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Archiv der Kategorie: Zwischen Gedanken

Zwischen Gedanken – Die Arbeit

Platon

Sophie hat gekündigt. Das ging jetzt alles sehr schnell. Sie wie ich es beurteilen kann, hat sie das ganz allein aus ihrer inneren Überzeugung gemacht. Ich habe ihr keinerlei Ratschläge gegeben, sondern Perspektiven und Möglichkeiten aufgezeigt. Auch bei der Stelle, die sie nun nicht mehr hat. Für Sophie wird eine neue Zeit anbrechen, vielleicht jetzt ohne Angst, ohne diese gefühlte lähmende Hilflosigkeit.

Es wird für Sie eine enorme Umstellung werden. Alle ihr mühsam vertrauten Tagesabläufe – selbst die gab es bei der gekündigten Arbeit – werden wegfallen. Sie wird sich komplett neu sortieren, ganz neue Dinge im Blick haben müssen. Ihr Orientierung wird sie sich stückweise neu suchen müssen. Das wird Kraft und Überwindung kosten. Aber sie ist nicht alleine. Sie wird von Experten betreut, die unter anderem auch zum Thema „Existenzgründung“ sehr erfahren sind. Auch ich werde sie unterstützen, sofern sie das weiterhin wünscht.

Sophie

Ich fühle mich wie gelähmt. Maximale Unsicherheit. War meine Entscheidung zu schnell? Hätte ich die Situation länger „aushalten“ müssen? Ist es wirklich so, dass das Berufsleben heißt, sich bis an die Grenzen der Gesundheit zu verbiegen? Sechs Monate war ich in diesem Betrieb. Der erste Gedanke an Kündigung kam mir nach sechs Wochen. Aber man kündigt doch nicht einfach so? Vor allem doch nicht, wenn man „einfach nur“ seinen Arbeitgeber moralisch als sehr fragwürdig einstuft. Bin ich zu dünnhäutig? Zu unfähig?

Wobei wahrscheinlich schon der Ablauf der Kündigung für sich spricht. Ich weiß nicht, „wie“ man kündigt. Daher bin ich ins Büro meines Chefs, habe ihm mitgeteilt, dass ich im Laufe der vergangenen Wochen zu dem Entschluss gekommen sei, dass es besser ist, wenn ich den Betrieb verlasse. Ich hatte mit Fragen gerechnet, vielleicht einer Bestätigung meiner Einschätzung – nur nicht damit, dass keine Reaktion kommt. Nur ein Griff zum Telefon, ein kurzes „Kommen Sie mal bitte eben rüber“ und dann Schweigen. Der Verlagsleiter wurde dazugeholt und ab dem Moment habe ich auch verstanden, was es heißt, wenn man eine Angelegenheit „zwischen Tür und Angel“ klärt. „Sie kündigen?“, wollte er im Türrahmen stehend wissen. Ich bestätigte. „Okay. Auf Wiedersehen.“ Sprach’s, zog die Tür wieder zu und verschwand. Mein Chef schwieg immer noch. Offenbar habe ich irgendetwas ganz falsch eingeschätzt.

Platon

Ich denke, dass es eine gute Entscheidug von Sophie war. Dass sie nun die Möglichkeit hat, so zu arbeiten, wie es ihr am besten liegt. Dass sie ihre Themen und ihre Fähigkeiten nun deutlich besser anbringen kann, bearbeiten kann. Und dass sie sich auch persönlich entwickeln kann, die Wertschätzung erfährt, die sie verdient.  Und dass sie zunehmend positive Erfahrungen sammelt. Dass letztlich die demotivierenden Faktoren weitestgehend aus ihrem Leben verschwieden. Es wird wohl immer noch genug Stress und Probleme geben, aber nicht mehr die, die ihr so schwer bei der nun gekündigten Arbeit so sehr zugesetzt haben. Ich bin gespannt. Und werde da sein.

Sophie

Ich merke zunehmend, wie sehr die Stelle im Büro meinem Bedürfnis nach Ruhe und klarer Struktur zuwider gelaufen ist. Wie sehr die fehlende Qualität, der fehlende Anspruch, die fehlende Herausforderung von fachlicher Seite und die Anstrengungen, irgendwelche sozialen Erwartungen zu entsprechen, mir jede Energie geraubt haben. Ich fühle mich, als könnte ich über Wochen durchschlafen. Und komme doch nicht zur Ruhe.

Gleichzeitig hört das Gedankenkreisen nicht auf, immer neue Situationen kommen mir in den Sinn. Mein Lebenslauf bescheinigt mir hohe Qualifikationen. Da frustriert es, dass ich nicht in der Lage bin, mich mit Kollegen über Stoffwechselendprodukte und Verdauungsprobleme zu unterhalten, wie es dort scheinbar normal war und erwartet wurde. Ein bisschen Anpassung sollte doch nicht so schwer sein. Dass ich gerade hier auch – mal wieder – gescheitert bin, macht das nicht einfacher. Und zum ersten Mal habe ich Angst. Angst vor den kommenden Monaten. Im Ausmalen von Horrorszenarien bin ich ganz gut, wie mir scheint.

