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Archiv der Kategorie: Innenwelten

Innenwelten – Angst

Sophie:

Angstgesteuert. Das ist ein Begriff, den ich gerne mal für einige meiner Reaktionen verwende. Auch wenn ich mir nicht sicher bin,  ob das, was ich als „Angst“ bezeichnen würde, wirklich auch landläufig als Angst bezeichnet wird. Denn es sind ausschließlich die Kleinigkeiten, die mir Angst machen. Die aber dafür nachhaltig. Und quasi ständig, als begleitender Zustand des Alltags. Neue, unbekannte Situationen versetzen mich förmlich in einen panischen Zustand. Ein Überrollen von Außenreizen triggert förmlich die Angst. Die Gedanken werden sprunghaft, rasen nur so dahin – bis zu dem Punkt, an dem nichts mehr geht. Und alles erstarrt, „einfriert“.

Eindeutig angstbesetzt sind soziale Situationen. Dabei habe ich keine Angst vor den Menschen selbst, ich habe kein Problem damit, mich vor eine Gruppe zu stellen und etwas zu erzählen. Erst recht nicht, wenn ich mich auf meinem Fachgebiet bewege, dann habe ich auch keine Bedenken, mitten hinein in die Konfrontation und Diskussion zu gehen. Die Angst taucht erst auf, wenn ich MIT diesen Menschen kommunizieren muss, wenn es mir nicht gelingt, das zu sagen, was ich sagen will, wenn ich nicht verstanden werde. Und je mehr Angst ins Spiel kommt, desto mehr Schwierigkeiten werden sichtbar. Ich hinterfrage jeden meiner Sätze, ob er richtig verstanden wird, ob mein Gesprächspartner etwas an meinem Gesicht oder meiner Körperhaltung als unangemessen empfinden könnte, ob das, was er oder sie sagt, auch von mir richtig verstanden wird, ob Missverständnisse vielleicht gar nicht angesprochen, sondern gleich fehlinterpretiert werden – eine entspannte Gesprächssituation sieht wohl anders aus.

Platon:

Es fällt mir schwer, über meine eigene, persönliche Wahrnehmung von Angst zu schreiben. Es scheint, als fehlte mir eine zusammenhängende und schlüssige Datenbasis. Natürlich hatte und habe ich Ängste, aber ich bin unsicher, ob es meistens nicht doch eher Sorgen oder Befürchtungen waren bzw. sind. Hatte ich schon Todesängste? Ich kann mich gerade nicht erinnern.

Als Kind hatte ich Angst vor Dunkelheit, alleine ins Bett zu gehen, in der Schule zu versagen. Als Jugendlicher, von bestimmten Krankheiten heimgesucht zu werden. Sozial im Mittelpunkt zu stehen. Aber das hatte wohl eher schon fast phobische Züge. Und jetzt? Die wohl größte Angst, die ich mir vorstellen kann, betrifft das Wohl der eigenen Kinder. Es würde mir die Brust zuschnüren, dass ich nicht mehr atmen könnte, mich lähmen, mich unberechenbar machen, wenn hier Gefahr drohen würde.

Sophie:

Das Fiese an dieser Alltags-Angst ist, dass sie gerade dann auftaucht, wenn es formal keinen Grund gibt. Wenn alles gut läuft, in geordneten, strukturierten Bahnen, sich die Dinge wie von selbst erledigen und ich langsam ein Gefühl von Sicherheit bekomme. Genau dann meldet sich die Angst zu Wort in Form der Erwartung, dass das ja nur eine Phase und alles bald vorbei ist. Ich eines Morgens aufwachen werde und alles nur geträumt ist. Und ich in Wahrheit auf eine große Katastrophe zusteuere, die ich einfach noch nicht erkennen kann, die sich aber in den Kleinigkeiten bereits ankündigt. Und dann beginnt der sich nährende Kreislauf, denn jede Kleinigkeit, die nun nicht ganz optimal läuft, ist für mich dann schon ein Indiz, mich in dieser Angst zu bestätigen.

Das Seltsame ist, dass diese Angst immer gekoppelt ist an andere Menschen. Ich habe keine Angst davor, einen schweren Unfall zu haben oder zu erkranken. Aber ich habe Angst davor, dass die Unberechenbarkeit anderer Menschen in meinen Alltag einbricht und meine mühsam aufgebauten Strukturen mit einem Schlag zerstört. Und ich dann dastehe, ohne Orientierung, ohne Sicherheit. Und je wohler ich mich in meinen Strukturen fühle, desto größer wird diese Angst.

Platon:

Doch letztlich kann ich wohl von ganz ganz großem Glück reden, von wirklicher Angst bisher verschont worden zu sein. Ich kann nur schwer beurteilen, woran das liegt. An der Zeit, in der ich lebe? An dem Land, in dem ich wohne? An der Familie, in der ich aufgewachsen bin? Es ist auf jeden Fall Glück, mehr wohl nicht. Großes Glück. Bis jetzt.

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Verfasst von - 26. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Innenwelten – Aggressivität

Sophie:

Ich kann mich an kaum einen Moment erinnern, in dem ich gegenüber anderen Menschen aggressiv geworden bin. Wenn man mich massiv und über lange Zeit in eine Ecke treibt, kann ich mir vorstellen, dass auch ich aggressiv werde. Aber de facto vorgekommen ist das noch nicht. Im Gegenteil: Manchmal würde ich mir ein leichtes Maß an Aggressivität wünschen. Stattdessen fährt in Situationen, in denen es zu Konflikten, die gegebenenfalls Aggressivität hervorrufen könnten, alles in mir runter. In diesen Fällen wirke ich auf mein Umfeld kalt, rein verstandgesteuert, sachlich. So sachlich, dass es weh tut. Das konnten bislang nur wenige Menschen erleben – ich meine, es sind drei. Diese drei haben mir zurückgemeldet, dass diese Rationalität Angst mache. Dass sie eher mit jemandem umgehen könnten, der schreit, um sich schlägt, sie anbrüllt oder sogar Gewalt androht – aber nicht mit dieser vermeintlichen Kälte. Aggressionen gegen Menschen nach außen tragen kann ich nicht. Sie bleibt innen, richtet sich eher gegen mich als gegen andere.

