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Schlagwort-Archive: Asperger

Jedem seine Prüfung – Teil III

Sophie

Die Unterlagen kommen. Einen Teil habe ich daheim, einen Teil muss ich beantragen. Das Gesundheitsamt konnte mir nur einen ungefähren Prüfungstermin nennen. In acht Wochen. Ich habe Zeit. Ich frage den Philosophen, wo ich das bekomme. Auch zum ärztlichen Tauglichkeitsattest frage ich, er meint, das ginge schnell und sei kein Problem. Ich bin erleichtert, denn im Anhang steht, dass sowohl Zeugnis als auch Attest maximal vier Wochen vor der schriftlichen Prüfung ausgestellt werden sein dürfen. Nur – genau der Termin steht eben noch nicht fest.

Ab und zu blättere ich in dem Buch. Vieles ist mir vertraut und bekannt, also setze ich mich gedanklich eher mit den Widersprüchlichkeiten auseinander. Genau diese Widersprüchlichkeiten in der Systematik spreche ich auch beim Philosophen an. Konstruiere komplexe Störungsbilder, deren Einordnung mir nach dem ICD-10 als schwierig erscheint, die korrekte Diagnostik aber grundlegend. Mit Erstaunen registriere ich, dass der Philosoph passen muss.

Platon

Sophie hat sich tatsächlich angemeldet. Ich bin nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht, ob ich dazu raten oder abraten soll. Einerseits bemerke ich natürlich, wie schnell sie sich in Themen und ganze Sachgebiete einarbeiten kann. Es kommt mittlerweile nicht selten vor, dass ich sie zu bestimmten Fragen oder Problemstellungen um Rat frage. Und ihre Antworten helfen mir auch oft weiter. Zudem scheint der gesamte Bereich Psychologie sie sehr zu interessieren, sonst würde sie nicht derart umfangreich ihre Zeit damit verbringen. So denke ich. Muss aber auch feststellen, dass sie bisher keinerlei Anstalten macht, zu lernen. Darüber reden und diskutieren macht sie gerne, doch vom Büffeln ist sie weit entfernt.

Sophie

Der Philosoph schimpft mit mir. Er will wissen, wie viele Seiten ich im Buch schon gelesen habe. Ich habe jedoch nur die Oberkapitel gelesen. Ich weiß, dass ich zur Demenz noch lernen muss. Und die Schizophrenie ist mir nicht ganz geläufig, da fehlt mir etwas der rote Faden. Aber das hat Zeit. Zum ersten Mal in meinem Leben vertraue ich auf mein Gedächtnis.

Viel wichtiger erscheint mir die Art der schriftlichen Prüfung. Inhaltlich sehe ich wenig Probleme, wenn nicht gerade die ganze Schizo-Ecke (Schizophrenie, schizoid, schizotyp) kommt. Aber die in teils schon grob gemeine Fragestellung scheint mir eher eine Püfung von Lesekompetenz statt von Fachwissen zu sein. Im Internet finde ich zahlreiche Fragebögen aus den vergangenen Jahren. Und schwöre mir, dass ich erst zur Prüfung antrete, wenn ich all diese Fragebögen fehlerfrei gelöst habe.

Platon

Ich beginne, mir Gedanken zu machen: was passiert, wenn sie mit Pauken und Trompeten durchfällt? Das Gesundheitsamt und die Prüfungskommission werden erfahren, dass wir bereits zusammenarbeiten. Denn wir haben den Antrag, dass ich nicht die Prüfung abnehmen darf, bereits eingereicht. Aber müsste ich mir dann die Fragen gefallen lassen, wie ich es verantworten konnte, sie zur Prüfung zu ermuntern? Ich als Prüfer müsse so etwas doch viel besser wissen müssen. Und schließlich noch die Kernfrage, ob jemand mit der Diagnose „Asperger“ überhaupt grundsätzlich als Heilpraktikerin für Psychotherapie arbeiten solle.

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Verfasst von - 31. Januar 2015 in Neue Wege

 

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Innenwelten – Angst

Sophie:

Angstgesteuert. Das ist ein Begriff, den ich gerne mal für einige meiner Reaktionen verwende. Auch wenn ich mir nicht sicher bin,  ob das, was ich als „Angst“ bezeichnen würde, wirklich auch landläufig als Angst bezeichnet wird. Denn es sind ausschließlich die Kleinigkeiten, die mir Angst machen. Die aber dafür nachhaltig. Und quasi ständig, als begleitender Zustand des Alltags. Neue, unbekannte Situationen versetzen mich förmlich in einen panischen Zustand. Ein Überrollen von Außenreizen triggert förmlich die Angst. Die Gedanken werden sprunghaft, rasen nur so dahin – bis zu dem Punkt, an dem nichts mehr geht. Und alles erstarrt, „einfriert“.

Eindeutig angstbesetzt sind soziale Situationen. Dabei habe ich keine Angst vor den Menschen selbst, ich habe kein Problem damit, mich vor eine Gruppe zu stellen und etwas zu erzählen. Erst recht nicht, wenn ich mich auf meinem Fachgebiet bewege, dann habe ich auch keine Bedenken, mitten hinein in die Konfrontation und Diskussion zu gehen. Die Angst taucht erst auf, wenn ich MIT diesen Menschen kommunizieren muss, wenn es mir nicht gelingt, das zu sagen, was ich sagen will, wenn ich nicht verstanden werde. Und je mehr Angst ins Spiel kommt, desto mehr Schwierigkeiten werden sichtbar. Ich hinterfrage jeden meiner Sätze, ob er richtig verstanden wird, ob mein Gesprächspartner etwas an meinem Gesicht oder meiner Körperhaltung als unangemessen empfinden könnte, ob das, was er oder sie sagt, auch von mir richtig verstanden wird, ob Missverständnisse vielleicht gar nicht angesprochen, sondern gleich fehlinterpretiert werden – eine entspannte Gesprächssituation sieht wohl anders aus.

Platon:

Es fällt mir schwer, über meine eigene, persönliche Wahrnehmung von Angst zu schreiben. Es scheint, als fehlte mir eine zusammenhängende und schlüssige Datenbasis. Natürlich hatte und habe ich Ängste, aber ich bin unsicher, ob es meistens nicht doch eher Sorgen oder Befürchtungen waren bzw. sind. Hatte ich schon Todesängste? Ich kann mich gerade nicht erinnern.

Als Kind hatte ich Angst vor Dunkelheit, alleine ins Bett zu gehen, in der Schule zu versagen. Als Jugendlicher, von bestimmten Krankheiten heimgesucht zu werden. Sozial im Mittelpunkt zu stehen. Aber das hatte wohl eher schon fast phobische Züge. Und jetzt? Die wohl größte Angst, die ich mir vorstellen kann, betrifft das Wohl der eigenen Kinder. Es würde mir die Brust zuschnüren, dass ich nicht mehr atmen könnte, mich lähmen, mich unberechenbar machen, wenn hier Gefahr drohen würde.

