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Schlagwort-Archive: Angst

21. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie

Hallo Platon,

die letzten Wochen waren anstrengend. Zu anstrengend. Ich bin unschlüssig und weiß nicht so recht, wie es weitergehen kann. Die Situation auf der Arbeit ist für mich nicht mehr tragbar. Die vielen Lichter, die vielen Menschen, das ständige Telefonklingeln, immer lächeln und freundlich sein und Smalltalk betreiben, die mangelnde Qualität der Arbeit und auch das fehlende Engagement meiner Kollegen – ich habe den Eindruck, dass auf mehreren Ebenen nichts funktioniert. Vielleicht könnte ich mit dem Gewusel noch umgehen, wenn ich wüsste, dass ich in Ruhe arbeiten kann und die Dinge richtig mache, die ich gelernt habe. Vielleicht könnte ich das Telefon akzeptieren, wenn ich wüsste, dass eine geschlossene Tür nicht als Affront gesehen wird. Vielleicht könnte ich die Außentermine wahrnehmen, wenn sie sachlich orientiert wären – aber wie oft geht es dabei um viel mehr als die reine Sache? Vielleicht könnte ich die mangelnde Tiefe der Arbeit akzeptieren, wenn ich wüsste, dass das, was gemacht wird, richtig gemacht wird. Aber es geht nicht darum, dass es richtig gemacht wird, sondern darum, dass einfach „etwas“ gemacht wird. Manchmal gemessen an Faktoren, die nicht nachvollziehbar, die nicht verstehbar sind, die teilweise sogar jeder Grundlage dessen widersprechen, als was ich eigentlich arbeite. Der quantitative, vor allem aber der qualitative Anspruch tendiert Richtung Null. Und das frustriert ungemein. Dazu kommen Dinge, die hier passieren, und die ungerecht sind. Teils sogar sehr ungerecht. Aber wenn ich etwas sage, dann droht man mit Abmahnung oder Kündigung, teils sogar offen. Selbst, dass ich stets pünktlich zur Arbeit erscheine, wurde kritisiert. Weil alle anderen Kollegen unpünktlich kommen, soll ich dies auch machen, damit sie nicht „schlecht“ dastehen. Ich verstehe es nicht.

In den letzten Tagen hatte ich viele Termine außerhalb. In Schulen, in der Innenstadt, bei lauter Musik und viel zu vielen Menschen. Das ermüdet ungemein. Und dann sitze ich über Stunden an meinem Arbeitsplatz, habe nichts mehr zu tun, weil ich „zu schnell“ gearbeitet habe, darf mir aber nichts anmerken lassen, dass ich nichts zu tun habe. Und selbst das Nichts-Tun ermüdet mich zwischenzeitlich. In der Nacht kann ich nicht schlafen, am Morgen möchte ich am liebsten nicht aus dem Haus. Ich beginne Montags und hoffe auf Freitag, verlasse Freitags das Büro und verbringe mein Wochenende in der Angst vor dem Montag. Es sei denn, es steht eine Wochenendschicht an, dann brauche ich mich vor Montag nicht zu fürchten, sondern vor Samstag.

Dazu kommt noch das soziale Possenspiel, das ich langsam, aber sicher, nicht mehr ertrage. Schon morgens der „nette Plausch“ mit der Sekretärin, dann das erste Büro und wieder drei auswendig gelernte Sätzchen. Alles, nur damit die „Stimmung“ stimmt – und das auch nur oberflächlich. Am schlimmsten ist es im großen Durchgangsbüro, das nur nachmittags besetzt ist. Eine der Frauen dort ist sehr freundlich zu allen Kollegen, verlassen diese aber den Raum, geht das Gehetze los. Sie sind sehr laut, selbst bei geschlossener Tür kann ich sie hören. Und ich verstehe es nicht. Wenn mich an jemandem etwas stört, dann spreche ich es an. Und zwar bei der betreffenden Person, nicht bei den Kollegen, die sich wiederum in Anwesenheit der betreffenden Person in Schweigen retten. Teils gehen diese Lästereien, diese Intrigen, dieses Gehetze bis ins Büro des Chefs. Ich gehe dem aus dem Weg, will mich daran nicht beteiligen. Und möchte auch gar nicht wissen, wie oft ich selbst Ziel dieser Hetzerei bin, sobald ich das Büro verlasse.

Ich merke, dass mir zunehmend die Energie abhanden kommt. Wären die Einzelfaktoren an sich vielleicht kein großes Drama oder zumindest irgendwie zu managen, so macht die Summe einen Zustand, den ich immer mehr als unerträglich definieren würde. Und ich möchte nur noch weg. Weg aus meinem Haus, weg aus meinem Büro, weg von allem – irgendwo dorthin, wo es ruhig und still ist. Wo kein Mensch ist, nichts passiert.

Ich fange an, Fehler zu machen. Und das Schlimme ist, dass es mir zwischenzeitlich egal ist. Mir fehlt das Lernen, der Input, die Zeit, die Aufgaben richtig und perfekt zu machen. Vielleicht kann ich all das nicht? Vielleicht ist es nur eine Station mehr in der Chronologie des Scheiterns? Auch wenn ich noch nie in einer derart kurzen Zeit eine Perspektive an die Wand gefahren habe…

Bislang habe ich mich nicht getraut, darüber nachzudenken, denn ich bin hier alleine, ohne Sicherheiten, in einem schlechtbezahlten Job in einer Region mit wenig Aussicht auf eine andere Anstellung. Und ich wäre an einer fast schon banalen Aufgabe gescheitert. Aber ich befürchte, dass ich mich komplett aufreibe. Dass ich die zwei Jahre, die mein Vertrag läuft, nicht überstehen werde. Dass ich nicht einmal die nächsten zwei Monate überstehen werde. Und dass ich in diesem Büro nicht wirklich erwünscht bin, nicht „dazugehöre“, das merke ich auch so. Ich sollte das Ganze beenden, bevor es andere machen. Ich denke, es wäre vielleicht nicht klug, aber richtig, diese Stelle zu kündigen. Auch wenn ich keine Ahnung habe, ob und wie es danach weitergehen kann, ich hätte ja nach den paar Monaten nicht mal Anspruch auf Arbeitslosengeld… Klingt nach dem direkten Weg in Hartz IV. Ich habe es verbockt.