Platon:

Ich kenne von mir selbst kaum aggressives Verhalten. Ganz im Gegenteil. Ich mag es grundsätzlich nicht besonders, im Mittelpunkt zu stehen oder die Aufmerksamkeit der Anderen über Gebühr auf mich zu ziehen. Und das wäre ja zwangsläufig der Fall, wenn ich aggressiv werden würde. Ich habe auch nur ganz selten aggressive Gefühle. Und in den meisten Fällen, in denen ich derartiges Verhalten bei anderen sehe, finde ich es unangemessen und auch völlig sinnlos. Und es gibt nicht wenige Menschen, die ähnlich wie ich denken.
Manche Experten behaupten, dass in Deutschland Kleinkindern ein verklemmter und gestörter Umgang mit Aggressionen beigebracht würde. In Kindergarten und Grundschulen gäbe es fast nur Frauen als Bezugspersonen. Und Frauen würden aggressives Verhalten grundsätzlich eher ablehnen, anstatt einen angemessenen Umgang mit den eigenen aggressiven Gefühlen zu erlernen. Aggressivität sei ein Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und gehöre zum Menschsein dazu.

Sophie:

Anders sieht es mit elektrischen Geräten aus. An schlechten Tagen verlasse ich mich lieber auf ein Gerät als auf einen Menschen. Ein Gerät folgt seiner Programmierung, es ist – in aller Regel – verlässlicher. Aber nicht immer. Wenn der Touchscreen meines Handys nicht funktioniert – und das mehrere Minuten lang – dann treibt mich das am falschen Tag zur Weißglut. Wenn mein Handy immer und immer wieder klingelt, bringt mich der Ton der Vibration bald zum Ausflippen. Und wenn der Drucker des Philosophen ein Eigenleben führt, des Zählens nicht mächtig ist und sich von Seite zu Seite überlegt, ob er den angeschlossenen Computer jetzt noch erkennen möchte oder nicht, er piepst und meckert, ihm das Papier nicht passt oder der Toner, ich also wegen eines Geräts sorgfältig geplante Zeit verliere – dann bekomme ich doch latente Mordgedanken. Nicht in Bezug auf den Philosophen, sondern in Bezug auf das Gerät. Ich möchte es mit einer Axt zertrümmern, anzünden und anschließend in der Nordsee versenken. Dann fällt mir ein, welche Belastung das für das Meer wäre und ich lasse es. Im günstigsten Fall kaufe ich ein neues Gerät. Mein Handy segelte allerdings auch schon mal durch die Luft. Oder landet mit einer wüsten Beschimpfung in einer Schublade, die anschließend mit lautem Knall geschlossen wurde. Meist darf es nach einer Stunde und einem Neustart wieder heraus. Ab und zu denke ich, dass es ziemlich lächerlich ist, sich von fehlerhafter Software so zur Weißglut treiben zu lassen. Dann bin ich aber wieder froh, dass es nur elektrische Geräte sind, die meine Aggression zu spüren bekommen. Und kein Mensch.

Platon:

Ich kenne aggressive Kinder. Die meisten von Ihnen sind traumatisiert oder bindungsgestört. Oder diese Kinder haben völlig erziehungsunfähige Eltern, die nicht einmal in der Lage sind, ihren Kindern ansatzweise Liebe und Wertschätzung zu geben. Oder auch nur ein ganz wenig Halt und Orientierung.
Am allerwenigsten aggressiv sind jene Kinder, denen man es am meisten unterstellt: AD(H)S-Kindern und Kindern mit einer Autismusdiagnose. Man übersieht leider viel zu oft, das die ständigen negativen Erfahrungen dieser Kinder auch bei ihnen manchmal das Fass zum Überlaufen bringen.

 
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Verfasst von - 23. Juli 2014 in Alltägliches, Innenwelten

 

Innenwelten – Aufmerksamkeit

Sophie:

Meine alltägliche Aufmerksamkeit wird von den kleinen Dingen angezogen. Das im Morgentau glitzernde Spinennnetz im Gebüsch, der ungleichmäßig gepflasterte Stein im Fußweg, der Riss im Schuh des Philosophen oder der falsche Knopf an seinem Hemd – die kleinen Dinge erwecken unweigerlich meine Aufmerksamkeit und ziehen sie schon fast magisch an. Ebenfalls sofort aufmerksam werde ich auf Veränderungen in meinem Umfeld, ohne dass ich dies steuern kann. Ein neues Schild an einer Hauswand, ein anders stehender Stuhl, manchmal nur eine verstellte Wasserflasche auf dem Schreibtisch rücken sofort in meinen Aufmerksamkeitsfokus.

Platon:

Manchmal zieht gar nichts meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich habe den Eindruck, dass ich dann alle Dinge nur etwas oder gerade eben noch, aber nicht bewußt oder fokussiert wahrnehme. Alle Dinge um mich herum dämmern so vor sich hin. Irgendwie sind sie da, aber weit weg von meiner Aufmerksamkeit. Sobald sich aber plötzlich etwas gravierend ändert, eine für mich interessante Veränderung eintritt, eine vielleicht gefährliche Situation, ein auffälliger Mensch, ein altes Auto, ein Vogel im Flug oder bei der Landung, mir bekannte Menschen, die plötzlich auftauchen. Dann bin ich aufmerksam, zumindest für einen Moment. Genauso schnell kann meine Aufmerksamkeit aber auch wieder „abreißen“. Ähnlich wie bei der Konzentration, kann ich Aufmerksamkeit nur bedingt lange aufrechterhalten.

