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Jedem seine Prüfung – Teil VII

Sophie

Ich fahre früh los. Eine Stunde zu früh bin ich am Gesundheitsamt. Abgeschlossen. Mist. Ich bin aber doch froh, dass ich früher gekommen bin, denn eine Baustelle vor dem Haus hat die Wegbeschreibung meines Navigationssystems außer Kraft gesetzt.

Eine halbe Stunde später wird die Tür geöffnet und ich in den Warteraum geführt. Ich bin ruhig. Glaube ich zumindest. Kurz nach mir taucht eine Dame mit wallenden Gewändern (gibt es hier eine mir nicht bekannte Kleiderordnung?) auf. Und erzählt mir geschlagene zwanzig Minuten von Schwingungen, von Tänzen, von Sternen. Ich bin angefressen, will meine Ruhe und nicht so ein esoterisches Geblubber. Meine Toleranzschwelle ist gerade ziemlich bei Null. Ich  reiße mich zusammen, nichts Falsches zu sagen.

Platon

Schriftlich bestanden. Jetzt kommt die zweite und letzte Hürde. Die mündliche Prüfung. Ich kann die Situation ganz schlecht abschätzen. Wird sie sich völlig verrennen oder an irgendwelchen Kleinigkeiten oder unwichtigen Details festbeißen? Wird sie überhaupt die Fragen der Prüfer verstehen? Diese vielleicht sogar darauf hinweisen, dass die Fragen unsinnig oder falsch formuliert wären? Wie reagiert sie, wenn ihre autismusspezifischen Auffälligkeiten thematisiert werden? Und und und …

Andererseits muss ich zugeben, dass Sophie zurzeit deutlich sicherer im Thema diskutiert und argumentiert als ich. Bis in die tiefsten Differenzierungen und Typisierungen der einzelnen Störungsbilder kennt sie sich aus und fragt und kommentiert dazu. Ich kann da nicht immer spontan folgen, muss dann häufig zum Fachbuch greifen. Das ist wohl ähnlich wie bei Führerschein-Neulingen, die sich natürlich wesentlich besser mit der aktuellen Straßenverkehrsordnung auskennen als jene, die vor Jahrzehnten die Regeln gelernt haben. Aber kann sie ihr Wissen auch anbringen? Ich weiß, dass sie durch Kleinigkeiten komplett aus dem Konzept gebracht werden kann. Dass sie dann Probleme hat, wieder zurück auf die Spur zu gelangen.

Sophie

Endlich geht es los. Eine Treppe hoch, einen endlos langen Flur entlang und ich sitze vor den Prüfern. Eine Heilpraktikerin, eine Dame vom Gesundheitsamt, die Psychiaterin von der gleichen Behörde. Letztere soll… schwierig sein. Genauer wurde mir gesagt, dass sie sehr ungemütlich werden kann.
Ich laviere mich durch meine sorgsam einstudierte Begrüßung. Lächeln, ins Gesicht schauen, jedem die Hand geben (OHNE sie anschließend hinter dem Rücken abzuwischen) und immer freundlich. Klappt gut. Über mir hängt eine laut tickende Uhr. Tick. Tick. Tick. Tick. Tick. Tick. Tick. Mist.
Die Heilpraktikerin beginnt mit der Prüfung. Und steigt ein mit Autismus. Ich kann mein Glück kaum fassen. Die nächste Viertelstunde gelingt es keinem der Prüfer, mir verbal in den Satz zu fallen. Ich beginne bei den Symptomen, gehe über den Verlauf, beziehe aktuelle Forschungen mit ein, verweise auf den TEACCH-Ansatz, gehe auf die unterschiedliche Ausprägung bei Mädchen und Jungen ein, Tick. Tick. Tick. Tick. Und auf die gesonderte Situation bezüglich einer Unterversorgung erwachsener Autisten im hochfunktionalen Bereich. Selbst ich merke, dass ich die Heilpraktikerin an die Wand gequatscht habe. Bei einem Großteil des Gesagten kann sie nicht nachvollziehen, ob es stimmt – es steht schlicht nicht in dem Buch, das sie vorliegen hat – und was ich auch sage. Tick. Tick. Tick. Aaaah!
Den zweiten Teil der Prüfung übernimmt die Psychiaterin. Sie schaut mich an. Holt Luft. Und beginnt: „Sie machen mich wahnsinnig.“ Ich bin irritiert. Wäre ich schlagfertig, hätte ich sie eingeladen, künftig in meine Praxis zu kommen, wenn sie glaubt, dem Wahnsinn nahe zu sein. Das fällt mir leider erst später ein. Stattdessen verstumme ich. Und überlege, was ich falsch gemacht habe. Gehe das Protokoll durch. Nein, alles okay. Tick. Tick. Tick. Tick. „Ganz ehrlich: Ihre ganze Art macht mich komplett wahnsinnig.“
 
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Verfasst von - 28. Februar 2015 in Alltägliches

 

Jedem seine Prüfung – Teil VI

Sophie

Ich sitze in der Prüfung mit sieben weiteren Teilnehmern. Auf dem Flur lauschte ich den Gesprächen, wie viele Bücher gelesen, wie viele Kurse besucht wurden. Wieder kommen Zweifel. Bin ich vermessen? Unverschämt? Die anderen Prüflinge sind wesentlich älter, einige kommen in langen, wallenden Gewändern, sprechen von Schwingungen und Energien und wirken eher wie Kräuterhexen. Bin ich hier richtig?

