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Archiv der Kategorie: Neue Wege

Jedem seine Prüfung – Teil III

Sophie

Die Unterlagen kommen. Einen Teil habe ich daheim, einen Teil muss ich beantragen. Das Gesundheitsamt konnte mir nur einen ungefähren Prüfungstermin nennen. In acht Wochen. Ich habe Zeit. Ich frage den Philosophen, wo ich das bekomme. Auch zum ärztlichen Tauglichkeitsattest frage ich, er meint, das ginge schnell und sei kein Problem. Ich bin erleichtert, denn im Anhang steht, dass sowohl Zeugnis als auch Attest maximal vier Wochen vor der schriftlichen Prüfung ausgestellt werden sein dürfen. Nur – genau der Termin steht eben noch nicht fest.

Ab und zu blättere ich in dem Buch. Vieles ist mir vertraut und bekannt, also setze ich mich gedanklich eher mit den Widersprüchlichkeiten auseinander. Genau diese Widersprüchlichkeiten in der Systematik spreche ich auch beim Philosophen an. Konstruiere komplexe Störungsbilder, deren Einordnung mir nach dem ICD-10 als schwierig erscheint, die korrekte Diagnostik aber grundlegend. Mit Erstaunen registriere ich, dass der Philosoph passen muss.

Platon

Sophie hat sich tatsächlich angemeldet. Ich bin nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht, ob ich dazu raten oder abraten soll. Einerseits bemerke ich natürlich, wie schnell sie sich in Themen und ganze Sachgebiete einarbeiten kann. Es kommt mittlerweile nicht selten vor, dass ich sie zu bestimmten Fragen oder Problemstellungen um Rat frage. Und ihre Antworten helfen mir auch oft weiter. Zudem scheint der gesamte Bereich Psychologie sie sehr zu interessieren, sonst würde sie nicht derart umfangreich ihre Zeit damit verbringen. So denke ich. Muss aber auch feststellen, dass sie bisher keinerlei Anstalten macht, zu lernen. Darüber reden und diskutieren macht sie gerne, doch vom Büffeln ist sie weit entfernt.

Sophie

Der Philosoph schimpft mit mir. Er will wissen, wie viele Seiten ich im Buch schon gelesen habe. Ich habe jedoch nur die Oberkapitel gelesen. Ich weiß, dass ich zur Demenz noch lernen muss. Und die Schizophrenie ist mir nicht ganz geläufig, da fehlt mir etwas der rote Faden. Aber das hat Zeit. Zum ersten Mal in meinem Leben vertraue ich auf mein Gedächtnis.

Viel wichtiger erscheint mir die Art der schriftlichen Prüfung. Inhaltlich sehe ich wenig Probleme, wenn nicht gerade die ganze Schizo-Ecke (Schizophrenie, schizoid, schizotyp) kommt. Aber die in teils schon grob gemeine Fragestellung scheint mir eher eine Püfung von Lesekompetenz statt von Fachwissen zu sein. Im Internet finde ich zahlreiche Fragebögen aus den vergangenen Jahren. Und schwöre mir, dass ich erst zur Prüfung antrete, wenn ich all diese Fragebögen fehlerfrei gelöst habe.

Platon

Ich beginne, mir Gedanken zu machen: was passiert, wenn sie mit Pauken und Trompeten durchfällt? Das Gesundheitsamt und die Prüfungskommission werden erfahren, dass wir bereits zusammenarbeiten. Denn wir haben den Antrag, dass ich nicht die Prüfung abnehmen darf, bereits eingereicht. Aber müsste ich mir dann die Fragen gefallen lassen, wie ich es verantworten konnte, sie zur Prüfung zu ermuntern? Ich als Prüfer müsse so etwas doch viel besser wissen müssen. Und schließlich noch die Kernfrage, ob jemand mit der Diagnose „Asperger“ überhaupt grundsätzlich als Heilpraktikerin für Psychotherapie arbeiten solle.

 
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Verfasst von - 31. Januar 2015 in Neue Wege

 

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Jedem seine Prüfung – Teil I

Platon

Sophie findet immer mehr Gefallen an psychologischen Themen. Durch die Seminare ist sie mittlerweile theoretisch weit vorangekommen. Praktisch hat sie im Umgang mit dem Jungen erste Gehversuche unternommen. Sophie wäre aber nicht Sophie, wenn sie nicht mehr wollte. Sie sieht für sich Perspektiven in der Beratung und der Therapie bei Personen, die Symptome im Bereich Autismus Spektrumstörung und AD(H)S zeigen. Und ich mache ihr Mut. Die Seminare haben gezeigt, dass sie sehr gut ankommt und selbst noch Wochen später Anfragen direkt an Sophie von Teilnehmern kommen. Als Paradebeispiel kann hier Sophies einfacher und genialer Ratschlag an eine ratlose Mutter angeführt werden, der dazu führte, dass der kleine Sohn sein großes Geschäft nicht mehr in der Dusche, sondern wieder auf dem Klo verrichtet. Sophie möchte helfen, ihr Wissen einbringen. Sich beruflich neu orientieren.