Sophie:

Es gibt auch Aufmerksamkeitsfresser. Dinge, die ich schön oder faszinierend finde, die sich aber, sollte ich mich konzentrieren müssen, nicht in meiner Nähe befinden dürfen. Glitzernde und sich drehende Gegenstände gehören dazu. Wie Reifen vorbeifahrender Autos. Einmal fuhr ich hinter einem Kleintransporter, der auf der Laderampe einen Besen in einer Stellage hatte. Der Besen drehte sich permanent im Fahrtwind und ich merkte, wie ich erhebliche Mühe hatte, mich auf das Fahren zu konzentrieren. Auch Deckenventilatoren in Räumen sind mir ein Graus, weil sie jede sowieso schwierige Kommunikation noch erschweren – auch hier wird mein Blick magisch angezogen und es fühlt sich fast wie eine Art Trance an.

Gleiches gilt für Muster, die nicht sinnvoll fortgesetzt werden. Eine nicht sauber verklebte gemusterte Tapete kann mich dann unter Umständen wahnsinnig machen. Weil sie jedes Mal in meinen Fokus rückt, wenn ich daran vorbeigehe. Und alles in mir „Fehler!“ schreit. Immerhin: Das wäre ein Fall, wo ich sogar beim Renovieren helfen würde.

Platon:

Ich kann oft nicht sagen, was andere Menschen an Kleidung getragen haben, selbst wenn sie erst wenige Minuten zuvor den Raum verlassen haben. Mir fehlt der Blick für das Detail. Daher kann ich mich wohl auch schlecht an Begebenheiten aus der Vergangenheit erinnern. Gespräche mit ehemaligen Schulkameraden verdeutlichen mir immer wieder, dass ich anscheinend fast alles aus den vergangenen Schultagen vergessen habe, die anderen sich aber noch an Geschichten bis in das kleinste Detail erinnern können, in die ich auch verwickelt war. Dann kommen immer die überraschten Fragen: „Daran kannst du dich nicht mehr erinnern? Das gibt es doch nicht!“

Auch bei anderen Dingen bin ich vermutlich zu unaufmerksam. Zum Beispiel bei privaten Gesprächen. Insgesamt scheint meine Steuerung der Aufmerksamkeit sehr situationsabhängig zu sein. Flexibel, manchmal etwas unmotiviert, manchmal aber auch bewußt gesteuert. Dennoch denke ich: Gut, dass ich kein Pilot geworden bin.

 
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Verfasst von - 19. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Innenwelten – Konzentration

Sophie:

Schon während des Studiums habe ich diese Zeiten geliebt: Fachinhalte lernen, fokussiert auf nur einen Punkt. Die Welt inexistent. Da bin nur ich – und die Buchstaben auf dem Papier, die an mir vorbeifliegen und sich genau so in den Räumen meiner Gedankenwelt niederlassen. Ich sauge das Wissen auf wie ein Schwamm das Wasser. Ungefiltert. Es ist, als wäre ich nur in meinem Kopf, als bestünde ich nur aus diesem Fokus, aus dieser Innenwelt. Hunger, Durst, Schlaf, ein klingelndes Telefon – nichts bekomme ich mit. Stunde um Stunde vergeht, manchmal ganze Nächte. Ich merke es nicht und wundere mich höchstens, dass es plötzlich hell ist. Ohne, dass ich etwas tun muss, sortiert sich das erlernte Wissen, ergänzt bestehendes, findet neue Zusammenhänge. Wie durch geistige Räume kann ich wandern und dabei die Wissenspunkte an den Orten ablegen, an denen ich sie nachher mit allen zugehörigen Assoziationen und Bildern wiederfinde. Es ist wie ein Netz, dass sich beständig weiterknüpft. Und das, wenn ich diesen Fokus habe, keine Löcher aufweist. Das ich nicht mehr vergesse.

Mit dieser Konzentration schreibe ich seitenweise meine Texte. Oft auf den Punkt. An einem Stück. Ohne auch nur einen Moment darüber nachdenken zu müssen. Meist fehlerfrei. Als würde ich mich in immer neue Höhen schrauben, ohne es überhaupt zu merken. Als gäbe es keine Welt, für die ich schreibe.

Platon:

Konzentration ist für mich fast ein Fremdwort. Zumindest aber ein ernstzunehmendes Problem. Ich schaffe es einfach nicht, mich über einen längeren Zeitraum auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren. Ich schweife ab, bin assoziativ, komme von dies auf das. Zu fast jedem Begriff der äußerlich oder gedanklich fällt, kommen mir neue Geschichten, neue Ideen in den Sinn. Ich denke in Schleifen, parallel, sprunghaft. Komme mit meinen Dingen oft nicht zuende, muss immer wieder zurückspringen, um Gedanken oder Handlungen abzuschließen. Ich verzettel mich oft, denke zu viel zur gleichen Zeit. Ich vermisse bei mir die Linearität.

Sophie:

Diese Form der absoluten Konzentration führte dazu, dass ich Unmengen an Wissen in wenigen Stunden ansammeln kann. Zum Leidwesen meiner Kommilitonen lernte ich Inhalte nur einmal – und das in der Regel maximal 24 Stunden vor der Prüfung. Oft habe ich dann auch nicht geschlafen, wandelte wie im Traum Richtung Uni und absolvierte die Prüfungen in diesem Zustand. In aller Regel mit sehr guten Leistungen. Danach war es, als würde ich aus irgendetwas aufwachen. Manchmal konnte ich nicht mal mehr sagen, welche Fragen in der Prüfung gestellt wurden. Und mehr als einmal standen ganze Buchseiten fast wörtlich in meiner Klausur. Und ich hätte sogar die Seitenzahl im Buch benennen können.