Die Prüfungsbögen werden verteilt und ich bekomme einen leichten Schrecken – viele Fragen zu Schizophrenie. Na toll. Nach zehn Minuten übertrage ich meine Lösungen auf den Antwortbogen und ärgere mich schon wieder. Ein Teil der Fragen ist unsauber formuliert. Da wird nach selbstschädigend Verhalten bei Erwachsenen gefragt und die einzig mögliche korrekte Antwort lautet „Jungen sind seltener betroffen als Mädchen“. Mal davon abgesehen, dass selbstschädigendes Verhalten nicht nur – wie in der Frage wohl zwischen den Zeilen angenommen wird – das bekannte „Ritzen“ meint, so sind Jungen und Mädchen auch definitiv Bezeichnungen, die nicht für Menschen im Erwachsenenalter verwendet werden. Einen Moment überlege ich, eine entsprechende Bemerkung auf dem Antwortbogen zu machen. Oder vorne die Aufsicht anzusprechen. Lasse es dann aber doch.

Fünfzehn Minuten nach Prüfungsbeginn bin ich wieder draußen. Die anderen sitzen noch an ihren Bögen, eine Stunde dauert die Prüfung. Ich frage mich, wozu man soviel Zeit braucht, aber gut.

Platon

Heute hat Sophie ihre schriftliche Prüfung. Das ist der erste Schritt. Die mündliche folgt dann einige Wochen später. Ich überlege, welche der beiden Prüfungen Sophie mehr Probleme bereiten wird. Die Schriftliche liegt ihr naturgemäß besser, hätte sie nur etwas mehr gelernt. Die mündliche Prüfung kann eine Eigendynamik entwickeln mit vielen Kommunikationskonflikten. Andererseits kann sie hier mit ihrem breiten Fachwissen überzeugen. Durch meine Tätigkeit als Prüfer kann ich ja gut vergleichen. Vom Wissen her sollte die mündliche Überprüfung überhaupt kein Problem sein.

Sophie

Die Fragebögen durfte ich mitnehmen. Beim Philosophen angekommen gehe ich gleich meine Antworten durch. Zwei Fragen sind unsauber gestellt – ich bin mir nicht sicher, ob ich hier richtig geantwortet habe: Entweder beantworte ich die Frage richtig oder aber ich muss auf das antworten, was der Prüfer beim Verfassen der Fragen gemeint haben könnte, aber schlicht nicht fragt. Ich schimpfe vor mich hin. Das sind Experten. Die sollten doch in der Lage sein, solche Fragen korrekt und klar zu stellen. Der Philosoph grinst nur doof und hört sich mein Geschimpfe an. Bei einigen meiner Fragen im Vorfeld wusste er keine Antwort, ich vermute fast, dass ihm vollkommen egal ist, ob solche Fragen richtig oder falsch gestellt werden. Mich ärgert so etwas, denn falsche Fragen führen zu falschen Aussagen führen zu falschen Diagnosen und dazu, dass Menschen in Schubladen gesteckt werden, in die sie nicht gehören. Unterliegen Prüfer keiner Sorgfaltspflicht? Aber immerhin. Es scheint alles richtig zu sein.

Am Abend werden die Ergebnisse veröffentlicht. Ich habe die Bestätigung. Bestanden.

Platon

Jetzt kehrt Sophie von der schriftlichen Prüfung zurück. Sie hat auch gleich die Fragen mitbringen dürfen. Hektisch setzt sie sich an den Computer und beginnt einige Fragen gleich zu recherechieren. Sie regt sich auf, eine oder zwei Fragen wären schlichtweg falsch und irreführend formuliert gewesen. Ja, natürlich, denke ich. Frau Oberschlau hat mal wieder etwas zu mosern. Eigentlich ist es mir vollkommen egal, ob die Fragen sachlich korrekt oder nicht sind.

Jetzt hat sie die Prüfungskommission im Visier. Diese Fragen werden übrigens deutschlandweit gleichzeitig eingesetzt. Da sitzen in der Regel schon Fachleute am Werk. Etwas amüsiert, aber auch etwas besorgt frage ich genauer nach. „Eigentlich müsste ich es geschafft haben, bin bei zwei drei Fragen aber unsicher“ sagt sie. Und sie fügt natürlich hinzu, dass diese Fragen auch völlig unsinnig seien. Ansonsten sei sie aber wohl fehlerfrei durch, meint sie. Ich hoffe nur, dass dem so ist, und sie nicht auch noch einen Diskurs über richtig formulierte Fragen mit dem Gesundheitsamt vom Zaun reißt. So ganz erleichtert bin ich noch immer nicht, obwohl sie sich als sicher bestanden sieht. In einigen Tagen, wenn sie zur mündlichen Prüfung eingeladen wird, oder eben auch nicht, wissen wir es genau.

