anzeichen vorab ganz gut und ziehe mich selbst auf vertrautes Terrain zurück. Je früher mir das gelingt, desto geringer sind dann auch die Auswirkungen.

Die Notabschaltungen – ich weiß einfach nicht, wie ich es besser umschreiben soll – sind zum Glück selten. Die letzte war vor etwas über einem Jahr. Ich hatte ein Seminar auf einer Messe und den ganzen Tag waren sogenannte Cosplayer unterwegs, bunt kostümierte Menschen. Es war voll, laut und eine komplett verdrehte Welt. Ich habe es da eigentlich keine Stunde ausgehalten, musste aber Fotos machen. Selbst durch den Sucher der Kamera war das alles zu viel. Am Abend fuhren wir mit der Straßenbahn (was auch nicht besser ist) zurück und saßen irgendwann irgendwo in einem Restaurant, mitten im Durchgangsweg mit 20 Leuten an einem langen Tisch. Das Essen habe ich nicht angerührt. Irgendwann verschwimmen die Geräusche immer mehr, bis sie nur noch eine Art „weißes Rauschen“ sind, ich verstehe dann so gut wie kein Wort mehr. Meist bekommen die Leute um mich herum, wenn welche dabei sind, nicht davon mit, außer dass ich „still“ bin.

Ich habe leider noch kein wirklich wirksames Mittel dagegen gefunden. Ich habe eine Decke, die um die sechs Kilo wiegt, das hilft ein wenig, weil es ein begrenzender, gleichmäßiger, kontrollierter, taktiler Reiz ist, das hilft aber nur in der Anfangsphase.

Ich hoffe, Sie halten mich jetzt nicht für eine komplette Spinnerin.

Liebe Grüße

Sophie“

 
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Verfasst von - 22. Februar 2014 in Briefe

 

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9. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie

jetzt bin ich unsicher, ob ich angemessen reagiere. Würde Ihnen gerne helfen, kann aber zurzeit wohl nur wenig machen. Vielleicht stören Sie sogar meine Anfragen auch, da können Sie ehrlich mit mir sein.

In jedem Fall habe ich in den letzten Wochen einen – so wie ich denke – tiefen Eindruck bekommen, wie Sie die Welt wahrnehmen und sich darin fühlen.  Kann ich Sie in irgendeiner Form unterstützen? Hilft es Ihnen, wenn Sie mir schreiben?

Platon“

Und wieder die Frage an die Leser: Welche Optionen würdet ihr vorschlagen? Tipps, Tricks, den einen oder anderen Kniff? Oder würde eine solche Situation für euch mit der gleichen Unsicherheit behaftet sein, wie sie bei Platon im ersten Abschnitt anklingt?

 
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Verfasst von - 20. Februar 2014 in Briefe

 

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9. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

ich habe Ohrenstöpsel, die bestimmte Frequenzen rausfiltern. Das gilt aber eben nur für bestimmte Frequenzen. Das Mofa vom Nachbarn und auch dessen Traktor gehören nicht dazu. Im Moment feiern sie in der Scheune, da trifft sich gerade die halbe Dorfjugend.

Ich habe hier schon eine Folge in Dauerschleife, meine Lieblingsfolge. Allerdings steht der PC während des Abspielens so, dass ich es nicht sehe, weil es einfach zu grell war. Jetzt ist es draußen dunkel, da kann ich endlich die Monitor-Helligkeit reduzieren. In meiner alten Wohnung konnte ich in solchen Situationen die Rollläden runter lassen und die Fenster waren ziemlich schalldicht, wenn sie geschlossen waren. Hier sind die Fenster nicht so dicht und haben auch keine Rollläden. Ich habe bereits Handtücher davor gehängt, aber wirklich geholfen hat das nicht.

Nach draußen hätte ich mich so nicht gewagt. Ich kenne die Gegend kaum und hatte vorhin schon Probleme, die Apotheke wiederzufinden, weil es da so voll und laut war. Und ich weiß nicht, ob es so gut wäre, wenn mich jetzt Nachbarn ansprechen. Die sind ja alle draußen unterwegs und hier spricht jeder jeden an.

Ich mag das nicht. Aber ich muss das in den Griff bekommen. Der nächste Schritt ist dann wie eine „Notabschaltung“ vom Gehirn, dann höre ich fast gar nichts mehr und sehe sehr schlecht, habe darüber dann gar keine Kontrolle mehr. Das will ich verhindern.

Und nein, gegen das Gedankenkreisen hilft das letzten Endes nicht. Ich weiß allerdings auch nicht, inwiefern das eine aus dem anderen resultiert. 

Liebe Grüße

Sophie“

 
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Verfasst von - 18. Februar 2014 in Briefe

 

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