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Archiv der Kategorie: Brett vorm Kopf

Von Mäusen und Würmern

Platon

„Da beisst die Maus keinen Faden ab“ – dieses Sprichwort verstehe ich nicht. Nicht einmal im Ansatz. Ich denke, es ist auch vermutlich das einzige. Bin gespannt, was Sophie dazu sagt. Ich habe extra nicht im Internet recherchiert. Wenn ich müsste, dann würde ich folgende Deutung anbieten: Es ist so wie es ist, basta!

Sophie

Wo ist „da“? Ich habe Mäuse. Schon ziemlich lang. Das sind witzige Tierchen, eines von denen ist ein bisschen dick. Da wäre es gut, wenn sie weniger beißen würde. Nicht nur Fäden, sondern generell. Grundsätzlich gehören Stoffe nicht zu den bevorzugten Speisen meiner Mäuse. Die futtern eher Sämereien. Und nagen an Holz. Ich wüsste nicht einmal, ob eine Maus ohne Weiteres irgendwo einen Faden abbeißen könnte. Ist ja für Menschen schon schwer (meine Oma hat beim Nähen manchmal den Faden abgebissen) und Mäusezähne sind zwar scharf, aber bei Weitem keine Schere.

Platon

„Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“ – Dieses Sprichwort ist gegen Mut, aber für Sicherheit. Gegen wilde Spekulation, für sichere Anlagen. Tatsächlich sehe ich bei dieser Redewendung einen Spatz in der Hand, im Hintergrund ein einfaches Haus, mit rotem Ziegeldach und einer Taube obendrauf. Immer. Komisch eigentlich. Oder? Sehen das andere auch so? Ich habe die Vermutung, dass ich dieses Sprichwort, sofern ich es für mein eigenes Handeln anwende, als Entschuldigung verwende. Für fehlenden Mut, für fehlende Zuversicht, für langweiliges Sicherheitsdenken. Trotzdem mag ich das Sprichwort. Vielleicht, weil es so bodenständig ist. Mir tut nur der arme Spatz leid, der so oft herhalten muss.

Sophie

Zu dem Spatz in der Hand habe ich ein ganz gestörtes Verhältnis. Vier Jahre lang saß ich in einem Kunstsaal in der Schule, in dem auf einem Plakat an der Wand genau dieses Sprichwort hing. Ein rotes Plakat mit Piktogrammen für „Spatz“, „Hand“, „Taube“ und „Dach“. Und vier Jahre lang habe ich mindestens einmal in der Woche zwei Stunden auf meinem Platz gesessen und überlegt, was das eigentlich soll. Anfangs konnte ich nicht mal die Vögel unterscheiden, was zu „Lieber einen Vogel auf der Hand als einen auf dem Dach“ führte. Vielleicht macht der Vogel auf dem Dach mehr kaputt, sodass man dann einen „Dachschaden“ hat, also verrückt ist? Wer einen Vogel hat, ist auch irgendwie verrückt, aber vielleicht nicht ganz so schlimm wie der mit dem Dachschaden. Irgendwann googelte ich das Sprichwort. Dann wusste ich, was das heißen sollte – was es bedeutet, ist mir aber bis heute nicht klar. Denn es gibt viele Tauben auf Dächern. Aber wer hat schon mal das Glück, einen Spatz in der Hand zu halten? Wenn, dann ist das Tier meist krank oder schon tot. Und dass ein toter Vogel in der Hand besser sein soll als lebende in der Luft, das glaube ich nicht. Es sei denn, man gehört zu den Menschen, die Vögel als Plage betrachten. Aber dann mag ich das Sprichwort erst recht nicht.

Platon

Beim „Ohrwurm“ sehe keinen Wurm. Auch kein Ohr. Ich habe dafür einige Lieder im Kopf, die für mich Ohrwürmer waren. Auch solche, die ich gar nicht als Ohrwurm haben wollte: Lambada. Saturday Nigt von Whigfield, dieses Trommellied, zuletzt sogar tatsächlich Helene Fischer. Den Titel muss ich wohl nicht nennen. Dröhnte ja zu oft aus vorbeifahrenden Autos. Ich kann jetzt sogar nicht einmal sagen, welchen Ohrwurm ich besonders mochte, nicht als Eindringling wahrnahm, sondern als Wonne. Lange halten diese Würme bei mir ohnehin nicht an. Noch schlimmer sind übrigens für mich solche Ohrwürmer, die nichts mit Musik zu tun haben, sondern mit belastenden Aussagen von Mitmenschen, die mich sehr getroffen hatten. Die können auch länger anhalten

Jetzt fällt mir doch noch ein positiver Ohrwurm ein: Fragile von Sting …

Und was fällt euch noch so ein?

Sophie

Wenn jemand sagt, dass er einen Ohrwurm habe, muss ich immer ein Lachen unterdrücken. Ich sehe dann einen grünen Wurm, der sich irgendwo kurz vorm Trommelfell im Gehörgang eingenistet hat. Und obwohl Tiere in irgendwelchen Körperöffnungen eigentlich eine ziemlich unangenehme Sache sind, finde ich den Ohrwurm (zwischenzeitlich) ganz niedlich. Denn entgegen dem ersten Gedanken hat er nichts mit einem parasitären Befall durch des Menschen durch Wirbellose zu tun.