Wenn dieser Zustand gewaltsam unterbrochen wird, werde ich ungehalten. Sehr ungehalten. Es ist dann, als würde man mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Wand fahren. Ausgebremst. Und wenn dieser Zustand vorbei ist, ist er erst mal vorbei. Einfach weitermachen geht dann nicht. Als hätte jemand von diesem inneren Wissenschrank die Tür zugeschlagen.

Diese Phasen höchster Konzentration sind für mich lebensnotwendig. Als hätte mein Gehirn einen unstillbaren Durst nach neuem Wissen. In einem früheren Job konnte ich diese Konzentration nie erreichen. Immer war etwas anderes. Mein Fokus war nicht da. Ich hatte das Gefühl, verloren zu gehen in einer Außenwelt, die meine Gedankenwelt ausschließt. Innerhalb weniger Wochen wurde ich nahezu handlungsunfähig. Ich hatte das Gefühl, geistig zu verhungern.

Platon:

Das führt dazu, dass  ich nach einigen Minuten kognitiver Tätigkeit aufstehen muss, im Raum umhergehe, einen Apfel esse, die Fische im Teich fütter, doch noch einen Gartenstuhl zwischendurch mit Holzlasur streiche, mal eben so. Ich lege Dinge viel zu oft irgendwo hin, muss dann immer lange suchen. Quälend lange. Ich kann nicht an einem Stück lange lesen, es geht nur mit Pausen. Oft vergesse ich auch, wo ich aufgehört hatte zu lesen. Und wenn ich lese, galoppieren meine Gedanken oft davon, bin ganz woanders. Dann muss ich häufig ganze Kapitel erneut lesen.

Früher in der Schule wurde ich regelmäßig von der gesamten Klasse unter Gelächter ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Mit offenem Mund und verklärtem Blick schaute ich aus dem Fenster und war in tiefe Tagträume versunken. Ich kann gleichzeitig zuhören und völlig weggetreten sein. Ich glaube, ich kann meine Konzentration nur schwer steuern, häufig gelingt es mir nicht. Selbst meine Tochter sagt schon zu mir: „Papa, schau mir in die Augen, hörst du was ich sage?“

 
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Verfasst von - 16. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Innenwelten – Freude

Sophie:

„Nun freu dich doch mal!“ Geburtstage und Weihnachten sind gern genommene Anlässe, bei denen sich Menschen gegenseitig Geschenke machen und neben einem „Danke“ auch eine klar erkennbare Emotion sehen wollen. Meine Erfahrung zeigt: Ein „Das ist schön“ reicht nicht aus. Was genau ausreicht, erschließt sich mir aber nicht. Und oft wird dann hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand getuschelt: „Die hat das auch nur aus Höflichkeit angenommen, der gefällt das gar nicht. Sonst hätte die sich gefreut.“

Nun ist „Freude“ einer dieser Begriffe, die ich nicht einordnen kann. Es gibt Dinge, die mag ich. Die mag ich sogar sehr. Und es gibt Dinge, die mag ich nicht. Beides sage ich auch so. Und es gibt Dinge, die mache ich gerne. Andere wiederum nicht. Auch das sage ich. Aber „mögen“ und „gerne machen“ reicht wohl nicht aus.

Platon:

Freude ist für mich nicht nur ein wichtiger Begriff, sondern auch eine wichtige Empfindung. Eine wichtige Emotion. Eine wichtige Körperreaktion. Ich denke manchmal, dass ich mich im Leben von Freude zu Freude hangele. Die Dinge suche, die mir Freude bereiten. Ich gehe joggen, segeln, züchte Fische, renoviere ein Boot, mein Haus. Ernte Früchte im Garten, sitze vorm Teich und lese Bücher. Plane Reisen mit meinen Kindern, und gehe mit ihnen schwimmen. All das macht mir Freude.

Die Freude spüre ich körperlich, tief und unverrückbar. Deutlich. Ein Feuerwerk der Hormone, der Körperempfindungen. Freude fühlt sich an wie ein Verengen der Gefäße, ein Verdichten des Körpers. Ein Hüpfen des Kreislaufs, ein Kribbeln vom Hals zum Bauch, ein Spüren des Körpers, ein Fokussieren auf Interesse, ein Galoppieren der Nerven. Ein Wahrnehmen des Selbstseins. Wuseln im Gehirn. Oder so ähnlich.

Sophie:

Manchmal erlebe ich Menschen, die vor Freude völlig ausflippen. Die schreien, im Kreis rennen, zwanzig Menschen um den Hals fallen. Ich suche dann meist schon das Weite, denn diese Art der Reaktion ist mir suspekt. Manchmal, wenn etwas ansteht, was ich wirklich sehr gerne mache, dann werde ich ungeduldig. Laufe durch die Wohnung, schaue ständig auf die Uhr, doch die Zeit will nicht vergehen. Ich beschäftige mich damit, schaue mir Videos an, suche Hintergrundinfos und hoffe darauf, dass es endlich, endlich soweit ist. Und wenn die Zeit dann gekommen ist, mache ich die Sachen. Und finde es schade, wenn sie vorbei sind.

