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Schlagwort-Archive: Autismus

Die Zugfahrt – Teil II

Platon

Die Geschichte, die mir Sophie erzählt, scheint im ersten Moment kaum vorstellbar. Je mehr ich aber darüber nachdenke, umso deutlicher sehe ich die Szene vor mir, und um so klarer wird mir auch, warum gerade Sophie für diese Intervention am besten geeignet war. Da Sophie ohnehin ohne Blickkontakt unterwegs ist, fällt ihr ein bewußt unterlassener Blickkontakt nicht schwer. Da sie auch nonverbal so gut wie unsichtbar in sozialen Situationen agiert, braucht sie sich keine zusätzlichen Gedanken darüber zu machen, wie sie nonverbal ihre Entschlossenheit demonstriert. Sie ist einfach wie sie immer ist. Sie weiß ja nicht einmal genau in der Situation, ob sie Angst haben soll oder nicht oder diese sogar tatsächlich verspürt. Und gerade das macht Sophie offenbar in dieser Situation so stark, so überzeugend und unangreifbar. Sie bleibt auf der Sachebene, zeigt keine Emotionen. Stur den Blick auf irgendwelche Details gerichtet, die Mimik ohne jegliche soziale Modulation.

Sophie

Ich sitze den beiden Handy-Störenfriede schräg gegenüber. Das Gedudel ist so nervig, ich meine zu spüren, wie meine Nerven sich anspannen. Das geht mir im wahrsten Sinne des Wortes auf die Nerven. Und nicht nur mir. Auch den anderen Zugteilnehmern, die immer wieder laut schimpfen, aber keine spürbare Reaktion von der Musik-Fraktion erhalten.

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche. Suche im Menü und finde das Lied, dass mir eine Bekannte vor einigen Wochen mit dem Vermerk „Musik als Folter“ geschickt hat. Zum türkischen Techno gesellt sich Helene Fischer. „Wir ziehen durch die Straßen und die Clubs dieser Stadt, das ist unsere Nacht, wie für uns beide gemacht, oh-oh, oh-oh…“ Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie die beiden Herren sich aufsetzen. Ich vermute, dass sie in meine Richtung schauen, bin aber nicht sicher. „Was das zwischen uns auch ist, Bilder, die man nie vergisst…“ Das ist ja wirklich Folter.

Platon

Sie spiegelt letztlich das Verhalten der Störenfriede, und gibt diesen gleichzeitig keine Chance, etwas dagegen zu unternehmen. Das letzte Mittel wären nur Handgreiflichkeiten, und dazu waren die drei Herren dann wohl doch nicht bereit. Oder vielleicht doch? War es gefährlich? Ich diskutiere mit Sophie darüber, und merke, dass sie nicht in der Lage war, die Gefahr einzuschätzen. Ich übrigens auch nicht, zumindest nicht aus ihren Erzählungen. Nennt man so etwas nun Civilcourage oder Risikofreude? Oder Dumm? Nicht wenige mussten für ihren Mut und ihr Engagement schmerzhaft bezahlen.

Auf jeden Fall war Sophie in diesem Abteil vermutlich ein kleiner Star, jemand, der durch sein Handeln das Wohlwollen und den Respekt der Mitreisenden auf plötzlich auf seiner Seite hatte. Für einen kurzen Moment ist Sophie aus der sozialen Unscheinbarkeit in das Scheinwerferlicht des täglichen gesellschaftlichen Wahnsinns gerückt.. Mit Erfolg und Applaus. Auch ich zolle ihr meinen Respekt. Und ich überlege, ob auch ich dazu bereit gewesen wäre. Und wie es dann wohl geendet hätte? Auf jeden Fall geht mir seit dieser Erzählung das Lied von Helene Fischer lange nicht mehr aus dem Kopf. Und diese ganze Situation. Schade, das wäre eine tolle Aufnahme für ein Handyvideo gewesen …

Sophie

Helene Fischer setzt an zum Refrain: „Atemlos durch die Nacht, bis ein neuer Tag erwacht.“ Meine Güte. Endlich hat die Fraktion gegenüber ein Einsehen. Vielleicht funktioniert auch der Folter-Aspekt. Auf jeden Fall hört die Geräuschbelästigung drüben genauso schlagartig auf, wie sie begonnen hat. Die beiden schalten das Handy aus. Ich tue es ihnen – immer noch ohne einen Blick hinüber – gleich und im Abteil herrscht für ein paar Sekunden Stille. Zu meiner Verblüffung beginnt das ältere Pärchen einige Reihen weiter zu klatschen. Die anderen Zuggäste tun es den beiden gleich. Mir ist das unangenehm. Ich wollte doch nur meine Ruhe.

Eine Viertelstunde später sehe ich, wie einer der beiden Männer erneut sein Handy aus der Tasche zieht. Ohne einen Blick hinüber greife ich zu meinem Telefon. Wir können das Spielchen gerne noch mal machen, denke ich mir. Aber die Konditionierung scheint funktioniert zu haben. Ich sehe, dass er mir einen langen Blick zuwirft. Was auch immer der heißen mag. Und dann sein Handy wieder einsteckt. Na bitte. Einziger Nachteil: Das Pärchen am anderen Ende des Abteils fand die Geschichte so toll, dass sie sich zu mir setzen und mir vom Ziel ihrer Reise erzählen…

Als ich glücklich meinen Zielbahnhof ohne weitere Vorkommnisse erreicht habe, erzähle ich dem Philosophen von dem Zwischenfall. Und vor dessen Auge scheinen ganze Horrorszenarien mit Schlägereien und was weiß ich nicht alles aufzutauchen. Ich hatte überhaupt nicht bedacht, dass irgendwas hätte schiefgehen können. Für mich gab es nur: Kann funktionieren. Kann aber auch nicht.

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Verfasst von - 25. März 2015 in Alltägliches

 

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Jedem seine Prüfung – Zwischenfrage

Der Philosoph hat Zweifel, Sophie schwankt zwischendurch – und der entscheidende Arztbesuch für eine Art der „Tauglichkeitsbescheinigung“ steht nun kurz vor der Tür. Vorher interessiert uns aber, was IHR glaubt. Kann jemand mit ASS überhaupt als „tauglich“ angesehen werden, um später im psychotherapeutischen Bereich zu arbeiten? Hat das Vorteile? Oder doch eher Nachteile? Wir sind gespannt auf das Ergebnis.