Liebe Grüße

Sophie“

 
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Verfasst von - 23. August 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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Innenwelten – Angst

Sophie:

Angstgesteuert. Das ist ein Begriff, den ich gerne mal für einige meiner Reaktionen verwende. Auch wenn ich mir nicht sicher bin,  ob das, was ich als „Angst“ bezeichnen würde, wirklich auch landläufig als Angst bezeichnet wird. Denn es sind ausschließlich die Kleinigkeiten, die mir Angst machen. Die aber dafür nachhaltig. Und quasi ständig, als begleitender Zustand des Alltags. Neue, unbekannte Situationen versetzen mich förmlich in einen panischen Zustand. Ein Überrollen von Außenreizen triggert förmlich die Angst. Die Gedanken werden sprunghaft, rasen nur so dahin – bis zu dem Punkt, an dem nichts mehr geht. Und alles erstarrt, „einfriert“.

Eindeutig angstbesetzt sind soziale Situationen. Dabei habe ich keine Angst vor den Menschen selbst, ich habe kein Problem damit, mich vor eine Gruppe zu stellen und etwas zu erzählen. Erst recht nicht, wenn ich mich auf meinem Fachgebiet bewege, dann habe ich auch keine Bedenken, mitten hinein in die Konfrontation und Diskussion zu gehen. Die Angst taucht erst auf, wenn ich MIT diesen Menschen kommunizieren muss, wenn es mir nicht gelingt, das zu sagen, was ich sagen will, wenn ich nicht verstanden werde. Und je mehr Angst ins Spiel kommt, desto mehr Schwierigkeiten werden sichtbar. Ich hinterfrage jeden meiner Sätze, ob er richtig verstanden wird, ob mein Gesprächspartner etwas an meinem Gesicht oder meiner Körperhaltung als unangemessen empfinden könnte, ob das, was er oder sie sagt, auch von mir richtig verstanden wird, ob Missverständnisse vielleicht gar nicht angesprochen, sondern gleich fehlinterpretiert werden – eine entspannte Gesprächssituation sieht wohl anders aus.

Platon:

Es fällt mir schwer, über meine eigene, persönliche Wahrnehmung von Angst zu schreiben. Es scheint, als fehlte mir eine zusammenhängende und schlüssige Datenbasis. Natürlich hatte und habe ich Ängste, aber ich bin unsicher, ob es meistens nicht doch eher Sorgen oder Befürchtungen waren bzw. sind. Hatte ich schon Todesängste? Ich kann mich gerade nicht erinnern.

Als Kind hatte ich Angst vor Dunkelheit, alleine ins Bett zu gehen, in der Schule zu versagen. Als Jugendlicher, von bestimmten Krankheiten heimgesucht zu werden. Sozial im Mittelpunkt zu stehen. Aber das hatte wohl eher schon fast phobische Züge. Und jetzt? Die wohl größte Angst, die ich mir vorstellen kann, betrifft das Wohl der eigenen Kinder. Es würde mir die Brust zuschnüren, dass ich nicht mehr atmen könnte, mich lähmen, mich unberechenbar machen, wenn hier Gefahr drohen würde.

Sophie:

Das Fiese an dieser Alltags-Angst ist, dass sie gerade dann auftaucht, wenn es formal keinen Grund gibt. Wenn alles gut läuft, in geordneten, strukturierten Bahnen, sich die Dinge wie von selbst erledigen und ich langsam ein Gefühl von Sicherheit bekomme. Genau dann meldet sich die Angst zu Wort in Form der Erwartung, dass das ja nur eine Phase und alles bald vorbei ist. Ich eines Morgens aufwachen werde und alles nur geträumt ist. Und ich in Wahrheit auf eine große Katastrophe zusteuere, die ich einfach noch nicht erkennen kann, die sich aber in den Kleinigkeiten bereits ankündigt. Und dann beginnt der sich nährende Kreislauf, denn jede Kleinigkeit, die nun nicht ganz optimal läuft, ist für mich dann schon ein Indiz, mich in dieser Angst zu bestätigen.

Das Seltsame ist, dass diese Angst immer gekoppelt ist an andere Menschen. Ich habe keine Angst davor, einen schweren Unfall zu haben oder zu erkranken. Aber ich habe Angst davor, dass die Unberechenbarkeit anderer Menschen in meinen Alltag einbricht und meine mühsam aufgebauten Strukturen mit einem Schlag zerstört. Und ich dann dastehe, ohne Orientierung, ohne Sicherheit. Und je wohler ich mich in meinen Strukturen fühle, desto größer wird diese Angst.

Platon:

Doch letztlich kann ich wohl von ganz ganz großem Glück reden, von wirklicher Angst bisher verschont worden zu sein. Ich kann nur schwer beurteilen, woran das liegt. An der Zeit, in der ich lebe? An dem Land, in dem ich wohne? An der Familie, in der ich aufgewachsen bin? Es ist auf jeden Fall Glück, mehr wohl nicht. Großes Glück. Bis jetzt.

 
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Verfasst von - 26. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Die Trance – Teil II

Sophie:

Ich solle einen Punkt im Raum suchen, auf den ich mich konzentriere. Meine Wahl fällt – warum auch immer – auf eine Spinne, die es sich in einem Netz am Fenster häuslich eingerichtet hat. Eigentlich eine seltsame Wahl, denn obwohl ich wirklich tierlieb bin, gehören Spinnen nur bedingt zu meinen Favoriten. Aber gut. Hallo, Spinne.