 
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Verfasst von - 21. Februar 2015 in Alltägliches

 

Jedem seine Prüfung – Teil V

Sophie

Der Philosoph schaut nur sparsam, als er von der Episode beim Arzt erfährt. Und scheint fast resignieren zu wollen? Mir kommen Zweifel. Vielleicht ist er ganz froh, dass ich das Attest nicht bekommen habe? Andererseits hätte er das dann wohl schon vorab gesagt, oder? Ich schiebe die Zweifel beiseite. Gleichzeitig hat mich die Wut gepackt. Über eine Bekannte bekomme ich kurzfristig einen Termin bei einer anderen Ärztin. Montag vor der Prüfung. Es wird eng, aber immerhin. Im Internet habe ich mich lang und breit informiert. Ich weiß ganz genau, dass die Aussage des Arztes falsch und diskriminierend war. Es gibt keinen Grund, mir eine Prüfungsteilnahme zu verweigern. Ich habe die entsprechenden Texte und Entscheidungen ausgedruckt und stecke sie in die Tasche. Falls die Ärztin ins gleiche Horn bläst, bin ich gewappnet.

In Gedanken gehe ich bereits Stunden vorher jedes mögliche Szenario durch. Eigentlich müsste ich lernen, aber diese Attestgeschichte beschäftigt mich massiv. In meinem Kopf führe ich Diskussionen mit der mir unbekannten Ärztin, kämpfe für meine Prüfung, für etwas, was ich seit langer Zeit endlich mal wieder will. Ich will. Und ich werde. So einfach ist das.

Platon

Ich kann ja irgendwo noch den Arzt verstehen. Er ist unsicher, und im Zweifelsfall möchte er lieber keinen Fehler machen. Also stellt er vorsichtshalber keine Bescheinigung aus. Das hätte er dann auch etwas anders begründen können. Auf jeden Fall muss Sophie nun einen anderen Arzt finden, der ihr die grundsätzliche Befähigung bescheinigt. Dass wird sie alleine machen müssen, denn ich bin gar nicht im Lande. Vielleicht ist das sogar eine gute Übung zur Ausweitung der Improvisationsfähigkeit. Denn die Zeit wird mittlerweile auch knapp.

Sophie

Ich gehe ohne den Philosophen zur Ärztin. Seine scheinbare Passivität in dieser Geschichte irritiert mich, aber ich beschließe, das zu ignorieren. Bereits im Wartezimmer bin ich sprichwörtlich „auf Krawall gebürstet“. Im Kampfmodus. Als ich endlich drankomme, lege ich direkt los. Was ich möchte, warum ich erst jetzt hier bin, was die Gesetzeslage sagt, was der vorige Arzt gesagt hat und warum das falsch ist. Die Ärztin hört sich meinen Monolog schweigend an. „Welcher Arzt war das?“, fragt sie schließlich. Ich nenne den Namen. Was dann kommt, überrascht mich. Die Ärztin setzt mit einer langen Schimpftirade an. Die Bemerkung zur Schwerbehinderung sei eine Frechheit und grundsätzlich würde das die Ahnungslosigkeit des „Kollegen“ demonstrieren. „Falls Sie möchten, rufe ich den mal an und sage ihm ein paar Takte dazu. Das geht ja gar nicht.“ Und natürlich stelle sie mir das Attest aus. Und gehe davon aus, dass die Prüfung auch sehr gut klappe.

Die Zeit ist knapp. Das Attest werde erst Mittwoch, am Prüfungstag, vorliegen. Meine Bekannte bringt es zehn Minuten vor Prüfungsbeginn vorbei. Der Philosoph hält sich weiterhin auffallend zurück. Seine größte Sorge scheint zu sein, dass ich nicht bestehen könnte. Etwas, was durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Denn gelernt habe ich… nun ja. Aber jetzt kann ich nicht mehr zurück. Die schriftliche Prüfung beginnt.

Platon

Und diese Übung gelingt ihr offenbar. Sie hat eine Ärztin gefunden. Nun sind alle Unterlagen vollständig. Sie kann in den nächsten Tagen zur Prüfung gehen. Allerdings sehe ich sie noch immer nicht üben. Sie bereitet sich scheinbar nur an Randstunden des Tages auf die schriftliche Prüfung vor, wenn überhaupt. Ich gebe ihr deutlich meine Verwunderung zu verstehen. Und wenn das ganze ein totaler Reinfall werden würde, dann würde das auch mich etwas betreffen. Denn die gesamte Prüfungskommission samt Terminen wurde ja umgeschmissen, weil ich Sophie angekündigt hatte und selbst nicht prüfen wollte. Das geht ja nicht, dass ich der Prüfer bin. Es wurde sogar noch extra schnell eine neue Prüferein nur für Sophie gesucht und gefunden.

Wie auch immer. Sophie scheint die Ruhe weg zu haben. Die letzten Tage beginnt sie etwas ausführlicher zu pauken. Aber meine Zweifel bleiben, ob tatsächlich mit so wenig Zeitaufwand solch eine komplexe Prüfung zu bestehen ist. Und das sage ich ihr auch.

Bald werden wir es ja wissen.

 
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Verfasst von - 18. Februar 2015 in Alltägliches

 

Jedem seine Prüfung – Teil IV

Platon

Doch bevor es soweit ist, muss sie ja erst noch die formalen Hürden nehmen. Zum Beispiel das amtliche Führungszeugnis. Das sollte kein Problem sein. Und ein ärztliches Attest, das keine Einschränkungen bei der Ausübung bescheinigt. Auch das sollte kein Problem sein. Es ist gar nicht so leicht, einen Arzt zu finden, der sich mit ganzen rechtlichen Rahmenbedingungen auskennt. Die Unsicherheit scheint hier noch groß zu sein, von Unwissenheit nicht zu sprechen. Da Sophie wieder einmal alles auf den letzten Drücker macht, kann ich auch nicht mehr zeitnah helfen. Ich vereinbare für sie einen Termin beim Arzt, mehr schaffe ich nicht. Aber der Termin sollte machbar sein, schließlich braucht sie ja nur den Wisch.

