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Schlagwort-Archive: Autismus-Spektrum

Innenwelten – In den Köpfen der Anderen

Sophie:

Die Situation kenne ich zu Genüge: Da trifft man eine andere Person, erzählt vielleicht etwas und erntet nur Ratlosigkeit. Weil der Andere so gar nicht weiß, was es mit dem Erzählten auf sich hat. Der Zusammenhang fehlt. In der nachträglichen Analyse geht mir dann auf: der Fehler lag bei mir. Ich habe meinem Gegenüber vorab bereits Informationen unterstellt, die es gar nicht haben konnte. Der dahinterliegende Gedankengang: Ich weiß es, also weißt du es auch. Dass das mitnichten der Fall ist, weiß ich zwischenzeitlich. Trotzdem falle ich immer wieder darauf herein. Was in meinem Kopf existiert, ist für mich so real, dass ich im Traum nicht daran denke, dass andere Menschen davon gar nichts wissen oder sich vielleicht auch gar nicht dafür interessieren.

Platon:

Ich mache mir wahrscheinlich zu viele Gedanken darüber, was andere gerade denken. Meistens, wenn ich mit Menschen in Kontakt trete, versuche ich einzuschätzen, wie ich gerade auf die anderen wirke. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Durch mein Verhalten möchte ich den anderen signalisieren, wie sie auf mich wirken. In aller Regel versuche ich das für alle Beteiligten positiv zu gestalten. Kurz gesagt: Was denkt der andere was ich gerade über ihn denke. Und was denke ich was der andere gerade über mich denkt. Und das blitzschnell und intuitiv in fast allen sozialen Situationen. Theory of mind.

Sophie:

Wahrscheinlich wäre das kein Problem, wenn andere Menschen nicht offenbar ein intuitives Gespür für die Absichten ihrer Mitmenschen hätten. Und auch eines für die Menschen, denen eben dieses Gespür fehlt. In der Praxis bedeutet das leider vor allem eines: Eine quasi unbelehrbare Naivität. Auf die Idee, dass jemand etwas nur sagt oder macht (auch wenn es nicht der Wahrheit entsprich), um mich zu einer bestimmten Reaktion zu bringen, komme ich gar nicht. Bis mich jemand darauf hinweist. Vielleicht.

Und es ist auch eine Quelle vieler Missverständnisse. Viele Informationen teile ich nicht. Nicht, weil ich sie verheimlichen möchte. Sondern weil niemand danach fragt. Wenn ich nicht darüber nachdenke, laufe ich regelmäßig in diese Falle. Weil mir überhaupt nicht auffällt, dass andere Menschen nichts fragen können, wovon sie nichts wissen. Und mein Schweigen wird dann gerne als „Verschweigen“ ausgelegt. Ich hingegen glaube bis zu dem Punkt, dass einfach kein Interesse besteht. Ein einfaches Beispiel: Habe ich ein Buch gelesen, das ich für gut befunden habe, teile ich diese Information erst einmal nicht mit. Schließlich fragt mich niemand und ich möchte mich nicht aufdrängen. Der Gedanke, dass niemand weiß, dass ich dieses Buch gelesen habe, kommt mir gar nicht. Und dass aufgrund dieses Nicht-Wissens keine Frage kommen KANN. Schließlich weiß ich ja, dass ich das Buch im Regal stehen habe und ich meine dabei aus welchem Grund auch immer, dass dieses Wissen dann auch anderen Menschen zuteil ist. Und was in diesem kleinen Beispiel vielleicht noch banal klingt, kann in der Praxis durchaus zu einem richtigen Problem werden. Denn nach der Quelle des Missverständnisses fragt kaum jemand.

Platon:

Ständig laufen bei mir Programme, die versuchen einzuschätzen, wie eine Person sich fühlt und die sie umgebende Welt wahrnimmt und bewertet. Stimmungsschwankungen bemerke ich recht sicher. Beziehungskonstellationen in Menschgruppen bleiben mir selten verborgen. Manchmal denke ich, dass ich mich dadurch zu sehr ausbremse, zu sehr auf andere, zu wenig auf mich konzentriere. Und mich zu selten mit meinen eigenen Belangen durchsetze.

Ich versuche, die Überzeugungen, die Werthaltungen und die Absichten meiner Mitmenschen zu erkennen und ihr Verhalten daran zu ergründen. Die Welt aus der Sicht meines Gegenübers zu sehen, und somit auch seine Handlungen zu verstehen. Ich bin oft selbst verwundert, wie treffsicher mir das hin und wieder offenbar gelingt. Habe ich dadurch einen Vorteil? Keine Ahnung. Ich mache das auch nicht bewußt. Ich kann wohl nicht anders. Immer denken, was die anderen über mich denken, was ich über sie denke, was hin und her gedacht oder nicht gedacht wird. Ich habe festgestellt, dass ich am wenigsten „gut kann“ mit Menschen, die sich nicht für die Gedanken der Mitmenschen interessieren.

 

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Verfasst von - 9. Juli 2014 in Alltägliches, Innenwelten

 

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Die Trance – Teil II

Sophie:

Ich solle einen Punkt im Raum suchen, auf den ich mich konzentriere. Meine Wahl fällt – warum auch immer – auf eine Spinne, die es sich in einem Netz am Fenster häuslich eingerichtet hat. Eigentlich eine seltsame Wahl, denn obwohl ich wirklich tierlieb bin, gehören Spinnen nur bedingt zu meinen Favoriten. Aber gut. Hallo, Spinne.

Der Philosoph beginnt zu sprechen und mit jedem Wort erheitert mich das Tierchen mehr. Ob das beabsichtigt ist? Ich glaube nicht. Ich versuche, mich gedanklich zusammenzureißen, kann das Kichern jedoch nicht ganz unterbinden. Binnen weniger Minuten haben mich Philosoph oder Spinne – oder beide – so weit, dass ich aus dem Lachen nicht mehr herauskomme. Irgendwas ist demnach irre witzig. Doof nur, dass ich nicht weiß, was. Die Spinne sitzt in ihrem Netz und bekommt hoffentlich nicht mit, dass ich gerade dabei bin, sie in Grund und Boden zu lachen.