Der Philosoph beginnt zu sprechen und mit jedem Wort erheitert mich das Tierchen mehr. Ob das beabsichtigt ist? Ich glaube nicht. Ich versuche, mich gedanklich zusammenzureißen, kann das Kichern jedoch nicht ganz unterbinden. Binnen weniger Minuten haben mich Philosoph oder Spinne – oder beide – so weit, dass ich aus dem Lachen nicht mehr herauskomme. Irgendwas ist demnach irre witzig. Doof nur, dass ich nicht weiß, was. Die Spinne sitzt in ihrem Netz und bekommt hoffentlich nicht mit, dass ich gerade dabei bin, sie in Grund und Boden zu lachen.

Platon:

Die kleine Spinne wird immer lustiger und Sophie bekommt einen Lachanfall. Ich platziere weiter meine Suggestionen, und es scheint irgendwann zu wirken. Sie wird ruhiger, knetet aber noch unablässig ihre Hände. Dann lacht sie wieder über die kleine Spinne. Ich lache auch und fahre unbeirrt fort mit den Suggestionen. Sie wird tatsächlich ruhiger, so ist zumindest mein Eindruck. Ich mache weiter und weiter, und sie wird offenbar immer ruhiger. Ich denke wieder an die kleine Spinne. Ich muss mich zwischendurch selbst beherrschen, dass ich nicht anfange zu lachen.

Ihr Augenlid wird immer schwerer, ich habe den Eindruck, dass die Augen fast ganz geschlossen sind. Jetzt sind sie geschlossen.Und plötzlich hört auch ihr Händekneten auf. Sie ist nun völlig bewegungslos.

Sophie:

Irgendwann ist der Punkt überschritten und dieses nicht zu kontrollierende Lachen hört auf. Ich bin ganz froh darüber. Eigentlich bin ich gerne Herr meiner Sinne – auch, was das Lachen angeht.

Ich habe grundsätzlich kaum ein Zeitgefühl, aber nun ist es mir vollkommen abhanden gekommen. Das Sprechen des Philosophen höre ich noch, aber es ist wie eine Hintergrundberieselung. Der Raum um mich herum ist verschwommen, so, wie wenn der Blick an nichts mehr haften bleibt. Und plötzlich ist es still. Der Philosoph schweigt, ich kann nicht einmal sagen, wie lange bereits. Ist irgendwas falsch gelaufen? Oder hat er aufgegeben, die Geduld verloren?

Platon:

Ich mache mit meinen Suggestionen weiter. Ich kann es kaum glauben, dass sie eingeschlafen ist. Ich überlege, den Raum zu verlassen. Mir ist ein Bein eingeschlafen, und es sind mittlerweile etwa 10 Minuten vergangen, seit dem sie die Augen geschlossen hat. Ich versuche, mich langsam zu entfernen. Das klappt nicht, sie wird wach.

Sophie:

Mir wird das Schweigen suspekt, ich suche nach einer Orientierung. Will den Philosophen fragen, was jetzt genau los sei. Er behauptet, ich sei eingeschlafen. Ich dementiere. Schließlich hatte ich die gesamte Zeit visuelle Eindrücke vom Raum, von daher hatte ich nicht mal die Augen geschlossen. Nur der auditive Sinn, der schien sich mal kurz verabschiedet zu haben. Der Philosoph ist gegenteiliger Meinung. Ich glaube nicht, dass er mir Märchen erzählt. Andererseits weiß ich ja auch, was ich wann gemacht habe. Oder?

Der Philosoph fragt nach der Arzthelferin. Die miesgelaunte Tante, denke ich – und vergesse sie gleich wieder. Vor einer Stunde war das noch anders. Eine Kontrolle des Ruhepulses überrascht mich dann doch. Bewege ich mich in aller Regel im 120er Bereich, so hat sich der Puls nun auf unglaubliche und bislang nie dagewesene 75 gesenkt. Das ist nun wirklich eine Überraschung.

Als ich die Praxis verlasse, fällt mein Blick auf das Fenster, das Netz, die kleine Spinne. Ich gehe mit einem leisen Kichern zum Auto.

Platon:

Ich gebe ihr etwas Zeit, sich zu sammeln. Dann sage ich ihr, dass sie eingeschlafen war. Sie antwortet, dass sie nicht geschlafen hätte. Wir fangen etwas an zu diskutieren. Sie bleibt letztlich dabei. Sie sagt aber auch, dass ihre Hände plötzlich wieder warm seien. das ist gut. zu oft hat sie kalte Hände. Und sie sagt dann auch, dass sie aus der Gedankenschleife raus ist. Dann haben meine Suggestionen wohl doch funktioniert, denke ich. Sophie war anfangs so skeptisch, was Entspannung oder gar Hypnose angeht. Jetzt scheint sie etwas verwundert. Sie misst erneut ihren Puls. 75. Wir können es beide kaum glauben.

 
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Verfasst von - 22. Juni 2014 in Die Trance

 

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Die Trance – Teil I

Sophie:

 Wie immer bin ich zu früh. Mein Parkplatz ist frei. Ich warte im Auto, die Uhr fest im Blick. Der Ablauf ist zwischenzeitlich selbstverständlich, es ist ein „Wie-immer“-Ablauf geworden. Trotzdem gibt er mir heute nur wenig Sicherheit, ich bin  abgelenkt. In meinem Kopf läuft ein Film. Der aus der Arztpraxis. Immer und immer wieder sehe ich die Situation vor meinem geistigen Auge.

17:25 Uhr – 17:26 Uhr – 17:27 Uhr – 17:28 Uhr.

Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:30 drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. Vielleicht würde mir auffallen, mit welcher Selbstverständlichkeit, welcher Sicherheit ich mich zwischenzeitlich hier bewege. Aber das Grübeln über die Situation in der Arztpraxis lässt mich das gar nicht wahrnehmen. Ich ärgere mich selbst in mehrfacher Hinsicht. Zum einen, dass ich offenbar nicht in der Lage war, die Situation trotz ihrer Banalität adäquat aufzulösen. Zum anderen darüber, dass es einer solchen Bagatelle gelingt, mich über Stunden zu beschäftigen.

Die Tür öffnet sich. Der Philosoph.

Platon:

Sophie ist gedanklich noch immer in der Situation beim Arzt. Der Dialog mit der Arzthelferin geht ihr wie eine Endlosschleife durch den Kopf. Sie sagt, sie könne das nicht ausblenden, sie hänge wie festgewachsen in dieser Situation fest. Und Sie mache sich Vorwürfe, suche immer wieder den Fehler, was sie besser hätte machen können. Sie misst ihren Puls. Der liegt bei über 120. Mal wieder viel zu hoch.

Wir haben heute wieder unsere reguläre Sitzung. Passt ganz gut. Wir hatten es schon ein paar Mal mit Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen erfolglos probiert. Erfolglos deshalb, weil Sophie ihren Körper kaum spürt, kaum Körperempfindungen wahrnimmt. Und sich auch nur ungern darauf einlässt. Ich starte jetzt einen neuen Versuch, ändere etwas die Strategie. Ich versuche heute, eine Trance herbeizuführen.

Sophie:

Der Philosoph bemerkt meine gedankliche Abgelenktheit. Selbst das merke ich kaum, wie gut er sich zwischenzeitlich auf mich einstellen konnte, wie sehr er wohl schon subtile Anzeichen in meiner Stimmung wahrnehmen und deuten kann. Meist muss ich nicht mal etwas sagen.

Eigentlich ist es diese doofe Arzthelferin nicht wert, dass ich mir wegen ihr so einen Kopf mache. Das weiß ich auch. Allerdings hilft es mir nicht, wenn der Philosoph mir das so auch sagt, die Gedankenschleife läuft einfach. Und läuft. Und läuft. Und läuft. Ist ja nicht so, dass ich das nicht kennen würde. Er schlägt vor, dass wir versuchen, das Ganze mit einer Art Trance zu durchbrechen. Ich bin skeptisch. Mit den Achtsamkeitsübungen kam ich in der Vergangenheit keinen Schritt weiter und kam mir zudem auch ziemlich bescheuert vor. Von Ent-Spannung keine Spur, eher das Gegenteil. Zudem weigere ich mich konsequent, im Beisein anderer Menschen die Augen zu schließen. Das kommt mir vor wie eine Art Kontrollverlust. Trotzdem willige ich ein. Denn – zugegeben – neugierig, ob das klappen kann, bin ich schon.

Platon:

Ich werde die Trance einleiten, allerdings mit ganz direkten Suggestionen, ohne den Schwerpunkt auf Körperempfindungen zu legen. Und einfach mit Geduld und vielen Wiederholungen. Irgendwann muss Sophie ja mein monotones Sprechen zumindest in den Anfangsbereich einer Trance versetzen, denke ich. Ich bitte sie, sich entspannt hinzusetzen und sich eine Stelle im Raum zu suchen, auf die sie sich konzentriert.

Sie findet schließlich eine kleine Spinne oben im Fenster. Irgendetwas daran erheitert Sophie. Sie lacht. Auch ich lache, und nutze die Situation.

 
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Verfasst von - 21. Juni 2014 in Die Sitzungen, Die Trance

 

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18. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

es ist gut und richtig, dass Sie Ihre Gedanken niedergeschrieben haben, dass Sie Ihr Unverständnis und Ihre Befürchtungen klar formulieren. Ja, es gibt leider zu viele unbedachte Äußerungen von Menschen, die es einerseits besser wissen müssten, und die sich andererseits offenbar der Tragweite ihrer Worte nicht ganz bewußt sind. In manchen Fällen hat man sogar den Eindruck, dass mit kalkulierter Absicht bestimmte Begriffe in die Diskussion gebracht werden, um sich selbst in welcher Form auch immer zu profilieren. Die Gründe dafür und mögliche Erklärungen haben Sie in Ihrer Nachricht schon selbst versucht zu beschreiben. Da kann ich nur zustimmen. Auch an vielen anderen Stellen – Sie haben ja auch eine kleine Linkliste angeführt – wird dieses Verhalten ausgiebig diskutiert, kommentiert und bewertet. Ich werde nun versuchen, aus fachlicher Sicht und aus meiner Erfahrung heraus Ihnen zu antworten.

Menschen mit einer Diagnose aus dem Bereich Autismus-Spektrum-Störung sind weder mehr noch weniger aggressiv und gefährlich als alle anderen Menschen auch. Aggressivität ist laut ICD-10 kein Diagnosekriterium und auch nicht in der Beschreibung der Symptome genannt. Es gibt keine Studie, die solch einen Zusammenhang zwischen Autismus und Aggressivität belegen kann. Alle Äußerungen, die solch einen kausalen Zusammenhang ziehen – sei es auch nur implizit – sind falsch und diskriminierend.

