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Archiv der Kategorie: Re:Publica

Zwischen Gedanken – Nach der Re:Publica

Sophie:

Nichts geht mehr. Drei Tage bin ich außer Gefecht gesetzt. Bewege mich kaum, bleibe in der abgedunkelten Wohnung, schirme mich und meine Sinne ab. Selbst der PC wird mir teilweise zu grell. Gegen die Kopfschmerzen hilft kein Medikament, jedes Geräusch scheint sich direkt und schmerzhaft in meine Ohren zu bohren. Und mehr als sonst weiß ich, dass ich diesmal für diesen Zustand selbst verantwortlich bin. Ich wollte zu schnell zu viel. Das Bestreben, die Dinge so zu machen, wie andere sie machen – einfach mal so, weil man es möchte – hat dazu geführt, dass ich meine Grenzen schlicht ignoriert habe. Und die Quittung habe ich jetzt.

Platon:

Die Fahrt war gut und richtig. Für Sophie eine Tortur, für mich anstrengend. Aber für Sophie war es etwas ganz Besonderes. Sie wollte es. Einfach dabei sein. „Einfach“ ist allerdings nicht immer ganz so einfach, „dabei sein“ auch nicht. Aber wir waren da. Auch Sophie. Und es lag nicht nur an ihr, dass es nicht funktionierte. Wir waren ja schließlich als Team da, als DualesSein.

Während der Fahrt und auch sonst dachte ich schon oft, dass Autismus in Bezug auf die sozialen Leitsymptome nicht das zentrale Problem bei Sophie ist. Es sind in erster Linie die Sinne, der fehlende und so oft angeführte Reizfilter. Dagegen kann die Schwäche im Erkennen der nonverbalen Kommunikation, die angemessene Einordnung der sozialen Situationen in aller Regel zwischen Sophie und mir gut kompensiert werden. Es sind die Reizüberflutungen, der Overload, das Zuviel von Allem. Vielleicht wird in der gesamten Autismusdiskussion auf diese Differenzierung der sozialen und sensorischen Aspekte zu wenig eingegangen.

Sophie:

So ganz langsam sickert über all den Ärger über mich selbst eine Erkenntnis durch. Eine, die nicht gerade von Weisheit gekrönt ist, aber immerhin eine Erkenntnis. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, aufzuhören. Aufzuhören damit, die Dinge so zu machen, wie „andere“ sie machen. Aufzuhören, das zu wollen, was andere wollen und zu sein, wie andere sich das gerne wünschen. Vielleicht ist es an der Zeit, das Stopp-Signal zu setzen, den eigenen und vielleicht anderen Weg zu beschreiten – der aber genausogut zu einem Ziel führen kann. Zu meinem Ziel. Und zwar auf einem Weg, der sich nicht nach außen orientiert, sondern nach dem, was ich möchte und was mir gut tut. Vielleicht ist es an der Zeit, meinen durchaus zu gebrauchenden Sturkopf nicht gegen, sondern für mich einzusetzen.

Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, die Dinge nicht mehr zu erzwingen, weil „alle“ sie machen – sondern den eigenen, den Bedürfnissen und vor allem den Sinnen angepassten Gegebenheiten gerecht zu werden und erst dann zu schauen, was möglich ist. Und dann auch „Nein“ zu sagen – oder „nicht so“. Und vielleicht ist auch die Zeit, den Blick wegzurichten von dem, was andere selbstverständlich machen und können. Und darauf zu schauen, was ich mache, kann und vor allem will. Vollkommen unabhängig von der grauen Gruppe der Anderen. Die Zweifel und Unsicherheiten werden bleiben, sicher noch lange. Auch die Angst, nicht alleine sein zu wollen, sondern zu müssen. Und so einfach, wie ich mir das denke, wird es sicher auch nicht.

Aber vielleicht ist es wirklich an der Zeit.

Platon:

Auch ich hätte mir vermutlich Vorwürfe gemacht. Auch ich hätte noch all die Aussagen im Ohr, die Sophie viel zu oft während ihres Lebens hören musste: „Du bist zu sonderbar, du kannst es nicht, die schaffst das sowieso nicht.“ Wir waren da, es hat funktioniert, und wenn alles so einfach wäre, dann gäbe es auch nicht diesen Blog. Schon während der Rückfahrt planen wir unsere nächste gemeinsame Veranstaltung in einem etwas anderen Rahmen.

Wir haben viel gelacht während der Fahrt. Auch das darf nicht vergessen werden. Wir fühlten uns sicher im Auto, trotz der ganzen Umstände. Und schließlich noch die Episode mit der Nahrungszufuhr, also der Erweiterung der in Frage kommenden Lebensmittel: Milchkaffee und eine ganz ungesunde Schokokugel. Immerhin. Für mich einer der Highlights des Tages.

 
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Verfasst von - 24. Mai 2014 in Re:Publica, Zwischen Gedanken

 

Die Re:Publica – Teil VI

Platon:

Wir sitzen im Auto und gleiten raus aus der Stadt. Wir fahren nach Navi, aber die erste Autobahn scheint endlos weit weg zu sein. Wieder quer durch die Stadt, vollgestopfte Kreuzungen, Gehupe, gestresste Autofahrer. Wuseliger Verkehr. Dann bei der ersten Auffahrt verfahren wir uns. Eine kleine Extraschleife, und wir sind wieder auf der richtigen Spur. Mit jedem Kilometer, den wir uns von Berlin entfernen, scheint Sophie weniger angespannt  zu sein. Obwohl noch ihre letzte Etappe der Heimreise, die Zugfahrt, sie zu belasten scheint.