Sophie:

Das Fiese an dieser Alltags-Angst ist, dass sie gerade dann auftaucht, wenn es formal keinen Grund gibt. Wenn alles gut läuft, in geordneten, strukturierten Bahnen, sich die Dinge wie von selbst erledigen und ich langsam ein Gefühl von Sicherheit bekomme. Genau dann meldet sich die Angst zu Wort in Form der Erwartung, dass das ja nur eine Phase und alles bald vorbei ist. Ich eines Morgens aufwachen werde und alles nur geträumt ist. Und ich in Wahrheit auf eine große Katastrophe zusteuere, die ich einfach noch nicht erkennen kann, die sich aber in den Kleinigkeiten bereits ankündigt. Und dann beginnt der sich nährende Kreislauf, denn jede Kleinigkeit, die nun nicht ganz optimal läuft, ist für mich dann schon ein Indiz, mich in dieser Angst zu bestätigen.

Das Seltsame ist, dass diese Angst immer gekoppelt ist an andere Menschen. Ich habe keine Angst davor, einen schweren Unfall zu haben oder zu erkranken. Aber ich habe Angst davor, dass die Unberechenbarkeit anderer Menschen in meinen Alltag einbricht und meine mühsam aufgebauten Strukturen mit einem Schlag zerstört. Und ich dann dastehe, ohne Orientierung, ohne Sicherheit. Und je wohler ich mich in meinen Strukturen fühle, desto größer wird diese Angst.

Platon:

Doch letztlich kann ich wohl von ganz ganz großem Glück reden, von wirklicher Angst bisher verschont worden zu sein. Ich kann nur schwer beurteilen, woran das liegt. An der Zeit, in der ich lebe? An dem Land, in dem ich wohne? An der Familie, in der ich aufgewachsen bin? Es ist auf jeden Fall Glück, mehr wohl nicht. Großes Glück. Bis jetzt.

 
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Verfasst von - 26. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Innenwelten – Konzentration

Sophie:

Schon während des Studiums habe ich diese Zeiten geliebt: Fachinhalte lernen, fokussiert auf nur einen Punkt. Die Welt inexistent. Da bin nur ich – und die Buchstaben auf dem Papier, die an mir vorbeifliegen und sich genau so in den Räumen meiner Gedankenwelt niederlassen. Ich sauge das Wissen auf wie ein Schwamm das Wasser. Ungefiltert. Es ist, als wäre ich nur in meinem Kopf, als bestünde ich nur aus diesem Fokus, aus dieser Innenwelt. Hunger, Durst, Schlaf, ein klingelndes Telefon – nichts bekomme ich mit. Stunde um Stunde vergeht, manchmal ganze Nächte. Ich merke es nicht und wundere mich höchstens, dass es plötzlich hell ist. Ohne, dass ich etwas tun muss, sortiert sich das erlernte Wissen, ergänzt bestehendes, findet neue Zusammenhänge. Wie durch geistige Räume kann ich wandern und dabei die Wissenspunkte an den Orten ablegen, an denen ich sie nachher mit allen zugehörigen Assoziationen und Bildern wiederfinde. Es ist wie ein Netz, dass sich beständig weiterknüpft. Und das, wenn ich diesen Fokus habe, keine Löcher aufweist. Das ich nicht mehr vergesse.

Mit dieser Konzentration schreibe ich seitenweise meine Texte. Oft auf den Punkt. An einem Stück. Ohne auch nur einen Moment darüber nachdenken zu müssen. Meist fehlerfrei. Als würde ich mich in immer neue Höhen schrauben, ohne es überhaupt zu merken. Als gäbe es keine Welt, für die ich schreibe.

Platon:

Konzentration ist für mich fast ein Fremdwort. Zumindest aber ein ernstzunehmendes Problem. Ich schaffe es einfach nicht, mich über einen längeren Zeitraum auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren. Ich schweife ab, bin assoziativ, komme von dies auf das. Zu fast jedem Begriff der äußerlich oder gedanklich fällt, kommen mir neue Geschichten, neue Ideen in den Sinn. Ich denke in Schleifen, parallel, sprunghaft. Komme mit meinen Dingen oft nicht zuende, muss immer wieder zurückspringen, um Gedanken oder Handlungen abzuschließen. Ich verzettel mich oft, denke zu viel zur gleichen Zeit. Ich vermisse bei mir die Linearität.

Sophie:

Diese Form der absoluten Konzentration führte dazu, dass ich Unmengen an Wissen in wenigen Stunden ansammeln kann. Zum Leidwesen meiner Kommilitonen lernte ich Inhalte nur einmal – und das in der Regel maximal 24 Stunden vor der Prüfung. Oft habe ich dann auch nicht geschlafen, wandelte wie im Traum Richtung Uni und absolvierte die Prüfungen in diesem Zustand. In aller Regel mit sehr guten Leistungen. Danach war es, als würde ich aus irgendetwas aufwachen. Manchmal konnte ich nicht mal mehr sagen, welche Fragen in der Prüfung gestellt wurden. Und mehr als einmal standen ganze Buchseiten fast wörtlich in meiner Klausur. Und ich hätte sogar die Seitenzahl im Buch benennen können.

Wenn dieser Zustand gewaltsam unterbrochen wird, werde ich ungehalten. Sehr ungehalten. Es ist dann, als würde man mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Wand fahren. Ausgebremst. Und wenn dieser Zustand vorbei ist, ist er erst mal vorbei. Einfach weitermachen geht dann nicht. Als hätte jemand von diesem inneren Wissenschrank die Tür zugeschlagen.

Diese Phasen höchster Konzentration sind für mich lebensnotwendig. Als hätte mein Gehirn einen unstillbaren Durst nach neuem Wissen. In einem früheren Job konnte ich diese Konzentration nie erreichen. Immer war etwas anderes. Mein Fokus war nicht da. Ich hatte das Gefühl, verloren zu gehen in einer Außenwelt, die meine Gedankenwelt ausschließt. Innerhalb weniger Wochen wurde ich nahezu handlungsunfähig. Ich hatte das Gefühl, geistig zu verhungern.

Platon:

Das führt dazu, dass  ich nach einigen Minuten kognitiver Tätigkeit aufstehen muss, im Raum umhergehe, einen Apfel esse, die Fische im Teich fütter, doch noch einen Gartenstuhl zwischendurch mit Holzlasur streiche, mal eben so. Ich lege Dinge viel zu oft irgendwo hin, muss dann immer lange suchen. Quälend lange. Ich kann nicht an einem Stück lange lesen, es geht nur mit Pausen. Oft vergesse ich auch, wo ich aufgehört hatte zu lesen. Und wenn ich lese, galoppieren meine Gedanken oft davon, bin ganz woanders. Dann muss ich häufig ganze Kapitel erneut lesen.