Auflösung am 14.02.2015:

„Logisch! Wo ist das Problem?“ – 74,67 %

„Hm. Ein bisschen skeptisch wäre ich schon.“ – 25,33 %

„Klare Sache. Ein absolutes No-Go.“ – 0 % 🙂

 
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Verfasst von - 4. Februar 2015 in Alltägliches

 

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Alleinflug

Sophie

„Kannst du das nicht machen?“ Die Frage erwischt mich vollkommen unvorbereitet. Ich stehe in einem der Büros einer großen Bildungsinstitution und wollte eigentlich nur etwas abgeben. Direkt neben mir findet ein Gespräch statt, über die Integrationsassistenten, die Schüler im Unterricht begleiten sollen. Diese werden hier ausgebildet und bislang lief der fünfstündige Ausbildungsblock über Autismus über das Autismus-Therapie-Zentrum. Und die wollen nicht mehr, glaubt zumindest die Dame im Büro. Ich weise darauf hin, dass die ATZs komplett überlaufen seien und den Mitarbeitern wohl schlicht die Zeit für externe Schulungen fehle. Das sei doch kein Ding, da mal ein paar Sachen zu Autismus zu erzählen, moniert die Dame. Ich möchte sie aufklären, dass es mit „ein paar Sachen“ nicht getan ist und erläutere ihr ausführlich, welche Dimensionen die Thematik hat. Irgendwann fällt sie mir ins Wort: „Kannst du das nicht machen?“ Ich bin völlig überrumpelt. „Das hier wäre der Dozentenvertrag und du scheinst ja Ahnung zu haben. Dann machen wir den Block auf 20 Stunden, nicht auf fünf. Toll, freut mich. Willkommen im Team.“ – Okay. SO war das definitiv nicht beabsichtigt. Ganz und gar nicht. Mit dem Dozentenvertrag in der Hand verlasse ich die Bildungseinrichtung. In zwei Wochen ist die erste Unterrichtseinheit.

Platon

Sophie berichtet beiläufig, dass sie nun die I-Helfer schulen wird. Ich schaue sie etwas ratsuchend und ungläubig an. „Sie schulen die Unterrichtsbegleiter für die Schulen des Landkreises zum Thema Autismus?“ frage ich hoch erstaunt. Sie bestätigt kurz und knapp: „Ja“. Ich frage jetzt nach: „Sie alleine? In welchem Rahmen? Wie sind Sie daran gekommen?“. Ich bin gespannt auf die Antworten:  „Ja, ich alleine, das werden etwa 20 Teilnehmer sein, das Seminar ist an vier Tagen für jeweils fünf Stunden geplant. Ich wurde von der Sekretärin in der Einrichtung darauf angesprochen.“ Ich bin platt und beeindruckt. Und skeptisch. Sehr skeptisch.

Sophie

Der Philosoph ist skeptisch. Ich erzählte ihm von dem Vertrag, unschlüssig darüber, ob das eine gute Sache ist oder in einer Katastrophe endet. Ich werde den Eindruck nicht los, dass der Philosoph mit Letzterem rechnet. Er bietet mir an, meine Unterlagen durchzugehen. Ich habe keine. Druckse und winde mich ein wenig, denn das Seminar ist in zwei Tagen. Eine Präsentation habe ich im Kopf, aber noch nicht vorbereitet. Ich weiß zudem nicht, welchen Stand die Teilnehmer in der Ausbildung mitbringen. Angeblich kommen diese von der Agentur für Arbeit, müssten diese Umschulung machen, um die Leistungen nicht gekürzt zu bekommen. „Ganz niedriges Niveau“, hieß es in der Bildungseinrichtung. Ich kann damit nichts anfangen. Wissen hat für mich kein Niveau. Entweder es ist da oder es ist nicht da.

Der Philosoph befürchtet, dass Krawallmacher dabei sein werden. Die den Kurs sprengen wollen, schon aus Prinzip. Zumal die Teilnehmer alle wohl wesentlich älter als ich sein werden. Ich frage mich, was wohl passieren wird, wenn ich – die teils für 16 gehalten wird – da auftauche und denen irgendwas erzählen möchte, von dem ich selbst nicht sicher bin, ob ich da wirklich eine „Fachkraft“ in eigentlichen Sinne bin. Und ich habe das Gefühl, dass der Philosoph sich mit seiner wirklichen Einschätzung der Situation noch sehr zurückhält. Aber zurück kann ich auch nicht mehr. Die erste Ausbildungseinheit steht ja kurz bevor…

Platon

Ich habe mit Sophie ja schon ein Seminar in Co-Moderation durchgeführt. Sie kann das prinzipiell. Aber ganz alleine? Das traue ich ihr nicht zu. Zumindest nicht voll und ganz. Fachlich schon. Natürlich. Aber organisatorisch? Und wenn es schwierige Teilnehmer gibt? Ich bin sehr sehr skeptisch. Ich überlege, ob ich es ihr sagen soll. Oder ob ich ihr Hilfe anbieten soll. Ich entscheide mich für Letzteres. Ich biete meine Unterstützung an, sogar, dass ich zu Beginn mit dabei sein könnte. Sie lehnt ab. Das wäre wohl nicht erforderlich. Und ich denke, dass sie Recht hat, denn es macht nur Sinn, wenn sie allein diese Aufgabe bewältigt. Wenn ich dabei wäre, dann wäre es nicht mehr ihr Seminar. Sie soll es versuchen. Und ich bin ganz ehrlich: Ich gebe ihr eine fifty-fifty-Chance, dass es ihr gelingt. Wenn es klappt, ist es für Sophie ein Meilenstein. Wenn nicht, dann lediglich ein gescheiterter Versuch, der nicht weiter ins Gewicht fallen sollte. So bewerte ich die ganze Sache..