Wir reden über den Tag, über Einzelheiten des Messebesuchs, und über ganz andere Themen. Ich hole aus meinem Beutel das gespülte Senfglas mit dem Spinat. Ich stelle das Glas vorne auf das Amaturenbrett, direkt in die Sonne. Dadurch soll der Spinat etwas wärmer werden. Sophie schaut ungläubig (mittlerweile bilde ich mir ein, das erkennen zu können). Ob das mein Ernst wäre, fragt sie. Ich antworte: Ja. Und sie könne das ruhig auch im Blog erwähnen. Sie muss lachen. Nach einer Weile gebe ich ihr das Glas und einen extra eingepackten kleinen Löffel. Etwas unschlüssig schaut sie auf das Glas, dann öffnet sie den Deckel und riecht daran. Sie verzieht kaum merklich das Gesicht. Es riecht wohl etwas komisch. Ich nehme ihr das Glas ab, lenke kurzfristig mit dem linken Knie und streue mit dem Salzstreuer eine Ladung Salz in das Glas. Dann reiche ich es ihr zurück: Bitte schön! Sie riecht erneut daran, scheint jetzt zufrieden zu sein und isst das Glas dann leer. Wir beide müssen lachen.

Sophie:

Eines muss ich dem Philosophen lassen: Es gelingt ihm, der Situation bei all dem Chaos eine gewisse Struktur zu geben, an der ich mich orientieren kann. Auch wenn die ganze Fahrt aus meiner Sicht kolossal schief gelaufen ist. Ich weiß, dass dieses komplette Zuviel an Eindrücken auch ganz anders und bei Weitem nicht so glimpflich hätte ausgehen können. Dennoch kämpfe ich gegen eine unendliche Müdigkeit, komme mir vor wie nach einem Marathon.

Als der Philosoph während eines Staus das Glas mit dem vormals gefrorenen Spinat hinter die Frontscheibe in die Sonne stellt, bin ich erst irritiert. Dadurch möchte er den Spinat erwärmen. Das ist… skurril. Sehr skurril. Nein, eigentlich ist das ziemlich verrückt. Ich mag verrückte Sachen.

Platon:

Ich blicke immer wieder auf die Uhr. Noch bin ich guter Dinge, dass wir rechtzeitig den frühen Zug für Sophie bekommen. Ich fahre etwas schneller, allerdings kommen immer wieder kleine Staus. Ich frage eher aus Höflichkeit, ob sie einen Kaffe mittrinken würde. Zur Not ginge auch ein Kaffee einer bestimmten Restaurant-Kette. Oh, denke ich, dass muss ich jetzt ausnutzen. Mit Sophie einen Kaffee in der Öffentlichkeit zu  trinken schien mir eigentlich bisher unvorstellbar. Bei der nächsten Gelegenheit steuere ich einen Parkplatz an und wir gehen rein. Ich nehme einen großen, sie immerhin einen mittleren Latte Macchiato. Wir sitzen tasächlich in solch einer Bude und schlürfen Kaffee. Dazu wird eine kleine Schokokugel angeboten. Nur der Form halber frage ich, ob sie ihre essen möchte, weil ich eigentlich gerne beide essen würde. Aber sie sagt, dass sie die Kugel wohl probieren würde. Sie macht es und findet das Essen der Kugel witzig. Ich sage mir, auf dieser Welle müssen wir weiter surfen, daher biete ich ihr auf dem Rastplatz eines meiner mitgebrachten gekochten Eier an. Sie isst eins davon. Wieder mit Salz.

Sophie:

Wir halten an einem Rastplatz. Ich entschließe mich, mit einem Kaffee wenigstens zu versuchen, diese Müdigkeit zu vertreiben. Es ist schon lange her, dass ich einen solchen Kaffee hatte, in Ostfriesland gibt es keine Cafés in der Art. Zum Kaffee gibt es eine seltsame Haselnuss-Creme-Kugel, normalerweise würde ich sie liegen lassen. Als der Philosoph über das Gepiepe und Gezische des Cafés hinweg fragt, ob ich sie essen würde, gehe ich kurz den potentiellen Verlauf des Gesprächs durch. Sage ich nein, fragt er nach, ob ich es wirklich nicht möchte. Dann würde ich wieder versuchen, etwas zu erklären – und selbst dazu bin ich gerade zu müde. Außerdem traue ich mich nicht, nach dem Desaster auf der Re:Publica für heute noch zu irgendetwas nein zu sagen. Wenn der Philosoph mich bitten würde, auf dem Standstreifen der Autobahn nach Ostfriesland zu joggen, würde ich wahrscheinlich auch das machen – nur, um den Eindruck zu bekommen, wenigstens etwas für heute hinbekommen zu haben. Also sage ich ja.

Ich möchte nach Hause. In meine ruhige Wohnung, die Welt ausschließen, endlich Ruhe haben, diesen konstanten Druck im Kopf wegbekommen. Der Weg nach Hause scheint mir immer noch unendlich. Und fast unüberwindbar.

Platon:

Wir fahren weiter, doch es kommen immer mehr kleine Staus, wir geraten immer mehr in Verzug. Ich bin erstaunt, wie gelassen Sophie damit scheinbar umgeht. Ich verzichte allerdings, da jetzt näher nachzufragen. Am Ende fehlen uns knappe zehn Minuten. Ganz heftiger Platzregen kam auch noch dazu, wir konnten zum Schluß nur noch sehr langsam fahren. Sophie nimmt es offenbar gelassen. Ich habe fast den Eindruck, dass ich mich mehr darüber aufrege als sie. Jetzt fährt sie eine Stunde später. Am Bahnhof ziehen wir die Karte, ich begleite sie bis zum Gleis. Ein Doppeldeckerzug fährt ein. Ich frage sie, ob sie gerne oben sitzt. Ja, sagt sie, sehr gerne. Tschüß.

Tschüß.

Sophie:

Wir erreichen den Bahnhof zu spät. Im Laufe des Nachmittags hatte ich zunehmend den Eindruck, dass mich immer weniger Dinge erreichen. Sie passieren einfach, aber sie passieren nicht mir. Ich bin Beobachter eines fremden Geschehens geworden. Als hätte sich etwas in mir einfach abgeschaltet. Der Zug eine Stunde später fährt mit ohrenbetäubendem Lärm ein, es fühlt sich an, als würde der Schall auf den blanken Nerv treffen. Zu laut. Viel zu laut.