Platon:

Die kleine Spinne wird immer lustiger und Sophie bekommt einen Lachanfall. Ich platziere weiter meine Suggestionen, und es scheint irgendwann zu wirken. Sie wird ruhiger, knetet aber noch unablässig ihre Hände. Dann lacht sie wieder über die kleine Spinne. Ich lache auch und fahre unbeirrt fort mit den Suggestionen. Sie wird tatsächlich ruhiger, so ist zumindest mein Eindruck. Ich mache weiter und weiter, und sie wird offenbar immer ruhiger. Ich denke wieder an die kleine Spinne. Ich muss mich zwischendurch selbst beherrschen, dass ich nicht anfange zu lachen.

Ihr Augenlid wird immer schwerer, ich habe den Eindruck, dass die Augen fast ganz geschlossen sind. Jetzt sind sie geschlossen.Und plötzlich hört auch ihr Händekneten auf. Sie ist nun völlig bewegungslos.

Sophie:

Irgendwann ist der Punkt überschritten und dieses nicht zu kontrollierende Lachen hört auf. Ich bin ganz froh darüber. Eigentlich bin ich gerne Herr meiner Sinne – auch, was das Lachen angeht.

Ich habe grundsätzlich kaum ein Zeitgefühl, aber nun ist es mir vollkommen abhanden gekommen. Das Sprechen des Philosophen höre ich noch, aber es ist wie eine Hintergrundberieselung. Der Raum um mich herum ist verschwommen, so, wie wenn der Blick an nichts mehr haften bleibt. Und plötzlich ist es still. Der Philosoph schweigt, ich kann nicht einmal sagen, wie lange bereits. Ist irgendwas falsch gelaufen? Oder hat er aufgegeben, die Geduld verloren?

Platon:

Ich mache mit meinen Suggestionen weiter. Ich kann es kaum glauben, dass sie eingeschlafen ist. Ich überlege, den Raum zu verlassen. Mir ist ein Bein eingeschlafen, und es sind mittlerweile etwa 10 Minuten vergangen, seit dem sie die Augen geschlossen hat. Ich versuche, mich langsam zu entfernen. Das klappt nicht, sie wird wach.

Sophie:

Mir wird das Schweigen suspekt, ich suche nach einer Orientierung. Will den Philosophen fragen, was jetzt genau los sei. Er behauptet, ich sei eingeschlafen. Ich dementiere. Schließlich hatte ich die gesamte Zeit visuelle Eindrücke vom Raum, von daher hatte ich nicht mal die Augen geschlossen. Nur der auditive Sinn, der schien sich mal kurz verabschiedet zu haben. Der Philosoph ist gegenteiliger Meinung. Ich glaube nicht, dass er mir Märchen erzählt. Andererseits weiß ich ja auch, was ich wann gemacht habe. Oder?

Der Philosoph fragt nach der Arzthelferin. Die miesgelaunte Tante, denke ich – und vergesse sie gleich wieder. Vor einer Stunde war das noch anders. Eine Kontrolle des Ruhepulses überrascht mich dann doch. Bewege ich mich in aller Regel im 120er Bereich, so hat sich der Puls nun auf unglaubliche und bislang nie dagewesene 75 gesenkt. Das ist nun wirklich eine Überraschung.

Als ich die Praxis verlasse, fällt mein Blick auf das Fenster, das Netz, die kleine Spinne. Ich gehe mit einem leisen Kichern zum Auto.

Platon:

Ich gebe ihr etwas Zeit, sich zu sammeln. Dann sage ich ihr, dass sie eingeschlafen war. Sie antwortet, dass sie nicht geschlafen hätte. Wir fangen etwas an zu diskutieren. Sie bleibt letztlich dabei. Sie sagt aber auch, dass ihre Hände plötzlich wieder warm seien. das ist gut. zu oft hat sie kalte Hände. Und sie sagt dann auch, dass sie aus der Gedankenschleife raus ist. Dann haben meine Suggestionen wohl doch funktioniert, denke ich. Sophie war anfangs so skeptisch, was Entspannung oder gar Hypnose angeht. Jetzt scheint sie etwas verwundert. Sie misst erneut ihren Puls. 75. Wir können es beide kaum glauben.

 
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Verfasst von - 22. Juni 2014 in Die Trance

 

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Die Trance – Teil I

Sophie:

 Wie immer bin ich zu früh. Mein Parkplatz ist frei. Ich warte im Auto, die Uhr fest im Blick. Der Ablauf ist zwischenzeitlich selbstverständlich, es ist ein „Wie-immer“-Ablauf geworden. Trotzdem gibt er mir heute nur wenig Sicherheit, ich bin  abgelenkt. In meinem Kopf läuft ein Film. Der aus der Arztpraxis. Immer und immer wieder sehe ich die Situation vor meinem geistigen Auge.

17:25 Uhr – 17:26 Uhr – 17:27 Uhr – 17:28 Uhr.

Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:30 drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. Vielleicht würde mir auffallen, mit welcher Selbstverständlichkeit, welcher Sicherheit ich mich zwischenzeitlich hier bewege. Aber das Grübeln über die Situation in der Arztpraxis lässt mich das gar nicht wahrnehmen. Ich ärgere mich selbst in mehrfacher Hinsicht. Zum einen, dass ich offenbar nicht in der Lage war, die Situation trotz ihrer Banalität adäquat aufzulösen. Zum anderen darüber, dass es einer solchen Bagatelle gelingt, mich über Stunden zu beschäftigen.

Die Tür öffnet sich. Der Philosoph.