Ich biete ihr noch Unterstützung bei den Seminarunterlagen an. Sophie lehnt ab. Ich bin jetzt sehr gespannt…

 

 
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Verfasst von - 22. Oktober 2014 in Neue Wege

 

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21. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie

Hallo Platon,

die letzten Wochen waren anstrengend. Zu anstrengend. Ich bin unschlüssig und weiß nicht so recht, wie es weitergehen kann. Die Situation auf der Arbeit ist für mich nicht mehr tragbar. Die vielen Lichter, die vielen Menschen, das ständige Telefonklingeln, immer lächeln und freundlich sein und Smalltalk betreiben, die mangelnde Qualität der Arbeit und auch das fehlende Engagement meiner Kollegen – ich habe den Eindruck, dass auf mehreren Ebenen nichts funktioniert. Vielleicht könnte ich mit dem Gewusel noch umgehen, wenn ich wüsste, dass ich in Ruhe arbeiten kann und die Dinge richtig mache, die ich gelernt habe. Vielleicht könnte ich das Telefon akzeptieren, wenn ich wüsste, dass eine geschlossene Tür nicht als Affront gesehen wird. Vielleicht könnte ich die Außentermine wahrnehmen, wenn sie sachlich orientiert wären – aber wie oft geht es dabei um viel mehr als die reine Sache? Vielleicht könnte ich die mangelnde Tiefe der Arbeit akzeptieren, wenn ich wüsste, dass das, was gemacht wird, richtig gemacht wird. Aber es geht nicht darum, dass es richtig gemacht wird, sondern darum, dass einfach „etwas“ gemacht wird. Manchmal gemessen an Faktoren, die nicht nachvollziehbar, die nicht verstehbar sind, die teilweise sogar jeder Grundlage dessen widersprechen, als was ich eigentlich arbeite. Der quantitative, vor allem aber der qualitative Anspruch tendiert Richtung Null. Und das frustriert ungemein. Dazu kommen Dinge, die hier passieren, und die ungerecht sind. Teils sogar sehr ungerecht. Aber wenn ich etwas sage, dann droht man mit Abmahnung oder Kündigung, teils sogar offen. Selbst, dass ich stets pünktlich zur Arbeit erscheine, wurde kritisiert. Weil alle anderen Kollegen unpünktlich kommen, soll ich dies auch machen, damit sie nicht „schlecht“ dastehen. Ich verstehe es nicht.

In den letzten Tagen hatte ich viele Termine außerhalb. In Schulen, in der Innenstadt, bei lauter Musik und viel zu vielen Menschen. Das ermüdet ungemein. Und dann sitze ich über Stunden an meinem Arbeitsplatz, habe nichts mehr zu tun, weil ich „zu schnell“ gearbeitet habe, darf mir aber nichts anmerken lassen, dass ich nichts zu tun habe. Und selbst das Nichts-Tun ermüdet mich zwischenzeitlich. In der Nacht kann ich nicht schlafen, am Morgen möchte ich am liebsten nicht aus dem Haus. Ich beginne Montags und hoffe auf Freitag, verlasse Freitags das Büro und verbringe mein Wochenende in der Angst vor dem Montag. Es sei denn, es steht eine Wochenendschicht an, dann brauche ich mich vor Montag nicht zu fürchten, sondern vor Samstag.

Dazu kommt noch das soziale Possenspiel, das ich langsam, aber sicher, nicht mehr ertrage. Schon morgens der „nette Plausch“ mit der Sekretärin, dann das erste Büro und wieder drei auswendig gelernte Sätzchen. Alles, nur damit die „Stimmung“ stimmt – und das auch nur oberflächlich. Am schlimmsten ist es im großen Durchgangsbüro, das nur nachmittags besetzt ist. Eine der Frauen dort ist sehr freundlich zu allen Kollegen, verlassen diese aber den Raum, geht das Gehetze los. Sie sind sehr laut, selbst bei geschlossener Tür kann ich sie hören. Und ich verstehe es nicht. Wenn mich an jemandem etwas stört, dann spreche ich es an. Und zwar bei der betreffenden Person, nicht bei den Kollegen, die sich wiederum in Anwesenheit der betreffenden Person in Schweigen retten. Teils gehen diese Lästereien, diese Intrigen, dieses Gehetze bis ins Büro des Chefs. Ich gehe dem aus dem Weg, will mich daran nicht beteiligen. Und möchte auch gar nicht wissen, wie oft ich selbst Ziel dieser Hetzerei bin, sobald ich das Büro verlasse.

Ich merke, dass mir zunehmend die Energie abhanden kommt. Wären die Einzelfaktoren an sich vielleicht kein großes Drama oder zumindest irgendwie zu managen, so macht die Summe einen Zustand, den ich immer mehr als unerträglich definieren würde. Und ich möchte nur noch weg. Weg aus meinem Haus, weg aus meinem Büro, weg von allem – irgendwo dorthin, wo es ruhig und still ist. Wo kein Mensch ist, nichts passiert.

Ich fange an, Fehler zu machen. Und das Schlimme ist, dass es mir zwischenzeitlich egal ist. Mir fehlt das Lernen, der Input, die Zeit, die Aufgaben richtig und perfekt zu machen. Vielleicht kann ich all das nicht? Vielleicht ist es nur eine Station mehr in der Chronologie des Scheiterns? Auch wenn ich noch nie in einer derart kurzen Zeit eine Perspektive an die Wand gefahren habe…

Bislang habe ich mich nicht getraut, darüber nachzudenken, denn ich bin hier alleine, ohne Sicherheiten, in einem schlechtbezahlten Job in einer Region mit wenig Aussicht auf eine andere Anstellung. Und ich wäre an einer fast schon banalen Aufgabe gescheitert. Aber ich befürchte, dass ich mich komplett aufreibe. Dass ich die zwei Jahre, die mein Vertrag läuft, nicht überstehen werde. Dass ich nicht einmal die nächsten zwei Monate überstehen werde. Und dass ich in diesem Büro nicht wirklich erwünscht bin, nicht „dazugehöre“, das merke ich auch so. Ich sollte das Ganze beenden, bevor es andere machen. Ich denke, es wäre vielleicht nicht klug, aber richtig, diese Stelle zu kündigen. Auch wenn ich keine Ahnung habe, ob und wie es danach weitergehen kann, ich hätte ja nach den paar Monaten nicht mal Anspruch auf Arbeitslosengeld… Klingt nach dem direkten Weg in Hartz IV. Ich habe es verbockt.