Der Zug ruckelt in nördlicher Gegend durch das Land, Stunde um Stunde durch die Dunkelheit. Es scheint kein Ende nehmen zu wollen. Es sind kaum Menschen in dem Abteil, außer den Fahrgeräuschen ist wenig zu hören. Mit jedem Kilometer mehr nimmt die Müdigkeit zu, obwohl ich gedacht hätte, dass das nicht mehr möglich ist. Bis ich schließlich überrascht feststelle, dass mir die Tränen kommen. Spätestens jetzt weiß ich, dass ich meine Grenzen für den heutigen Tag bei Weitem überschritten habe. Und wahrscheinlich Tage brauchen werde, um wieder einigermaßen „alltagstauglich“ zu sein.

Um kurz nach Mitternacht erreiche ich meine Wohnung, habe das Gefühl, kaum noch den Weg zu finden. Öffne die Tür, räume die Tasche an ihren Platz, setze mich in der Dusche einfach auf den Boden und lasse das heiße Wasser laufen. Und bleibe sitzen.

 
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Verfasst von - 21. Mai 2014 in Re:Publica

 

Die Re:Publica – Teil V

Platon:

Wir gehen dann doch noch rein. Melden uns vorne an. Ich erkläre dem Moderator, dass es schwierig werden wird, dass Sophie große Probleme hat. Er klopft ihr unvermittelt auf die Schulter, ich reagiere zu spät. Und ich denke gleichzeitig, dass es das wohl war. ich versuche zu Sophie zu sprechen, merke aber auch fast körperlich, wie schwerfällig und scheinbar unverständlich meine Worte zu ihr gelangen. Wir fragen, was gemacht werden soll. Sie entscheidet, sonst keiner. Ein Bekannter von Sophie steht plötzlich neben uns. Er greift helfend ein. Kümmert sich um Sophie.

Sophie:

Wieder rein. Der Philosoph meinte, es sei ruhiger, aber dem ist nicht so. Ich stehe in einer Ecke und warte. Höre den stetig schriller werdenden Klangbrei in meinen Ohren, bemerke aber keinen Sinn mehr. Ob der Philosoph in der Nähe ist oder nicht, weiß ich nicht. Durch die Masse an Eindrücken dringt wie ein Stromschlag eine Berührung. Ich weiche zurück, hoffe auf eine Wand in meinem Rücken. Aber hinter mir ist keine Wand, sondern eine Tür, die sich unvermittelt öffnet. Plötzlich ist ein Bekannter da, ich nehme ihn zur Kenntnis, versuche, meine Konzentration auf ihn zu richten. Ich ärgere mich über mich selbst, versuche irgendwie, das Gewusel auszublenden, aber der Druck im Kopf macht es zunehmend unmöglich. Fast gleichzeitig passieren weitere Dinge, ich habe keinen Überblick mehr. Möchte hier raus. Raus aus den Menschen, aus der Wärme, aus dem Geruch, aus den Geräuschen. Und habe das offenbar gesagt – sicher bin ich mir nicht – denn es passiert was.

Platon:

Sie kann nicht mehr und sie sagt es auch. Sophie wird mit dem Bekannten einen sicheren Ort aufsuchen. Sie verlässt den Raum. Ich habe den Eindruck, dass sie in guten Händen ist, dass das jetzt die beste Lösung ist. Mir wird das Mikrofon gereicht, knapp hundert Augenpaare schauen mich an. Ich erzähle. Meinen Part. Ich kenne auch Sophies Part durch unsere kleinen Übungseinheiten, ich fühle mich sicher und kann all das berichten, was wir uns vorgenommen hatten. Dann die Fragen des Publikums. Wir bekommen positive Rückmeldungen. Ich bin tief berührt. Antworte, so gut es geht. Mit Sophie wäre es noch besser, noch richtiger gewesen. Die nachfolgenden Referenten stehen neben mir, gratulieren mir. Übernehmen das Mikrofon.

Sophie:

Ich hefte mich an die grüne Tasche meines Bekannten und folge ihr durch die Massen. Noch einmal durch die Halle mit den Bannern, vorbei an Theken, Bühnen, Menschen durch ein unstetes doppeltes Klangecho. Immer weiter raus, ich weiß nicht, wohin. Ich hätte den Autoschlüssel mitnehmen sollen. Irgendwann sind wir auf der Straße, vom Gelände unten. Es ist nicht ruhig und zu hell, aber kein Vergleich zu dem Zustand im Messegelände. Ich wäre lieber im Auto, im Halbdunkel auf der Rückbank, in der relativen Stille. Und noch lieber zu Hause in der Sicherheit meiner eigenen Wohnung.

Durch den dumpfen Kopfschmerz macht sich Ärger breit. Ärger über mich. Die eigene Unzulänglichkeit. Ärger darüber, dass ich offenbar an einfachsten Dingen scheitere. Vielleicht nicht genug versucht habe? Doch noch einige Minuten hätte warten sollen? Ich überlege den Bruchteil einer Sekunde, ob ich zurück soll, es erzwingen soll. Und weiß gleichzeitig, dass ich es damit noch schlimmer machen würde. Das Rauschen in meinen Ohren lässt nur langsam nach, ich habe Schwierigkeiten, mich auf den Bekannten zu fokussieren. Mit den Fingern drehe ich den Fleece meiner Jacke in der Tasche, immer und immer wieder. Gleichförmige Bewegung und der weiche Stoff sind angenehm. Wieder denke ich an das Auto, ärgere mich, dass ich keinen Schlüssel habe – und das Auto wahrscheinlich auch nicht finden würde.

