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Archiv der Kategorie: Informatives

Worum geht’s eigentlich?

Zwei Menschen. Der eine in der Welt scheinbar vollkommen selbstverständlich zu Hause, die andere gefühlt gestrandet auf einem falschen Planeten. Auf der einen Seite die vermeintlich „normale“, mehrheitliche, neurotypische Sicht auf Welt, Wirklichkeit und Kommunikation. Eine Wahrnehmung, die überwiegend konzentriert ist auf Intuition, Emotion und Empathie. Dem gegenüber die „andere“, die abweichende, die als Autismus bezeichnete Wahrnehmung: Auf logische Schlußfolgerungen fokussiert, mit dem Blick für das Detail. Der eine agiert intuitiv in einer für ihn geordneten Welt, die andere sucht nach Hilfe, um das alltägliche Chaos zu verstehen.

Zwei Denksysteme, die so unterschiedlich sind, dass es eigentlich keine Übereinstimmungen geben kann. Und doch gelingt eine schrittweise Annäherung, als stünden beide auf der jeweils gegenüberliegenden Seite eines Wurmlochs. Was in der gegenseitigen Interaktion entsteht, ist ein Konstruktionsversuch sozialer Wirklichkeit, in der es kein „richtig“ oder „falsch“ mehr gibt. Und eine Möglichkeit, vom jeweils anderen zu lernen.

Die Geschichte der Annäherung zweier individueller Denk- und Wahrnehmungssysteme – mit offenem Ausgang.

 
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Verfasst von - 13. Dezember 2013 in Alltägliches, Informatives

 

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Autismus-Spektrum-Störungen (DSM-V)

In den vergangenen Jahren hat sich im klinischen Bereich zunehmend der Begriff eines Autismus-Spektrums durchgesetzt. Die aktuelle fünfte Überarbeitung des im amerikanischen Raum herausgegebenen DSM-V* streicht die Unterscheidung zwischen dem Kanner- bzw. frühkindlichen Autismus und dem Asperger-Syndrom und benennt lediglich ein Autismus-Spektrum, das von leichten Einschränkungen bis hin zu schweren Beeinträchtigungen greift. Erstmals werden hier auch die von vielen Autisten beschriebenen Wahrnehmungsbesonderheiten explizit aufgegriffen.

Die Autismus-Spektrum-Störungen sind in vier Kriterien (A bis D) unterteilt.

An erster Stelle stehen dabei andauernde Defizite der sozialen Kommunikation und Interaktion (A), die sich nicht durch generelle Entwicklungsverzögerungen erklären lassen. Diese Defizite zeigen sich in den Bereichen
1. der sozial-emotionalen Gegenseitigkeit,
2. des nonverbalen kommunikativen Verhaltens in der sozialen Interaktion,
3. und beim Eingehen und Aufrechterhalten von Beziehungen entsprechend dem Entwicklungsstand (Bezugspersonen ausgenommen).

Dem folgen restrikitve, repititve Verhaltens-, Interessen- und Aktivitätsmuster (B). Diese müssen sich in mindestens zwei der folgenden Bereiche zeigen:
1. Stereotypes oder repetitives Sprechen, Bewegungen oder der Gebrauch von Objekten (z. B. Wortwiederholungen, motorische Stereotypien, etc.).
2. Exzessives Festhalten an Routinen, ritualisierte Muster im verbalen und nonverbalen Verhalten oder exzessiver Widerstand gegen Veränderungen (z. B. Festhalten an gleichen Wegstrecken oder gleichem Essen, extreme Stressreaktion bei kleinen Veränderungen, etc.).
3. Hochgradig eingegrenzte und fixierte Interessen, die sich bezüglich Intensität und Thema nicht in einem normalen Rahmen bewegen.
4. Hyper- und/oder Hypo-Reaktivität auf diverse Sinnesreize (z. B. taktile Über- oder Unterempfindlichkeiten bezüglich Kälte, Hitze, Druck oder Schmerz; taktile Präferenz für bestimmte Stoffe; auditive Über- oder Unterempfindlickeit auf spezifische Geräusche; visuelle Über- oder Unterempfindlichkeit bezüglich Lichtquellen, sich drehenden Objekten, fließendem Wasser u. Ä.; gustatorische Über- oder Unterempfindlichkeit für Lebensmittel bzw. deren Konsistenz; olfaktorische Über- oder Unterempfindlichkeit für Gerüche, was teils zu exzessivem Riechen an Objekten führt; etc.)

Alle Symptome müssen seit frühester Kindheit vorhanden sein, allerdings ist es möglich, dass diese erst offensichtlich werden, wenn die sozialen Anforderungen des Umfelds die Kompensationsmöglichkeiten übersteigen (C).