Früher in der Schule wurde ich regelmäßig von der gesamten Klasse unter Gelächter ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Mit offenem Mund und verklärtem Blick schaute ich aus dem Fenster und war in tiefe Tagträume versunken. Ich kann gleichzeitig zuhören und völlig weggetreten sein. Ich glaube, ich kann meine Konzentration nur schwer steuern, häufig gelingt es mir nicht. Selbst meine Tochter sagt schon zu mir: „Papa, schau mir in die Augen, hörst du was ich sage?“

 
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Verfasst von - 16. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Innenwelten – In den Köpfen der Anderen

Sophie:

Die Situation kenne ich zu Genüge: Da trifft man eine andere Person, erzählt vielleicht etwas und erntet nur Ratlosigkeit. Weil der Andere so gar nicht weiß, was es mit dem Erzählten auf sich hat. Der Zusammenhang fehlt. In der nachträglichen Analyse geht mir dann auf: der Fehler lag bei mir. Ich habe meinem Gegenüber vorab bereits Informationen unterstellt, die es gar nicht haben konnte. Der dahinterliegende Gedankengang: Ich weiß es, also weißt du es auch. Dass das mitnichten der Fall ist, weiß ich zwischenzeitlich. Trotzdem falle ich immer wieder darauf herein. Was in meinem Kopf existiert, ist für mich so real, dass ich im Traum nicht daran denke, dass andere Menschen davon gar nichts wissen oder sich vielleicht auch gar nicht dafür interessieren.

Platon:

Ich mache mir wahrscheinlich zu viele Gedanken darüber, was andere gerade denken. Meistens, wenn ich mit Menschen in Kontakt trete, versuche ich einzuschätzen, wie ich gerade auf die anderen wirke. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Durch mein Verhalten möchte ich den anderen signalisieren, wie sie auf mich wirken. In aller Regel versuche ich das für alle Beteiligten positiv zu gestalten. Kurz gesagt: Was denkt der andere was ich gerade über ihn denke. Und was denke ich was der andere gerade über mich denkt. Und das blitzschnell und intuitiv in fast allen sozialen Situationen. Theory of mind.

Sophie:

Wahrscheinlich wäre das kein Problem, wenn andere Menschen nicht offenbar ein intuitives Gespür für die Absichten ihrer Mitmenschen hätten. Und auch eines für die Menschen, denen eben dieses Gespür fehlt. In der Praxis bedeutet das leider vor allem eines: Eine quasi unbelehrbare Naivität. Auf die Idee, dass jemand etwas nur sagt oder macht (auch wenn es nicht der Wahrheit entsprich), um mich zu einer bestimmten Reaktion zu bringen, komme ich gar nicht. Bis mich jemand darauf hinweist. Vielleicht.

Und es ist auch eine Quelle vieler Missverständnisse. Viele Informationen teile ich nicht. Nicht, weil ich sie verheimlichen möchte. Sondern weil niemand danach fragt. Wenn ich nicht darüber nachdenke, laufe ich regelmäßig in diese Falle. Weil mir überhaupt nicht auffällt, dass andere Menschen nichts fragen können, wovon sie nichts wissen. Und mein Schweigen wird dann gerne als „Verschweigen“ ausgelegt. Ich hingegen glaube bis zu dem Punkt, dass einfach kein Interesse besteht. Ein einfaches Beispiel: Habe ich ein Buch gelesen, das ich für gut befunden habe, teile ich diese Information erst einmal nicht mit. Schließlich fragt mich niemand und ich möchte mich nicht aufdrängen. Der Gedanke, dass niemand weiß, dass ich dieses Buch gelesen habe, kommt mir gar nicht. Und dass aufgrund dieses Nicht-Wissens keine Frage kommen KANN. Schließlich weiß ich ja, dass ich das Buch im Regal stehen habe und ich meine dabei aus welchem Grund auch immer, dass dieses Wissen dann auch anderen Menschen zuteil ist. Und was in diesem kleinen Beispiel vielleicht noch banal klingt, kann in der Praxis durchaus zu einem richtigen Problem werden. Denn nach der Quelle des Missverständnisses fragt kaum jemand.

Platon:

Ständig laufen bei mir Programme, die versuchen einzuschätzen, wie eine Person sich fühlt und die sie umgebende Welt wahrnimmt und bewertet. Stimmungsschwankungen bemerke ich recht sicher. Beziehungskonstellationen in Menschgruppen bleiben mir selten verborgen. Manchmal denke ich, dass ich mich dadurch zu sehr ausbremse, zu sehr auf andere, zu wenig auf mich konzentriere. Und mich zu selten mit meinen eigenen Belangen durchsetze.

Ich versuche, die Überzeugungen, die Werthaltungen und die Absichten meiner Mitmenschen zu erkennen und ihr Verhalten daran zu ergründen. Die Welt aus der Sicht meines Gegenübers zu sehen, und somit auch seine Handlungen zu verstehen. Ich bin oft selbst verwundert, wie treffsicher mir das hin und wieder offenbar gelingt. Habe ich dadurch einen Vorteil? Keine Ahnung. Ich mache das auch nicht bewußt. Ich kann wohl nicht anders. Immer denken, was die anderen über mich denken, was ich über sie denke, was hin und her gedacht oder nicht gedacht wird. Ich habe festgestellt, dass ich am wenigsten „gut kann“ mit Menschen, die sich nicht für die Gedanken der Mitmenschen interessieren.

 

 
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Verfasst von - 9. Juli 2014 in Alltägliches, Innenwelten

 

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Innenwelten – Routinen

Sophie:

Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich höre, dass Menschen etwas machen, ohne darüber nachzudenken und sich nachher sogar nicht mehr daran erinnern können. Damit meine ich nicht, dass sie es nach einer Stunde schlicht vergessen haben, sondern die Tatsache, dass sie genau im Anschluss an ihre Handlung nicht mehr wissen, was sie gerade gemacht haben.

In meinem Tagesablauf habe ich bestimmte Dinge so eingerichtet, dass ich sie immer wiederhole und sie stetig gleich ablaufen. Ich mag das, weil ich dabei weniger denken und planen muss. Ich weiß, welcher Schritt als nächstes kommt, sehe ihn direkt schon vor meinem geistigen Auge und kann in Sekundenschnelle mehrere Handlungssequenzen im Voraus denken. Neue Handlungsabfolgen muss ich ins Detail zerlegen und manchmal wollen dann meine Hände nicht so, wie ich es will und es klappt nicht gleich. Dann brauche ich länger, muss vielleicht etwas anderes probieren. Hier ist der Konzentrationsaufwand weit größer als bei meinen täglichen Routinen, bei denen ich zwar trotzdem denke, aber nicht so ein Maß an Konzentration brauche.

Platon:

Ich steige ins Auto und fahre los. Ich denke keine Sekunde über die Position oder Bewegungsabfolge meiner Gliedmaßen nach. Ich mache das Radio an, schaue durch die Gegend und vertiefe mich in Gedanken, die nichts mit dem Autofahren und der Fahrstrecke zu tun haben. Ich mache das alles automatisch. Intuitiv. Ohne darüber nachzudenken. Es entspannt mich. Ich kann mich sogar in Tagträume flüchten. Alle visuellen, akustischen und taktilen Reize werden offenbar von einem im Unterbewußten laufenden Prozessor verarbeitet und für das Autofahren ausgewertet. Solange alles planmäßig läuft, bin ich in einer anderen Gedankenwelt, sobald irgendetwas unerwartetes passiert – ein Vogel auf der Straße, ein unpassendes Geräusch oder eine unerklärliche Vibration – bin ich blitzschnell wieder im Modus Autofahren. Etwas später schalte ich meistens wieder nahtlos um in den Gedankenmodus.