Sophie

Der Prüfungstermin rückt näher. Ich habe zwischenzeitlich das Datum per Post erhalten und ärgere mich. Einerseits dürfen Atteste und Co. nicht älter als vier Wochen sein, andererseits bekomme ich erst zwei Wochen vor dem Prüfungstermin Bescheid – das ist verdammt eng. Natürlich ist die ärztliche Versorgung hier so eine Katastrophe, dass die Arzthelferinnen beim Satz: „in den nächsten zwei Wochen“ schon in Ohnmacht fallen.

Der Philosoph schlägt seinen Hausarzt vor. Nach meinen Erfahrungen mit dem Herrn – der, der mich fragte, ob ich Stimmen höre – habe ich meine Zweifel. Aber eine andere Wahl habe ich gerade nicht. Freitag vor der Prüfung bekomme ich einen Termin, muss dort alleine hin.

Der Arzt hört sich mein Anliegen an, weiß, welches Attest ich brauche. Kein Problem. Dann ruft er meine Akte auf. Überfliegt seine Notizen. Schaut mich an. „Wo ist denn Ihr Begleiter?“ will er wissen. In mir brodelt es. Er will den Philosophen sprechen. Die bereits im Minus befindliche Sympathieliste des Arztes saust gerade in unendliche Tiefen. Aber bitte – ich gebe ihm die Telefonnummer.

Platon

Der Arzt ruft mich an. Ich rede mit Engelszungen auf ihn ein, aber es fruchtet nicht. Der erste Versuch, solch ein Attest zu erlangen, endet für Sophie kläglich.

Sophie ist wütend. Sie fühlt sich vom Arzt nicht ernst genommen. Schon wieder. Sie betont, dass das das letzte Mal war, dass sie diese Praxis betreten habe. Irgendwie fühlte ich mich direkt angesprochen, denn dieser Arzt ist mein „Hausarzt“.

Sophie

Der Arzt schickt mich aus dem Raum, als er mit dem Philosophen spricht. Meine Wut steigt ins Unermessliche. Er soll gefälligst MIT mir reden, nicht ÜBER mich. In Gedanken fallen mir zahlreiche sehr unfreundliche Worte für diesen Mann ein. Nach wenigen Minuten darf ich wieder in den Behandlungraum. Und bekomme eröffnet, dass ich das Attest nicht ausgestellt bekomme. Schließlich habe ich den Status „schwerbehindert“. Und damit darf man gar nicht zur Prüfung zugelassen werden. Das ist so frech, dass es mir wirklich die Sprache verschlägt. Und falsch ist es obendrein. Mein entsprechender Hinweis wird geflissentlich überhört. „Ich möchte da ja nichts kaputt machen an Ihrer Zukunftsplanung. Aber so geht das nicht. Nicht mit einer Behinderung. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“

Dieser – mit Verlaub – Vollpfosten von einem Mediziner!  Ich nehme das persönlich. Wirklich persönlich. Am kommenden Mittwoch ist die Prüfung. Und ich habe kein Attest…

 
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Verfasst von - 14. Februar 2015 in Alltägliches

 

Jedem seine Prüfung – Zwischenfrage

Der Philosoph hat Zweifel, Sophie schwankt zwischendurch – und der entscheidende Arztbesuch für eine Art der „Tauglichkeitsbescheinigung“ steht nun kurz vor der Tür. Vorher interessiert uns aber, was IHR glaubt. Kann jemand mit ASS überhaupt als „tauglich“ angesehen werden, um später im psychotherapeutischen Bereich zu arbeiten? Hat das Vorteile? Oder doch eher Nachteile? Wir sind gespannt auf das Ergebnis.

Auflösung am 14.02.2015:

„Logisch! Wo ist das Problem?“ – 74,67 %

„Hm. Ein bisschen skeptisch wäre ich schon.“ – 25,33 %

„Klare Sache. Ein absolutes No-Go.“ – 0 % 🙂

 
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Verfasst von - 4. Februar 2015 in Alltägliches

 

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Jedem seine Prüfung – Teil III

Sophie

Die Unterlagen kommen. Einen Teil habe ich daheim, einen Teil muss ich beantragen. Das Gesundheitsamt konnte mir nur einen ungefähren Prüfungstermin nennen. In acht Wochen. Ich habe Zeit. Ich frage den Philosophen, wo ich das bekomme. Auch zum ärztlichen Tauglichkeitsattest frage ich, er meint, das ginge schnell und sei kein Problem. Ich bin erleichtert, denn im Anhang steht, dass sowohl Zeugnis als auch Attest maximal vier Wochen vor der schriftlichen Prüfung ausgestellt werden sein dürfen. Nur – genau der Termin steht eben noch nicht fest.

Ab und zu blättere ich in dem Buch. Vieles ist mir vertraut und bekannt, also setze ich mich gedanklich eher mit den Widersprüchlichkeiten auseinander. Genau diese Widersprüchlichkeiten in der Systematik spreche ich auch beim Philosophen an. Konstruiere komplexe Störungsbilder, deren Einordnung mir nach dem ICD-10 als schwierig erscheint, die korrekte Diagnostik aber grundlegend. Mit Erstaunen registriere ich, dass der Philosoph passen muss.