Manchmal passiert das auch bei kleinen Dingen: Ein Stoff, der sich lustig anfühlt, ein Stein, der schön aussieht, ein Vogel, der durch die Luft fliegt. Ich fasse die Sachen dann immer wieder an, fahre mit den Fingern die Konturen entlang, schaue dem Vogel nach, bis ich ihn nicht mehr sehen kann und suche den nächsten. Das sind Momente, in denen ich nicht zu denken brauche, alles andere unwichtig und zur Nebensache wird. Das, was andere unter „Freude“ verstehen, scheint das nicht zu sein. Und „Gernen“ gibt es eigentlich nicht. Vielleicht bin ich ja einfach auch ein freudloser Mensch?

 

Platon:

Ich habe auch Freude am Kochen, und vor allem am Essen. Ich trinke auch gerne Wein, oder Bier im Garten. Dann freue ich mich. Oder ich sitze einfach auf dem Boot, und trinke ein Bier. Und puhle Krabben. Ich sehe das Zaunkönig-Pärchen im Garten. Den brennenden Kamin. Gute Gespräche. Freunde. Freude pur. Am meistens freue ich mich auf meine Kinder, auf die gemeinsam verbrachte Zeit. Und auf die gemeinsaame Zeit mit Menschen, die mir sehr wichtig sind.  Ich freue mich, dass ich mich freuen kann. Und dass ich auch das Gegenteil von Freude empfinden kann. Freude ist für mich wichtig, rettet mich durch das Leben. Freude ist für mich das wichtigste Wort. Und die wichtigste Emotion.

 
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Verfasst von - 12. Juli 2014 in Innenwelten

 

Innenwelten – In den Köpfen der Anderen

Sophie:

Die Situation kenne ich zu Genüge: Da trifft man eine andere Person, erzählt vielleicht etwas und erntet nur Ratlosigkeit. Weil der Andere so gar nicht weiß, was es mit dem Erzählten auf sich hat. Der Zusammenhang fehlt. In der nachträglichen Analyse geht mir dann auf: der Fehler lag bei mir. Ich habe meinem Gegenüber vorab bereits Informationen unterstellt, die es gar nicht haben konnte. Der dahinterliegende Gedankengang: Ich weiß es, also weißt du es auch. Dass das mitnichten der Fall ist, weiß ich zwischenzeitlich. Trotzdem falle ich immer wieder darauf herein. Was in meinem Kopf existiert, ist für mich so real, dass ich im Traum nicht daran denke, dass andere Menschen davon gar nichts wissen oder sich vielleicht auch gar nicht dafür interessieren.

Platon:

Ich mache mir wahrscheinlich zu viele Gedanken darüber, was andere gerade denken. Meistens, wenn ich mit Menschen in Kontakt trete, versuche ich einzuschätzen, wie ich gerade auf die anderen wirke. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Durch mein Verhalten möchte ich den anderen signalisieren, wie sie auf mich wirken. In aller Regel versuche ich das für alle Beteiligten positiv zu gestalten. Kurz gesagt: Was denkt der andere was ich gerade über ihn denke. Und was denke ich was der andere gerade über mich denkt. Und das blitzschnell und intuitiv in fast allen sozialen Situationen. Theory of mind.

Sophie:

Wahrscheinlich wäre das kein Problem, wenn andere Menschen nicht offenbar ein intuitives Gespür für die Absichten ihrer Mitmenschen hätten. Und auch eines für die Menschen, denen eben dieses Gespür fehlt. In der Praxis bedeutet das leider vor allem eines: Eine quasi unbelehrbare Naivität. Auf die Idee, dass jemand etwas nur sagt oder macht (auch wenn es nicht der Wahrheit entsprich), um mich zu einer bestimmten Reaktion zu bringen, komme ich gar nicht. Bis mich jemand darauf hinweist. Vielleicht.

Und es ist auch eine Quelle vieler Missverständnisse. Viele Informationen teile ich nicht. Nicht, weil ich sie verheimlichen möchte. Sondern weil niemand danach fragt. Wenn ich nicht darüber nachdenke, laufe ich regelmäßig in diese Falle. Weil mir überhaupt nicht auffällt, dass andere Menschen nichts fragen können, wovon sie nichts wissen. Und mein Schweigen wird dann gerne als „Verschweigen“ ausgelegt. Ich hingegen glaube bis zu dem Punkt, dass einfach kein Interesse besteht. Ein einfaches Beispiel: Habe ich ein Buch gelesen, das ich für gut befunden habe, teile ich diese Information erst einmal nicht mit. Schließlich fragt mich niemand und ich möchte mich nicht aufdrängen. Der Gedanke, dass niemand weiß, dass ich dieses Buch gelesen habe, kommt mir gar nicht. Und dass aufgrund dieses Nicht-Wissens keine Frage kommen KANN. Schließlich weiß ich ja, dass ich das Buch im Regal stehen habe und ich meine dabei aus welchem Grund auch immer, dass dieses Wissen dann auch anderen Menschen zuteil ist. Und was in diesem kleinen Beispiel vielleicht noch banal klingt, kann in der Praxis durchaus zu einem richtigen Problem werden. Denn nach der Quelle des Missverständnisses fragt kaum jemand.

Platon:

Ständig laufen bei mir Programme, die versuchen einzuschätzen, wie eine Person sich fühlt und die sie umgebende Welt wahrnimmt und bewertet. Stimmungsschwankungen bemerke ich recht sicher. Beziehungskonstellationen in Menschgruppen bleiben mir selten verborgen. Manchmal denke ich, dass ich mich dadurch zu sehr ausbremse, zu sehr auf andere, zu wenig auf mich konzentriere. Und mich zu selten mit meinen eigenen Belangen durchsetze.