 
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Verfasst von - 6. September 2014 in Zwischen Gedanken

 

Zwischen Gedanken – Nach der Trance

Sophie:

Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, dass da heute irgendwas bei herauskommt. Ich bin nicht einmal sicher, ob da etwas herausgekommen ist. Aber lustig war es allemal. Wahrscheinlich werde ich in den kommenden Woche keine Spinne sehen können, ohne grinsen zu müssen.

Die Bemerkung des Philosophen, dass er glaubt, ich sei eingeschlafen, wundert mich. Schließlich habe ich mein kaum vorhandenes Zeitgefühl zwar verloren, bin mir allerdings sicher, dass ich wach war. Es wäre auch zu schön, wenn sich auf diese Weise und so einfach einschlafen ließe. Aber auch der Philosoph schien sich sicher. Und für einige Momente zweifle ich ernsthaft an meiner Wahrnehmung – schließlich fand ich auch eine Spinne zum Schreien komisch…

Platon:

Damit habe ich nicht gerechnet. Wir hatten schon einige Achtsamkeitsübungen gemacht, aber ohne Erfolg. Ganz im Gegenteil, Sophie hat so gut wie keine „Verbindung“ zum eigenen Körper. Wie sollen daher Achtsamkeitsübungen gelingen? Dieses Thema – also Entspannungstechniken bei Mensch aus dem Autismus-Spektrum-Bereich – ist in der Literatur kaum erwähnt. Hier ist aus meiner Sicht in Forschung und Praxis eine große Lücke. Hier ist großer Handlungsbedarf.

Eine weitere Frage ist, wie Bewußstsein und Unterbewußtsein miteinander verknüpft sind, wie beide Bereiche präsent bzw. nicht präsent sind. Ich habe den Eindruck, dass bei Sophie das Bewußte und Unbewußte anders zusammenspielen. Sie muss sich auf alles konzentrieren, zum Beispiel auf jede Körper-Bewegung beim Autofahren. Oder beim Zubinden der Schnürsenkel, bei der Steuerung des rechten und des linken Arms, beider Körperhälften. Prozesse laufen nicht intuitiv ab. Dadurch sind alle Handlungen letztlich sehr anstrengend und wenig multitaskingfähig. Daher vielleicht auch die große Müdigkeit. Und die großen Schlafprobleme.

Sophie:

Immerhin, eine Sache fällt mir auf: Mir scheint, als hätte jemand die Gedanken in meinem Kopf einfach ausgeknipst. Oder zumindest die dahinterstehende Eigendynamik. Im Laufe der Nacht schraubte sich mein Herzschlag wieder in die wohlbekannte Höhe, dennoch fühle ich mich einige Stunden regelrecht gelassen und ruhig. An die Situation beim Arzt verschwende ich keinen Gedanken mehr. An den Rest auch nicht. Das ist eine sehr willkommene Abwechslung – so, als hätte jemand in einem Raum, in dem mehrere Menschen durcheinander reden und immer lauter werden, für einige Zeit für Stille gesorgt. So sollte es eigentlich immer sein.

Platon:

Ob für Sophie Entspannungstechniken und hypnothische Verfahren sinnvoll sind, muss wohl schlichtweg ausprobiert werden. Interessant ist jedenfalls, dass sie auf ganz einfache und direkte Suggestionen, die offenbar nur oft genug wiederholt weren müssen, anspricht. Hier wünschte ich mir Forschungserbnisse und Berichte aus der Praxis. Erfahrungsberichte von Verfahren und Techniken, die vielleicht so manche pharmakologische Intervention ersparen könnten.

Kleine Mitteilung

Achtung, ab heute ändern wir noch einmal den Erscheinungsrhythmus unserer Beiträge. Zum einen wollen wir den Sommer herbeizwingen und euch Zeit geben, die Sonne und das schöne Wetter (ja, das kommt jetzt. Wirklich.) zu genießen (und außerdem nicht langweilig für euch werden), zum anderen arbeiten wir gerade intensiv am Buch zu diesem Blog mit vielen zusätzlichen Hintergrundinfos und brauchen dafür etwas Luft. Außerdem war der bisherige Erscheinungsrhythmus etwas „unrund“ und gerade am Wochenende knubbelten sich die Beiträge schon. Daher:

Ab heute erscheinen neue Beiträge jeden Mittwoch und jeden Samstag um 10 Uhr.

 
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Verfasst von - 25. Juni 2014 in Zwischen Gedanken

 

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Zwischen Gedanken – Nach der Re:Publica

Sophie:

Nichts geht mehr. Drei Tage bin ich außer Gefecht gesetzt. Bewege mich kaum, bleibe in der abgedunkelten Wohnung, schirme mich und meine Sinne ab. Selbst der PC wird mir teilweise zu grell. Gegen die Kopfschmerzen hilft kein Medikament, jedes Geräusch scheint sich direkt und schmerzhaft in meine Ohren zu bohren. Und mehr als sonst weiß ich, dass ich diesmal für diesen Zustand selbst verantwortlich bin. Ich wollte zu schnell zu viel. Das Bestreben, die Dinge so zu machen, wie andere sie machen – einfach mal so, weil man es möchte – hat dazu geführt, dass ich meine Grenzen schlicht ignoriert habe. Und die Quittung habe ich jetzt.