Das, was andere als „Ohrwurm“ bezeichnen, kenne ich von der Beschreibung auch. Ich nenne das allerdings „Echo-Erinnerung“. Das kann eine Melodie oder auch nur ein Fragment einer Melodie sein, dass sich dann über Stunden immer und immer wieder in meinem Kopf wiederholt. Das können aber auch visuelle Eindrücke sein. Es gibt ein Handyspiel, bei dem man immer drei gleichfarbige Steine in eine Reihe bringen muss. Diese lösen sich dann auf und andere Steine rutschen nach. Das Spiel habe ich zwischenzeitlich gelöscht, weil es über Stunden solche Echo-Erinnerungen auslöst. Gerade abends ist das sehr nervig, denn dann sehe ich die halbe Nacht bunte Steine vor meinem geistigen Auge, die sich in Dreierreihen sortieren und auflösen. Und in dem Zusammenhang frage ich mich gerade: Wenn das beständige imaginäre Wiederholen von Liedern ein Ohrwurm ist (ganz nebenbei: Helene Fischer als Ohrwurm würde ich als Vorstufe zur Folter bezeichnen…) – habe ich bei dem Spiel dann einen Sehwurm?

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Verfasst von - 8. November 2014 in Brett vorm Kopf

 

Frösche und Glashäuser

Platon

„Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“ – Mein erster Gedanke: Irgendwie haben wir alle „Dreck am Stecken“. Und ich werde wieder daran erinnert, wie zerbrechlich soziale Beziehungen sind. Tatsächlich stelle ich mir, wenn dieses Sprichwort zur Sprache kommt, ein Geschäft mit ganz vielen Glasfenstern, Vitrininen und Gegenständen vor, die schon allein vom Anschauen zu zerbrechen drohen. Ich selbst benutze dieses Sprachbild selten, finde es aber aber gut. Für mich bedeutet es, dass jemand nicht zu schnell über andere urteilen sollte, da man ja ersteinmal seine eigene Probleme im Blick haben sollte…

Sophie

Wer im Glashaus mit Steinen wirft, kann nicht mit sonderlicher Intelligenz gesegnet sein. Dass die Kombination „Glas plus als Wurfgeschoss missbrauchtes Geröll“ in aller Regel nicht gut geht, leuchtet mir ein. Für mich genau so einleuchtend wie der Elefant, der in den Porzellanladen geschickt wird. Wobei sich mir auch die Frage stellte: Wer im Glashaus sitzt und mit Steinen wirft, soll dies vielleicht nicht tun, muss es aber, weil er die Tür nicht findet?

Solche Sprichworte und Redewendungen sind manchmal eine Krux. Da glaubt man, sie endlich durchschaut zu haben und im nächsten Moment steht man wieder mit einem Fragezeichen da, weil ein unbekannter Vertreter eines Sprichwortes auftaucht. Gehört eindeutig in die Kategorie: Warum sagen die Menschen nicht einfach das, was sie meinen? Denn während ich mir um Scherben und etwaige Verletzungsgefahr Gedanken mache und zur Sicherheit die Fenster kontrolliere, ist mir vielleicht eine ganz zentrale Botschaft entgangen, die weder mit Glas noch mit Steinen zu tun hat. Und nebenbei: Die Abwandlung „Wer im Schlachthaus sitzt, sollte nicht mit Schweinen werfen“ leuchtet mir noch weniger ein…

Platon

„Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ – Ich stelle mir dabei wirklich eine Grube vor. Und ich entwickle sogar etwas Schadenfreude für den Grubengräber. Soll er doch selber reinfallen. Für mich bedeutet es, dass Arglist und böse Absicht letztlich einen selbst treffen. Ich benutze das Sprichwort selten.

Sophie

Hier scheint mir ein Fall fehlender Orientierung vorzuliegen. Wenn ich ein Loch buddle, dann weiß ich in der Regel auch, wo ich dies getan habe. Sollte ich tatsächlich selbst hineinfallen, dann war entweder das Gelände unübersichtlich, meine Sicht getrübt oder mein Sicherheitsabstand zum Loch schlicht nicht groß genug. Aber auch hier die Irritation: Wer anderen eine Grube gräbt, arbeitet wohl auf einem Friedhof. Oder verhilft Menschen unfreiwillig und unentdeckt abzuleben. Sollte er dann selbst hineinfallen – siehe oben…

Ich kenne viele Sprichworte, lerne sie, verwende sie in Teilen auch selbst. Trotzdem kann ich nicht verhindern, regelmäßig an der seltsam blumigen und ungenauen Umschreibung hängenzubleiben. Eine etymologische Herleitung hilft da nur in Teilen.

Platon

Das Sprachbild „Ich habe einen Frosch im Hals“ ist für mich  negativ belegt. Ich muss es gelegentlich selbst benutzen, da ich tatsächlich „einen Frosch“ im Hals habe, mich also räuspern muss. Ich mag dieses Gefühl ganz und gar nicht, wenn ich reden möchte oder muss, aber mir der Hals irgendwie verstopft ist. Und dann sagt man ja, quasi als Entschuldigung, dass man einen Frosch im Hals habe. Ich stelle mir dabei aber ganz gewiss keinen Frosch vor, sondern ein lästiges Gefühl im Hals.

Sophie

Der sprichwörtliche „Frosch im Hals“ ist eine ganz grausame Sache. In meinem Kopf. Wer einen Frosch im Hals hat, muss ihn zuvor gegessen haben. Frösche, beziehungsweise Froschschenkel, sind eine Delikatesse in Frankreich – und eine Qual für die armen Tiere – angeblich fast 100 Millionen im Jahr. Fast zeitgleich zur räuspernden Entschuldigung erscheint das Bild eines dicken Kochs in einer Küche mitten in Paris vor meinem geistigen Auge, der mit einem großen Messer dem armen Frosch… lassen wir das lieber. Jedes Mal aufs Neue regt es mein Mitleid mit den Tieren an, wenn jemand vom „Frosch im Hals“ spricht.

 

 
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Verfasst von - 1. November 2014 in Alltägliches, Brett vorm Kopf