So geht es mir mit vielen Situationen: Spazierengehen, Joggen, Fahrradfahren, Angeln, Segeln, usw. Mein Körper agiert meistens automatisch. Es sei denn, etwas ist deutlich anders als sonst. Ich kann sogar Gespräche führen, und gleichzeitig gedanklich in eine Parallelwelt abdriften. Oder ganze Buchseiten lesen, und dabei an ganz andere Dinge denken. Dann muss ich aber meistens die Seiten erneut lesen, weil nicht viel hängen geblieben ist.

Sophie:

Manchmal glaube ich, dass ich nur auf einer Spur denke und agiere. Und wenn diese Spur zu sehr mit Gedanken belegt ist, scheitern die Bewegungen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn ich nicht klar und bewusst die Anweisung „Hand zum Lichtschalter“ gebe, dann bleibt es dunkel. Das Licht anmachen und dabei daran denken, dass ich noch die Wäsche waschen muss, funktioniert gleichzeitig nicht. Und ganz verrückt finde ich, dass es Leute gibt, die behaupten, dass sie „nicht“ denken. Das kenne ich nicht. Ich denke immer. Mal Schönes, mal weniger Schönes, aber ein „Nichts“ gab es noch nie. Und wenn ich mich auf die Bewegung konzentriere, dann ist die Kapazität für ein „Gespräch nebenher“ unter Umständen schon belegt.

Wenn ich doch mal gedanklich abgleite (wobei ich dabei immer noch denke), dann unterbreche ich auch die Bewegung, die ich gerade mache. So, als wäre die Energie aus dem Bewegungsapparat abgezogen und werde nun an anderer Stelle gebraucht. Selbst einfaches Geradeauslaufen klappt dann nicht mehr – ich bleibe einfach stehen. In dem Fall vergesse ich dann aber wirklich alles, selbst der Satz, den ich gerade noch sagen wollte, der bricht dann -…

Platon:

Ich wage zu behaupten, dass ich zu 95 Prozent am Tag meine Körperbewegungen nicht bewußt steuer. Vermutlich sind es 99 Prozent. Meine Gedanken und Kognitionen allerdings wähle ich meistens bewußt. Ich komme zwar von Höckschen auf Stöckschen, bin aber zumeist in bewußter Steuerung meiner Gedanken, kann beliebig umschwenken, lasse gerne aber auch meine Gedanken frei schweifen oder fast ganz verschwinden. Das entspannt mich.

Bei Sophie scheint alles umgekehrt zu sein. Ihre Gedanken führen offenbar ein Eigenleben, sind von ihr oft nicht bewußt zu kontrollieren. Ihren Körper hingegen kann sie nur bewußt und konzentriert steuern. Es gibt keine verborgenen Prozessoren, die ganze Bewegungsabläufe und Routineprozesse unbewußt steuern. Wie schon so oft denke ich: verkehrte Welt.

 
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Verfasst von - 5. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Innenwelten – Körperwahrnehmung

Sophie:

Mein Körper und der ihn umgebende Raum, das sind zwei Faktoren, die nur sehr bedingt zueinander passen. Manchmal scheint mir sogar, dass hier zwei sich aufhebende physikalische Gesetzmäßigkeiten aufeinandertreffen – sehr zur Erheiterung meines Umfelds. Wenn ich die Augen schließe und benennen soll, wo sich meine Körperteile befinden, wird es ohne einen Referenzpunkt schwierig. Und ich warte nur auf den Tag, an dem mir in einer Alkoholkontrolle Betrunkenheit unterstellt wird, weil ich nur mit Mühe imstande mit, mit dem Zeigefinger blind meine Nasenspitze zu treffen oder sicher auf einem Streifen balancieren kann. Ich denke an die vielen blauen Flecken, die ich schon hatte, weil ich sicher war, dass ich an diesem Regal vorbeikomme, aber nicht bedacht habe, dass mein Körper breiter ist als mein Kopf.

Es kommt häufig vor, dass ich aufwache und dann erst einmal beginnen muss, meine einzelnen Körperteile gedanklich ausfindig zu machen, bevor ich aufstehen kann. Linke Hand, rechte Hand, linker Fuß, rechter Fuß. Fies wird es, wenn ich diese irgendwie in sich verknotet habe. Da braucht es dann doch erst einen visuellen Eindruck, damit nachher alles wieder an seinem Platz ist.

Platon:

Körperwahrnehmung ist ein zentraler Aspekt bei Sophie. Sie muss zum Beispiel ihre Hände sehen, um zu wissen, wo sie sind.  Ebenso hat sie kaum eine Wahrnehmung davon, welchen Gesichtsausdruck sie gerade hat. Auch der Gleichgewichtssinn ist problematisch, Fahrradfahren ist schwierig, in Kurven fast unmöglich. Interessannterweise kann sie aber mit Mopeds durch die Gegend düsen.

Sobald sie unter schweren Decken liegt, spürt sie die Begrenzung des eigenen Körpers zur Aussenwelt. Starker, gleichmäßiger Druck entspannt sie. Beide Körperhälften, also beispielsweise die rechte und die linke Hand, müssen beim Schnürsenkelbinden separat gesteuert werden. Intuitive Bewegungsabläufe sind kaum möglich. So habe ich sie und ihre Wahrnehmungsfähigkeiten verstanden. Für mich ist eine derartige Körperwahrnehmung unvorstellbar. Aber auch eine Erklärung für viele ihrer Verhaltensweisen. Dass sie sich nicht so gut beim Autofahren unterhalten kann, da sie permanent mit der Koordination ihrer Gliedmaßen beschäftigt ist und auch noch den Verkehr und die Bordinstrumente im Blick hat. Alles ganz bewußt gesteuert.

Sophie:

Ich kenne es nicht anders, für mich ist das vollkommen normal. Bislang ging ich davon aus, dass es auch anderen Menschen so geht. Und habe immer bewundert, mit welcher Effizienz und Sicherheit sie teils ihren Körper bewegt haben. Besonders auffallend war meine Form der Körperwahrnehmung im dunklen Kapitel „Schulsport“. Leider nicht im Positiven. Wusste ich, dass ich jetzt gleich einen Ball fangen muss, klappte das noch einigermaßen. Kam der Ball überraschend während eines Spieles, glotzte ich das fliegende Ding nur an – und bekam es ins Gesicht. Was mehr zur Erheiterung meiner Klassenkameraden beitrug, kann man sich sicher denken. Auch das unrühmliche Kapitel „Tanzen“ gehört in diese Kategorie. Allein eine Drehung, bei der der Kopf „immer auf der gleichen Stelle“ bleibt – ich habe nicht mal verstanden, was die eigentlich von mir wollen. Und rotierte mich regelmäßig in einen Drehwurm, stolperte über meine eigenen Füße und klatschte irgendwelchen Leuten meine Hände ins Gesicht, weil ich die gerade nicht mehr unter Kontrolle hatte. Bei Hochsprung war dann ein Punkt erreicht, an dem selbst meinen Lehrern eine gewisse Gefahr sahen. Ich war häufig so mit der Organisation der Beine beschäftigt (mit welchem Fuß muss man loslaufen, damit man exakt mit dem linken Fuß abspringen kann?), dass ich die Drehbewegung im Sprung und die entsprechende Körperhaltung gar nicht mehr hinbekam – und in aller Regel das komplette Gestell umgerissen habe. Künftig bestand meine Aufgabe dann im Wiederhinlegen der Stange für die anderen Schüler.