Sophie

Irgendwie hat sich die Idee festgesetzt. Ich weiß schon länger, dass es den Heilpraktiker für Psychotherapie gibt. Aber die Prüfung, das Finanzielle für die Ausbildung, die Zeit – bislang kam es nicht in Frage. Immer öfter dachte ich in letzter Zeit, dass es schade ist. Auf der anderen Seite ist es vielleicht auch gut – denn was sollen andere Leute schon von mir lernen können? Was soll ich ihnen mit auf den Weg geben können? Es ist eine Idee, ein Hirngespinst – mehr nicht. Und doch bleibt es im Hinterkopf hängen. Es wäre ein Neuanfang, etwas ganz anderes. Eine Qualifikation mehr – oder doch nicht? Ich schwanke. Soll ich – oder soll ich nicht?

Im Internet suche ich nach Schulen, finde einige mit orbitanten Preisen, verwerfe die Idee doch wieder. Nein. Ich bleibe, wo ich bin. Ist besser so. Oder?

Platon

Um allerdings beruflich zu therapieren, benötigt sie die Heilerlaubnis vom Gesundheitsamt. Eine amtliche Prüfung ist dort schriftlich und mündlich abzulegen. In unserem Landkreis bin ich seit einiger Zeit einer der Prüfer. Ich kenne mich damit aus. Eines Tages fällt Sophie ein Bogen mit dem kompletten Satz Fragen einer Prüfung aus dem Vorjahr in die Hände. Es sind insgesamt 28 Fragen. Selbst altgediente Psychologen haben sicherlich Mühe, ohne Vorbereitung alle Fragen richtig zu beantworten. Ähnlich wie bei der Führerscheinprüfung, die langjährige Autofahrer wohl auch nicht aus dem Stehgreif erneut bestehen würden.

Sophie ist sehr interessiert an diesen Fragen. „Soll sie ruhig“, denke ich. Die Lösungen habe ich ja. Ich gebe ihr die Prüfung, und rechne mit maximal der Hälfte richtig beantworteter Fragen. Allerhöchstens. Insgeheim freue ich mich sogar auf ihre „Bruchlandung“ und ihren übertriebenen Übermut. „Jetzt wird sie ihre Grenzen kennenlernen“, denke ich etwas schadenfroh. Zum Bestehen müssten wenigstens 21 der 28 zum Teil sehr schwierigen Fragen beantwortet werden.

Sophie

Als mir der Bogen mit den Fragen in die Hände fällt, frage ich den Philosophen. Ich solle ruhig machen, meint er. Die Lösungen habe er, in aller Regel dauere die schriftliche Prüfung 55 Minuten. Ich fange an zu lesen. Spontan, ein Kreuz hier, ein Kreuz da. Der Philosoph schaut kurz vorbei, verschwindet wieder im Nebenraum. Ich lese die Fragen, kratze mich innerlich am Kopf. Einfach sind sie nicht. Aber mit gesundem Menschenverstand und einer einigermaßen ausgebildeten Lesekompetenz kein Hexenwerk. Es sei denn, mir fehlt doch fundamentales Wissen. Bei einer Frage zur Schizophrenie bin ich unsicher. Der Philosoph schaut kurz in den Raum, verschwindet wieder. „Irgendwie ist das einfach“, kommentiere ich. „Das scheint nur so“, klingt es dumpf aus dem Nebenraum. Zehn Minuten brauche ich, dann bin ich fertig. Drücke dem Philosophen den Bogen in die Hand. Der möchte ihn selbst korrigieren, falls ich schummeln würde. Ein bisschen beleidigt bin ich schon – ich betrüge nicht.

Ich sehe ihn den Lösungsbogen durchgehen. Dann noch einmal. Ein drittes Mal. Anschließend bekomme ich einen langen, nicht definierten Blick zugeworfen. Sehr, sehr lange. Ich werde unsicher. Er holt tief Luft. Innerlich wappne ich mich. Verfluche meinen Hochmut. Was glaube ich eigentlich, wer ich bin?

 
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Verfasst von - 24. Januar 2015 in Alltägliches, Neue Wege

 

„Unfertige Menschen“ – Teil II

Sophie

Ich warte im Büro. Der Termin ist für 15 Uhr anberaunt, es ist bereits 15.04 Uhr. Innerlich ärgere ich mich über die Unpünktlichkeit, äußerlich übe ich mich in Geduld.

Als die Mutter mit dem Jungen endlich auftaucht, bekomme ich Zweifel. Das Kind begrüßt den Philosophen mit einem Sprung und High-Five. Nach einem kurzen Gespräch geht dann die Tür auf, die Mutter sagt kurz „Hallo“ und verschwindet im anderen Büro. Ich bleibe mit dem Jungen, Lukas, alleine. Das Schweigen dehnt sich. Zu lange? Ungelenk steige ich ein, hoffe auf mein Lego-Raumschiff. „Kennst du das?“ – „Nö. Was ist das?“ Ich setze mit einer Erklärung an, werde aber unterbrochen. „Raumschiffe? Nee, sowas gibt es doch gar nicht. Raketen, damit fliegen die sogar bald zum Mars!“ Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Untertassensektion der Enterprise D auf Veridian III zerschellen. Lukas schaut mich erwartungsvoll an. Ich schaue fieberhaft überlegend zurück.