Liebe Grüße

Sophie“

 
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Verfasst von - 23. August 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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Innenwelten – Angst

Sophie:

Angstgesteuert. Das ist ein Begriff, den ich gerne mal für einige meiner Reaktionen verwende. Auch wenn ich mir nicht sicher bin,  ob das, was ich als „Angst“ bezeichnen würde, wirklich auch landläufig als Angst bezeichnet wird. Denn es sind ausschließlich die Kleinigkeiten, die mir Angst machen. Die aber dafür nachhaltig. Und quasi ständig, als begleitender Zustand des Alltags. Neue, unbekannte Situationen versetzen mich förmlich in einen panischen Zustand. Ein Überrollen von Außenreizen triggert förmlich die Angst. Die Gedanken werden sprunghaft, rasen nur so dahin – bis zu dem Punkt, an dem nichts mehr geht. Und alles erstarrt, „einfriert“.

Eindeutig angstbesetzt sind soziale Situationen. Dabei habe ich keine Angst vor den Menschen selbst, ich habe kein Problem damit, mich vor eine Gruppe zu stellen und etwas zu erzählen. Erst recht nicht, wenn ich mich auf meinem Fachgebiet bewege, dann habe ich auch keine Bedenken, mitten hinein in die Konfrontation und Diskussion zu gehen. Die Angst taucht erst auf, wenn ich MIT diesen Menschen kommunizieren muss, wenn es mir nicht gelingt, das zu sagen, was ich sagen will, wenn ich nicht verstanden werde. Und je mehr Angst ins Spiel kommt, desto mehr Schwierigkeiten werden sichtbar. Ich hinterfrage jeden meiner Sätze, ob er richtig verstanden wird, ob mein Gesprächspartner etwas an meinem Gesicht oder meiner Körperhaltung als unangemessen empfinden könnte, ob das, was er oder sie sagt, auch von mir richtig verstanden wird, ob Missverständnisse vielleicht gar nicht angesprochen, sondern gleich fehlinterpretiert werden – eine entspannte Gesprächssituation sieht wohl anders aus.

Platon:

Es fällt mir schwer, über meine eigene, persönliche Wahrnehmung von Angst zu schreiben. Es scheint, als fehlte mir eine zusammenhängende und schlüssige Datenbasis. Natürlich hatte und habe ich Ängste, aber ich bin unsicher, ob es meistens nicht doch eher Sorgen oder Befürchtungen waren bzw. sind. Hatte ich schon Todesängste? Ich kann mich gerade nicht erinnern.

Als Kind hatte ich Angst vor Dunkelheit, alleine ins Bett zu gehen, in der Schule zu versagen. Als Jugendlicher, von bestimmten Krankheiten heimgesucht zu werden. Sozial im Mittelpunkt zu stehen. Aber das hatte wohl eher schon fast phobische Züge. Und jetzt? Die wohl größte Angst, die ich mir vorstellen kann, betrifft das Wohl der eigenen Kinder. Es würde mir die Brust zuschnüren, dass ich nicht mehr atmen könnte, mich lähmen, mich unberechenbar machen, wenn hier Gefahr drohen würde.

Sophie:

Das Fiese an dieser Alltags-Angst ist, dass sie gerade dann auftaucht, wenn es formal keinen Grund gibt. Wenn alles gut läuft, in geordneten, strukturierten Bahnen, sich die Dinge wie von selbst erledigen und ich langsam ein Gefühl von Sicherheit bekomme. Genau dann meldet sich die Angst zu Wort in Form der Erwartung, dass das ja nur eine Phase und alles bald vorbei ist. Ich eines Morgens aufwachen werde und alles nur geträumt ist. Und ich in Wahrheit auf eine große Katastrophe zusteuere, die ich einfach noch nicht erkennen kann, die sich aber in den Kleinigkeiten bereits ankündigt. Und dann beginnt der sich nährende Kreislauf, denn jede Kleinigkeit, die nun nicht ganz optimal läuft, ist für mich dann schon ein Indiz, mich in dieser Angst zu bestätigen.

Das Seltsame ist, dass diese Angst immer gekoppelt ist an andere Menschen. Ich habe keine Angst davor, einen schweren Unfall zu haben oder zu erkranken. Aber ich habe Angst davor, dass die Unberechenbarkeit anderer Menschen in meinen Alltag einbricht und meine mühsam aufgebauten Strukturen mit einem Schlag zerstört. Und ich dann dastehe, ohne Orientierung, ohne Sicherheit. Und je wohler ich mich in meinen Strukturen fühle, desto größer wird diese Angst.

Platon:

Doch letztlich kann ich wohl von ganz ganz großem Glück reden, von wirklicher Angst bisher verschont worden zu sein. Ich kann nur schwer beurteilen, woran das liegt. An der Zeit, in der ich lebe? An dem Land, in dem ich wohne? An der Familie, in der ich aufgewachsen bin? Es ist auf jeden Fall Glück, mehr wohl nicht. Großes Glück. Bis jetzt.

 
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Verfasst von - 26. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Innenwelten – Aufmerksamkeit

Sophie:

Meine alltägliche Aufmerksamkeit wird von den kleinen Dingen angezogen. Das im Morgentau glitzernde Spinennnetz im Gebüsch, der ungleichmäßig gepflasterte Stein im Fußweg, der Riss im Schuh des Philosophen oder der falsche Knopf an seinem Hemd – die kleinen Dinge erwecken unweigerlich meine Aufmerksamkeit und ziehen sie schon fast magisch an. Ebenfalls sofort aufmerksam werde ich auf Veränderungen in meinem Umfeld, ohne dass ich dies steuern kann. Ein neues Schild an einer Hauswand, ein anders stehender Stuhl, manchmal nur eine verstellte Wasserflasche auf dem Schreibtisch rücken sofort in meinen Aufmerksamkeitsfokus.

Platon:

Manchmal zieht gar nichts meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich habe den Eindruck, dass ich dann alle Dinge nur etwas oder gerade eben noch, aber nicht bewußt oder fokussiert wahrnehme. Alle Dinge um mich herum dämmern so vor sich hin. Irgendwie sind sie da, aber weit weg von meiner Aufmerksamkeit. Sobald sich aber plötzlich etwas gravierend ändert, eine für mich interessante Veränderung eintritt, eine vielleicht gefährliche Situation, ein auffälliger Mensch, ein altes Auto, ein Vogel im Flug oder bei der Landung, mir bekannte Menschen, die plötzlich auftauchen. Dann bin ich aufmerksam, zumindest für einen Moment. Genauso schnell kann meine Aufmerksamkeit aber auch wieder „abreißen“. Ähnlich wie bei der Konzentration, kann ich Aufmerksamkeit nur bedingt lange aufrechterhalten.