Platon:

Die Fahrt war gut und richtig. Für Sophie eine Tortur, für mich anstrengend. Aber für Sophie war es etwas ganz Besonderes. Sie wollte es. Einfach dabei sein. „Einfach“ ist allerdings nicht immer ganz so einfach, „dabei sein“ auch nicht. Aber wir waren da. Auch Sophie. Und es lag nicht nur an ihr, dass es nicht funktionierte. Wir waren ja schließlich als Team da, als DualesSein.

Während der Fahrt und auch sonst dachte ich schon oft, dass Autismus in Bezug auf die sozialen Leitsymptome nicht das zentrale Problem bei Sophie ist. Es sind in erster Linie die Sinne, der fehlende und so oft angeführte Reizfilter. Dagegen kann die Schwäche im Erkennen der nonverbalen Kommunikation, die angemessene Einordnung der sozialen Situationen in aller Regel zwischen Sophie und mir gut kompensiert werden. Es sind die Reizüberflutungen, der Overload, das Zuviel von Allem. Vielleicht wird in der gesamten Autismusdiskussion auf diese Differenzierung der sozialen und sensorischen Aspekte zu wenig eingegangen.

Sophie:

So ganz langsam sickert über all den Ärger über mich selbst eine Erkenntnis durch. Eine, die nicht gerade von Weisheit gekrönt ist, aber immerhin eine Erkenntnis. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, aufzuhören. Aufzuhören damit, die Dinge so zu machen, wie „andere“ sie machen. Aufzuhören, das zu wollen, was andere wollen und zu sein, wie andere sich das gerne wünschen. Vielleicht ist es an der Zeit, das Stopp-Signal zu setzen, den eigenen und vielleicht anderen Weg zu beschreiten – der aber genausogut zu einem Ziel führen kann. Zu meinem Ziel. Und zwar auf einem Weg, der sich nicht nach außen orientiert, sondern nach dem, was ich möchte und was mir gut tut. Vielleicht ist es an der Zeit, meinen durchaus zu gebrauchenden Sturkopf nicht gegen, sondern für mich einzusetzen.

Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, die Dinge nicht mehr zu erzwingen, weil „alle“ sie machen – sondern den eigenen, den Bedürfnissen und vor allem den Sinnen angepassten Gegebenheiten gerecht zu werden und erst dann zu schauen, was möglich ist. Und dann auch „Nein“ zu sagen – oder „nicht so“. Und vielleicht ist auch die Zeit, den Blick wegzurichten von dem, was andere selbstverständlich machen und können. Und darauf zu schauen, was ich mache, kann und vor allem will. Vollkommen unabhängig von der grauen Gruppe der Anderen. Die Zweifel und Unsicherheiten werden bleiben, sicher noch lange. Auch die Angst, nicht alleine sein zu wollen, sondern zu müssen. Und so einfach, wie ich mir das denke, wird es sicher auch nicht.

Aber vielleicht ist es wirklich an der Zeit.

Platon:

Auch ich hätte mir vermutlich Vorwürfe gemacht. Auch ich hätte noch all die Aussagen im Ohr, die Sophie viel zu oft während ihres Lebens hören musste: „Du bist zu sonderbar, du kannst es nicht, die schaffst das sowieso nicht.“ Wir waren da, es hat funktioniert, und wenn alles so einfach wäre, dann gäbe es auch nicht diesen Blog. Schon während der Rückfahrt planen wir unsere nächste gemeinsame Veranstaltung in einem etwas anderen Rahmen.

Wir haben viel gelacht während der Fahrt. Auch das darf nicht vergessen werden. Wir fühlten uns sicher im Auto, trotz der ganzen Umstände. Und schließlich noch die Episode mit der Nahrungszufuhr, also der Erweiterung der in Frage kommenden Lebensmittel: Milchkaffee und eine ganz ungesunde Schokokugel. Immerhin. Für mich einer der Highlights des Tages.

 
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Verfasst von - 24. Mai 2014 in Re:Publica, Zwischen Gedanken

 

Zwischen Gedanken – Nach der Autofahrt

Sophie:

Ich glaube, dem Philosophen ist ziemlich viel nicht bewusst. Er macht die Dinge, die er häufig erledigt, „einfach so“, nebenher. Anders kann ich mir nicht erklären, warum er in Teilen so gedankenlos bei der Fahrt war. Er fährt einfach drauflos, ohne sich wirklich Gedanken zu machen über das „Wie?“ Er weiß, wo er hin will und das reicht ihm. Wie er an sein Ziel gelangt, ist Nebensache – wenn überhaupt.

Mir war bislang nicht klar, dass Menschen Vorgänge so automatisieren können, dass ihnen meine Reaktion auf ihr Verhalten vollkommen abwegig erscheint. Ich fahre beispielsweise immer sehr bewusst mit meinem Wagen, schaue mir den Weg vorher an, fahre nach Möglichkeit mit einem Navigationsgerät. Während der Fahrt nimmt mein Kopf all die Informationen um mich auf und verarbeitet sie sehr bewusst. Ich sehe die Schilder, ordne sie ein, beobachte das Fahrverhalten der anderen Verkehrsteilnehmer und beginne eine Schätzung, inwiefern ihr Verhalten sicher ist oder ich doch besser Abstand halten muss. Ich sehe jeden Blitzer am Wegesrand, verharre bei irritierenden Verkehrsschildern und registriere die Kratzer an der Stoßstange meines Vordermanns. In bestimmten Situationen habe ich sogar heute noch – immerhin zehn Jahre nach meiner Fahrprüfung – fast den Eindruck, mein Fahrlehrer sitzt neben mir. Vielleicht merkt man die Gefahren nicht, wenn man nicht mehr bewusst fährt. Ich bin unschlüssig, ob das Fluch oder Segen ist.