Der einzige Sport, den ich wirklich gut kann, ist Schwimmen. Das mich umgebende Wasser gibt mir ein genaues Feedback darüber, wo welcher Teil meines Körpers ist. Das Verletzungsrisiko ist minimal, denn Wasser hat keine Kanten. Und dank jahrelangem Training bin ich im Wasser so schnell, dass andere eventuelle Schwimmteilnehmer nahezu umgehend die Bahn räumen und einen Sicherheitsabstand einhalten.

Platon:

Ich würde gerne einmal so wie sie den eigenen Körper spüren wollen – oder besser gesagt: eben nicht spüren können. Nur für einen kurzen Moment. Dieses ganze Thema findet nach meiner Einschätzung viel zu wenig Beachtung bei Diagnostik und Therapie. Eigentlich unverständlich, da diese Prozesse doch eigentlich ganz gut überprüfbar und wiederholbar sind. Die mit Sophie bisher durchgeführten Achtsamkeitsübungen sind gleich gescheitert. Keine Wahrnehmung. Aber die von Neurobiologen gerne angeführte „Neuroplastizität“, also die Fähigkeit von Nervenzellen, sich selbst bis ins hohe Alter an sich ändernde Situationen anpassen zu können, könnte ja in speziellen Übungen genutzt werden. Um die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu verbessern.

Aber ist das  überhaupt erstrebenswert? Wäre das eine Hilfe für Sophie? Oder liegen die Ursachen für die oft fehlende Körperwahrnehmung ganz woanders? Ich habe den Eindruck, dass selbst Experten hier eher ratlos als wissend sind. Dass der Forschung noch ein gutes Stück Arbeit bevorsteht. Und dass Sophie ihren Körper ohnehin als Ballast empfindet, als eigentlich wertlose und oft störende Hülle. Wenn ich die Augen schließe, dann weiß ich genau, wo sich meine Hände und Füße befinden. Sophie nicht.

 

 
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Verfasst von - 28. Juni 2014 in Alltägliches, Innenwelten

 

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Zwischen Gedanken – Nach der Trance

Sophie:

Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, dass da heute irgendwas bei herauskommt. Ich bin nicht einmal sicher, ob da etwas herausgekommen ist. Aber lustig war es allemal. Wahrscheinlich werde ich in den kommenden Woche keine Spinne sehen können, ohne grinsen zu müssen.

Die Bemerkung des Philosophen, dass er glaubt, ich sei eingeschlafen, wundert mich. Schließlich habe ich mein kaum vorhandenes Zeitgefühl zwar verloren, bin mir allerdings sicher, dass ich wach war. Es wäre auch zu schön, wenn sich auf diese Weise und so einfach einschlafen ließe. Aber auch der Philosoph schien sich sicher. Und für einige Momente zweifle ich ernsthaft an meiner Wahrnehmung – schließlich fand ich auch eine Spinne zum Schreien komisch…

Platon:

Damit habe ich nicht gerechnet. Wir hatten schon einige Achtsamkeitsübungen gemacht, aber ohne Erfolg. Ganz im Gegenteil, Sophie hat so gut wie keine „Verbindung“ zum eigenen Körper. Wie sollen daher Achtsamkeitsübungen gelingen? Dieses Thema – also Entspannungstechniken bei Mensch aus dem Autismus-Spektrum-Bereich – ist in der Literatur kaum erwähnt. Hier ist aus meiner Sicht in Forschung und Praxis eine große Lücke. Hier ist großer Handlungsbedarf.

Eine weitere Frage ist, wie Bewußstsein und Unterbewußtsein miteinander verknüpft sind, wie beide Bereiche präsent bzw. nicht präsent sind. Ich habe den Eindruck, dass bei Sophie das Bewußte und Unbewußte anders zusammenspielen. Sie muss sich auf alles konzentrieren, zum Beispiel auf jede Körper-Bewegung beim Autofahren. Oder beim Zubinden der Schnürsenkel, bei der Steuerung des rechten und des linken Arms, beider Körperhälften. Prozesse laufen nicht intuitiv ab. Dadurch sind alle Handlungen letztlich sehr anstrengend und wenig multitaskingfähig. Daher vielleicht auch die große Müdigkeit. Und die großen Schlafprobleme.

Sophie:

Immerhin, eine Sache fällt mir auf: Mir scheint, als hätte jemand die Gedanken in meinem Kopf einfach ausgeknipst. Oder zumindest die dahinterstehende Eigendynamik. Im Laufe der Nacht schraubte sich mein Herzschlag wieder in die wohlbekannte Höhe, dennoch fühle ich mich einige Stunden regelrecht gelassen und ruhig. An die Situation beim Arzt verschwende ich keinen Gedanken mehr. An den Rest auch nicht. Das ist eine sehr willkommene Abwechslung – so, als hätte jemand in einem Raum, in dem mehrere Menschen durcheinander reden und immer lauter werden, für einige Zeit für Stille gesorgt. So sollte es eigentlich immer sein.

Platon:

Ob für Sophie Entspannungstechniken und hypnothische Verfahren sinnvoll sind, muss wohl schlichtweg ausprobiert werden. Interessant ist jedenfalls, dass sie auf ganz einfache und direkte Suggestionen, die offenbar nur oft genug wiederholt weren müssen, anspricht. Hier wünschte ich mir Forschungserbnisse und Berichte aus der Praxis. Erfahrungsberichte von Verfahren und Techniken, die vielleicht so manche pharmakologische Intervention ersparen könnten.

Kleine Mitteilung

Achtung, ab heute ändern wir noch einmal den Erscheinungsrhythmus unserer Beiträge. Zum einen wollen wir den Sommer herbeizwingen und euch Zeit geben, die Sonne und das schöne Wetter (ja, das kommt jetzt. Wirklich.) zu genießen (und außerdem nicht langweilig für euch werden), zum anderen arbeiten wir gerade intensiv am Buch zu diesem Blog mit vielen zusätzlichen Hintergrundinfos und brauchen dafür etwas Luft. Außerdem war der bisherige Erscheinungsrhythmus etwas „unrund“ und gerade am Wochenende knubbelten sich die Beiträge schon. Daher:

Ab heute erscheinen neue Beiträge jeden Mittwoch und jeden Samstag um 10 Uhr.