Platon:

Sophie ist gedanklich noch immer in der Situation beim Arzt. Der Dialog mit der Arzthelferin geht ihr wie eine Endlosschleife durch den Kopf. Sie sagt, sie könne das nicht ausblenden, sie hänge wie festgewachsen in dieser Situation fest. Und Sie mache sich Vorwürfe, suche immer wieder den Fehler, was sie besser hätte machen können. Sie misst ihren Puls. Der liegt bei über 120. Mal wieder viel zu hoch.

Wir haben heute wieder unsere reguläre Sitzung. Passt ganz gut. Wir hatten es schon ein paar Mal mit Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen erfolglos probiert. Erfolglos deshalb, weil Sophie ihren Körper kaum spürt, kaum Körperempfindungen wahrnimmt. Und sich auch nur ungern darauf einlässt. Ich starte jetzt einen neuen Versuch, ändere etwas die Strategie. Ich versuche heute, eine Trance herbeizuführen.

Sophie:

Der Philosoph bemerkt meine gedankliche Abgelenktheit. Selbst das merke ich kaum, wie gut er sich zwischenzeitlich auf mich einstellen konnte, wie sehr er wohl schon subtile Anzeichen in meiner Stimmung wahrnehmen und deuten kann. Meist muss ich nicht mal etwas sagen.

Eigentlich ist es diese doofe Arzthelferin nicht wert, dass ich mir wegen ihr so einen Kopf mache. Das weiß ich auch. Allerdings hilft es mir nicht, wenn der Philosoph mir das so auch sagt, die Gedankenschleife läuft einfach. Und läuft. Und läuft. Und läuft. Ist ja nicht so, dass ich das nicht kennen würde. Er schlägt vor, dass wir versuchen, das Ganze mit einer Art Trance zu durchbrechen. Ich bin skeptisch. Mit den Achtsamkeitsübungen kam ich in der Vergangenheit keinen Schritt weiter und kam mir zudem auch ziemlich bescheuert vor. Von Ent-Spannung keine Spur, eher das Gegenteil. Zudem weigere ich mich konsequent, im Beisein anderer Menschen die Augen zu schließen. Das kommt mir vor wie eine Art Kontrollverlust. Trotzdem willige ich ein. Denn – zugegeben – neugierig, ob das klappen kann, bin ich schon.

Platon:

Ich werde die Trance einleiten, allerdings mit ganz direkten Suggestionen, ohne den Schwerpunkt auf Körperempfindungen zu legen. Und einfach mit Geduld und vielen Wiederholungen. Irgendwann muss Sophie ja mein monotones Sprechen zumindest in den Anfangsbereich einer Trance versetzen, denke ich. Ich bitte sie, sich entspannt hinzusetzen und sich eine Stelle im Raum zu suchen, auf die sie sich konzentriert.

Sie findet schließlich eine kleine Spinne oben im Fenster. Irgendetwas daran erheitert Sophie. Sie lacht. Auch ich lache, und nutze die Situation.

 
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Verfasst von - 21. Juni 2014 in Die Sitzungen, Die Trance

 

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18. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

es ist gut und richtig, dass Sie Ihre Gedanken niedergeschrieben haben, dass Sie Ihr Unverständnis und Ihre Befürchtungen klar formulieren. Ja, es gibt leider zu viele unbedachte Äußerungen von Menschen, die es einerseits besser wissen müssten, und die sich andererseits offenbar der Tragweite ihrer Worte nicht ganz bewußt sind. In manchen Fällen hat man sogar den Eindruck, dass mit kalkulierter Absicht bestimmte Begriffe in die Diskussion gebracht werden, um sich selbst in welcher Form auch immer zu profilieren. Die Gründe dafür und mögliche Erklärungen haben Sie in Ihrer Nachricht schon selbst versucht zu beschreiben. Da kann ich nur zustimmen. Auch an vielen anderen Stellen – Sie haben ja auch eine kleine Linkliste angeführt – wird dieses Verhalten ausgiebig diskutiert, kommentiert und bewertet. Ich werde nun versuchen, aus fachlicher Sicht und aus meiner Erfahrung heraus Ihnen zu antworten.

Menschen mit einer Diagnose aus dem Bereich Autismus-Spektrum-Störung sind weder mehr noch weniger aggressiv und gefährlich als alle anderen Menschen auch. Aggressivität ist laut ICD-10 kein Diagnosekriterium und auch nicht in der Beschreibung der Symptome genannt. Es gibt keine Studie, die solch einen Zusammenhang zwischen Autismus und Aggressivität belegen kann. Alle Äußerungen, die solch einen kausalen Zusammenhang ziehen – sei es auch nur implizit – sind falsch und diskriminierend.

Nun zu meiner persönlichen Erfahrung. Seit einigen Jahren halte ich Seminare für Erzieher und Lehrer. Ein großer Themenblock ist dabei auch Autismus. Noch nie hat einer der mittlerweile weit über tausend Teilnehmer den Verdacht geäußert, dass autistische Kinder aggressiver als andere Kinder seien. Häufig ganz im Gegenteil. Zunehmend mehr Pädagogen und Erzieher haben die Vielfalt an Begabungen und Persönlichkeitsmerkmalen im Klassenverband zu schätzen gelernt. Weg von dem Gedanken der Einheitlichkeit in Bezug auf Leistung und Verhalten, hin zu einer Gemeinschaft von Individualität und Vielfalt. Allerdings haben diese Pädagogen noch nicht genug Einfluss auf den Unterricht der anderen Lehrer, die wenig differenziert auf das Verhalten der Schüler blicken und entsprechend unangemessen sanktionieren. Hinzu kommen die Übergriffe der Mitschüler, die manchmal an Grausamkeit kaum zu überbieten sind. Und diese täglichen kleinen und großen  Attacken werden sicherlich nicht von Kindern mit einer ASS initiiert.