Nun zu meiner persönlichen Erfahrung. Seit einigen Jahren halte ich Seminare für Erzieher und Lehrer. Ein großer Themenblock ist dabei auch Autismus. Noch nie hat einer der mittlerweile weit über tausend Teilnehmer den Verdacht geäußert, dass autistische Kinder aggressiver als andere Kinder seien. Häufig ganz im Gegenteil. Zunehmend mehr Pädagogen und Erzieher haben die Vielfalt an Begabungen und Persönlichkeitsmerkmalen im Klassenverband zu schätzen gelernt. Weg von dem Gedanken der Einheitlichkeit in Bezug auf Leistung und Verhalten, hin zu einer Gemeinschaft von Individualität und Vielfalt. Allerdings haben diese Pädagogen noch nicht genug Einfluss auf den Unterricht der anderen Lehrer, die wenig differenziert auf das Verhalten der Schüler blicken und entsprechend unangemessen sanktionieren. Hinzu kommen die Übergriffe der Mitschüler, die manchmal an Grausamkeit kaum zu überbieten sind. Und diese täglichen kleinen und großen  Attacken werden sicherlich nicht von Kindern mit einer ASS initiiert.

Offenbar wird in unserer Gesellschaft die Entfaltung von Individualität nur innerhalb bestimmter Grenzen toleriert. Wer diese Grenzen überschreitet oder sonst irgendwie aus dem Rahmen fällt, hat es schwer. Mobbing, Erniedrigung und Diskriminierung sind die beschriebene Folge. Die betroffenen Menschen ziehen sich zurück, entwickeln Angststörungen, Depressionen etc.  Manche wehren sich dann auch gegen die ihnen entgegengebrachte Gewalt. Und dieses Wehren wird dann als Aggressivität fehlinterpretiert. Die von Ihnen angeführten Gewalttaten sind ein Produkt der gesellschaftlichen Prozesse, und nicht aufgrund irgendeiner genetischen Ursache oder Disposition zu erklären. Die Verantwortung liegt ganz klar bei der Gesellschaft, und nicht im Genmaterial. Und das nicht nur bei ASS, sondern auch bei ADHS, Teilleistungsstörungen und so weiter …

Ich kenne zum Beispiel eine ganz talentierte junge Frau, die alleine aufgrund einer Sprachentwicklungsstörung komplett durch das Raster des Schulsystems durchgefallen ist und sich durch Mobbing und Diskriminierung am Rande der Gesellschaft versteckt. Amtsärztlich wurde ihr sogar geistige Behinderung attestiert. Und wenn man genau hinschaut, dann entdeckt man einen weit überdurchschnittlich intelligenten, sowie witzigen und sympathischen Menschen. Ich könnte viele weitere solcher Beispiele anführen.

Ich habe den Eindruck, dass sich die Gesellschaft gerade in Bezug auf Autismus neu sammelt. Ein Grund dafür ist sicherlich die durch die Medien nun deutlich bessere Möglichkeit der Bildung von Netzwerken von Autisten. Jetzt können einzelne Beiträge mit einem ganz anderen Gewicht und einer wesentlich größeren Reichweite vermittelt werden – so wie hier nun Ihre Stimme, liebe Sophie. Es werden nicht mehr nur die Defizite, sondern nun auch zunehmend die Ressourcen in den Blick genommen. Bestenfalls der ganze Mensch an sich, seine Persönlichkeit. Und die Wahrnehmung der Gesellschaft scheint sensibilisiert zu sein.  Das betrifft auch die Wirtschaft. Allerdings sollte bei diesem Prozess auch genau darauf geachtet werden, dass man nicht über das Ziel hinausschießt, also erneut eine einseitige Fokussierung stattfindet, wenn nun auch auf die Stärken gerichtet.

Ich denke, der  Weg ist noch lang. Gerade für den Einzelnen selbst wird es noch viele Rückschläge in der Gesellschaft geben. Die von Ihnen angeführten verbalen Entgleisungen mancher Politiker und die Falschaussagen mancher Journalisten sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Aber was nützt ein gesellschaftliches Umdenken, wenn trotzdem im Großen und im Kleinen immernoch zu oft Diskriminierungen stattfinden?

Die gute Nachricht ist, dass es viele Menschen gibt, die wertschätzend und charakterlich gefestigt sind. Und tolerant. Die nicht nur bewerten, sondern sich interessieren. Verbringen Sie mit diesen Menschen mehr Zeit.

Abschließend möchte ich noch einmal die von Ihnen angeführte suggestive Kraft der selbsterfüllenden Prophezeiung aufgreifen. Da gebe ich Ihnen mit Ihren Sorgen Recht. Und aus meiner Sicht müssten alle, die unbelehrbar und rücksichtslos derartige Fehlinformationen verbreiten, zur Verantwortung gezogen werden. Gesprochene und geschriebene Worte sind Handlungen, die andere verletzen können und die Gesellschaft schädigen. Unabhängig von der freien Meinungsäußerung.

Ich kann nur alle ermutigen, weiter zu machen. Gegen Dummheit, Ausgrenzung und Diskiminierung anzugehen, sich zu positionieren. Aufzuklären.

Danke Sophie.

Platon“

 
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Verfasst von - 31. Mai 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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18. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

seit einigen Wochen durchforste ich ja nun das Internet zum Thema Autismus und eine Sache fällt mir immer wieder auf, die mir Gedanken macht. Offenbar gibt es viele Menschen, die Autismus in einen direkten Zusammenhang sehen mit großer Gewalt und Aggression.

Ich lese von furchtbaren Verbrechen, von Menschen, die andere erschießen, erstechen und foltern – und bekomme dann die „Begründung“, dass diese Menschen so handeln würden, weil sie Autisten seien. Selbst Studien beschäftigen sich damit, ob Autismus Menschen zu Massenmördern macht.

Wahrscheinlich sollten mir diese Berichte gleichgültig sein, sie sind es aber nicht. Sie plädieren immer dafür, dass man sich anderen erklären soll, um soziale Missverständnisse zu vermeiden – aber was soll ich den Leuten erklären, wenn sie bereits durch die Medien erfahren, dass Autisten gefährlich seien? Schaffe ich damit nicht erst die Missverständnisse, die ich vermeiden will? Bin ich für andere „böse“, weil ich Autistin bin?