Platon

Sophie hat sich tatsächlich angemeldet. Ich bin nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht, ob ich dazu raten oder abraten soll. Einerseits bemerke ich natürlich, wie schnell sie sich in Themen und ganze Sachgebiete einarbeiten kann. Es kommt mittlerweile nicht selten vor, dass ich sie zu bestimmten Fragen oder Problemstellungen um Rat frage. Und ihre Antworten helfen mir auch oft weiter. Zudem scheint der gesamte Bereich Psychologie sie sehr zu interessieren, sonst würde sie nicht derart umfangreich ihre Zeit damit verbringen. So denke ich. Muss aber auch feststellen, dass sie bisher keinerlei Anstalten macht, zu lernen. Darüber reden und diskutieren macht sie gerne, doch vom Büffeln ist sie weit entfernt.

Sophie

Der Philosoph schimpft mit mir. Er will wissen, wie viele Seiten ich im Buch schon gelesen habe. Ich habe jedoch nur die Oberkapitel gelesen. Ich weiß, dass ich zur Demenz noch lernen muss. Und die Schizophrenie ist mir nicht ganz geläufig, da fehlt mir etwas der rote Faden. Aber das hat Zeit. Zum ersten Mal in meinem Leben vertraue ich auf mein Gedächtnis.

Viel wichtiger erscheint mir die Art der schriftlichen Prüfung. Inhaltlich sehe ich wenig Probleme, wenn nicht gerade die ganze Schizo-Ecke (Schizophrenie, schizoid, schizotyp) kommt. Aber die in teils schon grob gemeine Fragestellung scheint mir eher eine Püfung von Lesekompetenz statt von Fachwissen zu sein. Im Internet finde ich zahlreiche Fragebögen aus den vergangenen Jahren. Und schwöre mir, dass ich erst zur Prüfung antrete, wenn ich all diese Fragebögen fehlerfrei gelöst habe.

Platon

Ich beginne, mir Gedanken zu machen: was passiert, wenn sie mit Pauken und Trompeten durchfällt? Das Gesundheitsamt und die Prüfungskommission werden erfahren, dass wir bereits zusammenarbeiten. Denn wir haben den Antrag, dass ich nicht die Prüfung abnehmen darf, bereits eingereicht. Aber müsste ich mir dann die Fragen gefallen lassen, wie ich es verantworten konnte, sie zur Prüfung zu ermuntern? Ich als Prüfer müsse so etwas doch viel besser wissen müssen. Und schließlich noch die Kernfrage, ob jemand mit der Diagnose „Asperger“ überhaupt grundsätzlich als Heilpraktikerin für Psychotherapie arbeiten solle.

 
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Verfasst von - 31. Januar 2015 in Neue Wege

 

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Jedem seine Prüfung – Teil II

Platon

Sophie erreicht aus dem „Nichts“ 27 richtige Antworten. Ich bin sprachlos. Danach gehe ich zum Kühlschrank und genehmige mir ein Bier. Immerhin ist es auch schon nach 19 Uhr.

Als Sophie mich fragt, ob sie auch die Prüfung machen solle, muss ich unweigerlich lachen. Im Regelfall muss dafür zwei Jahre gelernt werden, normalerweise in umfangreichen und teuren Weiterbildungsmaßnahmen. Ich gebe Sophie ein Buch. Ein einziges Buch. Das müsse sie können, sage ich ihr. Mehr nicht. Hinzu kommen die Erfahrungen, die sie mittlerweile so nebenbei gesammelt hat. „Ich werde es versuchen“, sagt sie.

Sophie

Ein Fehler. Ich schwanke innerlich. Einerseits bin ich überrascht – waren die Fragen doch sehr simpel. Andererseits ärgere ich mich. Ein Fehler ist für mich ein Fehler zu viel. Dem Philosophen hingegen scheint es die Sprache verschlagen zu haben.

Während er mit leisem „Unglaublich“-Gebrabbel den Raum verlässt, suche ich die Seite vom Gesundheitsamt. Lese. Grüble. Lese wieder. Als der Philosoph zurück ist, frage ich nach der Prüfung. Der echten Prüfung. Die, an deren Ende eine Heilerlaubnis steht.

Platon

Ich denke, dass es ganz schön vermessen ist, die Heilerlaubnis so nebenbei zu erlangen. Offiziell heißt es dann „Heilpraktiker eingeschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie“. Andererseits denke ich, dass sie gute Chancen hat. Ich sehe sogar die größte Hürde nicht in der Theorie und der schriftlichen Prüfung, sondern in der mündlichen Prüfung. Wird sie in der Prüfung zeigen können, dass sie anderen Menschen helfen kann? Wird es überhaupt möglich sein, dass jemand, der selbst auf Unterstützung angewiesen ist, anderen hilft? Für mich ist es keine Frage, aber wie wird es die Prüfungskommission sehen?