Offenbar wird in unserer Gesellschaft die Entfaltung von Individualität nur innerhalb bestimmter Grenzen toleriert. Wer diese Grenzen überschreitet oder sonst irgendwie aus dem Rahmen fällt, hat es schwer. Mobbing, Erniedrigung und Diskriminierung sind die beschriebene Folge. Die betroffenen Menschen ziehen sich zurück, entwickeln Angststörungen, Depressionen etc.  Manche wehren sich dann auch gegen die ihnen entgegengebrachte Gewalt. Und dieses Wehren wird dann als Aggressivität fehlinterpretiert. Die von Ihnen angeführten Gewalttaten sind ein Produkt der gesellschaftlichen Prozesse, und nicht aufgrund irgendeiner genetischen Ursache oder Disposition zu erklären. Die Verantwortung liegt ganz klar bei der Gesellschaft, und nicht im Genmaterial. Und das nicht nur bei ASS, sondern auch bei ADHS, Teilleistungsstörungen und so weiter …

Ich kenne zum Beispiel eine ganz talentierte junge Frau, die alleine aufgrund einer Sprachentwicklungsstörung komplett durch das Raster des Schulsystems durchgefallen ist und sich durch Mobbing und Diskriminierung am Rande der Gesellschaft versteckt. Amtsärztlich wurde ihr sogar geistige Behinderung attestiert. Und wenn man genau hinschaut, dann entdeckt man einen weit überdurchschnittlich intelligenten, sowie witzigen und sympathischen Menschen. Ich könnte viele weitere solcher Beispiele anführen.

Ich habe den Eindruck, dass sich die Gesellschaft gerade in Bezug auf Autismus neu sammelt. Ein Grund dafür ist sicherlich die durch die Medien nun deutlich bessere Möglichkeit der Bildung von Netzwerken von Autisten. Jetzt können einzelne Beiträge mit einem ganz anderen Gewicht und einer wesentlich größeren Reichweite vermittelt werden – so wie hier nun Ihre Stimme, liebe Sophie. Es werden nicht mehr nur die Defizite, sondern nun auch zunehmend die Ressourcen in den Blick genommen. Bestenfalls der ganze Mensch an sich, seine Persönlichkeit. Und die Wahrnehmung der Gesellschaft scheint sensibilisiert zu sein.  Das betrifft auch die Wirtschaft. Allerdings sollte bei diesem Prozess auch genau darauf geachtet werden, dass man nicht über das Ziel hinausschießt, also erneut eine einseitige Fokussierung stattfindet, wenn nun auch auf die Stärken gerichtet.

Ich denke, der  Weg ist noch lang. Gerade für den Einzelnen selbst wird es noch viele Rückschläge in der Gesellschaft geben. Die von Ihnen angeführten verbalen Entgleisungen mancher Politiker und die Falschaussagen mancher Journalisten sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Aber was nützt ein gesellschaftliches Umdenken, wenn trotzdem im Großen und im Kleinen immernoch zu oft Diskriminierungen stattfinden?

Die gute Nachricht ist, dass es viele Menschen gibt, die wertschätzend und charakterlich gefestigt sind. Und tolerant. Die nicht nur bewerten, sondern sich interessieren. Verbringen Sie mit diesen Menschen mehr Zeit.

Abschließend möchte ich noch einmal die von Ihnen angeführte suggestive Kraft der selbsterfüllenden Prophezeiung aufgreifen. Da gebe ich Ihnen mit Ihren Sorgen Recht. Und aus meiner Sicht müssten alle, die unbelehrbar und rücksichtslos derartige Fehlinformationen verbreiten, zur Verantwortung gezogen werden. Gesprochene und geschriebene Worte sind Handlungen, die andere verletzen können und die Gesellschaft schädigen. Unabhängig von der freien Meinungsäußerung.

Ich kann nur alle ermutigen, weiter zu machen. Gegen Dummheit, Ausgrenzung und Diskiminierung anzugehen, sich zu positionieren. Aufzuklären.

Danke Sophie.

Platon“

 
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Verfasst von - 31. Mai 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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16. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

ich habe noch einige Fragen:

1. Hatten oder haben Sie Konzentrationsprobleme?

2. Fällt es Ihnen schwer, Dinge zu Ende zu bringen, also Vorgänge zu beenden?

3. Wechseln Sie häufiger spontan von einer Tätigkeit zur anderen Tätigkeit?

4. Verspüren Sie häufiger innere Unruhe?

5. Neigen Sie zu Hyperaktivität?

6. Neigen Sie zur Tagträumerei, zum „Abschalten“? Haben Sie also bei Vorlesungen, damals in der Schulklasse oder jetzt in Besprechungen das Bedürfnis, an ganz andere Dinge zu denken, also gedanklich abzuschweifen?

7. Haben Sie in den letzten 14 Tagen etwas anderes als Nudeln und Spinat gegessen?

8. Hat sich Ihre Schlafsituation etwas verbessert?

9. Was sind Ihre typischen Beschäftigungen zwischen Dienstschluss und Dienstbeginn? Also die Dinge, die Sie in Ihrer Freizeit machen. (nur die wichtigsten Beschäftigungen nennen)

Sie können auch bei einzelnen Fragen mit Ja bzw. Nein antworten …

Mit lieben Grüßen

Platon“

 
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Verfasst von - 20. April 2014 in Briefe

 

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13. Brief von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

In den vergangenen Tagen sind mir einige Dinge im Alltag aufgefallen, die ich auch in der Vergangenheit immer wieder beobachten konnte. Vielleicht haben Sie eine Erklärung für mich. Ich bemühe mich auf der Arbeit in der Regel um ein
„unauffälliges Verhalten“, auch wenn mir das wahrscheinlich nur semi­optimal gelingt. Immer wieder kommt es vor, dass ich nicht mit Namen, sondern nur mit Personalkürzel angesprochen werde (also der erste Buchstabe des Vor- und die ersten beiden Buchstaben des Nachnamens). Das Phänomen ist mir bislang in fast jeder Arbeitssituation aufgefallen – selbst dann, wenn die Kollegen sich untereinander mit dem Namen ansprechen. Ich bin nicht wirklich namensaffin, trotzdem irritiert mich das ein wenig.