Platon

Ich stehe jetzt vor der Aufgabe, der Mutter zu erklären, warum ich Sophie für genau die richtige halte. Dabei entscheide ich mich für die einfache Variante: Ich sage es ihr einfach ohne weitere Erklärungen. Allerdings erwähne ich kurz Sophies Diagnose. Die Mutter ist sofort einverstanden. Ich hatte auch nicht mit Einwänden gerecht, zumal die ganze Familie irgendwelche Diagnosen mit einem F vorweg hat. Anschließend hole ich mir noch das OK vom Jugendamt. Der Fallbetreuerin schildere ich etwas genauer die Ausbildung von Sophie. Auch hier gibt es ein OK.

Sophie

Ich schaue auf die Uhr. Fünf Minuten vergangen. Lukas zappelt. Mein Raumschiff steht unbeachtet auf dem Tisch. Großartig. „Was ist eigentlich das da?“ fragt Lukas und greift über den Tisch. In mir sträubt sich alles, als er zu meinem Zauberwürfel greift. Es ist einer von den teuren, leichtgängigen Speedcubes, die fast geräuschlos drehen und von denen ich eine ganze Sammlung daheim habe. Lukas beginnt wild am Würfel zu drehen, stellt ihn dann wieder zurück. „Das Spiel verstehe ich nicht.“ Ich erkläre, dass er die Seiten des Würfels einfarbig sortieren muss, drehe einige Sekunden am Würfel und stelle ihn sortiert wieder auf den Tisch. Lukas guckt. Und guckt. Und guckt. Greift zum Würfel, verstellt ihn, hält ihn mir hin. „Nochmal.“ Ich sortiere. Er schaut zu. Rückt näher. „Nicht so nah“, sage ich. Er rückt ab, die Augen immer noch am Würfel klebend. Im Geiste sage ich meine Lösungzüge und Eselsbrücken. „Wagen biegt um die Ecke, Koffernraum geht auf, Wagen fährt zurück, Kofferraum geht zu.“ Eine Minute später ist der Würfel gelöst. Lukas greift ihn sich wieder, schaut auf den Würfel, dreht hin, dreht her. „Wie geht das? Kannst du mir das zeigen?“ Die Faszination des Jungen für den Rubik Cube ist nicht zu übersehen. Wir drehen, ich zeige ihm die ersten Züge, er probiert, ist hochkonzentriert, aber vergesslich. Immer wieder beginnen wir von vorne, immer wieder gebe ich Tipps und Hilfestellung. Irgendwann öffnet sich die Bürotür. Der Philosoph und die Mutter stehen im Raum. Lukas bittet mich, den Würfel noch einmal zu lösen, bevor er geht. Und fragt, ob er nächstes Mal wiederkommen darf.

Platon

Ich bin nun sehr gespannt, ob es wirklich funktionieren wird. Der erste Termin wird geplant. Ich ziehe mich aus den jetzt folgenden Absprachen und Planungen ganz raus, beobachte nur aus der Ferne und stehe im Zweifelsfall schnell zur Verfügung, um gegebenenfalls wie auch immer unterstützen zu können. Doch es zeigt sich sehr schnell, dass Sophie und der Junge einen guten Zugang zueinander gefunden haben. Es erscheint tatsächlich so, als übe das sehr kontrollierte, sozial und kommunikativ wenig moduliert Verhalten Sophies einen positiven und regulierenden Einfluss auf den Jungen aus. Sophie gelingt es offenbar, die Aufmerksamkeit des Jungen über längere Phasen auf begrenzte Aktionen und Themen zu richten. Auch seine gesamte körperliche Unruhe und Anspannung scheint sich in Sophies Gegenwart deutlich zu reduzieren. Er berührt sie auch nicht. Bei mir ist er dazu im Vergleich immer sehr distanzlos, fasst mich überall an, zieht und zupft. Einige Tage später komme ich mit der Mutter wieder ins Gespräch. Sie sagt, dass ihr Sohn noch immer von Sophie schwärme und frage, wann sie wieder komme.

 
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Verfasst von - 21. Januar 2015 in Neue Wege

 

„Unfertige Menschen“ – Teil I

Platon

Im Rahmen der Familienhilfe betreue ich einen Jungen von acht Jahren und seine alleinerziehende Mutter. Obwohl der Junge nicht getestet ist, zeigt er unter anderem eine ADHS-typische Symptomatik. Der Fallbetreuerin vom Jugendamt ist neben der Arbeit mit dem Jungen auch eine Erziehungsberatung und psychische Stabilisierung der Mutter wichtig. Mir fehlt allerdings die Zeit, mich um die Mutter einerseits und den Jungen andererseits zu kümmern. Hinzu kommt, dass bei unseren bisherigen Treffen der Jungen sehr anhänglich und kaum zu steuern ist. Und wichtiger scheint auch zunächst die Mutter zu sein. Als sie mich fragt, ob ich nicht einen „Betreuer“ für ihren Sohn kennen würde, kommt mir spontan eine Idee.