 
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Verfasst von - 25. Juni 2014 in Zwischen Gedanken

 

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18. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

es ist gut und richtig, dass Sie Ihre Gedanken niedergeschrieben haben, dass Sie Ihr Unverständnis und Ihre Befürchtungen klar formulieren. Ja, es gibt leider zu viele unbedachte Äußerungen von Menschen, die es einerseits besser wissen müssten, und die sich andererseits offenbar der Tragweite ihrer Worte nicht ganz bewußt sind. In manchen Fällen hat man sogar den Eindruck, dass mit kalkulierter Absicht bestimmte Begriffe in die Diskussion gebracht werden, um sich selbst in welcher Form auch immer zu profilieren. Die Gründe dafür und mögliche Erklärungen haben Sie in Ihrer Nachricht schon selbst versucht zu beschreiben. Da kann ich nur zustimmen. Auch an vielen anderen Stellen – Sie haben ja auch eine kleine Linkliste angeführt – wird dieses Verhalten ausgiebig diskutiert, kommentiert und bewertet. Ich werde nun versuchen, aus fachlicher Sicht und aus meiner Erfahrung heraus Ihnen zu antworten.

Menschen mit einer Diagnose aus dem Bereich Autismus-Spektrum-Störung sind weder mehr noch weniger aggressiv und gefährlich als alle anderen Menschen auch. Aggressivität ist laut ICD-10 kein Diagnosekriterium und auch nicht in der Beschreibung der Symptome genannt. Es gibt keine Studie, die solch einen Zusammenhang zwischen Autismus und Aggressivität belegen kann. Alle Äußerungen, die solch einen kausalen Zusammenhang ziehen – sei es auch nur implizit – sind falsch und diskriminierend.

Nun zu meiner persönlichen Erfahrung. Seit einigen Jahren halte ich Seminare für Erzieher und Lehrer. Ein großer Themenblock ist dabei auch Autismus. Noch nie hat einer der mittlerweile weit über tausend Teilnehmer den Verdacht geäußert, dass autistische Kinder aggressiver als andere Kinder seien. Häufig ganz im Gegenteil. Zunehmend mehr Pädagogen und Erzieher haben die Vielfalt an Begabungen und Persönlichkeitsmerkmalen im Klassenverband zu schätzen gelernt. Weg von dem Gedanken der Einheitlichkeit in Bezug auf Leistung und Verhalten, hin zu einer Gemeinschaft von Individualität und Vielfalt. Allerdings haben diese Pädagogen noch nicht genug Einfluss auf den Unterricht der anderen Lehrer, die wenig differenziert auf das Verhalten der Schüler blicken und entsprechend unangemessen sanktionieren. Hinzu kommen die Übergriffe der Mitschüler, die manchmal an Grausamkeit kaum zu überbieten sind. Und diese täglichen kleinen und großen  Attacken werden sicherlich nicht von Kindern mit einer ASS initiiert.

Offenbar wird in unserer Gesellschaft die Entfaltung von Individualität nur innerhalb bestimmter Grenzen toleriert. Wer diese Grenzen überschreitet oder sonst irgendwie aus dem Rahmen fällt, hat es schwer. Mobbing, Erniedrigung und Diskriminierung sind die beschriebene Folge. Die betroffenen Menschen ziehen sich zurück, entwickeln Angststörungen, Depressionen etc.  Manche wehren sich dann auch gegen die ihnen entgegengebrachte Gewalt. Und dieses Wehren wird dann als Aggressivität fehlinterpretiert. Die von Ihnen angeführten Gewalttaten sind ein Produkt der gesellschaftlichen Prozesse, und nicht aufgrund irgendeiner genetischen Ursache oder Disposition zu erklären. Die Verantwortung liegt ganz klar bei der Gesellschaft, und nicht im Genmaterial. Und das nicht nur bei ASS, sondern auch bei ADHS, Teilleistungsstörungen und so weiter …

Ich kenne zum Beispiel eine ganz talentierte junge Frau, die alleine aufgrund einer Sprachentwicklungsstörung komplett durch das Raster des Schulsystems durchgefallen ist und sich durch Mobbing und Diskriminierung am Rande der Gesellschaft versteckt. Amtsärztlich wurde ihr sogar geistige Behinderung attestiert. Und wenn man genau hinschaut, dann entdeckt man einen weit überdurchschnittlich intelligenten, sowie witzigen und sympathischen Menschen. Ich könnte viele weitere solcher Beispiele anführen.

Ich habe den Eindruck, dass sich die Gesellschaft gerade in Bezug auf Autismus neu sammelt. Ein Grund dafür ist sicherlich die durch die Medien nun deutlich bessere Möglichkeit der Bildung von Netzwerken von Autisten. Jetzt können einzelne Beiträge mit einem ganz anderen Gewicht und einer wesentlich größeren Reichweite vermittelt werden – so wie hier nun Ihre Stimme, liebe Sophie. Es werden nicht mehr nur die Defizite, sondern nun auch zunehmend die Ressourcen in den Blick genommen. Bestenfalls der ganze Mensch an sich, seine Persönlichkeit. Und die Wahrnehmung der Gesellschaft scheint sensibilisiert zu sein.  Das betrifft auch die Wirtschaft. Allerdings sollte bei diesem Prozess auch genau darauf geachtet werden, dass man nicht über das Ziel hinausschießt, also erneut eine einseitige Fokussierung stattfindet, wenn nun auch auf die Stärken gerichtet.

Ich denke, der  Weg ist noch lang. Gerade für den Einzelnen selbst wird es noch viele Rückschläge in der Gesellschaft geben. Die von Ihnen angeführten verbalen Entgleisungen mancher Politiker und die Falschaussagen mancher Journalisten sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Aber was nützt ein gesellschaftliches Umdenken, wenn trotzdem im Großen und im Kleinen immernoch zu oft Diskriminierungen stattfinden?

Die gute Nachricht ist, dass es viele Menschen gibt, die wertschätzend und charakterlich gefestigt sind. Und tolerant. Die nicht nur bewerten, sondern sich interessieren. Verbringen Sie mit diesen Menschen mehr Zeit.

Abschließend möchte ich noch einmal die von Ihnen angeführte suggestive Kraft der selbsterfüllenden Prophezeiung aufgreifen. Da gebe ich Ihnen mit Ihren Sorgen Recht. Und aus meiner Sicht müssten alle, die unbelehrbar und rücksichtslos derartige Fehlinformationen verbreiten, zur Verantwortung gezogen werden. Gesprochene und geschriebene Worte sind Handlungen, die andere verletzen können und die Gesellschaft schädigen. Unabhängig von der freien Meinungsäußerung.

Ich kann nur alle ermutigen, weiter zu machen. Gegen Dummheit, Ausgrenzung und Diskiminierung anzugehen, sich zu positionieren. Aufzuklären.

Danke Sophie.

Platon“

 
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Verfasst von - 31. Mai 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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18. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

seit einigen Wochen durchforste ich ja nun das Internet zum Thema Autismus und eine Sache fällt mir immer wieder auf, die mir Gedanken macht. Offenbar gibt es viele Menschen, die Autismus in einen direkten Zusammenhang sehen mit großer Gewalt und Aggression.

Ich lese von furchtbaren Verbrechen, von Menschen, die andere erschießen, erstechen und foltern – und bekomme dann die „Begründung“, dass diese Menschen so handeln würden, weil sie Autisten seien. Selbst Studien beschäftigen sich damit, ob Autismus Menschen zu Massenmördern macht.