Sophie:

Es gibt auch Aufmerksamkeitsfresser. Dinge, die ich schön oder faszinierend finde, die sich aber, sollte ich mich konzentrieren müssen, nicht in meiner Nähe befinden dürfen. Glitzernde und sich drehende Gegenstände gehören dazu. Wie Reifen vorbeifahrender Autos. Einmal fuhr ich hinter einem Kleintransporter, der auf der Laderampe einen Besen in einer Stellage hatte. Der Besen drehte sich permanent im Fahrtwind und ich merkte, wie ich erhebliche Mühe hatte, mich auf das Fahren zu konzentrieren. Auch Deckenventilatoren in Räumen sind mir ein Graus, weil sie jede sowieso schwierige Kommunikation noch erschweren – auch hier wird mein Blick magisch angezogen und es fühlt sich fast wie eine Art Trance an.

Gleiches gilt für Muster, die nicht sinnvoll fortgesetzt werden. Eine nicht sauber verklebte gemusterte Tapete kann mich dann unter Umständen wahnsinnig machen. Weil sie jedes Mal in meinen Fokus rückt, wenn ich daran vorbeigehe. Und alles in mir „Fehler!“ schreit. Immerhin: Das wäre ein Fall, wo ich sogar beim Renovieren helfen würde.

Platon:

Ich kann oft nicht sagen, was andere Menschen an Kleidung getragen haben, selbst wenn sie erst wenige Minuten zuvor den Raum verlassen haben. Mir fehlt der Blick für das Detail. Daher kann ich mich wohl auch schlecht an Begebenheiten aus der Vergangenheit erinnern. Gespräche mit ehemaligen Schulkameraden verdeutlichen mir immer wieder, dass ich anscheinend fast alles aus den vergangenen Schultagen vergessen habe, die anderen sich aber noch an Geschichten bis in das kleinste Detail erinnern können, in die ich auch verwickelt war. Dann kommen immer die überraschten Fragen: „Daran kannst du dich nicht mehr erinnern? Das gibt es doch nicht!“

Auch bei anderen Dingen bin ich vermutlich zu unaufmerksam. Zum Beispiel bei privaten Gesprächen. Insgesamt scheint meine Steuerung der Aufmerksamkeit sehr situationsabhängig zu sein. Flexibel, manchmal etwas unmotiviert, manchmal aber auch bewußt gesteuert. Dennoch denke ich: Gut, dass ich kein Pilot geworden bin.

 
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Verfasst von - 19. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Innenwelten – Konzentration

Sophie:

Schon während des Studiums habe ich diese Zeiten geliebt: Fachinhalte lernen, fokussiert auf nur einen Punkt. Die Welt inexistent. Da bin nur ich – und die Buchstaben auf dem Papier, die an mir vorbeifliegen und sich genau so in den Räumen meiner Gedankenwelt niederlassen. Ich sauge das Wissen auf wie ein Schwamm das Wasser. Ungefiltert. Es ist, als wäre ich nur in meinem Kopf, als bestünde ich nur aus diesem Fokus, aus dieser Innenwelt. Hunger, Durst, Schlaf, ein klingelndes Telefon – nichts bekomme ich mit. Stunde um Stunde vergeht, manchmal ganze Nächte. Ich merke es nicht und wundere mich höchstens, dass es plötzlich hell ist. Ohne, dass ich etwas tun muss, sortiert sich das erlernte Wissen, ergänzt bestehendes, findet neue Zusammenhänge. Wie durch geistige Räume kann ich wandern und dabei die Wissenspunkte an den Orten ablegen, an denen ich sie nachher mit allen zugehörigen Assoziationen und Bildern wiederfinde. Es ist wie ein Netz, dass sich beständig weiterknüpft. Und das, wenn ich diesen Fokus habe, keine Löcher aufweist. Das ich nicht mehr vergesse.

Mit dieser Konzentration schreibe ich seitenweise meine Texte. Oft auf den Punkt. An einem Stück. Ohne auch nur einen Moment darüber nachdenken zu müssen. Meist fehlerfrei. Als würde ich mich in immer neue Höhen schrauben, ohne es überhaupt zu merken. Als gäbe es keine Welt, für die ich schreibe.

Platon:

Konzentration ist für mich fast ein Fremdwort. Zumindest aber ein ernstzunehmendes Problem. Ich schaffe es einfach nicht, mich über einen längeren Zeitraum auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren. Ich schweife ab, bin assoziativ, komme von dies auf das. Zu fast jedem Begriff der äußerlich oder gedanklich fällt, kommen mir neue Geschichten, neue Ideen in den Sinn. Ich denke in Schleifen, parallel, sprunghaft. Komme mit meinen Dingen oft nicht zuende, muss immer wieder zurückspringen, um Gedanken oder Handlungen abzuschließen. Ich verzettel mich oft, denke zu viel zur gleichen Zeit. Ich vermisse bei mir die Linearität.

Sophie:

Diese Form der absoluten Konzentration führte dazu, dass ich Unmengen an Wissen in wenigen Stunden ansammeln kann. Zum Leidwesen meiner Kommilitonen lernte ich Inhalte nur einmal – und das in der Regel maximal 24 Stunden vor der Prüfung. Oft habe ich dann auch nicht geschlafen, wandelte wie im Traum Richtung Uni und absolvierte die Prüfungen in diesem Zustand. In aller Regel mit sehr guten Leistungen. Danach war es, als würde ich aus irgendetwas aufwachen. Manchmal konnte ich nicht mal mehr sagen, welche Fragen in der Prüfung gestellt wurden. Und mehr als einmal standen ganze Buchseiten fast wörtlich in meiner Klausur. Und ich hätte sogar die Seitenzahl im Buch benennen können.