Sophie

Während der Philosoph erzählt, was er sich in den Kopf gesetzt hat, kommt bei mir zunehmend Unglauben auf. Kinder – das sind kleine, unfertige Menschlein, hochgradig irrational, unberechenbar und bis zu einem gewissen Altern von einer beneidenswerten Einfachheit, die mir Probleme macht. Kinder und ich, das ist wie Feuer und Wasser. Bislang sind mir nur zwei „Gattungen“ von Kindern begegnet: Die mit großen Augen glotzenden und die, die sich hinter Mama oder Papa verstecken. Nicht, dass ich irgendwas mache oder Kindern etwas Böses will – aber irgendwie funktioniert das nicht. Umso erstaunter bin ich, als der Philosoph mich wegen eines Klienten fragt.

Sicher, die Theorie all der relevanten Themen – Kinderentwicklung, Entwicklungsstörungen, emotionale Störungen und was es nicht noch alles gibt – ist mir vertraut. Und auch das konkrete Vorgehen an sich, ja. Aber es ist ein Unterschied, ob ich jemandem erkläre, wie ein PC funktioniert oder ob ich selbst einen bauen muss.

Platon

Gegensätzlichkeit kann eine ausgleichende Wirkung haben. Eine Bezugsperson mit einer Diagnose aus dem Bereich Autismus-Spektrumstörung hat vielleicht einen ganz besonderen Zugang zu einem Kind mit einer Störung im Bereich ADHS. Und die Betreuung kann ja auch gleichzeitig mit einigen Übungen verknüpft werden. Die Bezahlung wäre auch okay, das würde alles über die Krankenkasse gehen. Und da Sophie sich aufgrund unserer Seminartätigkeit zunehmend für die Behandlung von Autismus und ADHS interessiert, denke ich natürlich gleich an sie.
Allerdings drängen sich mir die folgenden Fragen auf: Kann sie überhaupt mit Jugendlichen angemessen umgehen? Findet sie Zugang? Wie erkläre ich es der Mutter? Denn Sophie ist doch auffallend in ihrem Verhalten. Und schließlich: Wird es Sophie nicht überfordern?
Ich frage zunächst Sophie. Sie ist sofort stark interessiert, sagt ohne weiter zu überlegen zu. Auch als ich ihr meine Bedenken mitteile, ändert sie nicht ihre Meiniung. Stattdessen fragt sie, was ich denn meinen würde. Ich antworte ihr, dass ich es ihr zutraue und denke, das auch der Junge davon sehr profitieren würde.

Sophie

Nach einigem Überlegen bin ich doch bereit, einen – begleiteten – Versuch zu wagen. Denn grundsätzlich geht das in eine Richtung, die ich sowieso schon mal – in der Theorie, versteht sich – als Option für mich angepeilt habe. Hier zeigt sich vielleicht, ob das klappen kann. Da ich offiziell über die Krankenkasse abrechnen kann, bin ich auch rechtlich auf der sicheren Seite. Und wenn es schief geht, steht die Familie nicht alleine da.

Trotz allem bleibe ich skeptisch. Ein anhänglicher, lebhafter Junge ist nun nicht gerade das, was ich mir vorgestellt habe. Und ich fürchte, dass ich mich bereits am Anfang durch klare Grenzsetzung unbeliebt machen werde.

Wir vereinbaren einen Termin in der kommenden Woche. Der Philosoph erzählt mir, der Junge interessiere sich für den Weltraum und Raumschiffe. Also krame ich mein Lego-Raumschiff (USS Enterprise) hervor und hoffe, dass ich mir auf diesem Wege zumindest einige Einstiegsschwierigkeiten erspare…

 
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Verfasst von - 14. Januar 2015 in Neue Wege

 

Neue Wege – neue Seminare – Teil I

Sophie

Irgendwann war die Idee da. Mir war in den anderen Seminaren bereits aufgefallen, dass die Bereiche AD(H)S und Autismus bei den Lehrkräften und Erziehern auf sehr großes Interesse stießen. Es gab viele Fragen, teils mussten wir Diskussionen abbrechen. Und so kam der Gedanke eines komplett neuen Seminars. In meinen Augen hatte die Kombination Autismus und AD(H)S auch deswegen Sinn, weil beide Störungen häufiger verwechselt werden und laut Medizinern auch schon mal komorbid auftreten können. Von daher erscheint es mir sinnvoll, wenn wir uns nur diesen beiden Bildern in einem großen Seminar annähern und die entstehdenen Diskussionen nicht nach einer Stunde abbrechen müssen.

