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Innenwelten – Konzentration

Sophie:

Schon während des Studiums habe ich diese Zeiten geliebt: Fachinhalte lernen, fokussiert auf nur einen Punkt. Die Welt inexistent. Da bin nur ich – und die Buchstaben auf dem Papier, die an mir vorbeifliegen und sich genau so in den Räumen meiner Gedankenwelt niederlassen. Ich sauge das Wissen auf wie ein Schwamm das Wasser. Ungefiltert. Es ist, als wäre ich nur in meinem Kopf, als bestünde ich nur aus diesem Fokus, aus dieser Innenwelt. Hunger, Durst, Schlaf, ein klingelndes Telefon – nichts bekomme ich mit. Stunde um Stunde vergeht, manchmal ganze Nächte. Ich merke es nicht und wundere mich höchstens, dass es plötzlich hell ist. Ohne, dass ich etwas tun muss, sortiert sich das erlernte Wissen, ergänzt bestehendes, findet neue Zusammenhänge. Wie durch geistige Räume kann ich wandern und dabei die Wissenspunkte an den Orten ablegen, an denen ich sie nachher mit allen zugehörigen Assoziationen und Bildern wiederfinde. Es ist wie ein Netz, dass sich beständig weiterknüpft. Und das, wenn ich diesen Fokus habe, keine Löcher aufweist. Das ich nicht mehr vergesse.

Mit dieser Konzentration schreibe ich seitenweise meine Texte. Oft auf den Punkt. An einem Stück. Ohne auch nur einen Moment darüber nachdenken zu müssen. Meist fehlerfrei. Als würde ich mich in immer neue Höhen schrauben, ohne es überhaupt zu merken. Als gäbe es keine Welt, für die ich schreibe.

Platon:

Konzentration ist für mich fast ein Fremdwort. Zumindest aber ein ernstzunehmendes Problem. Ich schaffe es einfach nicht, mich über einen längeren Zeitraum auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren. Ich schweife ab, bin assoziativ, komme von dies auf das. Zu fast jedem Begriff der äußerlich oder gedanklich fällt, kommen mir neue Geschichten, neue Ideen in den Sinn. Ich denke in Schleifen, parallel, sprunghaft. Komme mit meinen Dingen oft nicht zuende, muss immer wieder zurückspringen, um Gedanken oder Handlungen abzuschließen. Ich verzettel mich oft, denke zu viel zur gleichen Zeit. Ich vermisse bei mir die Linearität.

Sophie:

Diese Form der absoluten Konzentration führte dazu, dass ich Unmengen an Wissen in wenigen Stunden ansammeln kann. Zum Leidwesen meiner Kommilitonen lernte ich Inhalte nur einmal – und das in der Regel maximal 24 Stunden vor der Prüfung. Oft habe ich dann auch nicht geschlafen, wandelte wie im Traum Richtung Uni und absolvierte die Prüfungen in diesem Zustand. In aller Regel mit sehr guten Leistungen. Danach war es, als würde ich aus irgendetwas aufwachen. Manchmal konnte ich nicht mal mehr sagen, welche Fragen in der Prüfung gestellt wurden. Und mehr als einmal standen ganze Buchseiten fast wörtlich in meiner Klausur. Und ich hätte sogar die Seitenzahl im Buch benennen können.

Wenn dieser Zustand gewaltsam unterbrochen wird, werde ich ungehalten. Sehr ungehalten. Es ist dann, als würde man mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Wand fahren. Ausgebremst. Und wenn dieser Zustand vorbei ist, ist er erst mal vorbei. Einfach weitermachen geht dann nicht. Als hätte jemand von diesem inneren Wissenschrank die Tür zugeschlagen.

Diese Phasen höchster Konzentration sind für mich lebensnotwendig. Als hätte mein Gehirn einen unstillbaren Durst nach neuem Wissen. In einem früheren Job konnte ich diese Konzentration nie erreichen. Immer war etwas anderes. Mein Fokus war nicht da. Ich hatte das Gefühl, verloren zu gehen in einer Außenwelt, die meine Gedankenwelt ausschließt. Innerhalb weniger Wochen wurde ich nahezu handlungsunfähig. Ich hatte das Gefühl, geistig zu verhungern.

Platon:

Das führt dazu, dass  ich nach einigen Minuten kognitiver Tätigkeit aufstehen muss, im Raum umhergehe, einen Apfel esse, die Fische im Teich fütter, doch noch einen Gartenstuhl zwischendurch mit Holzlasur streiche, mal eben so. Ich lege Dinge viel zu oft irgendwo hin, muss dann immer lange suchen. Quälend lange. Ich kann nicht an einem Stück lange lesen, es geht nur mit Pausen. Oft vergesse ich auch, wo ich aufgehört hatte zu lesen. Und wenn ich lese, galoppieren meine Gedanken oft davon, bin ganz woanders. Dann muss ich häufig ganze Kapitel erneut lesen.

Früher in der Schule wurde ich regelmäßig von der gesamten Klasse unter Gelächter ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Mit offenem Mund und verklärtem Blick schaute ich aus dem Fenster und war in tiefe Tagträume versunken. Ich kann gleichzeitig zuhören und völlig weggetreten sein. Ich glaube, ich kann meine Konzentration nur schwer steuern, häufig gelingt es mir nicht. Selbst meine Tochter sagt schon zu mir: „Papa, schau mir in die Augen, hörst du was ich sage?“

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4 Kommentare

Verfasst von - 16. Juli 2014 in Innenwelten

 

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16. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

ich habe noch einige Fragen:

1. Hatten oder haben Sie Konzentrationsprobleme?

2. Fällt es Ihnen schwer, Dinge zu Ende zu bringen, also Vorgänge zu beenden?

3. Wechseln Sie häufiger spontan von einer Tätigkeit zur anderen Tätigkeit?

4. Verspüren Sie häufiger innere Unruhe?

5. Neigen Sie zu Hyperaktivität?

6. Neigen Sie zur Tagträumerei, zum „Abschalten“? Haben Sie also bei Vorlesungen, damals in der Schulklasse oder jetzt in Besprechungen das Bedürfnis, an ganz andere Dinge zu denken, also gedanklich abzuschweifen?

7. Haben Sie in den letzten 14 Tagen etwas anderes als Nudeln und Spinat gegessen?

8. Hat sich Ihre Schlafsituation etwas verbessert?

9. Was sind Ihre typischen Beschäftigungen zwischen Dienstschluss und Dienstbeginn? Also die Dinge, die Sie in Ihrer Freizeit machen. (nur die wichtigsten Beschäftigungen nennen)

Sie können auch bei einzelnen Fragen mit Ja bzw. Nein antworten …

Mit lieben Grüßen

Platon“

 
3 Kommentare

Verfasst von - 20. April 2014 in Briefe

 

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