Autismus ist medial negativ belegt. Menschen, die man weder versteht noch mag, werden als Autisten – im psychiatrisch relevanten Sinne – bezeichnet. Das sind dann Amokläufer, Politiker, verschwenderische Bischöfe, junge Männer, die keinen Erfolg bei Frauen haben. Wenn das Verhalten nicht nachvollziehbar oder abweichend ist, dann sind die Leute eben Autisten. Als sei Autismus eine Schande, ein Makel, etwas, wofür man sich schämen muss. Ein wenig erinnert mich diese Argumentation an die Zeit, zu der in Deutschland Juden und solche, die wie Juden „aussahen“, der Sündenbock für alles waren. Mit den entsprechenden Folgen. Ich dachte, über den Stand der Diskussion seien die Menschen hinaus… Dabei fällt auf, dass die „Diagnose“ von Medienleuten getroffen wird und nicht von qualifiziertem Fachpersonal. Und dass sie in vielen Fällen nachweislich und auch bekanntermaßen schlicht falsch ist. Aber letztendlich ist das ja egal, die Botschaft ist in der Welt und wird munter und bar jeder Vernunft weiter verbreitet… So auch jetzt.

Und zu einem ganz kleinen Teil frage ich mich, ob vielleicht an diesen „Studien“ doch etwas dran sein könnte. Ich weiß von mir, dass ich nicht mal eine Fliege erschlagen kann, sondern sie lieber einfange und in die Freiheit entlasse. Ich habe noch nie bewusst einen Menschen angegriffen und verletzt und ich habe noch nie darüber nachgedacht, mit einer Waffe in meine Schule zu gehen und meine Schulkameraden zu erschießen. Ich würde nie Gewalt gegen andere Menschen anwenden, selbst dann nicht, wenn ich ihr ausgesetzt bin. Obwohl ich – traut man den Medienberichten – fast perfekt in das Profil eines Amokläufers passen würde. Einzelgänger, zurückgezogen, Mobbingopfer. Und jetzt eben auch noch Autistin. Wenn ich dann solche Studien lese, frage ich mich, ob ich Angst vor mir selbst haben muss. Bin ich allein durch eine genetische Disposition ein Schwerverbrecher? Bin ich allein durch eine Wahrnehmungsvariante des menschlichen Seins ein Killer? Kommt vielleicht der Tag, an dem sich in meinem Gehirn ein Schalter umlegt und ich – gemäß meiner Programmierung – mit einer Waffe wahllos Menschen töte? Einfach bedingt durch die Tatsache, dass ich autistisch bin? Ich las bereits von Forderungen, alle „Kranken“ für immer wegzusperren. Die Diagnose als Urteil, sperrt Personen ein, die noch nichts getan haben – sie könnten ja etwas tun. Menschen, die fordern, dass Autisten wie Hunde und Katzen gechippt und registriert werden (es gab mal eine Zeit, da hat man an bestimmte Menschen“sorten“ gelbe Sterne ausgegeben, damit sie gleich erkennbar sind. Und Registrierungsziffern auf Unterarme tätowiert…). Schöne, neue Welt…solche Forderungen sind wahrscheinlich das wirklich Kranke an der ganzen Diskussion.

Ich bin mir sicher, dass keine Störung, wie auch immer sie heißen mag, einen Menschen per se zu einem Verbrecher macht. Wäre dem so, dann wären auch an den vielen Diskussionen zu einem Verbrecher-Gen etwas dran. Und auch da weiß man, dass es Blödsinn ist. Ich denke, dass viele andere, vor allem von außen bedingte Umstände und oftmals auch winzige Faktoren dazu führen, dass ein Mensch irgendwann durchdreht. Aber wie viele schaffen durch solche Berichterstattungen eine negative, von Angst geprägte Grundstimmung, die für Autisten in erneuter Ablehnung endet? Und wie viele Autisten sammeln dann Frust, Enttäuschungen und Verletzungen an – bis sie wirklich irgendwann durchdrehen? Wenn das autistische Kind tobt, ist das für das Umfeld dann schon das Zeichen für die „gefährliche Aggressivität“? Und wie viele Kinder und auch Erwachsene glauben vielleicht, was sie immer und immer wieder in den Zeitungen lesen und handeln irgendwann so, wie es von ihnen – wenn auch im Negativen – „erwartet“ wird? Ich sehe hier ziemlich deutlich das suggestive Prinzip einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gegeben.

Ich verstehe nicht, warum etwas wie Autismus offenbar so „attraktiv“ ist, dass es für sämtliche Verbrechen herhalten muss. Warum Autismus für viele bereits das Verbrechen an sich zu sein scheint. Einen ähnlichen Trend gab es ja auch schon mal in Bezug auf Depressionen. Von „Dummheit“ will ich eigentlich nicht reden, auch wenn mir der Begriff naheliegt. Liegt es daran, dass den Menschen Angst macht, was sie nicht verstehen können? Oder ist es einfacher, Gründe in einem „gestört“ zu finden statt der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten? Ist Autismus vielleicht wirklich eine „Modediagnose“ – nämlich für Medienschaffende, die zwar keine Ahnung, aber ein tolles Wort für ihre Berichte haben? Auf Kosten derer, die sich sowieso schon tagtäglich durch eine nicht einfache Welt kämpfen müssen…

Ich bin kein Massenmörder und ich werde nie einer sein. Aber ich habe das Gefühl, ich werde zu einem gemacht. Und sei es nur auf dem Papier.

Liebe Grüße

Sophie“

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Verfasst von - 28. Mai 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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12. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

ich hatte den Eindruck, mich heute nicht wirklich verständlich machen zu können. Daher versuche ich auf diese Art noch einmal, es „übersichtlicher“ zu machen.