Platon

Die ersten Erfahrungen im Seminar waren positiv. Sophie ist als Referenten seht überzeugend, sie kommt gut an bei den Teilnehmern. Und ihr scheint es sogar recht leicht zu fallen und Spaß zu machen. Das sind die besten Voraussetzungen für den Start in das Seminargeschäft als Dozentin. Im übrigen ist mir bisher auch aufgefallen, dass bei Sophie die Teilnehmer wesentlich ruhiger sind, es also weniger Quatschereien zwischendurch gibt. Und sie gezielter und teilweise informativer auf manche Fragen antworten kann als ich.

Wir planen also ein neues Seminar. Dabei überlasse ich ihr freie Hand. Sie kann aus den bestehenden Unterlagen Folien und Beispiele entnehmen und neue hinzufügen. Wir wollen uns jetzt auf die beiden Themen Autismus und AD(H)S fokussieren, im Gegensatz zu dem bisherigen Seminar, das einen allgemeinen Überblick über psychische Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen gibt.

Sophie

Die Seminar-Gestaltung liegt in meiner Hand. Der Philosoph kümmert sich um Termine, Seminarräume, Verpflegung, das Equipment. Ich nutze die vorhandenen Folien als Grundlage, ergänze aber mit zahlreichem neuen Material. Die Herausforderung ist, beide Themen an ein Publikum zu bringen, das im günstigsten Fall Pseudo-Wissen aus den Medien hat, im ungünstigsten Fall aber nicht mal weiß, wofür Buchstaben wie ADHS stehen. Über 30 Seiten Handout kommen nachher zusammen, ein dem Thema angemessener Umfang, wie ich finde. Und der erste Seminartermin steht fest.

Platon

Kaum beschlossen legt sie schon los. Sie stellt gelegentlich einige Fragen, macht die Konzeption aber letztlich alleine. Ich vertraue ihr, daher plane ich derweil schon die Vermarktung und die Termine, ohne das Konzept in der Rohfassung gesehen zu haben. Sophie wird es mir rechtzeitig zeigen, da bin ich sicher. Und das Seminar wird gut werden, auch da bin ich mir sicher. Gespannt bin ich auf die Art und Weise unserer Co-Moderation während des neuen Seminars. Und wie es bei den Teilnehmern ankommt. Und ob es überhaupt ausreichend gebucht wird.

 
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Verfasst von - 22. November 2014 in Neue Wege

 

Alleinflug – Teil III

Sophie

Alle vier Einheiten gingen gut über die Bühne. Die Teilnehmer meldeten zurück, dass sie sich gut auf die Prüfung vorbereitet fühlen. Zumindest, was den Bereich Autismus-Spektrum-Störungen angeht. Ich denke mir, dass es dann nicht ganz so schlimm gewesen sein kann. Einige fragen an, ob sie mich später im beruflichen Alltag einmal kontaktieren könnten, wenn noch spezifische Fragen auftauchen. Meine Zustimmung haben sie.

Auch die Abschlussbewertung ist gut. Die erstaunt mich sogar. Denn ich habe auf sämtliche Spielchen wie Stuhlkreise, Selbsterfahrungstripps, buntes Tücherwedeln und was es nicht noch alles gab, verzichtet. Trotzdem bin ich in der Gesamtwertung an einigen alteingesessenen Dozenten vorbeigezogen. Und soll damit an der Abschlussbesprechung teilnehmen. Was mir gar nicht behagt.

In dem kleinen Raum stehen Kaffee und Kuchen. Ernste Gespräche in „gemütlichem Ambiente“. Na danke. Vier weitere Dozenten sind da, außerdem einige Schulleiter der Schulen, an denen künftig die Integrationsassistenten tätig werden könnten. Auf meinem Platz liegt ein Zettel mit Fotos jedes einzelnen Teilnehmers. Ich bin irritiert. Sehr sogar. Am Tisch wird geschnattert und geplappert, Kuchen und Kaffee lehne ich ab. Als es dann ins Thema geht, wird mir klar, worum es bei der Abschlussbesprechung geht: Jeder Teilnehmer, der die Prüfung bestanden hat, wird im Einzelnen besprochen. Und das Gremium entscheidet, ob er trotz bestandener Prüfung für den Einsatz zugelassen wird. Formale Kriterien: keine. Eine Zulassung braucht die Zustimmung aller anwesenden Dozenten. Ich fühle mich seltsam. Das, was ich höre, erscheint mir nicht immer fachlich fundiert, sondern persönlich motiviert. Häufig scheinen Sympathie und Antipathie mehr eine Rolle zu spielen als eine wirkliche Eignung. „Frau Müller hat mich zweimal ziemlich angeblafft. So ein Verhalten geht gar nicht, da fehlt echt was in der Erziehung. Von mir bekommt sie ein Nein.“ Daumen hoch, Daumen runter. Ich habe das Bild eines römischen Cäsaren vor mir, der in der Arena über das weitere Schicksal des Probanten entscheidet.