Sophie

Der Philosoph gibt mir ein Buch. Ich weiß nicht, ob ich meine Zweifel ansprechen soll. Ich habe schon von der Komplexität der Prüfung gehört, auch er bestätigt sie mir. Ich weiß, dass die Durchfallquote hoch ist. Dass viele schon die Schriftliche nicht packen. Vielleicht war das ein Glückstreffer? Ein Glückstreffer, nach dem ich vermessen genug bin, einfach weiterzumarschieren. Geht das? Darf ich das? Und mal davon abgesehen – bringt mich das in irgendeiner Form weiter oder wird das nur ein stressiges Hobby? Bin ich zu arrogant, zu selbstüberzeugt?

Ich nehme das Buch mit. Blättere durch. Kapitel eins kenne ich. Zwei auch. Das dritte auch. Das vierte überfliege ich. Auch bekannt. Noch in der Nacht schreibe ich eine Email an den Landkreis mit der Bitte, mir eine Übersicht aller einzureichenden Unterlagen zu schicken. Damit ich mich zur Prüfung anmelden kann. Hoffentlich, ohne mir eine blutige Nase zu holen.

 
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Verfasst von - 28. Januar 2015 in Alltägliches

 

Jedem seine Prüfung – Teil I

Platon

Sophie findet immer mehr Gefallen an psychologischen Themen. Durch die Seminare ist sie mittlerweile theoretisch weit vorangekommen. Praktisch hat sie im Umgang mit dem Jungen erste Gehversuche unternommen. Sophie wäre aber nicht Sophie, wenn sie nicht mehr wollte. Sie sieht für sich Perspektiven in der Beratung und der Therapie bei Personen, die Symptome im Bereich Autismus Spektrumstörung und AD(H)S zeigen. Und ich mache ihr Mut. Die Seminare haben gezeigt, dass sie sehr gut ankommt und selbst noch Wochen später Anfragen direkt an Sophie von Teilnehmern kommen. Als Paradebeispiel kann hier Sophies einfacher und genialer Ratschlag an eine ratlose Mutter angeführt werden, der dazu führte, dass der kleine Sohn sein großes Geschäft nicht mehr in der Dusche, sondern wieder auf dem Klo verrichtet. Sophie möchte helfen, ihr Wissen einbringen. Sich beruflich neu orientieren.

Sophie

Irgendwie hat sich die Idee festgesetzt. Ich weiß schon länger, dass es den Heilpraktiker für Psychotherapie gibt. Aber die Prüfung, das Finanzielle für die Ausbildung, die Zeit – bislang kam es nicht in Frage. Immer öfter dachte ich in letzter Zeit, dass es schade ist. Auf der anderen Seite ist es vielleicht auch gut – denn was sollen andere Leute schon von mir lernen können? Was soll ich ihnen mit auf den Weg geben können? Es ist eine Idee, ein Hirngespinst – mehr nicht. Und doch bleibt es im Hinterkopf hängen. Es wäre ein Neuanfang, etwas ganz anderes. Eine Qualifikation mehr – oder doch nicht? Ich schwanke. Soll ich – oder soll ich nicht?

Im Internet suche ich nach Schulen, finde einige mit orbitanten Preisen, verwerfe die Idee doch wieder. Nein. Ich bleibe, wo ich bin. Ist besser so. Oder?

Platon

Um allerdings beruflich zu therapieren, benötigt sie die Heilerlaubnis vom Gesundheitsamt. Eine amtliche Prüfung ist dort schriftlich und mündlich abzulegen. In unserem Landkreis bin ich seit einiger Zeit einer der Prüfer. Ich kenne mich damit aus. Eines Tages fällt Sophie ein Bogen mit dem kompletten Satz Fragen einer Prüfung aus dem Vorjahr in die Hände. Es sind insgesamt 28 Fragen. Selbst altgediente Psychologen haben sicherlich Mühe, ohne Vorbereitung alle Fragen richtig zu beantworten. Ähnlich wie bei der Führerscheinprüfung, die langjährige Autofahrer wohl auch nicht aus dem Stehgreif erneut bestehen würden.

Sophie ist sehr interessiert an diesen Fragen. „Soll sie ruhig“, denke ich. Die Lösungen habe ich ja. Ich gebe ihr die Prüfung, und rechne mit maximal der Hälfte richtig beantworteter Fragen. Allerhöchstens. Insgeheim freue ich mich sogar auf ihre „Bruchlandung“ und ihren übertriebenen Übermut. „Jetzt wird sie ihre Grenzen kennenlernen“, denke ich etwas schadenfroh. Zum Bestehen müssten wenigstens 21 der 28 zum Teil sehr schwierigen Fragen beantwortet werden.

Sophie

Als mir der Bogen mit den Fragen in die Hände fällt, frage ich den Philosophen. Ich solle ruhig machen, meint er. Die Lösungen habe er, in aller Regel dauere die schriftliche Prüfung 55 Minuten. Ich fange an zu lesen. Spontan, ein Kreuz hier, ein Kreuz da. Der Philosoph schaut kurz vorbei, verschwindet wieder im Nebenraum. Ich lese die Fragen, kratze mich innerlich am Kopf. Einfach sind sie nicht. Aber mit gesundem Menschenverstand und einer einigermaßen ausgebildeten Lesekompetenz kein Hexenwerk. Es sei denn, mir fehlt doch fundamentales Wissen. Bei einer Frage zur Schizophrenie bin ich unsicher. Der Philosoph schaut kurz in den Raum, verschwindet wieder. „Irgendwie ist das einfach“, kommentiere ich. „Das scheint nur so“, klingt es dumpf aus dem Nebenraum. Zehn Minuten brauche ich, dann bin ich fertig. Drücke dem Philosophen den Bogen in die Hand. Der möchte ihn selbst korrigieren, falls ich schummeln würde. Ein bisschen beleidigt bin ich schon – ich betrüge nicht.