Ich war heute wegen des Feiertags nicht arbeiten und der Tag recht ruhig. Aber mir ist verstärkt aufgefallen, wie sehr mich meine Katze im Moment stört. Aktuell weiß ich kaum, wie ich mit dem Tier umgehen soll. Ich habe den Eindruck, als würde er sich wie ein Elefant durch die Wohnung bewegen. Ich höre ihn, wenn er durch die Räume läuft und wenn er übers Dach geht. Besonders schlimm ist sein Spieltrieb, er rutscht dann auf Teppichen durch die Wohnung oder kickt Bälle durch die Gegend. Warum macht mich das im Moment so wahnsinnig und wie kann ich das wieder in den Griff bekommen, ohne dem Tier gegenüber ungerecht zu sein?

Ich hatte am Dienstag noch einen Gedanken, bei dem ich nicht wusste, ob es klug ist, da näher drauf einzugehen. Aber vielleicht erklärt es etwas. Sie hatten sich meiner Erinnerung nach gewundert, dass kein schulisches Hilfssystem angesprungen sei während meiner Schulzeit. Ich habe da auch noch einmal drüber nachgedacht und glaube, dass das damals auch gar nicht möglich gewesen wäre. Im Kindergarten und in der Grundschule konnte ich ­ von wenigen kleineren Konflikten abgesehen ­ recht unauffällig mitlaufen. Ich war lieber alleine, ­ das ist auch durchaus aufgefallen, ­ aber so lange es keine Konflikte mit Lehrkräften gab, wurde ich kaum registriert – wahrscheinlich, weil Mädchen eben schüchtern sind? Meine Klassenkameraden habe ich so direkt gar nicht wahrgenommen, ich ließ sie in Ruhe, so lange man mir meine Ruhe ließ. Und es gab durchaus laute und auffällige Schüler, die teils auch sehr aggressiv waren, das war häufiger ein Thema, das die Lehrer beschäftigte.

In den zwei Jahren, die ich auf der ersten weiterführenden Schule war, waren die Konflikte hingegen wesentlich heftiger – allerdings habe ich die Ursachen und Anbahnungen dieser Konflikte nie kommen sehen. Es kam immer wieder zu Gängeleien, vor allem von seiten zweier Lehrkräfte. Letzten Endes und nach gut zwei Jahren konfrontierte man meine Eltern und mich überraschend mit einer Schulsuspendierung. Meine Eltern suchten daraufhin das Gespräch mit den Lehrkräften, allerdings liefen sie hier gegen eine sprichwörtliche Wand. Die Suspendierung sei auf Anraten des Schulpsychologen geschehen, den ich bis dahin und auch danach nie zu Gesicht bekommen hatte. Heute weiß ich, dass diese Suspendierung so auch keineswegs erlaubt war, es gab keine Klassenkonferenz, keine Elterngespräche – und auch in der Schulakte tauchte diese Suspendierung nicht auf, wie ich Jahre später erfuhr. Trotzdem legte mir die Schule auf, dass ich – wieder auf Anraten des Schulpsychologen – in der Woche, die ich zu Hause verbringen musste, das Haus nicht verlassen und keinen Kontakt zu Klassenkameraden haben durfte. Das war der Punkt, an dem meine Eltern sich entschlossen, mich von der Schule zu nehmen. Damals wussten sie schlicht nicht, dass weder die Suspendierung rechtens oder gar genehmigt war, noch dass die Schule das Recht hatte, mir einen Hausarrest und eine Kontaktsperre aufzuerlegen.

Nach dem Schulwechsel war mein Misstrauen dann natürlich entsprechend groß. In der neuen Schule hielt ich mich von Lehrern und Schülern gleichermaßen fern, auch wenn hier die Bosheiten vor allem von Klassenkameraden ausgingen.

Ich weiß nicht, ob das Ihre Frage beantwortet, warum kein „Hilfssystem ansprang“, wie Sie es formulierten. Ich würde behaupten, dass ­ selbst wenn diese Systeme „ansprangen“ ­ sie keine Chance hatten, das Ziel zu erreichen – ich hatte schließlich gelernt, dass es nur ein unauffälliges Mitschwimmen ermöglicht, einigermaßen in Ruhe leben zu können.

Mit lieben Grüßen

Sophie“

 
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Verfasst von - 22. März 2014 in Briefe

 

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Die zweite Sitzung – Teil III

Sophie:

Irgendwie fehlt der rote Faden. Ich komme dem Gespräch nicht hinterher. Zu sprunghaft. Die Wechsel sind nicht vorhersehbar, willkürlich. Mal geht er auf die Emails ein, dann wieder auf das Thema Essen, dann auf Berührungen. Strukturlos. In meinem Hinterkopf macht sich ein dumpfer Druck breit, ich merke, dass meine Konzentration nachlässt. Der Philosoph ist anstrengend. Die Straße vor dem Fenster scheint immer lauter, immer unruhiger zu werden. Manchmal blenden die Scheinwerfer der Autos. Draußen reden Leute. Das Telefon klingelt. Ich erschrecke.

Platon:

Sie hat Humor. Sie hat häufiger gelächelt. Ich habe den Eindruck, dass die Art von Annäherung, die wir gerade vollziehen, auch für sie neu ist.

Ich sage ihr, dass ich wie ein Trainingspartner sei. An mir könne sie sich und neue Techniken ausprobieren. Sie bekomme von mir immer ein Feedback. Bei mir gebe es keine sozialen Sanktionen. Sie könne auch Fragen stellen. All die Fragen, die vielleicht in den letzten Jahrzehnten nicht gestellt wurden.