Platon:

Ich verlasse den Saal. Suche Sophie. Finde sie aber nicht. Gehe zum Auto, auch dort ist sie nicht. Gehe zurück und werde unruhig. Irgendwann komme ich auf die Idee, auf mein Handy zu schauen. „Stehe am Tor auf der anderen Straßenseite“. Dort finde ich sie auch. Erleichtert stelle ich fest, dass sie sich gefangen hat, ihr Befinden sich stabilisiert hat. Wir verabschieden uns von ihrem Bekannten. Wir laufen zurück zum Parkhaus. Zum Auto. Mit jedem Schritt wird unser Kontakt wieder besser. Das Auto sei ein sicherer Ort für sie. Wie von einem Magneten werden wir von dem Fahrzeug angezogen. Sophie denkt sogar an die Parkkarte, die ich erst noch an der Kasse einlöse. Wir fahren los. Sophie schaltet ihr Tablet ein. Zeigt mir die ersten Twitter-Meldungen. Ich hätte das wohl ganz ordentlich gemacht. Sie selbst ärgere sich über sich selbst. Maßlos. Und ich denke, dass ich ihr vielleicht hätte besser helfen können. Ich denke aber auch, dass wir beide das gut gemacht haben. Dass es richtig war. Das sage ich ihr auch.

Sophie:

Der Philosoph ist da. Die Zeit erschien mir endlos. Erneut nehme ich seine Füße in den Blick, der Weg zum Parkhaus ist ruhiger als es der Hinweg war. Der Tasche meines Bekannten war es einfacher, zu folgen. Und ich wäre tatsächlich in die falsche Richtung gelaufen. Das Überqueren der Straße bei Verkehr überfordert mich, ich kann die anderen Wagen kaum sehen, geschweige denn ihre Geschwindigkeit einschätzen. Ich möchte ins Auto. Der Philosoph erzählt, aber ich bekomme nur die Hälfte mit, wenn überhaupt. Im Wagen angekommen, schlägt die Müdigkeit komplett zu. Erst jetzt merke ich das Zittern meiner Beine. Die Rückenlehne drückt an meine Schultern, unnachgiebig, Sicherheit bietend. Um zu verhindern, dass ich einschlafe, greife ich zum Tablet. Doch selbst die vertrauten Griffe auf dem Gerät fallen mir schwer. Ich merke, dass ich lange brauche, um die Programme zu finden, teilweise direkt vergesse, was ich gerade machen wollte oder ich weiß, dass ich in ein Programm möchte, aber nicht mehr weiß, wo und wie ich es finde. „Selbst einfache Dinge kriegst du nicht mehr hin“, denke ich mir und komme mir dumm vor.

Das Navi sucht nur langsam einen Weg aus Berlin. Ich lasse den Blick im Fußraum, nicht noch mehr Großstadt-Gewusel. Mein Ärger wird stetig größer. Und auch die Müdigkeit. Ich komme mir vor wie nach einem Marathon, würde mich am liebsten an Ort und Stelle in die Stille des Schlafes retten. Aber ich weiß auch, dass der Tag immer noch nicht vorbei ist. Und ich noch lange nicht zu Hause bin.

 
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Verfasst von - 18. Mai 2014 in Re:Publica

 

Die Re:Publica – Teil III

Platon:

Irgendwie ist es eine skurile Situation. Da sitzen wir beide im Auto und sind vermutlich jeweils äußerst gespannt und interessiert, wie sich nun der andere den Rest des Tages verhalten wird. Und was sonst noch so alles auf uns zukommt. Auf meiner Seite ist es eher eine freudige Spannung, bei Sophie bin ich unsicher. Sie wirkt allerdings auf mich zuversichtlich und selbstbewußt. Ich hatte sie schon ganz anders erlebt.

Ich frage Sophie, ob ich mein Butterbrot auspacken dürfe, ob es sie nicht stört, wenn ich esse. Es ist Ordnung. Ich biete ihr auch ein Brot an, sie lehnt dankend ab. Heute mal nicht. Wir lachen. Wir fangen an zu erzählen, ich wieder zu fragen. Vielleicht zu viel. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass es Sophie stört. Im Gegenteil, ich finde, wir besprechen interessante Themen. Ich bitte sie zwischendurch, das Navi zu programmieren.

Sophie:

Die Autobahnen sind frei. Darüber bin ich ganz froh. Ich mag das gleichmäßige, stete, für andere oft eintönige Fahren auf der Autobahn. Der Philosoph stellt viele Fragen. Das ist in Ordnung, es stört mich nicht. Ich denke zwischenzeitlich, dass er wirklich aus Interesse fragt und nicht nur aus Höflichkeit.

Irgendwann greift er nach hinten und kramt in Alufolie eingewickeltes Brot heraus. Er fragt mich um Erlaubnis, ob er essen dürfe, was ich seltsam finde. Es ist sein Auto und ich bin sicher in keiner Position, irgendetwas zu verbieten. Das Knistern der Folie ist laut, der Geruch des Brotes zieht durch den Wagen. Die Kilometer Richtung Berlin schrumpfen zusehends.

Platon:

Wir fahren und fahren und fahren, und die Zeit wird nicht lang. Irgendwann mache ich eine Pause an einer Raststätte. Wir gehen auf die Toilette. Ich bin wohl eher fertig, gehe zum Wagen, kehre aber irgendwann zurück. Ja, wie bereits vermutet, Sophie wartet noch am Eingang der Toiletten auf mich, dort hatten wir uns zuletzt gesehen. Ich spreche sie an, sie erkennt mich, und wir gehen dann zusammen zum Auto.

Wieder auf der Autobahn frage ich, ob Sophie den Warp-Antrieb höre. Sie lauscht, sagt dann aber, dass das nicht der Warp-Antrieb wäre, sondern dass es es sich dabei um Fahrgeräusche handele. Ich sage, nein, das wäre der Warp-Antrieb. Wir haben das dann nicht weiter ausdiskutiert. Etwas später durchfahren wir eine Baustelle, ich fahre natürlich viel zu schnell hinein. Ein Arbeiter spritzt mit einem Hochdruckreiniger irgendwelchen klebrigen Dreck von der Fahrbahn. Wir fahren durch die Dreckwolke, das bisher schöne saubere Auto sieht jetzt aus wie nach einer längeren Ralley-Tour. Sophie lacht daraüber.