Ich versuche, die Überzeugungen, die Werthaltungen und die Absichten meiner Mitmenschen zu erkennen und ihr Verhalten daran zu ergründen. Die Welt aus der Sicht meines Gegenübers zu sehen, und somit auch seine Handlungen zu verstehen. Ich bin oft selbst verwundert, wie treffsicher mir das hin und wieder offenbar gelingt. Habe ich dadurch einen Vorteil? Keine Ahnung. Ich mache das auch nicht bewußt. Ich kann wohl nicht anders. Immer denken, was die anderen über mich denken, was ich über sie denke, was hin und her gedacht oder nicht gedacht wird. Ich habe festgestellt, dass ich am wenigsten „gut kann“ mit Menschen, die sich nicht für die Gedanken der Mitmenschen interessieren.

 

 
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Verfasst von - 9. Juli 2014 in Alltägliches, Innenwelten

 

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Innenwelten – Routinen

Sophie:

Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich höre, dass Menschen etwas machen, ohne darüber nachzudenken und sich nachher sogar nicht mehr daran erinnern können. Damit meine ich nicht, dass sie es nach einer Stunde schlicht vergessen haben, sondern die Tatsache, dass sie genau im Anschluss an ihre Handlung nicht mehr wissen, was sie gerade gemacht haben.

In meinem Tagesablauf habe ich bestimmte Dinge so eingerichtet, dass ich sie immer wiederhole und sie stetig gleich ablaufen. Ich mag das, weil ich dabei weniger denken und planen muss. Ich weiß, welcher Schritt als nächstes kommt, sehe ihn direkt schon vor meinem geistigen Auge und kann in Sekundenschnelle mehrere Handlungssequenzen im Voraus denken. Neue Handlungsabfolgen muss ich ins Detail zerlegen und manchmal wollen dann meine Hände nicht so, wie ich es will und es klappt nicht gleich. Dann brauche ich länger, muss vielleicht etwas anderes probieren. Hier ist der Konzentrationsaufwand weit größer als bei meinen täglichen Routinen, bei denen ich zwar trotzdem denke, aber nicht so ein Maß an Konzentration brauche.

Platon:

Ich steige ins Auto und fahre los. Ich denke keine Sekunde über die Position oder Bewegungsabfolge meiner Gliedmaßen nach. Ich mache das Radio an, schaue durch die Gegend und vertiefe mich in Gedanken, die nichts mit dem Autofahren und der Fahrstrecke zu tun haben. Ich mache das alles automatisch. Intuitiv. Ohne darüber nachzudenken. Es entspannt mich. Ich kann mich sogar in Tagträume flüchten. Alle visuellen, akustischen und taktilen Reize werden offenbar von einem im Unterbewußten laufenden Prozessor verarbeitet und für das Autofahren ausgewertet. Solange alles planmäßig läuft, bin ich in einer anderen Gedankenwelt, sobald irgendetwas unerwartetes passiert – ein Vogel auf der Straße, ein unpassendes Geräusch oder eine unerklärliche Vibration – bin ich blitzschnell wieder im Modus Autofahren. Etwas später schalte ich meistens wieder nahtlos um in den Gedankenmodus.

So geht es mir mit vielen Situationen: Spazierengehen, Joggen, Fahrradfahren, Angeln, Segeln, usw. Mein Körper agiert meistens automatisch. Es sei denn, etwas ist deutlich anders als sonst. Ich kann sogar Gespräche führen, und gleichzeitig gedanklich in eine Parallelwelt abdriften. Oder ganze Buchseiten lesen, und dabei an ganz andere Dinge denken. Dann muss ich aber meistens die Seiten erneut lesen, weil nicht viel hängen geblieben ist.

Sophie:

Manchmal glaube ich, dass ich nur auf einer Spur denke und agiere. Und wenn diese Spur zu sehr mit Gedanken belegt ist, scheitern die Bewegungen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn ich nicht klar und bewusst die Anweisung „Hand zum Lichtschalter“ gebe, dann bleibt es dunkel. Das Licht anmachen und dabei daran denken, dass ich noch die Wäsche waschen muss, funktioniert gleichzeitig nicht. Und ganz verrückt finde ich, dass es Leute gibt, die behaupten, dass sie „nicht“ denken. Das kenne ich nicht. Ich denke immer. Mal Schönes, mal weniger Schönes, aber ein „Nichts“ gab es noch nie. Und wenn ich mich auf die Bewegung konzentriere, dann ist die Kapazität für ein „Gespräch nebenher“ unter Umständen schon belegt.

Wenn ich doch mal gedanklich abgleite (wobei ich dabei immer noch denke), dann unterbreche ich auch die Bewegung, die ich gerade mache. So, als wäre die Energie aus dem Bewegungsapparat abgezogen und werde nun an anderer Stelle gebraucht. Selbst einfaches Geradeauslaufen klappt dann nicht mehr – ich bleibe einfach stehen. In dem Fall vergesse ich dann aber wirklich alles, selbst der Satz, den ich gerade noch sagen wollte, der bricht dann -…

Platon:

Ich wage zu behaupten, dass ich zu 95 Prozent am Tag meine Körperbewegungen nicht bewußt steuer. Vermutlich sind es 99 Prozent. Meine Gedanken und Kognitionen allerdings wähle ich meistens bewußt. Ich komme zwar von Höckschen auf Stöckschen, bin aber zumeist in bewußter Steuerung meiner Gedanken, kann beliebig umschwenken, lasse gerne aber auch meine Gedanken frei schweifen oder fast ganz verschwinden. Das entspannt mich.

Bei Sophie scheint alles umgekehrt zu sein. Ihre Gedanken führen offenbar ein Eigenleben, sind von ihr oft nicht bewußt zu kontrollieren. Ihren Körper hingegen kann sie nur bewußt und konzentriert steuern. Es gibt keine verborgenen Prozessoren, die ganze Bewegungsabläufe und Routineprozesse unbewußt steuern. Wie schon so oft denke ich: verkehrte Welt.