Sophie:

Die Sitzung ist zu Ende. Sie schien lang gedauert zu haben, ich weiß es aber nicht genau. Es ist dunkel draußen, angenehm dunkel. Ich würde gerne rausgehen, muss aber die Verabschiedung hinter mich bringen. Wieder weiß ich nicht, wie ich vorgehen muss. Wie der Anschluss zu finden ist. Ob es überhaupt einen gibt. Die Briefe, die Emails sind einfacher. Das sage ich ihm auch. Er lässt die Möglichkeit offen, möchte, dass ich mich melde. Aber ich weiß nicht, was ich ihm schreiben soll, wenn er nichts fragt. Ich weiß nicht, was wichtig ist. Was er wissen muss. Ich suche den sozialen Fahrplan, damit ich verstehe, welche Informationen er von mir braucht. Und welche ich ihm überhaupt geben darf.

Ich bin müde.

Platon:

Ich bin unsicher, ob der bis jetzt überdurchschnittlich umfangreiche Email­kontakt für sie zu viel ist, zu sehr in ihre Welt eindringt, stört. Ich sage ihr, dass ich ihr den Umfang der Email­Kommunikation überlasse, selbst vielleicht erst mal eine Pause mache. Sie reagiert, ich kann aber die Bedeutung  nicht genau erkennen. Die Unsicherheit bleibt.

Jetzt kommt wieder die Verabschiedung. Ich muss die einzelnen Schritte der Beendigung des Besuchs deutlich einleiten. Begleite sie bis vor die Tür. Sie sagt „Tschüss“, dreht sich um, zögert etwas in ihrer Bewegung, dreht sich nochmals halb zu mir zurück: „Sie können ruhig weiter Emails schreiben“. „Ja, okay.“

Dann geht sie.

 
 

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Die zweite Sitzung – Teil II

Sophie:

Wieder ist das Thema der Blickkontakt. „Wissen Sie eigentlich, wie ich aussehe?“ Was will er denn jetzt? Draußen rauschen die Autos vorbei, rumpeln über das Kopfsteinpflaster. Hinter mir gluckern die Fische im Aquarium. Manchmal kommen sie an den Wasserrand und es gibt ein blubberndes Geräusch.

Menschen. Er will über Menschen reden. Über ihr Aussehen. Der Philosoph bringt mir ein Bild. Ein Teppich, darauf ein Hund und ein Mensch. Ein Mensch mit kleinen Händen. Ein Kind. Auf den ersten Blick könnte ich nicht sagen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Aber ein Kind. Da ist auch eine Zahnlücke. Die hat der Philosoph selbst noch gar nicht gesehen. Verrückt. Dabei hängt das Bild doch in seinem Büro an der Wand.

Nein, ich weiß nicht, wie er aussieht. Ich weiß, welche Kleidung er trägt, welche Brille (wenn er sie nicht gerade selbst sucht) und was für Schuhe. In diesem Praxis-Kontext weiß ich, dass er es ist. In der Innenstadt wüsste ich es nicht. Ich erkenne Leute häufig nicht wieder. In dem Moment, in dem ich sie nicht mehr sehe, verschwinden sie auch aus meinem Gedächtnis. Ich weiß, was sie gesagt und getragen haben. Aber wie sie „aussehen“, das weiß ich nicht. Fehlt ein wichtiges Detail, erkenne ich selbst Verwandte nicht mehr wieder.

Platon:

Ich spreche mit ihr über Menschen, über Äußerlichkeiten. Darüber habe sie sich so noch keine Gedanken gemacht. Es ist wohl nicht ihr Lieblingsthema. Genauso wie ihr Essverhalten. Das hätte schon immer zu langen Diskussionen geführt. Ich frage trotzdem nach. Mich interessiert in erster Linie, ob eventuell Mangelerscheinungen möglich sind, durch einseitiges essen. Sie isst einseitig, sehr einseitig. Ihr scheint die Problematik einer möglichen Fehlernährung nicht bewusst zu sein.

Ich stelle Fragen, sehr viele Fragen. Zu viele? Ich gehe mit ihr die letzten Emails durch, hatte mir einige Stellen markiert. Frage sie, ob sie Gesichter erkennen kann, ob sie ihren Chef auf der Straße erkennen würde. Sie sagt: „Wohl nicht.“ Eher an den Kleidern, dem Stil, der Art zugehen, der Stimme. Ich nehme ein Bild im Büro von der Wand, frage sie, was darauf zu sehen ist. Ein Hund und wohl ein Mädchen, wegen der Hände, und der Zahnlücke.

Sophie:

Abrupt wechselt der Philosoph das Thema. Will wissen, was ich esse. Wie ich esse. Ich mag das Thema nicht. Erzähle von meinen Nudeln. Und dem Spinat. Und den grünen Äpfeln. Ein bestimmtes Grün müssen sie haben, müssen „richtig“ sein. „Wie essen Sie die Äpfel?“, will er von mir wissen. „Mit dem Mund“, gebe ich zur Antwort. Während ich mich noch über die seltsame Frage wundere und mich frage, ob ich ausführlicher ins Detail gehen muss, fängt er an zu lachen. 99 Prozent der Menschen, so erklärt er mir dann, hätten nun dargelegt, ob sie Äpfel schneiden oder schälen. Und das wollte er auch eigentlich von mir wissen. Ich komme mir dumm vor.

Er bleibt lange bei dem Thema Essen. Ich fühle mich an die Situationen zu Hause erinnert, an endlose Diskussionen: „Andere Sachen schmecken auch“ oder „Probier doch einfach mal was Neues“, hieß es da häufig. Dabei mag ich die Sachen, die ich esse. Ich kenne sie. Weiß, wie ich sie zubereiten muss, wie sie schmecken, wie sie riechen. Sie sind ein fester Bestandteil, etwas Geordnetes. Ob ich das Essen genieße, will er wissen. Ich verneine. Es ist eine Notwendigkeit, auf die ich verzichten würde, wenn ich es könnte. Aber die Biologie verbietet es. So einfach ist das. Er scheint das anders zu sehen.