Platon:

Ich habe den Eindruck, dass Sophie zwischen Angst und Unverständnis einerseits und Heiterkeit und Neugier andererseits hin und her schwankte. Ich empfand ihre knappen und durchaus angemessenen Kommentare während der Fahrt nicht als lästig. Ganz im Gegenteil. Ich bemühte mich dann, „“ordentlich“ zu fahren. Und Sophie  hat auch Recht, wenn sie sagt, dass man durch Raserei auch nicht signifikant schneller am Ziel ankommt. Ich mochte die Fahrt mit ihr. Vielleicht gelingt es mir ja durch Sophie und dieser insgesammt nicht alltäglichen Reflexion der eigenen Fahrweise wieder meiner ganzen Verantwortung als Verkehrsteilnehmer gerecht zu werden.

Sophie:

Ich hätte gerne gewusst, wie der Philosoph seine Wege findet. Er sagte mir, er fahre einfach drauflos. Würde ich das machen, dann würde ich höchstwahrscheinlich irgendwo in Buxtehude hinterm Kaninchenstall herauskommen. Neue Wege fahre ich nur mit Navi. Bekannte Wege merke ich mir mit Wegmarken. Bestimmte Punkte am Weg dienen mir zur Orientierung und zu den Punkten führt mich eine Art Geschichte. An dieser Geschichte hangel ich mich dann entlang, bis ich dort angekommen bin, wo ich hinmöchte. Gibt es keine eindeutige Wegmarke, arbeite ich mit „negativen Wegmarken“ – erblicke ich eine davon, dann weiß ich, dass ich eine Abzweigung verpasst habe und umkehren muss. Das System hat allerdings Nachteile: Ich finde nicht einmal zu meiner Wohnung, wenn ich 50 Meter entfernt, aber auf der „falschen“ Seite stehe. Bei Dunkelheit bekomme ich Schwierigkeiten, weil nicht alle Wegmarken erkennbar sind. In Großstädten ist zu viel zu schnell im Wandel und viel zu viele Reize drumherum, als dass ich mich auf die Wegmarken verlassen könnte. Und ganz hört es dann bei Schnee auf. Dann bin ich verloren, weil ein Großteil meiner Wegmarken schlicht nicht mehr zu sehen ist.

Da wäre es sicher praktischer, einfach „drauflos“ fahren zu können und anzukommen. Allerdings weiß ich nicht, ob der Preis der Gedankenlosigkeit dann nicht zu hoch ist…

Platon:

Ich denke jetzt auch, dass ich gerne einmal bei Sophie mitfahren würde. Ich weiss von ihr, dass sie sich während der Fahrt anders orientiert als ich, sich die Wege nicht allein visuell, sondern auch mit sprachlichen Hilfen einprägt. Sie sich während der Fahrt sogar am Leuchturm, der auch am Festland noch zu sehen ist, orientiert. Ich hoffe, dass sich diese Gelegenheit auch einmal ergeben wird.

Ich kann schlecht beurteilen, wie  Sophie sich insgesamt während der Fahrt gefühlt hat. Auf jeden Fall konnte es nicht so schlimm gewesen sein, denn die nächste Fahrt ist auch schon wieder geplant. Und die ist noch um ein vielfaches länger und komplizierter. Ich bin ja auch – so hoffe ich – lernfähig und kann mich dem akkuraten Fahrstil von Sophie soweit anpassen, dass es für uns beide in Ordnung ist. Im Übrigen ist mir auch durchaus bewußt gewesen, dass Sophie mir einen für ihre Verhältnisse großen Vertrauensvorschuss alleine dadurch gegeben hat, dass sie überhaupt erst eingestiegen ist.

 
 

Zwischen Gedanken – Nach dem Kochen

Sophie:

Nachdem der Philosoph gegangen ist, stehe ich etwas ratlos vor den beiden Töpfen. Schließlich mache ich das, was ich immer mache und fülle Wasser in den mit den Spinatresten. So trocknet erst mal nichts an. Aber ich glaube, ich bleibe weiterhin bei meiner Ein-Topf-Methode. Das Ergebnis ist das gleiche und es scheint mir effizienter zu sein.

Nach wenigen Stunden merke ich, dass etwas nicht stimmt. Ich kann nicht genau einordnen, was es ist und benutzte eine bewährte Taktik: Nach und nach werden einzelne Körperregionen durchgegangen und auf ihre korrekte Funktionalität überprüft. Findet sich hier nichts Auffälliges, widme ich mich äußeren Faktoren und schaue, ob irgendetwas ist, was unter Umständen eine Reaktion hervorrufen könnte. Allerdings ist in diesem Fall der Urheber relativ schnell gefunden – offenbar vertrage ich das Mittagessen nicht.

Platon:

Ob man das Ganze nun „kochen“ oder „zubereiten“nennen möchte, ist letztlich unerheblich. Für mich sind jedoch bei dieser ganzen Thematik zwei Faktoren von besonderem Interesse:
1. das Zubereiten der Nahrungsmittel von Sophie überhaupt einmal  miterleben zu dürfen.
2. Möglichkeiten zu finden, die tägliche Ernährung qualitativ zu bereichern.