Mir sind zum Arztbesuch einige Fragen gekommen: So war mir erstens nicht bewusst, dass ich „ängstlich“ wirke. Mir war die Situation extrem unangenehm, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass Ärzte meine Grenzen nicht wahrnehmen oder ignorieren. Zum anderen hatte ich nach Arztbesuchen häufiger den Eindruck, dass ich mit einem Thema aus einer Praxis komme, mit dem ich ursprünglich gar nicht in die Praxis gegangen bin. Schlicht, weil die Ärzte die „falschen“ Fragen gestellt haben und damit das Gespräch in eine ganz neue Richtung gelenkt haben – das Eigentliche ging aber unter.

Ich fand die Praxis sehr laut und unübersichtlich, das Knattern des PCs und vor allem der laute Drucker und die Gespräche aus dem Nebenraum fand ich sehr störend. Jedoch hatte ich meinerseits nicht das Gefühl, ängstlich zu sein. Überfordert – ja.

In Bezug auf die Blutprobe muss ich vielleicht auch eine Erklärung nachschieben, die für mich so offenkundig war, dass ich nicht dachte, dass ich darauf eingehen muss. Ich habe weder ein Problem mit Spritzen noch mit Blut. Auch in Bezug auf Schmerzen habe ich keine Bedenken oder was das Können der Arzthelferin anbelangt. Mir ging es lediglich darum, dass ich nicht angefasst werden wollte – und das lässt sich bei einer Blutabnahme nicht vermeiden. Wenn ich die Abnahme selbst vornehmen könnte, dürfte der Arzt soviel Blut haben, wie er möchte.

Eine weitere Frage betrifft die Vitamin-Mangelerscheinung. Die Erklärung leuchtete mir soweit ein. Allerdings verstehe ich nicht, warum das – gesetz dem Fall, dem ist so – nicht bereits weit im Vorfeld aufgefallen ist.

Nichtsdestotrotz werde ich die Tabletten nehmen. Schaden können sie offenbar nicht und vielleicht sind sie ja doch das „Wundermittel“, nach dem ich so lange suche…

Liebe Grüße,

Sophie“

 
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Verfasst von - 9. März 2014 in Alltägliches

 

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Zwischen Gedanken – Nach dem Arztbesuch – Teil II

Sophie:

Insgeheim hatte ich ja doch die Hoffnung, dass das anders ablaufen kann, wenn jemand dabei ist, der die Situation von außen steuert. Ich komme mir nach solchen Momenten immer vor wie ein Idiot. Die Tatsache, dass der Philosoph da nicht gegensteuern konnte, zeigt mir aber zumindest, dass dieses Problem in der Kommunikation tatsächlich existiert. Das diese imaginäre Glasscheibe, die zwischen mir und dem Rest der Welt zu stehen scheint, kein reines Konstrukt ist. Denn manchmal glaube ich schon, dass ich einfach nur verrückt bin…

Platon:

Ich werde mit Sophie über diesen Besuch noch ausführlicher reden. Mich interessiert ihre  Wahrnehmung und ihre Meinung. Ich habe aber auch gesehen, wie schwer ihr offenbar  der Kontakt zur Außenwelt gelingt, wenn dort normaler Alltagswusel ist. Wie sehr sie als  Fremdkörper auf ihre Mitmenschen wirkt. Und wie sehr sie missverstanden wird.

Sophie:

Es sind noch Fragen geblieben, die ich ansprechen möchte. Dinge, die ich noch nicht ganz verstehe. Zum Beispiel, warum der Arzt mich für ängstlich gehalten hat. Was ihn wohl zu dem Trugschluss gebracht hat? Und ich muss klären, ob ich wirklich der Alien bin – oder der Arzt in Teilen auch nicht adäquat reagiert hat. Ich kann das nicht beurteilen, aber ich hoffe, dass der Philosoph es kann. Ich werde die Fragen beim nächsten Mal stellen. Heute kann ich das nicht mehr.

Platon:

Diese Probleme, wie sie jetzt aufgetreten sind, betreffen nicht nur Arztbesuche, sondern wohl alle öffentlichen Plätze, wie zum  Beispiel Kaufhäuser und Lebensmittelmärkte. Und sie werden wahrscheinlich auch Folgen haben. Auch darüber werde ich noch ausführlicher mit ihr reden. Wenn sie das möchte.

 
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Verfasst von - 8. März 2014 in Zwischen Gedanken

 

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Zwischen Gedanken – nach dem Arztbesuch – Teil I

Sophie:

Das war ein Reinfall. Und irgendwie klassisch. Ich kenne solche Situationen, die sich gerade bei Ärzten bis ins Groteske steigern können. Ich komme mit einer medizinischen Frage zu Sachverhalt A, gehe aber mit einem Rezept und vielen Weisheiten zu Sachverhalt B, der eigentlich nichts mit mir zu tun hat.  Es ist – ja, frustrierend trifft es wohl. Und ermüdend.

Ich merke, dass die Wartezimmer-Situation mich geschlaucht hat. Und das Arztgespräch nur verwirrend und ermüdend war. Der Druck im Hinterkopf, der das Denken träge macht, meldet sich verstärkt. Ich bin wieder an dem Punkt bin, an dem es mir eigentlich zuviel ist. Genau das sollte ja eigentlich nicht passieren. Vor allem nicht bei Dingen, die für andere Menschen offenbar simpel und alltäglich sind.

Platon:

Ich bin unzufrieden. Wir sind keinen Schritt weiter. Ich ärgere mich auch, dass das mit dem  Brief offenbar nicht geklappt hatte. Ich wollte den Arzt ja zuvor telefonisch erreichen. Das klappte aber nicht. Darum dann der Brief. Für die Zukunft ist es ratsamer, wenn ich vorab mit dem Arzt alleine spreche.