Platon:

Das Gespräch ist schleppend, manchmal geht es besser, manchmal scheint es festgefahren, verzettelt. Das liegt an mir, ich kann mich nicht klar und präzise ausdrücken, zumindest nicht immer so, wie ich es gerne möchte.

Hinzu kommt ein diffuses Gefühl, eine Vermutung. Autismus? Ja, aber da scheint noch mehr zu sein, die einzelnen Teile passen noch nicht zusammen. Ich habe noch kein Gesamtbild. Gibt es Widersprüche? Ich verlagere deswegen meine Fragen unvermittelt in neue Themen, springe zurück, weil mir zu bereits besprochenen Dingen noch Informationen fehlen. Ich merke, wie ich teilweise ins Trudeln gerate, meine Gedanken meinen Verstand überholen. Ich suche fehlende Puzzleteile, fehlende Verbindungsstücke, die Klarheit bringen. Komme aber irgendwie nicht weiter.

Die Sitzung ist jetzt schon zeitlich enorm überzogen. Und ich suche immer noch nach Ansatzpunkten. Ich bin tiefer in ihre Welt eingedrungen, habe aber mit jedem weiteren Schritt wieder neue Fragen.

 

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Die zweite Sitzung – Teil I

Sophie:

Der Parkplatz ist frei. Der Parkplatz, auf dem ich auch in der vergangenen Woche stand. Er hat Potenzial, „mein“ Parkplatz zu werden. Sollte ich öfter kommen, wird es mein Parkplatz.

Ich bin wieder zu früh. Und wieder warte ich im Auto. Mit Blick auf die Uhr.

17:25 Uhr – 17:26 Uhr – 17:27 Uhr – 17:28 Uhr.

Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:30 Uhr drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. Wieder das blaue Blinken, das ich irgendwie mag. Der Philosoph öffnet die Tür, erstaunlich schnell. Kein Händereichen, das sagte er bei der vergangenen Sitzung. Ob er sich daran erinnert? Oft sagen Menschen Dinge, die sie dann schnell wieder vergessen. Oder sie sagen Dinge, die sie nicht so meinen, wie sie sie sagen. Ob das mit den Berührungen genau so ist? Er sagt nur „Hallo Sophie“. Ich finde es immer seltsam, wenn ich mit meinem Namen angesprochen werde. Ich kann ihn nicht mit mir in Verbindung bringen. Noch befremdlicher finde ich es, wenn ich andere Menschen mit Namen ansprechen muss. In Briefen oder Emails kann ich dieses Befremden ignorieren, bei meinem direkten Gegenüber aber nicht. Meistens versuche ich, die Ansprache mit dem Namen zu vermeiden. Habe Ausweichstrategien, um Namen zu umgehen. Also sage ich nur „Hallo.“

Platon:

Ich habe diesmal den Termin an das Ende des Tages gelegt. Damit das Gespräch nicht irgendwann abgebrochen werden muss, kein Zeitdruck entsteht.

Den Schreibtisch habe ich schon gestern aufgeräumt. Mir fällt auf, dass ich mit einem etwas veränderten Blick mein Büro betrachte, vor allem das Bücherregal. Und den ganzen anderen Krams. Mir fällt jetzt auch auf, dass der Straßenlärm stört, trotz geschlossener Fenster. Ich bin etwas angespannt.

Sie ist pünktlich. Auf die Minute.

Ich bitte sie herein, es gibt keine Berührung, kein Handreichen. Ich bitte sie, sich zu setzen. Ich setze mich, warte einige Sekunden, sage dann: „Fühlen Sie sich sicher und entspannt“. Ich meine, ein Lächeln zu erkennen.

Sophie:

Erste Tür rechts. Linker Hand das Aquarium. Das Chaos-Regal an der Wand. Rechts der Chaos-Schreibti… nein. Der Schreibtisch. Aufgeräumt, fast leer. Binnen Sekunden gleicht sich das aktuelle Bild mit dem Bild ab, das ich in der vorigen Sitzung sah. Wie zwei halbdurchsichtige Fotografien, die man übereinanderlegt. Es fehlen viele Sachen. Und der Schreibtischstuhl steht falsch. Die logarhitmische Spiral-Muschel ist nicht zu sehen. Am liebsten würde ich den Stuhl wegrücken, denn ich mag die Muschel. Sie ist ein fester Punkt im Raum, ein Fixpunkt. Und jetzt ist sie verdeckt. Genauso wie die Schachfiguren. Am Schreibtischbein finde ich einen hellen Punkt, eine weiße Macke im Holz. Neuer Fixpunkt. Ausweichfixpunkt. Etwas, an dem die Augen hängen bleiben können. So kann ich mich auf das konzentrieren, was ich höre.

Ich mag die Schuhe des Philosophen nicht. Es sind nicht die selben wie vergangene Woche. Diese Schuhe sind dunkler und irgendwie – alltäglich. Der abgerissene Schnürsenkel fehlt. Die Schuhe habe er von Aldi. Ob ich auch bei Aldi einkaufe? Ich weiß nicht, was er von mir will. Rette mich in irritiertes Schweigen, hoffe, dass die Situation vorüber geht. Er steht auf, geht durch den Raum. Wo will er hin? Nirgendwo. Er gehe einfach gerne mal durch den Raum und mache nicht vorhersehbare Dinge, sagt er. Ein bisschen seltsam ist er schon.