Punkt eins ist uns wohl teilweise geglückt und war zwischenzeitlich sogar von Heiterkeit geprägt, aber auch von Irritationen. Mir ist aber auch klarer geworden, dass bestimmte Routinen von Sophie durchaus sinnvoll sind, auch wenn ich sie für unvorteilhaft halte. Sophie möchte etwas ändern, aber es muss ein Weg sein, den sie selbt einschlagen will und kann. Sophies Körpergewicht  nimmt von Woche zu Woche ab, da sollte schon irgendwann von ihr  gegengesteuert werden. Sophie hat offenbar weniger Empfindung für Hunger, Durst, Kälte, Wärme. Es geht ums Optimieren der bestehenden Ressourcen und Fähigkeiten. Es geht um ihre unendliche große permanente Müdigkeit, die sie überwinden möchte.

Sophie:

Die Nacht wird zur Tortur. Irgendwas scheint komplett aus dem Gleichgewicht geraten zu sein – wenn da denn mal eines war. Ich schlafe kaum und noch unruhiger als sonst. Der Philosoph vermutet, dass meine Probleme vom Öl kommen. Ich bin erst verwundert, denn solche Wirkungen hätte ich eher vermutet, wenn ich eine ganze Flasche davon getrunken hätte. Dass die paar Tropfen solch eine Wirkung haben, erstaunt mich. Wenn das der Preis für Varianz bei Lebensmitteln ist, weiß ich nicht, ob das mein Weg ist. Mir ist bewusst, dass die Einseitigkeit der Lebensmittel auf Dauer ungünstig wird – oder bereits ist. Wenn mein Körper sich aber dann auch noch gegen die Lebensmittel wehrt – und das sehr nachdrücklich – dann läuft irgendetwas schief.

Platon:

Punkt zwei ist leider zunächst gescheitert. Selbst winzigste Mengen vom Öl an den Nudeln haben offenbar sehr schnell zu erheblichen Verdauungsproblemen geführt. Andererseits zeigt dieser Versuch offenbar, wie einseitig die Verdauungsfunktionen von Sophie mittlerweile nur noch arbeiten. Fette können vermutlich nicht mehr richtig verarbeitet werden.

Ein wichtiger Faktor des allgemeinen Wohlbefindens ist unter anderem auch die Ernährung. Ich versuche, die richtige Balance zu finden zwischen „positiv motivieren und unterstützen“ und „nicht auf die Nerven gehen“. Denn Interventionen mit Öl, Käse und ähnlichen natürlichen Lebensmitteln sind aus meiner Sicht vorrangig und auch wesentlich harmloser als Versuche mit Medikamenten. Vor allem dann, wenn die aktuelle Nahrungsmittelzufuhr sehr einseitig ist.

 
 

Zwischen Gedanken – Nach dem Spaziergang

Sophie:

In Gedanken bin ich an der See. An dem Blick bis zum Horizont, wo kaum etwas ist, was störend ist. Selbst die Geräusche mochte ich – die Rufe der Möwen, das Rauschen des Windes. Ich liebe es, zu schauen, wie sehr sich das Windgeräusch und auch die herangetragenen Geräusche ändern, wenn man den Kopf dreht. So kenne ich das nur hier an der See.

Zum ersten Mal seit Wochen habe ich für einige Zeit das Gefühl, völlig ruhig zu sein. Gelassen. Der stete Wechsel von Ebbe und Flut ist verlässlich, vielleicht ist es das, was mir eine Art Sicherheit gibt? Die Nordsee wird auch morgen da sein und übermorgen. Ich kann sogar sagen, ob gerade Wasser da ist oder nicht – selbst dann, wenn ich nicht am Deich stehe.

Platon:

Ich hatte Sophie nach dem Spaziergang gefragt, ob ich zuviel geredet hätte. Sie hat dann auf nette Art gesagt, das es ihr schwerfällt, sich auf das Fotografieren und das Sprechen gleichzeitig zu konzentrieren. Und ich hatte eigentlich den Eindruck, sehr wenig gesprochen zu haben. Es scheint, dass es doch nötig ist, sich noch klarer vor Beginn solcher Aktionen abzustimmen.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass ihr die besondere Weite der Landschaft, der Horizont, die salzige Luft, der Wind und die vielen Tiere besonders gefallen haben. Sie wirkte teilweise wie abwesend. Allerdings nur in Bezug auf mich. Sie schien ganz einzutauchen in die sie umgebende Natur, in das Weltnaturerbe Wattenmeer. Ich denke, dass ich gerne einmal so wie sie wahrnehmen würde. Gerade jetzt denke ich das ganz besonders, nach diesem Gang am Meer. Weil ich zwar irgendwie dabei war, daneben stand, aber ihre Sinneseindrückke nicht mit ihr teilen konnte.

Sophie:

Ich habe gesehen, dass der Weg am Meer direkt neben einem Campingplatz ist. Jetzt um diese Jahreszeit ist da niemand. Aber das wird sich wahrscheinlich bald ändern. Ich zweifle, dass dieser Weg dann immer noch den gleichen Reiz hat. Zu viele Touristen trampeln dann dort entlang, hinterlassen Müll und Gestank und erfreuen sich an der Natur zwischen Plastiktüten und Kindergeschrei. Dann müsste ich warten, bis die Saison vorbei ist, um dort in einer ähnlichen Ruhe sein zu können wie bei diesem Spaziergang. Oder ich müsste einen anderen Ort finden, einen, den die Touristenscharen nur schwer ausfindig machen. Denn sonst wird die Ruhe dort zu einer hektischen Unruhe. Und das sollte nicht sein.