 
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Verfasst von - 5. Juli 2014 in Innenwelten

 

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Innenwelten – Körperempfindung

Sophie:

Für mich unterscheide ich in Körperwahrnehmung und Körperempfinden. Ersteres ist für mich das, was ich von meinem Körper tatsächlich bewusst wahrnehme und steuern kann (oder eben auch nicht). Zweiteres geht eher in den Bereich der „von innen“ kommenden Eindrücke wie Hunger, Durst, Wärme und Kälte, Schmerz. Und wahrscheinlich gehört auch da alles rein, was Menschen meinen, wenn sie fragen, wie sich bestimmte Gefühle anfühlen. Ich muss da passen.

Es ist nicht so, dass ich keine Körperempfindungen habe. Vielmehr scheinen sie mir manchmal uneindeutig oder fehlgesteuert. Habe ich nun Hunger oder sollte ich doch eher auf Toilette? Um die Frage zu beantworten, checke ich ganz bewusst einzelne Parameter meines Körpers der Reihe nach durch, um zu schauen, was gerade anliegt. Bislang ging ich davon aus, dass das jeder Mensch so macht, meine Beschreibung löste beim Philosophen aber doch einiges an Erstaunen aus.

Platon:

Körperempfindungen sind ein wichtiger Bestandtteil vieler Therapieansätze. Entspannungstechniken, Achtsamkeitsübungen und Verfahren zur Beruhigung beruhen auf der Wahrnehmung aktueller Empfindungen: Wärme, Kälte, Kribbeln, Schmerz, Schwere, Schwindel, Druck etc. Die Empfindungen sind in aller Regel mit bestimmten Gefühlszuständen gekoppelt. Sophie ist es offenbar aber nur kaum möglich, derartige Empfindungen des Körpers differenziert wahrzunehmen. Ihr ist kalt, oder eben nicht. Unterschiedliche Kälte- oder Wärmegrade sind von ihr nicht bewußt zu unterscheiden. Und auch nur ganz schwer zu beschreiben.

Sophie:

Wärme und Kälte sind ebenfalls zwei Empfindungen, die sich in einem etwas abweichenden Spektrum bewegen zu scheinen. Der Bereich meiner „Wohlfühltemperatur“ ist nur recht eng gesteckt, dieses Empfinden beschreibe ich als „normal“. Darüber ist zu warm, darunter ist kalt. Allerdings habe ich kein Problem damit, einen Eisakku mehrere Minuten vollkommen unbeeindruckt in den Händen zu halten – gleiches gilt für heiße Dinge. Die trage ich absolut selbstverständlich durch die Gegend und kann regelmäßig beobachten, wie solche Dinge dann, wenn ich sie an andere Personen übergebe, durch den Raum fliegen, weil sie wohl doch „zu heiß“ sind. In der Regel begleitet von einem lauten „Sag mal, spinnst du? Das ist heiß, sag das doch!“ Tschuldigung. Hab ich nicht bemerkt…

Das Verrückte ist, dass diese Unterempfindlichkeiten gleichzeitig mit Überempfindlichkeiten auftreten können. So sind meine Hände beispielsweise nahezu temperaturunempfindlich, eine leichte Berührung in der Handinnenfläche mit einem kratzenden Gegenstand hingegen kann mich binnen Sekunden in den Wahnsinn treiben. Dann weiß ich gar nicht, wie und wo ich meine Hände in Sicherheit bringen soll, dieses Gefühl geht tatsächlich vom Nacken bis in die Füße. Und allein die Vorstellung reicht dafür schon aus.

Platon:

Typische Reaktionen des Körpers auf ein bestimmtes Ereignis, zum Beispiel Freude oder eine Schrecksituation, sind bei Sophie nicht wahrnehmbar oder nicht zuzuordnen. Irgendwie scheinen Körperempfinden und Gefühle ein voneinander unabhängiges Eigenleben zu führen. Vielleicht ist daher auch die Regulation von negativen Körperempfindungen und kognitiven Prozessen so schwierig. Vielleicht schaukeln sich deswegen sogar negative Prozesse gegenseitig auf.

Irgendwie scheinen also Körper und Geist getrennt zu sein. Der Körper zeigt Stresssymptome, die sie nicht als solche von ihr identifizieren lassen. Oder Sophie wird alles zuviel, ohne das der Körper ihr das ebenfalls entsprechend signalisiert. Für mich erscheint das wie ein Wirrwarr an eigenen Empfindungen einerseits und den dazugehörigen Gedanken andererseits. Wie fühlt sich beispielsweise Angst an, ohne die damit verbundenen Körperempfindungen zu spüren? Oder umgekehrt? Wie fühlt sich Freude an, ohne auch die entsprechenden Empfindungen des Körpers zu spüren? Ist es dann noch Freude? Oder ist es etwas, was man dann gerne macht, weil man ja positiv darüber denkt?

 
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Verfasst von - 2. Juli 2014 in Innenwelten

 

Innenwelten – Körperwahrnehmung

Sophie:

Mein Körper und der ihn umgebende Raum, das sind zwei Faktoren, die nur sehr bedingt zueinander passen. Manchmal scheint mir sogar, dass hier zwei sich aufhebende physikalische Gesetzmäßigkeiten aufeinandertreffen – sehr zur Erheiterung meines Umfelds. Wenn ich die Augen schließe und benennen soll, wo sich meine Körperteile befinden, wird es ohne einen Referenzpunkt schwierig. Und ich warte nur auf den Tag, an dem mir in einer Alkoholkontrolle Betrunkenheit unterstellt wird, weil ich nur mit Mühe imstande mit, mit dem Zeigefinger blind meine Nasenspitze zu treffen oder sicher auf einem Streifen balancieren kann. Ich denke an die vielen blauen Flecken, die ich schon hatte, weil ich sicher war, dass ich an diesem Regal vorbeikomme, aber nicht bedacht habe, dass mein Körper breiter ist als mein Kopf.