Wahrscheinlich sollten mir diese Berichte gleichgültig sein, sie sind es aber nicht. Sie plädieren immer dafür, dass man sich anderen erklären soll, um soziale Missverständnisse zu vermeiden – aber was soll ich den Leuten erklären, wenn sie bereits durch die Medien erfahren, dass Autisten gefährlich seien? Schaffe ich damit nicht erst die Missverständnisse, die ich vermeiden will? Bin ich für andere „böse“, weil ich Autistin bin?

Autismus ist medial negativ belegt. Menschen, die man weder versteht noch mag, werden als Autisten – im psychiatrisch relevanten Sinne – bezeichnet. Das sind dann Amokläufer, Politiker, verschwenderische Bischöfe, junge Männer, die keinen Erfolg bei Frauen haben. Wenn das Verhalten nicht nachvollziehbar oder abweichend ist, dann sind die Leute eben Autisten. Als sei Autismus eine Schande, ein Makel, etwas, wofür man sich schämen muss. Ein wenig erinnert mich diese Argumentation an die Zeit, zu der in Deutschland Juden und solche, die wie Juden „aussahen“, der Sündenbock für alles waren. Mit den entsprechenden Folgen. Ich dachte, über den Stand der Diskussion seien die Menschen hinaus… Dabei fällt auf, dass die „Diagnose“ von Medienleuten getroffen wird und nicht von qualifiziertem Fachpersonal. Und dass sie in vielen Fällen nachweislich und auch bekanntermaßen schlicht falsch ist. Aber letztendlich ist das ja egal, die Botschaft ist in der Welt und wird munter und bar jeder Vernunft weiter verbreitet… So auch jetzt.

Und zu einem ganz kleinen Teil frage ich mich, ob vielleicht an diesen „Studien“ doch etwas dran sein könnte. Ich weiß von mir, dass ich nicht mal eine Fliege erschlagen kann, sondern sie lieber einfange und in die Freiheit entlasse. Ich habe noch nie bewusst einen Menschen angegriffen und verletzt und ich habe noch nie darüber nachgedacht, mit einer Waffe in meine Schule zu gehen und meine Schulkameraden zu erschießen. Ich würde nie Gewalt gegen andere Menschen anwenden, selbst dann nicht, wenn ich ihr ausgesetzt bin. Obwohl ich – traut man den Medienberichten – fast perfekt in das Profil eines Amokläufers passen würde. Einzelgänger, zurückgezogen, Mobbingopfer. Und jetzt eben auch noch Autistin. Wenn ich dann solche Studien lese, frage ich mich, ob ich Angst vor mir selbst haben muss. Bin ich allein durch eine genetische Disposition ein Schwerverbrecher? Bin ich allein durch eine Wahrnehmungsvariante des menschlichen Seins ein Killer? Kommt vielleicht der Tag, an dem sich in meinem Gehirn ein Schalter umlegt und ich – gemäß meiner Programmierung – mit einer Waffe wahllos Menschen töte? Einfach bedingt durch die Tatsache, dass ich autistisch bin? Ich las bereits von Forderungen, alle „Kranken“ für immer wegzusperren. Die Diagnose als Urteil, sperrt Personen ein, die noch nichts getan haben – sie könnten ja etwas tun. Menschen, die fordern, dass Autisten wie Hunde und Katzen gechippt und registriert werden (es gab mal eine Zeit, da hat man an bestimmte Menschen“sorten“ gelbe Sterne ausgegeben, damit sie gleich erkennbar sind. Und Registrierungsziffern auf Unterarme tätowiert…). Schöne, neue Welt…solche Forderungen sind wahrscheinlich das wirklich Kranke an der ganzen Diskussion.

Ich bin mir sicher, dass keine Störung, wie auch immer sie heißen mag, einen Menschen per se zu einem Verbrecher macht. Wäre dem so, dann wären auch an den vielen Diskussionen zu einem Verbrecher-Gen etwas dran. Und auch da weiß man, dass es Blödsinn ist. Ich denke, dass viele andere, vor allem von außen bedingte Umstände und oftmals auch winzige Faktoren dazu führen, dass ein Mensch irgendwann durchdreht. Aber wie viele schaffen durch solche Berichterstattungen eine negative, von Angst geprägte Grundstimmung, die für Autisten in erneuter Ablehnung endet? Und wie viele Autisten sammeln dann Frust, Enttäuschungen und Verletzungen an – bis sie wirklich irgendwann durchdrehen? Wenn das autistische Kind tobt, ist das für das Umfeld dann schon das Zeichen für die „gefährliche Aggressivität“? Und wie viele Kinder und auch Erwachsene glauben vielleicht, was sie immer und immer wieder in den Zeitungen lesen und handeln irgendwann so, wie es von ihnen – wenn auch im Negativen – „erwartet“ wird? Ich sehe hier ziemlich deutlich das suggestive Prinzip einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gegeben.

Ich verstehe nicht, warum etwas wie Autismus offenbar so „attraktiv“ ist, dass es für sämtliche Verbrechen herhalten muss. Warum Autismus für viele bereits das Verbrechen an sich zu sein scheint. Einen ähnlichen Trend gab es ja auch schon mal in Bezug auf Depressionen. Von „Dummheit“ will ich eigentlich nicht reden, auch wenn mir der Begriff naheliegt. Liegt es daran, dass den Menschen Angst macht, was sie nicht verstehen können? Oder ist es einfacher, Gründe in einem „gestört“ zu finden statt der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten? Ist Autismus vielleicht wirklich eine „Modediagnose“ – nämlich für Medienschaffende, die zwar keine Ahnung, aber ein tolles Wort für ihre Berichte haben? Auf Kosten derer, die sich sowieso schon tagtäglich durch eine nicht einfache Welt kämpfen müssen…

Ich bin kein Massenmörder und ich werde nie einer sein. Aber ich habe das Gefühl, ich werde zu einem gemacht. Und sei es nur auf dem Papier.

Liebe Grüße

Sophie“

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Verfasst von - 28. Mai 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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Die Re:Publica – Teil III

Platon:

Irgendwie ist es eine skurile Situation. Da sitzen wir beide im Auto und sind vermutlich jeweils äußerst gespannt und interessiert, wie sich nun der andere den Rest des Tages verhalten wird. Und was sonst noch so alles auf uns zukommt. Auf meiner Seite ist es eher eine freudige Spannung, bei Sophie bin ich unsicher. Sie wirkt allerdings auf mich zuversichtlich und selbstbewußt. Ich hatte sie schon ganz anders erlebt.

Ich frage Sophie, ob ich mein Butterbrot auspacken dürfe, ob es sie nicht stört, wenn ich esse. Es ist Ordnung. Ich biete ihr auch ein Brot an, sie lehnt dankend ab. Heute mal nicht. Wir lachen. Wir fangen an zu erzählen, ich wieder zu fragen. Vielleicht zu viel. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass es Sophie stört. Im Gegenteil, ich finde, wir besprechen interessante Themen. Ich bitte sie zwischendurch, das Navi zu programmieren.