Manchmal glaube ich, dass das Meer das Einzige aus der Außenwelt ist, das die Innenwelt zu beruhigen vermag.

Platon:

Bei jedem Gang ist hier die Stimmung anders. Mal stürmisch, mal nebelig. Oder sonnig und  warm, oder kalt und verschneit. Mal sind die Zugvögel dominant, mal die heimischen Tiere. Mal viele Menschen, dann wieder Menschenleere. Flut oder Ebbe. Wellen oder spiegelglatt. Ganz unterschiedliche Geräusche, ganz andere Farben. Immmer wieder anders, immer eine neue Komposition. Auch mir gefiel der Gang.

Ob sie den Weg auch alleine gehen kann? Schwer ist es nicht. Dreimal links. Zurück über die  Deichkrone. Bin gespannt, ob sie es alleine probieren wird. Das würde ihr vermutlich gut tun, wenn sie regelmäßig hier geht. Vielleicht früh morgens, wenn die Sonne aufgeht, und nicht so viele störende Menschen unterwegs sind.

 

Zwischen Gedanken – Nach dem Einkauf

Sophie:

Ich stehe in meiner Wohnung, mit der Tiefkühlpackung und dem Wasser. Und starre in den Kühlschrank. Jetzt habe ich zwar meine Produkte, aber kein Tiefkühlfach. Der ganze Aufwand und es passt doch nicht. Irgendwo finde ich eine Schüssel, schütte die Sachen um – sonst schmecken sie nach Pappe. Aber die Schüssel im Kühlschrank ist nicht richtig. Der Einkauf war nicht richtig. Nicht mein Laden, nicht meine Produkte.

Früher hatte ich einen Laden, da habe ich alles bekommen. Hier muss ich in mindestens zwei Läden – ein Laden zuviel. Ich weiß nicht, ob das auf Dauer klappen kann.

Platon:

Wie soll es weitergehen? Ich bin unsicher. Mal wieder. Andererseits sind vielleicht Teile des grundsätzlichen Problems, also der Müdigkeit und der Konzentrationsprobleme, auf mangelnde Ernährung zurückzuführen. Und das sind lösbare Probleme. Sofort lösbare Probleme. Theoretisch.

Praktisch geht es nun darum, zunächst die tägliche Mindestversorgung sicherzustelllen. Das Gefrierfach muss funktionieren. Lösbar. Sophie muss deutlich regelmäßiger essen und trinken. Lösbar. Die eingeschränkte Produktpalette an Nahrungsmitteln sollte etwas erweitert werden. Lösbar, aber zugegebener Weise eine große Herausforderung.

Ich habe einen Plan, werde ihn mit ihr demnächst besprechen. Sie muss letztlich entscheiden, sie gibt die Geschwindigkeit an. Und natürlich die Richtung. Ich bin zuversichtlich. Ja, doch. Zuversichtlich.

Sophie:

Langsam geht mir auf, dass das so nicht funktioniert. Diese Blockade im Denken, das muss sich ändern. Zumindest soweit, dass ich in irgendeiner Form etwas einigermaßen „normal“ erledigen kann. Und sei es nur, auf Produkt B auszuweichen, wenn A nicht mehr da ist. Oder einen Ersatz-Laden zu haben, wenn der eigentliche zu voll ist.

Sobald ich daheim bin, klappt das in der Theorie ganz gut. Stehe ich vor Ort, scheitert all das an der Praxis. Dann geht mein Ersatzplan verloren, weil der ursprüngliche Plan nicht eingehalten werden konnte.

Wäre ich alleine gewesen, hätte ich nicht mal das Wasser gekauft. In einen zweiten Laden zu gehen – auf die Idee wäre ich wohl schlicht gar nicht gekommen. Nein, es ist eindeutig. Es muss sich was ändern. Und zwar bald.

Platon:

Es gibt bestimmte Zeiten in der Woche, die besser sind. Zum Beispiel Dienstags um 11 Uhr. Dann gehen kaum Menschen einkaufen. Das muss beobachtet werden. Sie kann für die ganze Woche einkaufen. Sie kann sich eine eigene, eine richtige Struktur aufbauen. Darum geht es. Es wird vermutlich einfacher, wenn sie sich selbst findet.

Ich suche noch eine geeignete Person, die dabei helfen kann. Da gibt es Möglichkeiten. Bis dahin werde ich das wohl übernehmen müssen. Zum Beispiel  kochen. Ich werde einmal mit Sophie kochen. Vielleicht einmal zur Abwechslung etwas Öl an die Nudeln. Hochwertiges Öl. Vielleicht auch einmal Kartoffeln statt Nudeln. Und weiterhin regelmäßig Äpfel. Sie muss letztlich entscheiden, sie gibt die Geschwindigkeit an. Und natürlich die Richtung. Ich bin zuversichtlich. Ja, doch. Immmer noch zuversichtlich.

Und dann, erst dann, wenn die Ernährung funktioniert, können alle weiteren Schrittte geplant werden. Sie muss entscheiden.