Sophie:

Mehr als einmal fährt der Philosoph wieder zu schnell. Ich gebe ihm heute zehn Stundenkilometer „Toleranz“, bevor ich mich melde. Gerade bei den Baustellen neigt er dazu, die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu „übersehen“. Auf den ersten Schildern taucht „Berlin“ auf. Die Kilometer werden zusehends weniger. Die Autobahn ist zwischendurch fast verlassen, irgendwann passieren wir die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. In solchen Momenten würde ich gerne eine Zeitreise machen, einige Jahre zurückreisen und das sehen, was nur als Daten in meinem Kopf gespeichert ist.

Der Philosoph scheint gut gelaunt. Er macht viele Witze und hat einen kleinen Tick, den ich auch von mir kenne: Alle paar Kilometer betätigt er die Scheibenwischanlage. Ich weiß gar nicht, ob ihm das überhaupt bewusst ist. In einer Baustelle wird die Straße gereinigt, der graubraune Sprühnebel legt sich aufs Auto und die Frontscheibe. Der Philosoph schimpft neben mir, weil er das Auto erst geputzt hat und es nun schmutzig ist. Ich merke mir die Situation und beschließe, im Laufe des Tages noch einen Witz darüber zu machen: Bei nächster Gelegenheit werde ich ihn darauf hinweisen, dass er sein Auto ruhig mal hätte putzen können.

Berlin ist nicht mehr weit. Mit den Augen suche ich die Horizontlinie ab, ob etwas von der Stadt bereits zu erahnen ist. Aber Berlin tut mir den Gefallen nicht – die Stadt taucht relativ unvermittelt auf, man kann sich nicht darauf vorbereiten, man ist plötzlich einfach da.

Platon:

In Berlin finden wir schnell die im Navi eingegeben Adresse. Leider im falschen Stadtteil. Wir können es beide kaum fassen. Bis wir den Fehler merken, sind wir einige Male durch die Wohngebiete gekreist. Das neue – und jetzt richtige – Ziel in Kreuzberg ist 18 Kilometer entfernt. Quer durch die Stadt. Sophie fragt, ob ich hier leben könnte. Wir fahren an Plattenbauten vorbei. Ich antworte mit ja, aber es käme darauf an. Ich muss mich aber auf den wuseligen Verkehr konzentrieren. Ich sehe für eine Sekunde das Hotel Adlon und das Brandenburger Tor. Mittendrin versagt mein linker Blinker. Das ist beim Spurenwechsel sehr unangenehm und hinderlich. Der rechte geht noch. Ich merke, wie Sophie zusehends nervöser wird. Die Stadt, ein wahr gewordenes Ungeheuer, ein Moloch. Ich mag die Stadt, Sophie offensichtlich nicht.

Sophie:

Irgendwas stimmt hier nicht. Wir fahren durch Plattenbauten durch, die Straße stimmt, die Hausnummer auch. Aber nach einer Messe sieht hier mal so gar nichts aus. Der Philosoph lenkt seinen Wagen sicher durch den Verkehr, ich wäre schon wahnsinnig geworden. Allein die Straßenbahn macht mich nervös, ich traue diesen Dingern auf Schienen nicht. Und den anderen Verkehrsteilnehmern noch weniger. Wie sich herausstellt, gibt es die Straße in Berlin zweimal. Ganz toll. Verdammte Stadt. Und dann kommt der GAU – statt am Stadtrand zu bleiben, müssen wir mitten durch Berlin durch. Von Marzahn nach Kreuzberg.

Der Philosoph fragt mich, ob ich eine Cindy aus Marzahn kenne. Ich antworte, dass ich niemanden kenne, der in Berlin lebt und denke mir, dass ich auch alleine mit dem Vornamen wenig anfangen könnte. In Berlin gibt es sicher tausende Menschen mit Namen Cindy. Offenbar habe ich irgendwas komisches gesagt, denn der Philosoph lacht. Mir ist das Lachen eigentlich vergangen. Vorbei an Hochhäusern mit Wohnungen, die aussehen wie gestapelte Rattenkäfige, fahren wir durch dieses Monster von Stadt. Der Philosoph hat das Fenster offen, der Straßenlärm ist ohrenbetäubend. Die Stadt stinkt. Der Verkehr ist ein einziges Chaos, überall sind Menschen, Reklameschilder, bunte Schaufenster, Ampeln, Schilder, Straßenbahnschienen, Dreck, kaputten Scheiben, vernagelte Türen. Der Philosoph weist mich auf das Brandenburger Tor hin, aber ich kann es in dem Gewühl aus Fassaden nicht erkennen, wir sind zu schnell dran vorbei. Ich schließe immer wieder die Augen, nur für ein paar Sekunden. Ein paar Sekunden, in denen das Chaos Berlins nicht existent scheint. In meinem Kopf macht sich ein steter Druck breit. Wir sind in der Hölle angekommen.

 

 
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Verfasst von - 14. Mai 2014 in Re:Publica

 

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Die Re:Publica – Teil II

Platon:

Ich habe den Wagen extra noch durch die Waschstraße gefahren und von innen komplett gesaugt und gereinigt. Schließlich wollen wir uns ja auf der langen Fahrt wohl und geborgen im Auto fühlen. Ich habe das Navigationsgerät aufgeladen und die Adresse schon rechtzeitig eingegeben. Ich habe für mich Cola und Butterbrote eingepackt. Für Sophie gekochte Eier, einen Salzstreuer (sie mag Salz), ein gespültes Senfglas mit Deckel, gefüllt mit noch gefrorenem Spinat, einen Teelöffel, die richtigen Wasserflaschen. Die Freisprechanlage für mein Handy, unser ausgedrucktes Konzept. Um fünf Uhr morgens soll ich sie abholen.