Platon:

Sie schaut sich intensiv im Büro um. Ist sie irritiert? Nicht zu erkennen. Sie sagt: „Sie haben den Schreibtisch aufgeräumt.“ Ich sage: „Ja, weil Sie heute wieder da sind.“ Ihre Augenbrauen heben sich leicht an. Sie blickt sich weiter um. Dann sagt sie mir, welche Dinge auf dem Schreibtisch fehlen, zum Beispiel zwei Teelicht-­Gläser. Ich frage nach weiteren Dingen. Ja, sie hat sich alles gemerkt. Auch meine Schuhe. Ich hätte jetzt andere Schuhe an. Die Schuhe vom letzten Mal hätten ihr besser gefallen. Da wäre auch ein Schnürsenkel abgerissen gewesen. Stimmt. Ich hatte nur einen einfachen Doppelknoten gemacht. Ich sage, dass ich die Schuhe bei Aldi gekauft habe. Sie reagiert darauf, ich kann es aber nicht genau deuten. Ich verzichte jetzt auf eine Nachfrage.

 
 

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2. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Sehr geehrte Sophie,

jetzt kann ich Ihnen etwas ausführlicher antworten.

Eins vorweg: die von Ihnen zu Recht als diffus bezeichneten Kriterien sind der Versuch, anhand von Symptomen ein Kategoriensystem aufzubauen. Das soll dann allen beteiligten Institutionen (Ärzten, Krankenhäusern, Krankenkassen etc.) helfen, eine gemeinsame Sprache zu sprechen.

In der Theorie klingt das gut, in der Praxis gibt es damit allerdings Probleme. Zum einen sind die meisten Symptome, zum Beispiel Konzentrationsstörungen, in unterschiedlichen Kategorien zu finden, zum anderen liegt es immer im Ermessen, inwiefern und in welcher Ausprägung einzelne Symptome für die Beurteilung herangezogen werden.

Darüber hinaus gibt es häufig Mischformen und fließende Übergänge, niemand kann genau sagen,ab wann ein Störungsbild beginnt. Daher gibt es auch so große Unterschiede in der Bestimmung der Epidemiologie, also der Auftrittshäufigkeit von Störungen innerhalb der Bevölkerung. Sehr häufig wird zum Beispiel traumatisierten Kindern und Jugendlichen AD(H)S diagnostiziert. Dann bekommen diese Kinder über Jahre Pillen verordnet und werden ruhig gehalten, und die Ursachen verfestigen sich.

Auch Autisten wird häufig AD(H)S attestiert. Diesen Kindern wird dann Bösartigkeit, Faulheit und Unkonzentriertheit vorgeworfen. Niemand sieht, dass die Kinder über Jahre für Verhaltensweisen bestraft werden, die sie selber nicht verstehen und beurteilen können, ja sogar aus ihrer Sicht haben diese Kinder richtig reagiert. Große Frustration und Abkehr ist dann die nur verständliche Folge.

Diese Kategoriensysteme sind von Menschenhand gemacht und daher künstlich. Gerade im Bereich Autismus hat man bemerkt, dass die Definitionen den Betroffenen nicht immer gerecht werden. Hier sind tatsächlich einige Dinge im Umbruch.

Für Sie ist doch letztlich entscheidend, welche Beeinträchtigungen Sie selbst verspüren. Ob Sie nun Asperger oder Hochbegabt genannt werden, letztlich ist die Kategorisierung ein Konstrukt und eine Reduktion der Komplexität.

Ich würde mich weniger mit den Begrifflichkeiten, sondern mehr mit den zugrunde liegenden Ursachen beschäftigen.

Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich sagen: Sie sehen und erkennen die (soziale) Welt in einer anderen Art und Weise. Ihre Konstruktionen von den (sozialen) Dingen in der Welt stimmen nicht mit den Konstruktionen der meisten anderen überein. Da, wo andere intuitiv und gefühlsmäßig Übereinstimmungen und soziale Konventionen erkennen und anwenden, müssen Sie mühsam diese Konvention kognitiv erarbeiten und auswendig lernen.

Oft sind Sie vermutlich enttäuscht, wenn dann doch die mühsam erlernte Handlungsfolge bei den Mitmenschen durchfällt. Ihr Gehirn muss vermutlich täglich unglaubliche Leistungen vollbringen, um mit diesen für Sie sehr unstrukturierten und nicht verstehbaren sozialen Reizen klar zu kommen. Und genau hier liegt eventuell eine Möglichkeit, besseren Zugang zur anderen Welt zu finden.

Sie haben Recht, Verständnis bedeutet nicht verstehen. Sobald sie etwas mehr von den anderen verstehen, um so besser können Sie darauf reagieren. Und wenn andere Sie besser verstehen, dann werden die Mitmenschen ihr Verhalten entsprechend anpassen. Natürlich gibt es da auch Ausnahmen.

Ist meine Einschätzung bis hier zumindest teilweise zutreffend?

Sie haben den großen Vorteil, dass System Sprache zu beherrschen, vermutlich besser als die meisten der Mitmenschen. Und hier liegt ein weiterer Schlüssel eines möglichen Erfolges. Es gibt eine Schnittmenge, eine gemeinsame Sprache.

Alleine wird das schwer, Sie produzieren nur immer wieder Ihre eigenen Wirklichkeiten, weil Sie immer wieder nach den gleichen Plänen konstruieren.

Ich möchte Ihnen Mut machen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie selbst sich bald so akzeptieren wie Sie sind und Sie ihre Stärken ausspielen können. Es ist auch möglich, dass Sie Ihre sozialen Kompetenzen verbessern können.

Ich hoffe, dass ich dass Chaos in Ihrem Kopf jetzt nicht noch größer gemacht habe. Ich könnte zu einzelnen Aspekten noch seitenweise mehr schreiben, will aber jetzt nicht gleich zu viel schreiben.

Ich würde mich freuen, wenn ich Sie in irgendeiner Form unterstützen kann.

Fragen von Ihnen beantworte ich gerne wieder per Email.

Beste Grüße

Platon“

 
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Verfasst von - 28. Dezember 2013 in Alltägliches, Briefe

 

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