Wenn dieser Zustand gewaltsam unterbrochen wird, werde ich ungehalten. Sehr ungehalten. Es ist dann, als würde man mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Wand fahren. Ausgebremst. Und wenn dieser Zustand vorbei ist, ist er erst mal vorbei. Einfach weitermachen geht dann nicht. Als hätte jemand von diesem inneren Wissenschrank die Tür zugeschlagen.

Diese Phasen höchster Konzentration sind für mich lebensnotwendig. Als hätte mein Gehirn einen unstillbaren Durst nach neuem Wissen. In einem früheren Job konnte ich diese Konzentration nie erreichen. Immer war etwas anderes. Mein Fokus war nicht da. Ich hatte das Gefühl, verloren zu gehen in einer Außenwelt, die meine Gedankenwelt ausschließt. Innerhalb weniger Wochen wurde ich nahezu handlungsunfähig. Ich hatte das Gefühl, geistig zu verhungern.

Platon:

Das führt dazu, dass  ich nach einigen Minuten kognitiver Tätigkeit aufstehen muss, im Raum umhergehe, einen Apfel esse, die Fische im Teich fütter, doch noch einen Gartenstuhl zwischendurch mit Holzlasur streiche, mal eben so. Ich lege Dinge viel zu oft irgendwo hin, muss dann immer lange suchen. Quälend lange. Ich kann nicht an einem Stück lange lesen, es geht nur mit Pausen. Oft vergesse ich auch, wo ich aufgehört hatte zu lesen. Und wenn ich lese, galoppieren meine Gedanken oft davon, bin ganz woanders. Dann muss ich häufig ganze Kapitel erneut lesen.

Früher in der Schule wurde ich regelmäßig von der gesamten Klasse unter Gelächter ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Mit offenem Mund und verklärtem Blick schaute ich aus dem Fenster und war in tiefe Tagträume versunken. Ich kann gleichzeitig zuhören und völlig weggetreten sein. Ich glaube, ich kann meine Konzentration nur schwer steuern, häufig gelingt es mir nicht. Selbst meine Tochter sagt schon zu mir: „Papa, schau mir in die Augen, hörst du was ich sage?“

 
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Verfasst von - 16. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Innenwelten – In den Köpfen der Anderen

Sophie:

Die Situation kenne ich zu Genüge: Da trifft man eine andere Person, erzählt vielleicht etwas und erntet nur Ratlosigkeit. Weil der Andere so gar nicht weiß, was es mit dem Erzählten auf sich hat. Der Zusammenhang fehlt. In der nachträglichen Analyse geht mir dann auf: der Fehler lag bei mir. Ich habe meinem Gegenüber vorab bereits Informationen unterstellt, die es gar nicht haben konnte. Der dahinterliegende Gedankengang: Ich weiß es, also weißt du es auch. Dass das mitnichten der Fall ist, weiß ich zwischenzeitlich. Trotzdem falle ich immer wieder darauf herein. Was in meinem Kopf existiert, ist für mich so real, dass ich im Traum nicht daran denke, dass andere Menschen davon gar nichts wissen oder sich vielleicht auch gar nicht dafür interessieren.

Platon:

Ich mache mir wahrscheinlich zu viele Gedanken darüber, was andere gerade denken. Meistens, wenn ich mit Menschen in Kontakt trete, versuche ich einzuschätzen, wie ich gerade auf die anderen wirke. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Durch mein Verhalten möchte ich den anderen signalisieren, wie sie auf mich wirken. In aller Regel versuche ich das für alle Beteiligten positiv zu gestalten. Kurz gesagt: Was denkt der andere was ich gerade über ihn denke. Und was denke ich was der andere gerade über mich denkt. Und das blitzschnell und intuitiv in fast allen sozialen Situationen. Theory of mind.

Sophie:

Wahrscheinlich wäre das kein Problem, wenn andere Menschen nicht offenbar ein intuitives Gespür für die Absichten ihrer Mitmenschen hätten. Und auch eines für die Menschen, denen eben dieses Gespür fehlt. In der Praxis bedeutet das leider vor allem eines: Eine quasi unbelehrbare Naivität. Auf die Idee, dass jemand etwas nur sagt oder macht (auch wenn es nicht der Wahrheit entsprich), um mich zu einer bestimmten Reaktion zu bringen, komme ich gar nicht. Bis mich jemand darauf hinweist. Vielleicht.

Und es ist auch eine Quelle vieler Missverständnisse. Viele Informationen teile ich nicht. Nicht, weil ich sie verheimlichen möchte. Sondern weil niemand danach fragt. Wenn ich nicht darüber nachdenke, laufe ich regelmäßig in diese Falle. Weil mir überhaupt nicht auffällt, dass andere Menschen nichts fragen können, wovon sie nichts wissen. Und mein Schweigen wird dann gerne als „Verschweigen“ ausgelegt. Ich hingegen glaube bis zu dem Punkt, dass einfach kein Interesse besteht. Ein einfaches Beispiel: Habe ich ein Buch gelesen, das ich für gut befunden habe, teile ich diese Information erst einmal nicht mit. Schließlich fragt mich niemand und ich möchte mich nicht aufdrängen. Der Gedanke, dass niemand weiß, dass ich dieses Buch gelesen habe, kommt mir gar nicht. Und dass aufgrund dieses Nicht-Wissens keine Frage kommen KANN. Schließlich weiß ich ja, dass ich das Buch im Regal stehen habe und ich meine dabei aus welchem Grund auch immer, dass dieses Wissen dann auch anderen Menschen zuteil ist. Und was in diesem kleinen Beispiel vielleicht noch banal klingt, kann in der Praxis durchaus zu einem richtigen Problem werden. Denn nach der Quelle des Missverständnisses fragt kaum jemand.

Platon:

Ständig laufen bei mir Programme, die versuchen einzuschätzen, wie eine Person sich fühlt und die sie umgebende Welt wahrnimmt und bewertet. Stimmungsschwankungen bemerke ich recht sicher. Beziehungskonstellationen in Menschgruppen bleiben mir selten verborgen. Manchmal denke ich, dass ich mich dadurch zu sehr ausbremse, zu sehr auf andere, zu wenig auf mich konzentriere. Und mich zu selten mit meinen eigenen Belangen durchsetze.