Ich gehe früh schlafen, damit ich möglichst ausgeschlafen bin. Um Punkt elf Uhr gehen bei mir im Ort sämtliche Straßenlaternen aus. Es wird auf einen Schlag stockduster, lediglich eine kleine Leuchtreklame der Tankstelle bleibt hell. Tankstelle! Ich habe vergessen, den Wagen voll zu tanken. Du lieber Himmel! Ich bin schon fast auf Reserve. In Ostfriesland ist das ein Problem, die Tankstellen machen erst gegen 7 Uhr auf. Ich gehe im Kopf einige Szenarien durch. Es bleibt nur die Hoffnung, das in der nächsten Stadt eine Tankstelle so früh geöffnet hat. Ansonsten können wir eigentlich gleich die Reise abbrechen. Die Zeit der Anreise wäre zu knapp. Ich ärgere mich maßlos über mich und kann auch nur schlecht deswegen einschlafen.

Sophie:

Die Nacht war kurz. Zu kurz. Nicht, dass ich das nicht gewohnt bin. Trotzdem hat mein Gebastel mit Powerpoint zu lange gedauert und zufrieden bin ich nicht. Um vier klingelt der Wecker, pünktlich kurz vor vier werde ich wach. Warum ich eigentlich den Wecker stelle, ist mir manchnmal wirklich ein Rätsel. Meine Katze glotzt mich an, zu der Zeit bin ich selten wieder, meistens eher noch wach.

Ich fahre noch einmal den PC hoch, schaue mir auf Google Maps die Strecke an, schaue, wo Baustellen sind und versuche, bei Google Earth die Hallen der Messe zu finden. Bereits am Abend haben wir nach Eingabe der Adresse festgestellt, dass die Re:Publica wohl am Rande Berlins liegen wird und das gibt mir etwas Sicherheit. So müssen wir nicht in das Zentrum und ich kann vielleicht eher ignorieren, dass ich mich im Monster-Moloch Berlin befinde.

Meinen Rucksack habe ich am Abend vorher gepackt, viel brauche ich sowieso nicht. Um kurz vor fünf verlasse ich das Haus, laufe bis zur Einfahrt und hoffe, dass der Philosoph nicht verschläft. Denn dann müsste ich ihn wecken und auch wenn er sagte, dass ich ihn dann anrufen solle, weiß ich doch, dass ich das nicht machen würde. Eher würde ich ihn mit SMS terrorisieren, die bei meinem Glück auf dem Handy ankommen, das er im Büro hat liegen lassen – oder etwas Ähnliches. Aber nein, alles gut: Zwei Minuten nach fünf sehe ich Scheinwerferlicht.

Platon:

Entsprechend müde bin ich am nächsten Morgen. Ich mache mir noch schnell einen Isolierbecher voll mit Kaffee. Ich steige ein und bemerke, dass die Innenraumbeleuchtung defekt ist. Auch die Kofferraumbeleuchtung. Dass das Radio nicht mehr geht, ist mir schon gestern aufgefallen. Dann hat der defekte Anhänger doch mehr Schaden an meinem Auto angerichtet, als ich bisher dachte. Auch der Blinker ist betroffen, das Relais klingt so, als würde es bald auseinanderfallen. Kurzum: Meine gesamte Elektronik ist erhebllich angeschlagen, auch der Tacho, die Uhr und die Cockpit-Beleuchtung. Und jetzt vermisse ich auch noch mein Handy. Ich gehe zurück ins Haus und suche alle Zimmer ab. Negativ. Zurück ins Auto. Schwarzes Handy auf schwarzen Polstern ohne Innenraumbeleuchtung gesucht. Ich werde noch nervöser: kein Sprit, ein verlorenes Handy und Sophie zu spät abholen. Es kann kaum noch schlimmer kommmen. Ich taste auf der Rückbank herum, finde das Telefon unter meiner schwarzen Jacke.

Ich fahre dann sofort los zu Sophie. Und überlege hin und her, wie ich es ihr mit dem Spritmangel erzählen soll. Wird sie nervös werden? Oder ärgerlich? Ich bin doch noch pünktlich bei ihr. Um diese Zeit wird nicht geblitzt. Ich frage sie sofort, ob sie zufällig einen Erstzkanister mit Diesel habe. Nein. Ich erkläre den Hintergrund meiner Frage. Darauf antwortet sie unerwartet „trocken“ und gelassen: „Warum fahren wir dann nicht einfach tanken?“ Ich antworte: „Weil ich glaube, dass noch alle Tankstellen geschlossen sind, aber vielleicht hat ja eine in der Stadt schon geöffnet“. Ich bin schon wieder überrascht. Der Spritmangel scheint Sophie nicht im geringsten zu beeindrucken. Und ich bemerke, wie ich ihre Reaktion gut finde.

Sophie:

Beim Einsteigen fragt mich der Philosoph, ob ich Diesel hätte. Auf meine Verneinung erklärt er, dass er vergessen habe zu tanken. Mein Blick auf die Tankuhr zeigt: Reservebalken. Nicht, dass das sehr aussagekräftig wäre. Mein Wagen fährt noch 50 Kilometer, wenn die Reserve anspringt. Ich kann nicht einschätzen, inwiefern die Sorge des Philosophen, liegen zu bleiben, echt ist. Er macht viele Witze und Scherze, und häufig falle ich darauf herein. Der Wagen fährt noch und die nächsten Tankstellen sind nicht so weit. Auch wenn er mir erklärt, dass ein leerer Tank in Ostfriesland schon ein Problem sein kann. Zugegeben, manche Sachen sind hier schon seltsam. Boßel-Gruppen auf der Landstraße zum Beispiel, die den gesamten Verkehr blockieren. Apotheken und Postschalter, die Mittwochs und Samstag ab Mittag zu haben. Geschäfte, die bereits um 19 Uhr schließen. Und Menschen, die ein so tiefes Friesisch sprechen, dass ich mir vorkomme, als sei ich in Afrika. Aus der Großstadt bin ich das nicht gewohnt. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass es hier im Umkreis von mehreren Kilometern keine Möglichkeit zum Tanken gibt. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Philosoph das nicht weiß. Also stufe ich den vermeintlichen Sprit-Mangel als einen seiner Scherze ein, schlage ihm vor, einfach zu tanken und beschließe, nicht näher darauf einzugehen.