 
 

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Zwischen Gedanken – Nach dem Arztbesuch – Teil II

Sophie:

Insgeheim hatte ich ja doch die Hoffnung, dass das anders ablaufen kann, wenn jemand dabei ist, der die Situation von außen steuert. Ich komme mir nach solchen Momenten immer vor wie ein Idiot. Die Tatsache, dass der Philosoph da nicht gegensteuern konnte, zeigt mir aber zumindest, dass dieses Problem in der Kommunikation tatsächlich existiert. Das diese imaginäre Glasscheibe, die zwischen mir und dem Rest der Welt zu stehen scheint, kein reines Konstrukt ist. Denn manchmal glaube ich schon, dass ich einfach nur verrückt bin…

Platon:

Ich werde mit Sophie über diesen Besuch noch ausführlicher reden. Mich interessiert ihre  Wahrnehmung und ihre Meinung. Ich habe aber auch gesehen, wie schwer ihr offenbar  der Kontakt zur Außenwelt gelingt, wenn dort normaler Alltagswusel ist. Wie sehr sie als  Fremdkörper auf ihre Mitmenschen wirkt. Und wie sehr sie missverstanden wird.

Sophie:

Es sind noch Fragen geblieben, die ich ansprechen möchte. Dinge, die ich noch nicht ganz verstehe. Zum Beispiel, warum der Arzt mich für ängstlich gehalten hat. Was ihn wohl zu dem Trugschluss gebracht hat? Und ich muss klären, ob ich wirklich der Alien bin – oder der Arzt in Teilen auch nicht adäquat reagiert hat. Ich kann das nicht beurteilen, aber ich hoffe, dass der Philosoph es kann. Ich werde die Fragen beim nächsten Mal stellen. Heute kann ich das nicht mehr.

Platon:

Diese Probleme, wie sie jetzt aufgetreten sind, betreffen nicht nur Arztbesuche, sondern wohl alle öffentlichen Plätze, wie zum  Beispiel Kaufhäuser und Lebensmittelmärkte. Und sie werden wahrscheinlich auch Folgen haben. Auch darüber werde ich noch ausführlicher mit ihr reden. Wenn sie das möchte.

 
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Verfasst von - 8. März 2014 in Zwischen Gedanken

 

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Zwischen Gedanken – nach dem Arztbesuch – Teil I

Sophie:

Das war ein Reinfall. Und irgendwie klassisch. Ich kenne solche Situationen, die sich gerade bei Ärzten bis ins Groteske steigern können. Ich komme mit einer medizinischen Frage zu Sachverhalt A, gehe aber mit einem Rezept und vielen Weisheiten zu Sachverhalt B, der eigentlich nichts mit mir zu tun hat.  Es ist – ja, frustrierend trifft es wohl. Und ermüdend.

Ich merke, dass die Wartezimmer-Situation mich geschlaucht hat. Und das Arztgespräch nur verwirrend und ermüdend war. Der Druck im Hinterkopf, der das Denken träge macht, meldet sich verstärkt. Ich bin wieder an dem Punkt bin, an dem es mir eigentlich zuviel ist. Genau das sollte ja eigentlich nicht passieren. Vor allem nicht bei Dingen, die für andere Menschen offenbar simpel und alltäglich sind.

Platon:

Ich bin unzufrieden. Wir sind keinen Schritt weiter. Ich ärgere mich auch, dass das mit dem  Brief offenbar nicht geklappt hatte. Ich wollte den Arzt ja zuvor telefonisch erreichen. Das klappte aber nicht. Darum dann der Brief. Für die Zukunft ist es ratsamer, wenn ich vorab mit dem Arzt alleine spreche.

Sophie:

Ich frage mich – wie so häufig nach solchen Situationen – was ich eigentlich an mir habe, dass ich offenbar wie ein Alien wirke. Dass es mir nicht gelingt, in einem fünfminütigen Arztgespräch die Dinge klar an den Mann zu bringen und dabei so aufzutreten, dass nicht nur mein Befinden, sondern auch meine Zustandsbeschreibung darüber in Frage gestellt wird. Ich glaube, nach so vielen Jahren, in denen sich das immer und immer wiederholt, kann ich nur schwer behaupten, dass diese kommunikativen Katastrophen die „Schuld“ der anderen seien.

Platon:

Ich hatte gehofft, dass wir zu dritt über die Schlafstörungen von Sophie reden, eventuell  medikamentöse Optionen in Betracht ziehen. Damit ihre permanente Müdigkeit gelindert  wird.

Auch Aspekte einer möglichen Mangelernährung hätte ich gerne etwas ausführlicher  besprochen. Aber offenbar ist es mir nicht gelungen, mein Problembewusstsein zu vermitteln.

 
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Verfasst von - 6. März 2014 in Zwischen Gedanken

 

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Zwischen Gedanken – Nach der dritten Sitzung

Sophie:

Als ich den Philosophen verlasse, ist der Parkplatz frei. Es ärgert mich ungemein, dass mein Wagen auf dem falschen Platz steht. Die Räder der vorbeifahrenden Autos auf dem Kopfsteinpflaster erscheinen unglaublich laut, die Scheinwerferlichter greller als sonst. Ich versuche, es zu ignorieren.