Sophie:

Die Autobahnen sind frei. Darüber bin ich ganz froh. Ich mag das gleichmäßige, stete, für andere oft eintönige Fahren auf der Autobahn. Der Philosoph stellt viele Fragen. Das ist in Ordnung, es stört mich nicht. Ich denke zwischenzeitlich, dass er wirklich aus Interesse fragt und nicht nur aus Höflichkeit.

Irgendwann greift er nach hinten und kramt in Alufolie eingewickeltes Brot heraus. Er fragt mich um Erlaubnis, ob er essen dürfe, was ich seltsam finde. Es ist sein Auto und ich bin sicher in keiner Position, irgendetwas zu verbieten. Das Knistern der Folie ist laut, der Geruch des Brotes zieht durch den Wagen. Die Kilometer Richtung Berlin schrumpfen zusehends.

Platon:

Wir fahren und fahren und fahren, und die Zeit wird nicht lang. Irgendwann mache ich eine Pause an einer Raststätte. Wir gehen auf die Toilette. Ich bin wohl eher fertig, gehe zum Wagen, kehre aber irgendwann zurück. Ja, wie bereits vermutet, Sophie wartet noch am Eingang der Toiletten auf mich, dort hatten wir uns zuletzt gesehen. Ich spreche sie an, sie erkennt mich, und wir gehen dann zusammen zum Auto.

Wieder auf der Autobahn frage ich, ob Sophie den Warp-Antrieb höre. Sie lauscht, sagt dann aber, dass das nicht der Warp-Antrieb wäre, sondern dass es es sich dabei um Fahrgeräusche handele. Ich sage, nein, das wäre der Warp-Antrieb. Wir haben das dann nicht weiter ausdiskutiert. Etwas später durchfahren wir eine Baustelle, ich fahre natürlich viel zu schnell hinein. Ein Arbeiter spritzt mit einem Hochdruckreiniger irgendwelchen klebrigen Dreck von der Fahrbahn. Wir fahren durch die Dreckwolke, das bisher schöne saubere Auto sieht jetzt aus wie nach einer längeren Ralley-Tour. Sophie lacht daraüber.

Sophie:

Mehr als einmal fährt der Philosoph wieder zu schnell. Ich gebe ihm heute zehn Stundenkilometer „Toleranz“, bevor ich mich melde. Gerade bei den Baustellen neigt er dazu, die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu „übersehen“. Auf den ersten Schildern taucht „Berlin“ auf. Die Kilometer werden zusehends weniger. Die Autobahn ist zwischendurch fast verlassen, irgendwann passieren wir die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. In solchen Momenten würde ich gerne eine Zeitreise machen, einige Jahre zurückreisen und das sehen, was nur als Daten in meinem Kopf gespeichert ist.

Der Philosoph scheint gut gelaunt. Er macht viele Witze und hat einen kleinen Tick, den ich auch von mir kenne: Alle paar Kilometer betätigt er die Scheibenwischanlage. Ich weiß gar nicht, ob ihm das überhaupt bewusst ist. In einer Baustelle wird die Straße gereinigt, der graubraune Sprühnebel legt sich aufs Auto und die Frontscheibe. Der Philosoph schimpft neben mir, weil er das Auto erst geputzt hat und es nun schmutzig ist. Ich merke mir die Situation und beschließe, im Laufe des Tages noch einen Witz darüber zu machen: Bei nächster Gelegenheit werde ich ihn darauf hinweisen, dass er sein Auto ruhig mal hätte putzen können.

Berlin ist nicht mehr weit. Mit den Augen suche ich die Horizontlinie ab, ob etwas von der Stadt bereits zu erahnen ist. Aber Berlin tut mir den Gefallen nicht – die Stadt taucht relativ unvermittelt auf, man kann sich nicht darauf vorbereiten, man ist plötzlich einfach da.

Platon:

In Berlin finden wir schnell die im Navi eingegeben Adresse. Leider im falschen Stadtteil. Wir können es beide kaum fassen. Bis wir den Fehler merken, sind wir einige Male durch die Wohngebiete gekreist. Das neue – und jetzt richtige – Ziel in Kreuzberg ist 18 Kilometer entfernt. Quer durch die Stadt. Sophie fragt, ob ich hier leben könnte. Wir fahren an Plattenbauten vorbei. Ich antworte mit ja, aber es käme darauf an. Ich muss mich aber auf den wuseligen Verkehr konzentrieren. Ich sehe für eine Sekunde das Hotel Adlon und das Brandenburger Tor. Mittendrin versagt mein linker Blinker. Das ist beim Spurenwechsel sehr unangenehm und hinderlich. Der rechte geht noch. Ich merke, wie Sophie zusehends nervöser wird. Die Stadt, ein wahr gewordenes Ungeheuer, ein Moloch. Ich mag die Stadt, Sophie offensichtlich nicht.

Sophie:

Irgendwas stimmt hier nicht. Wir fahren durch Plattenbauten durch, die Straße stimmt, die Hausnummer auch. Aber nach einer Messe sieht hier mal so gar nichts aus. Der Philosoph lenkt seinen Wagen sicher durch den Verkehr, ich wäre schon wahnsinnig geworden. Allein die Straßenbahn macht mich nervös, ich traue diesen Dingern auf Schienen nicht. Und den anderen Verkehrsteilnehmern noch weniger. Wie sich herausstellt, gibt es die Straße in Berlin zweimal. Ganz toll. Verdammte Stadt. Und dann kommt der GAU – statt am Stadtrand zu bleiben, müssen wir mitten durch Berlin durch. Von Marzahn nach Kreuzberg.

Der Philosoph fragt mich, ob ich eine Cindy aus Marzahn kenne. Ich antworte, dass ich niemanden kenne, der in Berlin lebt und denke mir, dass ich auch alleine mit dem Vornamen wenig anfangen könnte. In Berlin gibt es sicher tausende Menschen mit Namen Cindy. Offenbar habe ich irgendwas komisches gesagt, denn der Philosoph lacht. Mir ist das Lachen eigentlich vergangen. Vorbei an Hochhäusern mit Wohnungen, die aussehen wie gestapelte Rattenkäfige, fahren wir durch dieses Monster von Stadt. Der Philosoph hat das Fenster offen, der Straßenlärm ist ohrenbetäubend. Die Stadt stinkt. Der Verkehr ist ein einziges Chaos, überall sind Menschen, Reklameschilder, bunte Schaufenster, Ampeln, Schilder, Straßenbahnschienen, Dreck, kaputten Scheiben, vernagelte Türen. Der Philosoph weist mich auf das Brandenburger Tor hin, aber ich kann es in dem Gewühl aus Fassaden nicht erkennen, wir sind zu schnell dran vorbei. Ich schließe immer wieder die Augen, nur für ein paar Sekunden. Ein paar Sekunden, in denen das Chaos Berlins nicht existent scheint. In meinem Kopf macht sich ein steter Druck breit. Wir sind in der Hölle angekommen.

 

 
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Verfasst von - 14. Mai 2014 in Re:Publica

 

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