Platon:

Sophie hat Recht. Schon nach wenigen Kilometern kommen wir an einer Tankstelle mit EC-Karten-Bezahlung vorbei. Diese Tankmöglichkeit war mir bis jetzt unbekannt. Wir tanken den Wagen voll und erst jetzt finde ich meine Entspannung wieder, kann die Fahrt sogar genießen. Ich schlürfe nun endlich an meinem Kaffee und reiche Sophie eine ihrer richtigen Wasserflaschen. Wir beginnen wieder einmal ein interessantes und kurzweiliges Gespräch. Es liegen ab jetzt etwa 550 Kilometer vor uns.

Sophie:

Nach zwei Kilometern erreichen wir eine Tankstelle. Die zwar geschlossen ist, aber ein EC-Terminal hat. Ich sehe das bereits beim Reinfahren und mache darauf aufmerksam. Ratlosigkeit von links. Wieder bin ich unsicher. In meiner Studienstadt habe ich fast nur an SB-Tankstellen getankt, dort gibt es keinen Schalter und keine Bedienung. Keine Menschen. Und keine Öffnungszeiten. Auch in Ostfriesland habe ich diese Tankstellen bereits ausfindig gemacht, sie sind meine bevorzugten Orte zum Tanken. Aber der Philosoph scheint hier Neuland zu betreten. Bei der Bedienung des Terminals muss ich ihm helfen. Er scheint das wirklich noch nie gemacht zu haben. Willkommen im 21. Jahrhundert…

Als er wieder einsteigt, meint er, dass er wirklich Sorgen hatte, dass wir ohne Sprit liegen bleiben. Ich frage mich, ob er den Witz so lange wiederholt, bis ich zu erkennen gebe, dass ich ihn verstanden habe. Oder meinte er das doch ernst?

 
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Verfasst von - 11. Mai 2014 in Alltägliches, Re:Publica

 

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Die Re:Publica – Teil I

Platon:

Ich bin bei vielen Dingen durchaus nachlässig mit meiner Sorgfalt. Ich bin täglich am Improvisieren, sei es bei der Planung meiner Termine oder sonstiger Angelegenheiten. Eine sich ständig ändernde Tagesstruktur macht mich nicht vervös. Ich mag nicht nur Flexibilität, ich lebe sie auch. Ich weiß, dass es bei Sophie eher entgegengesetzt ist. Um so erstaunter bin ich, wie sie unsere Berlin-Fahrt zur re:pulica vorbereitet. Oder besser gesagt, eben nicht vorbereitet. Zumindest für mich wahrnehmbar.

Ich fühle mich vor Seminaren oder Vorträgen, die ich selbst halte, nur dann extrem unsicher und unvorbereitet, wenn ich nicht einen genauen Fahrplan habe. Ich benötige eine ganz klare und differenziete Struktur der Inhalte, die ich vortragen möchte. Erst das gibt mir dann Sicherheit und Raum für meine kleinen Improvisationen und Späßchen. Bei der re:publica stehen uns nur etwa 20 Minuten zur Verfügung, plus der anschließenden Fragen. Wenn ich hier nicht ganz genau weiß, was ich wann sagen möchte, werde ich unruhig. Und ich möchte den Zuhörern, die sich ja extra die Zeit für den Vortrag nehmen, bestmöglich über unser Projekt informieren. Ohne mich zu verzetteln.

Sophie:

Der Philosoph hat mich bereits mehrfach auf den kommenden Vortrag angesprochen. Und deutlich gemacht, dass er nicht gerade die Ruhe in Person ist. Mich wundert das, denn er ist erfahren in Vorträgen. Ich hingegen bin zugegebenermaßen überfordert. Da ist einerseits die Fahrt, bei der ich noch nicht genau weiß, wie es abläuft. Hin mit dem Wagen, ja. Zurück auch bis nach NRW, aber dort trennen sich unsere Wege und ich muss mit dem Zug weiter. Ich habe mehrere Verbindungen rausgesucht, weiß aber nicht, welche wir zeitlich erreichen werden. Damit ich mich nicht verrückt mache, versuche ich, das Problem zu verschieben. Erst die Hinfahrt. Dann der Vortrag. Und dann kann ich mich erst um die Rückfahrt kümmern. Dann ist da noch die Stadt selbst. Berlin. Dieses Wort macht mir mehr Sorgen als alle Vorträge zusammen. Wenn es einen real gewordenen Albtraum gibt, dann ist das Berlin. Ich bin niemand, der Emotionen gut einordnen kann, aber die Stadt ist einer der Inbegriffe meiner Angst. Eine Angst, die lähmt und alles blockiert. Und ich weiß, dass ich, wenn ich zu genau darüber nachdenke, freiwillig keinen Fuß nach Berlin setzen werde.

Und dann ist da noch der Vortrag. Es ist ungewohnt, mit jemandem gemeinsam etwas zu machen. In der Uni habe ich das vermieden, die Referate immer so gelegt, dass ich sie alleine halte. Dieses Hin- und Herspielen von Worten, das ist nicht meins. Bin ich allerdings alleine, dann weiß ich, dass das klappt. Ich habe kein Problem, vor Menschen zu reden, so lange ich nicht MIT ihnen reden muss. Auf meinem Fachgebiet bringt mich nichts aus der Ruhe, keine Frage, kein Querulant, nichts. Da bewege ich mich vollkommen sicher, weiß, wo ich hin möchte. In meinem Kopf ist alles sortiert und ich weiß, dass es genau in dem Moment griffbereit ist, in dem ich es brauche. Ich erkläre es mit einem großen Apothekerschrank mit vielen Schubladen – ich weiß genau, wann ich welche Schublade aufmachen muss und was sich darin befindet.