Es kommt häufig vor, dass ich aufwache und dann erst einmal beginnen muss, meine einzelnen Körperteile gedanklich ausfindig zu machen, bevor ich aufstehen kann. Linke Hand, rechte Hand, linker Fuß, rechter Fuß. Fies wird es, wenn ich diese irgendwie in sich verknotet habe. Da braucht es dann doch erst einen visuellen Eindruck, damit nachher alles wieder an seinem Platz ist.

Platon:

Körperwahrnehmung ist ein zentraler Aspekt bei Sophie. Sie muss zum Beispiel ihre Hände sehen, um zu wissen, wo sie sind.  Ebenso hat sie kaum eine Wahrnehmung davon, welchen Gesichtsausdruck sie gerade hat. Auch der Gleichgewichtssinn ist problematisch, Fahrradfahren ist schwierig, in Kurven fast unmöglich. Interessannterweise kann sie aber mit Mopeds durch die Gegend düsen.

Sobald sie unter schweren Decken liegt, spürt sie die Begrenzung des eigenen Körpers zur Aussenwelt. Starker, gleichmäßiger Druck entspannt sie. Beide Körperhälften, also beispielsweise die rechte und die linke Hand, müssen beim Schnürsenkelbinden separat gesteuert werden. Intuitive Bewegungsabläufe sind kaum möglich. So habe ich sie und ihre Wahrnehmungsfähigkeiten verstanden. Für mich ist eine derartige Körperwahrnehmung unvorstellbar. Aber auch eine Erklärung für viele ihrer Verhaltensweisen. Dass sie sich nicht so gut beim Autofahren unterhalten kann, da sie permanent mit der Koordination ihrer Gliedmaßen beschäftigt ist und auch noch den Verkehr und die Bordinstrumente im Blick hat. Alles ganz bewußt gesteuert.

Sophie:

Ich kenne es nicht anders, für mich ist das vollkommen normal. Bislang ging ich davon aus, dass es auch anderen Menschen so geht. Und habe immer bewundert, mit welcher Effizienz und Sicherheit sie teils ihren Körper bewegt haben. Besonders auffallend war meine Form der Körperwahrnehmung im dunklen Kapitel „Schulsport“. Leider nicht im Positiven. Wusste ich, dass ich jetzt gleich einen Ball fangen muss, klappte das noch einigermaßen. Kam der Ball überraschend während eines Spieles, glotzte ich das fliegende Ding nur an – und bekam es ins Gesicht. Was mehr zur Erheiterung meiner Klassenkameraden beitrug, kann man sich sicher denken. Auch das unrühmliche Kapitel „Tanzen“ gehört in diese Kategorie. Allein eine Drehung, bei der der Kopf „immer auf der gleichen Stelle“ bleibt – ich habe nicht mal verstanden, was die eigentlich von mir wollen. Und rotierte mich regelmäßig in einen Drehwurm, stolperte über meine eigenen Füße und klatschte irgendwelchen Leuten meine Hände ins Gesicht, weil ich die gerade nicht mehr unter Kontrolle hatte. Bei Hochsprung war dann ein Punkt erreicht, an dem selbst meinen Lehrern eine gewisse Gefahr sahen. Ich war häufig so mit der Organisation der Beine beschäftigt (mit welchem Fuß muss man loslaufen, damit man exakt mit dem linken Fuß abspringen kann?), dass ich die Drehbewegung im Sprung und die entsprechende Körperhaltung gar nicht mehr hinbekam – und in aller Regel das komplette Gestell umgerissen habe. Künftig bestand meine Aufgabe dann im Wiederhinlegen der Stange für die anderen Schüler.

Der einzige Sport, den ich wirklich gut kann, ist Schwimmen. Das mich umgebende Wasser gibt mir ein genaues Feedback darüber, wo welcher Teil meines Körpers ist. Das Verletzungsrisiko ist minimal, denn Wasser hat keine Kanten. Und dank jahrelangem Training bin ich im Wasser so schnell, dass andere eventuelle Schwimmteilnehmer nahezu umgehend die Bahn räumen und einen Sicherheitsabstand einhalten.

Platon:

Ich würde gerne einmal so wie sie den eigenen Körper spüren wollen – oder besser gesagt: eben nicht spüren können. Nur für einen kurzen Moment. Dieses ganze Thema findet nach meiner Einschätzung viel zu wenig Beachtung bei Diagnostik und Therapie. Eigentlich unverständlich, da diese Prozesse doch eigentlich ganz gut überprüfbar und wiederholbar sind. Die mit Sophie bisher durchgeführten Achtsamkeitsübungen sind gleich gescheitert. Keine Wahrnehmung. Aber die von Neurobiologen gerne angeführte „Neuroplastizität“, also die Fähigkeit von Nervenzellen, sich selbst bis ins hohe Alter an sich ändernde Situationen anpassen zu können, könnte ja in speziellen Übungen genutzt werden. Um die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu verbessern.

Aber ist das  überhaupt erstrebenswert? Wäre das eine Hilfe für Sophie? Oder liegen die Ursachen für die oft fehlende Körperwahrnehmung ganz woanders? Ich habe den Eindruck, dass selbst Experten hier eher ratlos als wissend sind. Dass der Forschung noch ein gutes Stück Arbeit bevorsteht. Und dass Sophie ihren Körper ohnehin als Ballast empfindet, als eigentlich wertlose und oft störende Hülle. Wenn ich die Augen schließe, dann weiß ich genau, wo sich meine Hände und Füße befinden. Sophie nicht.

 

 
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Verfasst von - 28. Juni 2014 in Alltägliches, Innenwelten

 

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