Ich sehe ihn den Lösungsbogen durchgehen. Dann noch einmal. Ein drittes Mal. Anschließend bekomme ich einen langen, nicht definierten Blick zugeworfen. Sehr, sehr lange. Ich werde unsicher. Er holt tief Luft. Innerlich wappne ich mich. Verfluche meinen Hochmut. Was glaube ich eigentlich, wer ich bin?

 
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Verfasst von - 24. Januar 2015 in Alltägliches, Neue Wege

 

„Unfertige Menschen“ – Teil II

Sophie

Ich warte im Büro. Der Termin ist für 15 Uhr anberaunt, es ist bereits 15.04 Uhr. Innerlich ärgere ich mich über die Unpünktlichkeit, äußerlich übe ich mich in Geduld.

Als die Mutter mit dem Jungen endlich auftaucht, bekomme ich Zweifel. Das Kind begrüßt den Philosophen mit einem Sprung und High-Five. Nach einem kurzen Gespräch geht dann die Tür auf, die Mutter sagt kurz „Hallo“ und verschwindet im anderen Büro. Ich bleibe mit dem Jungen, Lukas, alleine. Das Schweigen dehnt sich. Zu lange? Ungelenk steige ich ein, hoffe auf mein Lego-Raumschiff. „Kennst du das?“ – „Nö. Was ist das?“ Ich setze mit einer Erklärung an, werde aber unterbrochen. „Raumschiffe? Nee, sowas gibt es doch gar nicht. Raketen, damit fliegen die sogar bald zum Mars!“ Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Untertassensektion der Enterprise D auf Veridian III zerschellen. Lukas schaut mich erwartungsvoll an. Ich schaue fieberhaft überlegend zurück.

Platon

Ich stehe jetzt vor der Aufgabe, der Mutter zu erklären, warum ich Sophie für genau die richtige halte. Dabei entscheide ich mich für die einfache Variante: Ich sage es ihr einfach ohne weitere Erklärungen. Allerdings erwähne ich kurz Sophies Diagnose. Die Mutter ist sofort einverstanden. Ich hatte auch nicht mit Einwänden gerecht, zumal die ganze Familie irgendwelche Diagnosen mit einem F vorweg hat. Anschließend hole ich mir noch das OK vom Jugendamt. Der Fallbetreuerin schildere ich etwas genauer die Ausbildung von Sophie. Auch hier gibt es ein OK.

Sophie

Ich schaue auf die Uhr. Fünf Minuten vergangen. Lukas zappelt. Mein Raumschiff steht unbeachtet auf dem Tisch. Großartig. „Was ist eigentlich das da?“ fragt Lukas und greift über den Tisch. In mir sträubt sich alles, als er zu meinem Zauberwürfel greift. Es ist einer von den teuren, leichtgängigen Speedcubes, die fast geräuschlos drehen und von denen ich eine ganze Sammlung daheim habe. Lukas beginnt wild am Würfel zu drehen, stellt ihn dann wieder zurück. „Das Spiel verstehe ich nicht.“ Ich erkläre, dass er die Seiten des Würfels einfarbig sortieren muss, drehe einige Sekunden am Würfel und stelle ihn sortiert wieder auf den Tisch. Lukas guckt. Und guckt. Und guckt. Greift zum Würfel, verstellt ihn, hält ihn mir hin. „Nochmal.“ Ich sortiere. Er schaut zu. Rückt näher. „Nicht so nah“, sage ich. Er rückt ab, die Augen immer noch am Würfel klebend. Im Geiste sage ich meine Lösungzüge und Eselsbrücken. „Wagen biegt um die Ecke, Koffernraum geht auf, Wagen fährt zurück, Kofferraum geht zu.“ Eine Minute später ist der Würfel gelöst. Lukas greift ihn sich wieder, schaut auf den Würfel, dreht hin, dreht her. „Wie geht das? Kannst du mir das zeigen?“ Die Faszination des Jungen für den Rubik Cube ist nicht zu übersehen. Wir drehen, ich zeige ihm die ersten Züge, er probiert, ist hochkonzentriert, aber vergesslich. Immer wieder beginnen wir von vorne, immer wieder gebe ich Tipps und Hilfestellung. Irgendwann öffnet sich die Bürotür. Der Philosoph und die Mutter stehen im Raum. Lukas bittet mich, den Würfel noch einmal zu lösen, bevor er geht. Und fragt, ob er nächstes Mal wiederkommen darf.