Ich versuche, die Überzeugungen, die Werthaltungen und die Absichten meiner Mitmenschen zu erkennen und ihr Verhalten daran zu ergründen. Die Welt aus der Sicht meines Gegenübers zu sehen, und somit auch seine Handlungen zu verstehen. Ich bin oft selbst verwundert, wie treffsicher mir das hin und wieder offenbar gelingt. Habe ich dadurch einen Vorteil? Keine Ahnung. Ich mache das auch nicht bewußt. Ich kann wohl nicht anders. Immer denken, was die anderen über mich denken, was ich über sie denke, was hin und her gedacht oder nicht gedacht wird. Ich habe festgestellt, dass ich am wenigsten „gut kann“ mit Menschen, die sich nicht für die Gedanken der Mitmenschen interessieren.

 

 
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Verfasst von - 9. Juli 2014 in Alltägliches, Innenwelten

 

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Innenwelten – Routinen

Sophie:

Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich höre, dass Menschen etwas machen, ohne darüber nachzudenken und sich nachher sogar nicht mehr daran erinnern können. Damit meine ich nicht, dass sie es nach einer Stunde schlicht vergessen haben, sondern die Tatsache, dass sie genau im Anschluss an ihre Handlung nicht mehr wissen, was sie gerade gemacht haben.

In meinem Tagesablauf habe ich bestimmte Dinge so eingerichtet, dass ich sie immer wiederhole und sie stetig gleich ablaufen. Ich mag das, weil ich dabei weniger denken und planen muss. Ich weiß, welcher Schritt als nächstes kommt, sehe ihn direkt schon vor meinem geistigen Auge und kann in Sekundenschnelle mehrere Handlungssequenzen im Voraus denken. Neue Handlungsabfolgen muss ich ins Detail zerlegen und manchmal wollen dann meine Hände nicht so, wie ich es will und es klappt nicht gleich. Dann brauche ich länger, muss vielleicht etwas anderes probieren. Hier ist der Konzentrationsaufwand weit größer als bei meinen täglichen Routinen, bei denen ich zwar trotzdem denke, aber nicht so ein Maß an Konzentration brauche.

Platon:

Ich steige ins Auto und fahre los. Ich denke keine Sekunde über die Position oder Bewegungsabfolge meiner Gliedmaßen nach. Ich mache das Radio an, schaue durch die Gegend und vertiefe mich in Gedanken, die nichts mit dem Autofahren und der Fahrstrecke zu tun haben. Ich mache das alles automatisch. Intuitiv. Ohne darüber nachzudenken. Es entspannt mich. Ich kann mich sogar in Tagträume flüchten. Alle visuellen, akustischen und taktilen Reize werden offenbar von einem im Unterbewußten laufenden Prozessor verarbeitet und für das Autofahren ausgewertet. Solange alles planmäßig läuft, bin ich in einer anderen Gedankenwelt, sobald irgendetwas unerwartetes passiert – ein Vogel auf der Straße, ein unpassendes Geräusch oder eine unerklärliche Vibration – bin ich blitzschnell wieder im Modus Autofahren. Etwas später schalte ich meistens wieder nahtlos um in den Gedankenmodus.

So geht es mir mit vielen Situationen: Spazierengehen, Joggen, Fahrradfahren, Angeln, Segeln, usw. Mein Körper agiert meistens automatisch. Es sei denn, etwas ist deutlich anders als sonst. Ich kann sogar Gespräche führen, und gleichzeitig gedanklich in eine Parallelwelt abdriften. Oder ganze Buchseiten lesen, und dabei an ganz andere Dinge denken. Dann muss ich aber meistens die Seiten erneut lesen, weil nicht viel hängen geblieben ist.

Sophie:

Manchmal glaube ich, dass ich nur auf einer Spur denke und agiere. Und wenn diese Spur zu sehr mit Gedanken belegt ist, scheitern die Bewegungen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn ich nicht klar und bewusst die Anweisung „Hand zum Lichtschalter“ gebe, dann bleibt es dunkel. Das Licht anmachen und dabei daran denken, dass ich noch die Wäsche waschen muss, funktioniert gleichzeitig nicht. Und ganz verrückt finde ich, dass es Leute gibt, die behaupten, dass sie „nicht“ denken. Das kenne ich nicht. Ich denke immer. Mal Schönes, mal weniger Schönes, aber ein „Nichts“ gab es noch nie. Und wenn ich mich auf die Bewegung konzentriere, dann ist die Kapazität für ein „Gespräch nebenher“ unter Umständen schon belegt.

Wenn ich doch mal gedanklich abgleite (wobei ich dabei immer noch denke), dann unterbreche ich auch die Bewegung, die ich gerade mache. So, als wäre die Energie aus dem Bewegungsapparat abgezogen und werde nun an anderer Stelle gebraucht. Selbst einfaches Geradeauslaufen klappt dann nicht mehr – ich bleibe einfach stehen. In dem Fall vergesse ich dann aber wirklich alles, selbst der Satz, den ich gerade noch sagen wollte, der bricht dann -…

Platon:

Ich wage zu behaupten, dass ich zu 95 Prozent am Tag meine Körperbewegungen nicht bewußt steuer. Vermutlich sind es 99 Prozent. Meine Gedanken und Kognitionen allerdings wähle ich meistens bewußt. Ich komme zwar von Höckschen auf Stöckschen, bin aber zumeist in bewußter Steuerung meiner Gedanken, kann beliebig umschwenken, lasse gerne aber auch meine Gedanken frei schweifen oder fast ganz verschwinden. Das entspannt mich.

Bei Sophie scheint alles umgekehrt zu sein. Ihre Gedanken führen offenbar ein Eigenleben, sind von ihr oft nicht bewußt zu kontrollieren. Ihren Körper hingegen kann sie nur bewußt und konzentriert steuern. Es gibt keine verborgenen Prozessoren, die ganze Bewegungsabläufe und Routineprozesse unbewußt steuern. Wie schon so oft denke ich: verkehrte Welt.