Platon:

Ich merke, dass ich zunehmend unruhiger werde, weil Sophie offenbar keinerlei Anstalten macht, sich ebenfalls in ähnlicher Form vorzubereiten. Ich muss sie regelrecht bitten, mit mir ein gemeinsames Konzept für unsere Co-Moderation zu erstellen. Das hatte ich so nicht erwartet. Sophie meint lediglich, dass ich den Einstieg machen solle und dann würden wir uns irgendwie  abwechseln. Und ihr wäre ja auch im Großen und Ganzen schon klar, was sie sagen wolle. Und in der Regel wäre sie auch nach den ersten Minuten „warmgelaufen“. Es würde dann immer besser funktionieren mit ihrem freien Vortrag.

Ich denke, dass wir gut harmonieren werden. Sie auf ihre Art und Weise, ich auf meine. Und ich denke, dass sie ähnlich denkt. Aber vermutlich gepaart mit ihren generellen Zweifeln und Unsicherheiten.

Sophie:

Der Philosoph möchte alles aufgeschrieben haben. Und vorher üben. Wort für Wort. Ich soll mir vorstellen, dass auf der leeren Couch das Auditorium sitzt. Kann ich nicht. Da ist eine leere Couch. Er rennt durch das Wohnzimmer und spricht in den Raum. In meinem Kopf herrscht Leere. Warum soll ich einem ebenso leeren Raum etwas erzählen? Ich versuche, mitzumachen. Bei diesem „Üben“. Und komme mir ziemlich albern vor. Der Philosoph will ein Konzept. Auch hier bin ich verwirrt. Wenn ich beginne, das Konstrukt in meinem Kopf aufzuschreiben, wird das ein Roman. Auf Stichpunkte, das Wesentliche zusammenstreichen, das kann ich nicht. Und wenn ich ein Blatt Papier vor mir habe, lese ich ab. Dann ist es mir nicht mehr möglich, frei zu formulieren. Also kommt das gar nicht erst in Frage. Es ist auch alles da, in meinem Kopf. Ich weiß es. Nichts ist improvisiert, alles wie Perlen auf einer Kette aneinandergereiht. Sechs Jahre habe ich so jede meiner Prüfungen bestanden. Ich muss nur den Einstieg kriegen, das ist die einzige Hürde. In Gedanken bin ich bereits jedes mögliche Szenario durchgegangen, immer und immer wieder. Sogar den Fall, dass kein Zuhörer kommt. Wenn ich improvisieren muss, scheitere ich. Also ist jeder Satz exakt geplant, nichts ist einfach so dahergesagt.. Aber ich habe gelernt, es so aussehen zu lassen, als ob. Das ist mein tägliches Leben.

Auf einmal fragt der Philosoph nach einer Präsentation. Knappe 24 Stunden vor der Re:Publica. Ganz toll… ich bin bei 15 Minuten Vortrag davon ausgegangen, dass eine Präsentation zuviel des Guten ist. Außerdem finde ich Folien extrem ablenkend. Die Leute lesen, anstatt zuzuhören. Und überhaupt, 24 Stunden reichen nicht, um eine gute, ausgefeilte Präsentation zu machen, die dem, was wir uns vorstellen, gerecht wird. Mir fehlt die Zeit, mich differenziert damit auseinanderzusetzen. Ob wir wirklich eine Präsentation brauchen, will ich wissen. Ich bringe meine Argumente gegen Folien vor, der Philosoph scheint einverstanden. Keine Präsentation. Als ich zu Hause bin, verbringe ich trotzdem die Hälfte der Nacht damit, zumindest einige Folien zusammenzustellen. Ich mag die Präsentation nicht, sie ist schnell zusammengeschustert und nicht „richtig“. Aber sicher ist sicher. Beim Philosophen rechne ich immer damit, dass er es sich noch anders überlegt.

Platon:

Ich lasse es auf diesen spannenden  Versuch ankommen. Ich erstelle und übe regelrecht meinen Part, spreche es uns beiden tatsächlich laut vor. Sophie hört sich das von mir an, lächelt, und gibt ihr „Okay“ dazu. Ich merke, dass sie wenig Verständnis für mein Vorgehen aufbringen kann. Andererseits macht sie aber mit, teils amüsiert, teils irritiert. Und wohl mit etwas Neugier. Sie werde dann dieses und jenes dazu sagen. Schriftliche Notizen brauche sie nicht. Ich aber. Ich drucke mir mein Konzept aus. Für Sophie auch eine Kopie. Jetzt fühle ich mich sicherer. Obwohl wir nicht einmal eine Folienpräsentation haben. Brauchen wir nicht, meint Sophie. Sie wählt die freie Improvisation. Zumindest erscheint es so für mich. Irgendwie denke ich, dass das jetzt umgekehrte Welt ist.

 
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Verfasst von - 10. Mai 2014 in Alltägliches, Re:Publica

 

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Seinsdualitaet goes Berlin

Heute ist es soweit: Wir sind mittendrin im Gewühl auf der Re Publica in Berlin. Um 12:30 Uhr findet ihr uns beide auf Stage D. Der Philosoph hat versprochen, vorsichtig und angemessen in die Hauptstadt zu fahren und Sophie hofft, dass sie sich in den vielen Messehallen nicht verirrt (angeblich kann sie das ja sogar in einer Telefonzelle).

Falls ihr zufällig auch da seid, dürft ihr gerne einmal vorbeikommen und „Hallo“ sagen. Und wer Interesse hat, kann hier schauen, was wir da eigentlich so fabrizieren wollen.

Sophie und Platon

 
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Verfasst von - 7. Mai 2014 in Alltägliches, Re:Publica

 

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