Und zuletzt müssen die Symptome den Alltag und das alltägliche Funktionieren insgesamt begrenzen und beeinträchtigen (D).

* Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen

 
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Verfasst von - 12. Dezember 2013 in Informatives

 

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Frühkindlicher Autismus und Asperger-Syndrom (ICD-10)

Der frühkindliche sowie der Autismus nach Hans Asperger findet sich im ICD-10* in der Rubrik der sogenannten Entwicklungsstörungen (F80-F89).
Entwicklungsstörungen haben ihren Beginn laut Definition ausnahmslos im Kleinkindalter bzw. in der Kindheit, sie sind nicht heilbar oder “wachsen sich aus” und die Entwicklungsverzögerungen oder -einschränkungen betreffen in der Regel z. B. die Sprachentwicklung, die Motorik oder die Koordination von Bewegungen.

Ab der Codierung F84 beginnen die sogenannten “Tief greifenden Entwicklungsstörungen”. Ihnen allen gemein sind Probleme in der wechselseitigen Kommunikation und stereotype Verhaltensweisen, die sich in Bewegungen, eingeschränkten und sich wiederholenden Aktivitäten oder Interessen äußern.

Unter F84.0 ist der frühkindliche Autismus (Autismus nach Leo Kanner) klassifiziert. Auffälligkeiten sind bereits vor dem dritten Lebensalter bemerkbar. Als Kernsyptome werden eine qualitative Beeinträchtigung bei wechselseitigen sozialen Interaktionen sowie der Kommunikation als auch eingeschränkte Interessen und stereotype Verhaltensweisen genannt.
Frühkindliche Autisten beginnen in der Regel erst spät zu sprechen, neigen zu sprachlichen Wiederholungen (Echolalie) oder der Umkehr von Pronomen (z. B. dem Vertauschen von “Du” und “Ich”). Einige, aber nicht alle Personen, die unter dieser Code-Nummer zusammengefasst werden, können sich sprachlich überhaupt nicht äußern.

Unter F84.5 findet sich das Asperger-Syndrom. Die Symptomatik zeigt sich in unterschiedlicher Ausprägrung ähnlich wie beim frühkindlichen Autismus. Allerdings ist hier in der Regel keine allgemeine Entwicklungsverzögerung oder eine fehlende bzw. verspätete Sprachentwicklung festzustellen.  Viele Asperger-Autisten sind jedoch durch eine gestörte Fein- oder Grobmotorik auffallend und wirken daher etwas ungeschickt.
Die Einschränkungen in der Kommunikation zeigen sich z. B. in der Unfähigkeit, einen (angemessenen) Blickkontakt zum Gesprächspartner herzustellen. Auch Gestik oder Mimik werden kaum als Mittel der Kommunikation erkannt und genutzt.
Die stereotypen Verhaltensweisen zeigen sich z. B. in der rigiden und fast zwanghaft wirkenden Befolgung bestimmter Rituale oder Routinen, die keine Funktion haben. Häufig anzutreffen ist ein Flattern mit den Händen oder das Drehen der Finger. Aber auch das Vertiefen in wenige, dafür sehr intensive Interessen, die teilweise für die Umwelt schon “abnorme” Züge annehmen, fällt darunter.

Grundsätzlich lässt sich keine Pauschalaussage über die Intelligenz von Autisten treffen. Es gibt sowohl Autisten mit Intelligenzminderung, als auch solche mit einer durchschnittlichen bis überdurchschnittlichen Intelligenz.

Nicht direkt im ICD-10 aufgeführt ist der sogenannte hochfunktionale Autismus (HFA). Hier zeigen Kinder bereits vor dem dritten Lebensjahr Auffälligkeiten, die dem frühkindlichen Autismus entsprechen. Besonders die Sprachentwicklung ist verzögert. Im Erwachsenenalter haben hochfunktionale Autisten jedoch einen Großteil der Einschränkungen erfolgreich kompensiert, so dass sie im diagnostischen Erscheinungsbild nicht mehr von Personen mit dem Asperger-Syndrom unterschieden werden können.

(Noch) nicht im ICD-10 aufgeführt sind übrigens die für viele Autisten üblichen Wahrnehmungsbesonderheiten.

Die Diagnostik eines frühkindlichen oder Asperger-Autismus’ ist nicht binnen weniger Minuten zu stellen, sondern ein zeitaufwändiges Verfahren. Verhaltensweisen, sprachliche und soziale Interaktion, die Wahrnehmung und Aufmerksamkeitssteuerung müssten genauestens beobachtet werden. Zudem müssen andere Ursachen für das auffallende Verhalten, wie z. B. eine schizoide Persönlichkeitsstörung (nicht gleichbedeutend mit Schizophrenie!) erst ausgeschlossen werden.

*International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme

 
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Verfasst von - 12. Dezember 2013 in Informatives

 

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