Platon

Bei unserem ersten Treffen mit Sophie nach dem Seminar bin ich gespannt auf ihren Bericht. Sophie erzählt in ihrer Art und Weise sachlich die Abläufe und ihre Einschätzung. Bei einigen Dingen ist sie unsicher. Ich meine trotz der Sachlichkeit zumindest einen Anflug von Stolz und Zufriedenheit in ihrem Gesicht zu sehen. Und ich gebe ihr auch davon unabhängig zu verstehen, dass ich ihre Leistung sehr hoch einschätze und ihr meinen Respekt zolle.

Neben der erfolgreichen Dozententätigkeit von Sophie beobachte ich eine weitere positive Entwicklung. Sophie hat eine Reihe weiterer Kontakte in der Institution, die offenbar funktionieren. So führt sie regelmäßig Gespräche mit der koordinierenden Assistentin der Geschäftsleitung im Rahmen von organisatorischen Abstimmungen und inhaltlichen Konzepten. Sie scheint dort sehr gut anzukommen, denn weitere Projekte werden offenbar in Aussicht gestellt.

Sophie

Die Bilder helfen mir, die Personen den Namen zuzuordnen. Gleichzeitig sehe ich gerade eine große Verantwortung in meinen Händen. Ich weiß, dass alle Teilnehmer der Schulung Hartz IV beziehen. Und plötzlich ist es mit meine Entscheidung, ob diese Leute in diesem Bereich eine berufliche Zukunft haben können oder nicht. Einfach so. Erst vor wenigen Wochen war ich eine kleine Angestellte, die nach der Probezeit gekündigt hat. Heute diese Entscheidungen. Ich möchte das so eigentlich nicht. Ich bin plötzlich mit Lebensgeschichten konfrontiert, die biografischen Stationen der Teilnehmer, die ich bis dato nicht kannte, werden auseinandergenommen, im Lichte des Plenums ausgebreitet, analysiert, kommentiert. Und daraus Rückschlüsse gezogen, die ich nicht immer nachvollziehbar und auch nicht immer für korrekt halte. Ich fühle mich zunehmend unwohl.

Nur zweimal melde ich mich zu Wort. Eine Teilnehmerin bekommt eine Einschränkung bezüglich des Gebietes Autismus-Spektrum-Störungen, weil sie thematisch in einem Bereich involviert ist und dort hochemotional reagiert, dies halte ich für nachvollziehbar, aber im schulischen Alltag nicht hilfreich für die betreffenden Kinder. Eine generelle Eignung spreche ich ihr deswegen aber nicht ab.

Eine einzige Teilnehmerin bekommt mein Nein. Sie hatte mehrfach geäußert, dass bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten ein paar deftige Griffe schon ausreichen würden, um da Grenzen zu setzen. „Einmal eine gescheuert und die mucken nicht mehr auf. Da darf man nur nicht zimperlich sein.“ Niemand stellt meine Begründung in Frage. Auch andere Dozenten berichten davon, dass sie öfter auf Einsatz von Gewalt verwiesen hat, um Situationen in den Griff zu bekommen. Mir ist nicht klar, warum man sie überhaupt bis zur Prüfung hat kommen lassen. Es wäre fair gewesen, wenn die Verantwortlichen ihr nach den ersten Wochen mitgeteilt hätten, dass diese Umschulung wohl der falsche Weg ist. Denn ich glaube, dass eine Arbeit mit Kindern weder den Kindern noch der Teilnehmerin gut tun würde. Dass das sogar eskalieren könnte und Menschen dabei zu Schaden kommen. Trotzdem fühle ich mich schlecht, als ich mein negatives Votum abgebe. Und damit entscheide, dass diese Frau in naher Zukunft keine Anstellung bekommen wird.

Platon

Zudem erfährt Sophie plötzlich eine Form der Wertschätzung, die sie nicht gewohnt ist. Sie wird um Rat gefragt, ihre Meinung ist plötzlich wichtig. So ist zum Beispiel ihr Votum im Rahmen der Gesamtbewertung entscheidend dafür, ob die Teilnehmer ihres Seminars als Unterrichtsbegleiter eingesetzt werden oder nicht. Einerseits überfordert sie diese plötzliche Verantwortung, andererseits sind diese Erfahrungen für sie ein weitere Schritt bei der Integration in gesellschaftliche Abläufe. Ich habe den Eindruck, dass Sophie von dieser ganzen Entwicklung deutlich profitiert und sich weiter entwickelt.