 
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Verfasst von - 5. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Innenwelten – Körperwahrnehmung

Sophie:

Mein Körper und der ihn umgebende Raum, das sind zwei Faktoren, die nur sehr bedingt zueinander passen. Manchmal scheint mir sogar, dass hier zwei sich aufhebende physikalische Gesetzmäßigkeiten aufeinandertreffen – sehr zur Erheiterung meines Umfelds. Wenn ich die Augen schließe und benennen soll, wo sich meine Körperteile befinden, wird es ohne einen Referenzpunkt schwierig. Und ich warte nur auf den Tag, an dem mir in einer Alkoholkontrolle Betrunkenheit unterstellt wird, weil ich nur mit Mühe imstande mit, mit dem Zeigefinger blind meine Nasenspitze zu treffen oder sicher auf einem Streifen balancieren kann. Ich denke an die vielen blauen Flecken, die ich schon hatte, weil ich sicher war, dass ich an diesem Regal vorbeikomme, aber nicht bedacht habe, dass mein Körper breiter ist als mein Kopf.

Es kommt häufig vor, dass ich aufwache und dann erst einmal beginnen muss, meine einzelnen Körperteile gedanklich ausfindig zu machen, bevor ich aufstehen kann. Linke Hand, rechte Hand, linker Fuß, rechter Fuß. Fies wird es, wenn ich diese irgendwie in sich verknotet habe. Da braucht es dann doch erst einen visuellen Eindruck, damit nachher alles wieder an seinem Platz ist.

Platon:

Körperwahrnehmung ist ein zentraler Aspekt bei Sophie. Sie muss zum Beispiel ihre Hände sehen, um zu wissen, wo sie sind.  Ebenso hat sie kaum eine Wahrnehmung davon, welchen Gesichtsausdruck sie gerade hat. Auch der Gleichgewichtssinn ist problematisch, Fahrradfahren ist schwierig, in Kurven fast unmöglich. Interessannterweise kann sie aber mit Mopeds durch die Gegend düsen.

Sobald sie unter schweren Decken liegt, spürt sie die Begrenzung des eigenen Körpers zur Aussenwelt. Starker, gleichmäßiger Druck entspannt sie. Beide Körperhälften, also beispielsweise die rechte und die linke Hand, müssen beim Schnürsenkelbinden separat gesteuert werden. Intuitive Bewegungsabläufe sind kaum möglich. So habe ich sie und ihre Wahrnehmungsfähigkeiten verstanden. Für mich ist eine derartige Körperwahrnehmung unvorstellbar. Aber auch eine Erklärung für viele ihrer Verhaltensweisen. Dass sie sich nicht so gut beim Autofahren unterhalten kann, da sie permanent mit der Koordination ihrer Gliedmaßen beschäftigt ist und auch noch den Verkehr und die Bordinstrumente im Blick hat. Alles ganz bewußt gesteuert.

Sophie:

Ich kenne es nicht anders, für mich ist das vollkommen normal. Bislang ging ich davon aus, dass es auch anderen Menschen so geht. Und habe immer bewundert, mit welcher Effizienz und Sicherheit sie teils ihren Körper bewegt haben. Besonders auffallend war meine Form der Körperwahrnehmung im dunklen Kapitel „Schulsport“. Leider nicht im Positiven. Wusste ich, dass ich jetzt gleich einen Ball fangen muss, klappte das noch einigermaßen. Kam der Ball überraschend während eines Spieles, glotzte ich das fliegende Ding nur an – und bekam es ins Gesicht. Was mehr zur Erheiterung meiner Klassenkameraden beitrug, kann man sich sicher denken. Auch das unrühmliche Kapitel „Tanzen“ gehört in diese Kategorie. Allein eine Drehung, bei der der Kopf „immer auf der gleichen Stelle“ bleibt – ich habe nicht mal verstanden, was die eigentlich von mir wollen. Und rotierte mich regelmäßig in einen Drehwurm, stolperte über meine eigenen Füße und klatschte irgendwelchen Leuten meine Hände ins Gesicht, weil ich die gerade nicht mehr unter Kontrolle hatte. Bei Hochsprung war dann ein Punkt erreicht, an dem selbst meinen Lehrern eine gewisse Gefahr sahen. Ich war häufig so mit der Organisation der Beine beschäftigt (mit welchem Fuß muss man loslaufen, damit man exakt mit dem linken Fuß abspringen kann?), dass ich die Drehbewegung im Sprung und die entsprechende Körperhaltung gar nicht mehr hinbekam – und in aller Regel das komplette Gestell umgerissen habe. Künftig bestand meine Aufgabe dann im Wiederhinlegen der Stange für die anderen Schüler.

Der einzige Sport, den ich wirklich gut kann, ist Schwimmen. Das mich umgebende Wasser gibt mir ein genaues Feedback darüber, wo welcher Teil meines Körpers ist. Das Verletzungsrisiko ist minimal, denn Wasser hat keine Kanten. Und dank jahrelangem Training bin ich im Wasser so schnell, dass andere eventuelle Schwimmteilnehmer nahezu umgehend die Bahn räumen und einen Sicherheitsabstand einhalten.

Platon:

Ich würde gerne einmal so wie sie den eigenen Körper spüren wollen – oder besser gesagt: eben nicht spüren können. Nur für einen kurzen Moment. Dieses ganze Thema findet nach meiner Einschätzung viel zu wenig Beachtung bei Diagnostik und Therapie. Eigentlich unverständlich, da diese Prozesse doch eigentlich ganz gut überprüfbar und wiederholbar sind. Die mit Sophie bisher durchgeführten Achtsamkeitsübungen sind gleich gescheitert. Keine Wahrnehmung. Aber die von Neurobiologen gerne angeführte „Neuroplastizität“, also die Fähigkeit von Nervenzellen, sich selbst bis ins hohe Alter an sich ändernde Situationen anpassen zu können, könnte ja in speziellen Übungen genutzt werden. Um die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu verbessern.

Aber ist das  überhaupt erstrebenswert? Wäre das eine Hilfe für Sophie? Oder liegen die Ursachen für die oft fehlende Körperwahrnehmung ganz woanders? Ich habe den Eindruck, dass selbst Experten hier eher ratlos als wissend sind. Dass der Forschung noch ein gutes Stück Arbeit bevorsteht. Und dass Sophie ihren Körper ohnehin als Ballast empfindet, als eigentlich wertlose und oft störende Hülle. Wenn ich die Augen schließe, dann weiß ich genau, wo sich meine Hände und Füße befinden. Sophie nicht.

 

 
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Verfasst von - 28. Juni 2014 in Alltägliches, Innenwelten

 

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