Nach Hause fahre ich einen Umweg. Ich kenne die direkte Strecke nicht, nur die über meine Arbeit. Also fahre ich erst zu meiner Arbeit und von da aus nach Hause. Der Philosoph sagte mir, ich bräuchte nur zwanzig Minuten bis nach Hause. Auf dieser Strecke brauche ich vierzig. Immer wieder geblendet von den grellen Scheinwerfern.

Platon:

Ich habe mir vorgenommen, mein Interesse und meine Neugier weniger stark zum Ausdruck zu bringen. Ich werde meine Fragen deutlich reduzieren. Ich werde etwas passiver werden, um ihr Raum für eigene Aspekte und Themen zu ermöglichen. Ich möchte sie nicht mit meinen Fragen erdrücken. Darum hatte ich ihr am Ende des Gesprächs noch gesagt, dass ich unsicher sei mit meinen vielen Anfragen und nun ihr die Initiative überlassen werde. Ich bin gespannt, wie sie darauf reagiert.

Auch die dritte Sitzung hat bei mir wieder mehr Fragen als Antworten generiert. Und wieder bin ich mit mir nicht ganz zufrieden. Einerseits. Ich habe aber ­ ohne es begründen zu können – andererseits den Eindruck, dass ich ihrem Sein, ihrer Art zu denken näher gekommen bin, als sie üblicherweise im Alltag erfährt. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum sie meine vielen Unzulänglichkeiten toleriert.

Sophie:

Ich bin unsicher, wie ich es einordnen kann, dass er angekündigt hat, vorerst nicht zu schreiben. War es nur eine einfache Ankündigung? Oder bahnt sich da gerade wieder ein Problem an, weil im Sub-Text noch irgendeine andere Aussage verborgen ist? Habe ich wieder irgendetwas falsch gemacht, ohne es zu merken?

Die Lichter am Straßenrand lenken mich ab. Dazu selbst die kleinen, mir vertrauten Geräusche im Wagen, die sich anfühlen, die falsch klingen, zu laut sind. Ich muss in die Wohnung. Irgendwohin, wo es ruhig ist und dunkel. Die Konzentration strengt an, so dass ich bereits den Faden zur Sitzung verliere.

Platon:

Ich mache mir Gedanken, wie es weitergehen kann. Ich versuche, die Dinge zu sortieren, zu gewichten. Der Arztbesuch erscheint mir wichtig, daran möchte ich festhalten. Die Sicherung des Arbeitsplatzes ist ein weiteres großes Thema. Wobei ich mir immer noch nur sehr schwer vorstellen kann, wie es mit ihr überhaupt funktioniert am Arbeitsplatz. Die vielen Termine, Planänderungen, Unwägbarkeiten, nötige Flexibilität, Gelassenheit. Viele Menschen, Machtspielchen, Klatsch und Tratsch. Das volle Programm.

Ich frage mich, wie sie überhaupt auf die Idee gekommen ist, sich so weit fern von Familie und  Bekannten und auf sich gestellt sich dem Job und dem rauen Leben zu stellen.

Vielleicht beurteile ich aber die Situation auch falsch. Ich bin unsicher. Schon wieder unsicher.

Sophie:

Ich gehe im Dunkeln zur Wohnungstür. Habe die nächsten Schritte klar vor Augen und alles mich sonst umgebende ausgeblendet, habe nur noch eine Art Tunnelblick. Schlüssel und Schloss. Mehr existiert nicht. Die Sitzung – vergessen.

Der Schlüssel hakt, verhakt. Ich probiere es wieder, weiß nicht, wie viel Zeit vergeht. Es können nur Sekunden sein, aber es reicht, dass ich in einen Zustand zwischen Stress und Panik gerate und den Schlüssel am liebsten wegwerfen würde. Unangemessen, ich weiß. Das rede ich mir ein. Damit ich den Schlüssel nicht wirklich wegwerfe. Endlich öffnet sich die Haustür und ich betrete die Wohnung. Wohl fühle ich mich trotzdem nicht. Ich lasse das Licht aus, hoffe, dass die Dunkelheit und die Stille dazu beitragen, dass sich die überreizten Sinne regenieren. Dass der Druck im Kopf nachlässt.

Platon:

 Wie kann es weitergehen? Kann es weitergehen?

Ich werde die Dinge, die ich für wichtig erachte, in einem Plan zusammenfassen. Das wird sie mögen. Hoffe ich. Und ich habe den Eindruck, dass sie noch nicht so viele positive Erfahrungen im Rahmen von persönlichen, unmittelbaren Begegnungen gesammelt hat. Oder noch allgemeiner gesagt, dass sie bisher im Aufbau und der Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten überwiegend Schiffbruch erlitten hat. Das möchte ich ändern. Ich möchte ihr vermitteln, dass Kommunikation möglich ist, ohne Angst vor Unangemessenheit, vor Häme, vor Spott und Gelächter. Ohne diese permanente Unsicherheit.

Ich überlege, was sie wirklich braucht. Sicherheit. Ruhe. Struktur. Einen Rückzugsort, der ihr dieses gibt. Orientierung. Verständnis. Wertschätzung. Menschen, die ihr dieses geben. Herausforderung, Begeisterung, Erfolg. Aufgaben, die ihr dieses geben.

 
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Verfasst von - 6. Februar 2014 in Alltägliches, Zwischen Gedanken

 

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