 
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Verfasst von - 29. Oktober 2014 in Neue Wege

 

Alleinflug – Teil II

Sophie

Ich mache es wirklich. Mit Laptop und Konzept stehe ich bereits eine Stunde vor Beginn im Schulungsraum. Nein, den Bildungseinrichtungs-PC will ich nicht benutzen, ich nehme meinen eigenen. Alles in meiner Hand. Alles bekannt. Während die Teilnehmer eintreffen, werfe ich einen Blick in das Schulungsprogramm und bin irritiert. Mir war nicht bewusst, dass man innerhalb von drei Monaten in einer Art Crashkurs eine qualifizierte Ausbildung zum Integrationsassistenten bekommen kann. Und wenn ich mir das hier so ansehe, dann ist dem auch nicht so. Auch halte ich das Vorgehen, Leute „zwangsumzuschulen“, gerade für diese Aufgabe nicht für richtig. Als Integrationsassistent trägt man in meinen Augen eine große Verantwortung. Da einfach „irgendwen“ ranzusetzen unter Androhung von Bezugskürzungen – ich weiß nicht, ob das a) die richtige Motivation und b) das entsprechende Know-How mit sich bringt. Aber gut – ich werde es ja sehen. Der Raum füllt sich zusehend. Ich bekomme noch die Teilnehmerliste und das Klassenbuch gereicht. Auf dem einen Bogen muss ich abhaken, auf dem zweiten müssen die Teilnehmer unterschreiben, im dritten muss ich was eintragen. Oh je.

Platon

Sophie wird es wirklich versuchen. Ich bin irgendwie beeindruckt. Denke aber auch, dass sie vielleicht ins offene Messer läuft und das Seminar ein Desaster wird. Andererseits bewundereich ihren Mut. Und sie sollte es auf jeden Fall versuchen. Ich kenne zwar die Institution, für die sie das Seminar macht, sehr gut. Habe aber keinerlei Kontakte zum dem Bereich, in dem diese Art der Seminare durchgeführt werden. Einen Moment überlege ich, ob ich in irgendeiner Form unterstützend eingreifen sollte. Ob ich das Sophie vorschlagen soll. Doch ich verwerfe diesen Gedanken schnell. Es soll ihr Ding sein. Im Erfolg und im Misserfolg.

Sophie

Den Teilnehmern raucht der Kopf. Ich habe mich entschlossen, erst einmal einen breitgefächerten, oberflächlichen Überblick über das Thema zu geben, bevor wir dann in den kommenden 15 Stunden die einzelnen Bereiche inhaltlich vertiefen. So sehen die Leute einmal die Breite des Themas, zum anderen können sie dann bei der Vertiefung die Lerninhalte mit dem bereits gegebenen Überblick verknüpfen. Zumindest in meiner Theorie.

Eine der Teilnehmerinnen stellt ziemlich seltsame Fragen. Ob Autisten eigentlich einen Tinnitus schlimmer finden als Nicht-Autisten, weil sie ja geräuschempfindlicher sind, beispielsweise. Links von mir murmelt jemand: „So ein Schwachsinn!“, ich kann aber nicht einordnen, ob sich das auf die Frage oder mein Thema generell bezieht. Links beschließe ich zu ignorieren, die Frage selbst versuche ich, angemessen zu beantworten, ohne zu offenkundig werden zu lassen, dass die Frage an sich bereits einen signifikanten logischen Fehlschluss beinhaltet.

Die fünf Stunden gehen schneller herum als erwartet. Ohne Zwischenfälle. Die Gruppe war ruhig, stellte viele Fragen, nach der großen Pause stellte ich einen Leistungseinbruch fest, der etwa zwanzig Minuten andauerte – das muss ich beim nächsten Mal einplanen. Eine der Teilnehmerinnen sprach mich später noch an, sie ist Mutter einer frühkindlichen autistischen Tochter. Im Weggehen meint sie, dass es toll sei, wie ich die Provokationen einer Teilnehmerin habe ins Leere laufen lassen – bei anderen Dozenten gäbe das immer heftige Wortgefechte. Sie verschwindet und ich bleibe irritiert zurück. Ich fühlte mich zu keinem Zeitpunkt von irgendjemandem provoziert. Ich kann mir nicht mal vorstellen, welche Teilnehmerin sie eigentlich meinte – die Namen habe ich mir nämlich nicht gemerkt.

Platon

So wie ich es jetzt beurteilen kann, hat sie alles alleine gemacht. Ich kann es mir aber nur schwer vorstellen, wie sie mit diesen „bunt“ zusammengesetzten Teilnehmern klarkommt. Und was ist, wenn eine oder mehr Krawallbürsten dabei sind? Wie kann sie sich räumlich orientieren? Wie kann sie die  Stimmung im Seminar wahrnehmen? Wie wird ihr Timing sein, also das Einhalten der Zeiten bei den einzelnen Themenblöcken? Wie wird sie mit kritischen Fragen und Beiträgen umgehen?  Wird sie alles verstehen? Was macht sie in den Pausen? Ich bin gespannt auf ihren Bericht, wenn sie fertig ist. Am liebsten würde ich mich allerdings unter die Teilnehmer mischen…

 
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Verfasst von - 25. Oktober 2014 in Neue Wege

 