Platon

Ich bin nun sehr gespannt, ob es wirklich funktionieren wird. Der erste Termin wird geplant. Ich ziehe mich aus den jetzt folgenden Absprachen und Planungen ganz raus, beobachte nur aus der Ferne und stehe im Zweifelsfall schnell zur Verfügung, um gegebenenfalls wie auch immer unterstützen zu können. Doch es zeigt sich sehr schnell, dass Sophie und der Junge einen guten Zugang zueinander gefunden haben. Es erscheint tatsächlich so, als übe das sehr kontrollierte, sozial und kommunikativ wenig moduliert Verhalten Sophies einen positiven und regulierenden Einfluss auf den Jungen aus. Sophie gelingt es offenbar, die Aufmerksamkeit des Jungen über längere Phasen auf begrenzte Aktionen und Themen zu richten. Auch seine gesamte körperliche Unruhe und Anspannung scheint sich in Sophies Gegenwart deutlich zu reduzieren. Er berührt sie auch nicht. Bei mir ist er dazu im Vergleich immer sehr distanzlos, fasst mich überall an, zieht und zupft. Einige Tage später komme ich mit der Mutter wieder ins Gespräch. Sie sagt, dass ihr Sohn noch immer von Sophie schwärme und frage, wann sie wieder komme.

 
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Verfasst von - 21. Januar 2015 in Neue Wege

 

„Unfertige Menschen“ – Teil I

Platon

Im Rahmen der Familienhilfe betreue ich einen Jungen von acht Jahren und seine alleinerziehende Mutter. Obwohl der Junge nicht getestet ist, zeigt er unter anderem eine ADHS-typische Symptomatik. Der Fallbetreuerin vom Jugendamt ist neben der Arbeit mit dem Jungen auch eine Erziehungsberatung und psychische Stabilisierung der Mutter wichtig. Mir fehlt allerdings die Zeit, mich um die Mutter einerseits und den Jungen andererseits zu kümmern. Hinzu kommt, dass bei unseren bisherigen Treffen der Jungen sehr anhänglich und kaum zu steuern ist. Und wichtiger scheint auch zunächst die Mutter zu sein. Als sie mich fragt, ob ich nicht einen „Betreuer“ für ihren Sohn kennen würde, kommt mir spontan eine Idee.

Sophie

Während der Philosoph erzählt, was er sich in den Kopf gesetzt hat, kommt bei mir zunehmend Unglauben auf. Kinder – das sind kleine, unfertige Menschlein, hochgradig irrational, unberechenbar und bis zu einem gewissen Altern von einer beneidenswerten Einfachheit, die mir Probleme macht. Kinder und ich, das ist wie Feuer und Wasser. Bislang sind mir nur zwei „Gattungen“ von Kindern begegnet: Die mit großen Augen glotzenden und die, die sich hinter Mama oder Papa verstecken. Nicht, dass ich irgendwas mache oder Kindern etwas Böses will – aber irgendwie funktioniert das nicht. Umso erstaunter bin ich, als der Philosoph mich wegen eines Klienten fragt.

Sicher, die Theorie all der relevanten Themen – Kinderentwicklung, Entwicklungsstörungen, emotionale Störungen und was es nicht noch alles gibt – ist mir vertraut. Und auch das konkrete Vorgehen an sich, ja. Aber es ist ein Unterschied, ob ich jemandem erkläre, wie ein PC funktioniert oder ob ich selbst einen bauen muss.

Platon

Gegensätzlichkeit kann eine ausgleichende Wirkung haben. Eine Bezugsperson mit einer Diagnose aus dem Bereich Autismus-Spektrumstörung hat vielleicht einen ganz besonderen Zugang zu einem Kind mit einer Störung im Bereich ADHS. Und die Betreuung kann ja auch gleichzeitig mit einigen Übungen verknüpft werden. Die Bezahlung wäre auch okay, das würde alles über die Krankenkasse gehen. Und da Sophie sich aufgrund unserer Seminartätigkeit zunehmend für die Behandlung von Autismus und ADHS interessiert, denke ich natürlich gleich an sie.
Allerdings drängen sich mir die folgenden Fragen auf: Kann sie überhaupt mit Jugendlichen angemessen umgehen? Findet sie Zugang? Wie erkläre ich es der Mutter? Denn Sophie ist doch auffallend in ihrem Verhalten. Und schließlich: Wird es Sophie nicht überfordern?
Ich frage zunächst Sophie. Sie ist sofort stark interessiert, sagt ohne weiter zu überlegen zu. Auch als ich ihr meine Bedenken mitteile, ändert sie nicht ihre Meiniung. Stattdessen fragt sie, was ich denn meinen würde. Ich antworte ihr, dass ich es ihr zutraue und denke, das auch der Junge davon sehr profitieren würde.

Sophie

Nach einigem Überlegen bin ich doch bereit, einen – begleiteten – Versuch zu wagen. Denn grundsätzlich geht das in eine Richtung, die ich sowieso schon mal – in der Theorie, versteht sich – als Option für mich angepeilt habe. Hier zeigt sich vielleicht, ob das klappen kann. Da ich offiziell über die Krankenkasse abrechnen kann, bin ich auch rechtlich auf der sicheren Seite. Und wenn es schief geht, steht die Familie nicht alleine da.

Trotz allem bleibe ich skeptisch. Ein anhänglicher, lebhafter Junge ist nun nicht gerade das, was ich mir vorgestellt habe. Und ich fürchte, dass ich mich bereits am Anfang durch klare Grenzsetzung unbeliebt machen werde.

Wir vereinbaren einen Termin in der kommenden Woche. Der Philosoph erzählt mir, der Junge interessiere sich für den Weltraum und Raumschiffe. Also krame ich mein Lego-Raumschiff (USS Enterprise) hervor und hoffe, dass ich mir auf diesem Wege zumindest einige Einstiegsschwierigkeiten erspare…

 
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Verfasst von - 14. Januar 2015 in Neue Wege