Sophie:

Ich frage mich – wie so häufig nach solchen Situationen – was ich eigentlich an mir habe, dass ich offenbar wie ein Alien wirke. Dass es mir nicht gelingt, in einem fünfminütigen Arztgespräch die Dinge klar an den Mann zu bringen und dabei so aufzutreten, dass nicht nur mein Befinden, sondern auch meine Zustandsbeschreibung darüber in Frage gestellt wird. Ich glaube, nach so vielen Jahren, in denen sich das immer und immer wiederholt, kann ich nur schwer behaupten, dass diese kommunikativen Katastrophen die „Schuld“ der anderen seien.

Platon:

Ich hatte gehofft, dass wir zu dritt über die Schlafstörungen von Sophie reden, eventuell  medikamentöse Optionen in Betracht ziehen. Damit ihre permanente Müdigkeit gelindert  wird.

Auch Aspekte einer möglichen Mangelernährung hätte ich gerne etwas ausführlicher  besprochen. Aber offenbar ist es mir nicht gelungen, mein Problembewusstsein zu vermitteln.

 
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Verfasst von - 6. März 2014 in Zwischen Gedanken

 

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Der Arztbesuch – Teil III

Sophie:

Irgendwie scheint sich der Arzt an seiner Psychose-Idee festgebissen zu haben. „Hörst du Stimmen?“, will er von mir wissen. Ich bejahe. Gleichzeitig hakt meine Matrix ein – irgendwas stimmt mit der Frage nicht. Die Situation wird verworren. Ich überlege noch, was nicht stimmt, gleichzeitig schaltet sich der Philosoph wieder ins Gespräch ein. Ich erkläre, dass die Sprechstundenhilfen sehr laut und hier im Raum gut verstehbar sind, ebenso höre ich die Stimme des Arztes. Es geht dem Arzt aber um Stimmen, die nicht existieren. Woher hätte ich das denn wissen sollen? Erst im Nachhinein geht mir auf, dass das Gespräch hier um ein Haar in eine vollkommen falsche Richtung gedriftet wäre. Nicht, dass die Richtung jetzt besser ist.

Der Arzt erzählt etwas von Vitaminen, wendet sich dabei wieder dem Philosophen zu. Ich habe wieder die Tarnkappe auf, werde Zuhörer in einem Gespräch, in dem es eigentlich um mich geht. Ein Vitamin-B12-Mangel, das sei bestimmt die Ursache für die komplette Symptomatik. Ich frage mich, welche „Symptomatik“ der Arzt genau meint und bin mir sicher, dass er „Syptome“ sieht, wo ich keine sehe. Aber ein Vitamin-Mangel würde die ganze „Autismus-Symptomatik“ erklären. Ich schweige.

Platon:

Auch ein CT wird vom Arzt vorgeschlagen. Das ist im ersten Moment vielleicht eine etwas zu überdimensionierte diagnostische Maßnahme, allerdings unter Umständen sinnvoll, gerade wenn ständige Kopfschmerzen und andere Symptome wie Schwindel und „kognitives Abschalten“ vorhanden sind. Das soll sich Sophie noch überlegen, die Überweisung dazu würde sie bekommen. Auch das ist aus meiner Sicht ok.

Sophie:

Der Arzt möchte mir Blut abnehmen. Das kann er vergessen. Am besten ganz schnell. Er versucht, mich zu überreden. „Das tut auch nicht weh“, behauptet er. Das ist mindestens das zweite Mal, dass er die Unwahrheit sagt. Natürlich ist Blut abnehmen mit Schmerzen verbunden, schließlich wird in geringfügigem Maße die Haut verletzt – Menschen sollten sich eher Sorgen machen, wenn sie wirklich keinen Schmerz fühlen. Unabhängig davon habe ich jedoch dicht gemacht. Ich bin nur noch Beobachter einer Situation, die ich als zutiefst unangenehm empfinde. Der Fluchtweg ist versperrt, so bleibt mir nur der Rückzug in mich. Der Arzt erklärt, dass ich keine Angst haben bräuchte. Habe ich auch nicht, ich weiß nicht, wie er darauf kommt. Ich bin nicht ängstlich, ich will hier raus. Ich habe das Loch im Bezug der Liege im Blick und schweige.

Der Arzt gibt auf. Ich bekomme das Rezept, das Geräusch des Nadeldruckers malträtiert mein Gehör. Eine Überweisung für ein CT, die ich mitnehme, damit es nicht zu weiteren Diskussionen kommt. Im Gehen höre ich, wie der Arzt zum Philosophen sagt, dass er „damit“ überfordert sei. Und ich frage mich, an welchem Punkt ich welchen Fehler gemacht habe, sodass dieser Termin so schiefging. Ich komme ohne Berührung aus dem Sprechzimmer, durchquere das nun leere Wartezimmer, ein letztes Mal die verdammte quietschende Tür – und stehe draußen im Nieselregen.

Der Philosoph gesteht, dass er sich das alles etwas anders vorgestellt hat. Also scheint es auch nicht nach seinen Plänen gelaufen zu sein. Der diffuse Druck im Hinterkopf hat sich wieder bemerkbar gemacht. Und ich bin müde. Ich möchte irgendwohin, wo es ruhig ist.

Platon:

Bei der Verabschiebung kann ich das Händeschütteln verhindern. Ich sehe einen etwas ratlosen Blick beim Arzt, bei Sophie meine ich den Anflug von Enttäuschung im Blick und ihren Bewegungen zu erkennen.

Auf dem Rückweg bestätigt sich meine Vermutung. Auf der Skala von eins bis zehn, wobei zehn das absolute Grauen ist, vergibt sie für diesen Arztbesuch die glatte neun. Ich gestehe mir selbst und auch ihr, dass meine Vorbereitung wohl ein Reinfall war. Meine Bemühungen vielleicht gut gemeint, aber vergebens waren. Am meisten habe wohl wieder ich an diesem Abend gelernt.

 
 

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