Alleinflug

Sophie

„Kannst du das nicht machen?“ Die Frage erwischt mich vollkommen unvorbereitet. Ich stehe in einem der Büros einer großen Bildungsinstitution und wollte eigentlich nur etwas abgeben. Direkt neben mir findet ein Gespräch statt, über die Integrationsassistenten, die Schüler im Unterricht begleiten sollen. Diese werden hier ausgebildet und bislang lief der fünfstündige Ausbildungsblock über Autismus über das Autismus-Therapie-Zentrum. Und die wollen nicht mehr, glaubt zumindest die Dame im Büro. Ich weise darauf hin, dass die ATZs komplett überlaufen seien und den Mitarbeitern wohl schlicht die Zeit für externe Schulungen fehle. Das sei doch kein Ding, da mal ein paar Sachen zu Autismus zu erzählen, moniert die Dame. Ich möchte sie aufklären, dass es mit „ein paar Sachen“ nicht getan ist und erläutere ihr ausführlich, welche Dimensionen die Thematik hat. Irgendwann fällt sie mir ins Wort: „Kannst du das nicht machen?“ Ich bin völlig überrumpelt. „Das hier wäre der Dozentenvertrag und du scheinst ja Ahnung zu haben. Dann machen wir den Block auf 20 Stunden, nicht auf fünf. Toll, freut mich. Willkommen im Team.“ – Okay. SO war das definitiv nicht beabsichtigt. Ganz und gar nicht. Mit dem Dozentenvertrag in der Hand verlasse ich die Bildungseinrichtung. In zwei Wochen ist die erste Unterrichtseinheit.

Platon

Sophie berichtet beiläufig, dass sie nun die I-Helfer schulen wird. Ich schaue sie etwas ratsuchend und ungläubig an. „Sie schulen die Unterrichtsbegleiter für die Schulen des Landkreises zum Thema Autismus?“ frage ich hoch erstaunt. Sie bestätigt kurz und knapp: „Ja“. Ich frage jetzt nach: „Sie alleine? In welchem Rahmen? Wie sind Sie daran gekommen?“. Ich bin gespannt auf die Antworten:  „Ja, ich alleine, das werden etwa 20 Teilnehmer sein, das Seminar ist an vier Tagen für jeweils fünf Stunden geplant. Ich wurde von der Sekretärin in der Einrichtung darauf angesprochen.“ Ich bin platt und beeindruckt. Und skeptisch. Sehr skeptisch.

Sophie

Der Philosoph ist skeptisch. Ich erzählte ihm von dem Vertrag, unschlüssig darüber, ob das eine gute Sache ist oder in einer Katastrophe endet. Ich werde den Eindruck nicht los, dass der Philosoph mit Letzterem rechnet. Er bietet mir an, meine Unterlagen durchzugehen. Ich habe keine. Druckse und winde mich ein wenig, denn das Seminar ist in zwei Tagen. Eine Präsentation habe ich im Kopf, aber noch nicht vorbereitet. Ich weiß zudem nicht, welchen Stand die Teilnehmer in der Ausbildung mitbringen. Angeblich kommen diese von der Agentur für Arbeit, müssten diese Umschulung machen, um die Leistungen nicht gekürzt zu bekommen. „Ganz niedriges Niveau“, hieß es in der Bildungseinrichtung. Ich kann damit nichts anfangen. Wissen hat für mich kein Niveau. Entweder es ist da oder es ist nicht da.

Der Philosoph befürchtet, dass Krawallmacher dabei sein werden. Die den Kurs sprengen wollen, schon aus Prinzip. Zumal die Teilnehmer alle wohl wesentlich älter als ich sein werden. Ich frage mich, was wohl passieren wird, wenn ich – die teils für 16 gehalten wird – da auftauche und denen irgendwas erzählen möchte, von dem ich selbst nicht sicher bin, ob ich da wirklich eine „Fachkraft“ in eigentlichen Sinne bin. Und ich habe das Gefühl, dass der Philosoph sich mit seiner wirklichen Einschätzung der Situation noch sehr zurückhält. Aber zurück kann ich auch nicht mehr. Die erste Ausbildungseinheit steht ja kurz bevor…

Platon

Ich habe mit Sophie ja schon ein Seminar in Co-Moderation durchgeführt. Sie kann das prinzipiell. Aber ganz alleine? Das traue ich ihr nicht zu. Zumindest nicht voll und ganz. Fachlich schon. Natürlich. Aber organisatorisch? Und wenn es schwierige Teilnehmer gibt? Ich bin sehr sehr skeptisch. Ich überlege, ob ich es ihr sagen soll. Oder ob ich ihr Hilfe anbieten soll. Ich entscheide mich für Letzteres. Ich biete meine Unterstützung an, sogar, dass ich zu Beginn mit dabei sein könnte. Sie lehnt ab. Das wäre wohl nicht erforderlich. Und ich denke, dass sie Recht hat, denn es macht nur Sinn, wenn sie allein diese Aufgabe bewältigt. Wenn ich dabei wäre, dann wäre es nicht mehr ihr Seminar. Sie soll es versuchen. Und ich bin ganz ehrlich: Ich gebe ihr eine fifty-fifty-Chance, dass es ihr gelingt. Wenn es klappt, ist es für Sophie ein Meilenstein. Wenn nicht, dann lediglich ein gescheiterter Versuch, der nicht weiter ins Gewicht fallen sollte. So bewerte ich die ganze Sache..

Ich biete ihr noch Unterstützung bei den Seminarunterlagen an. Sophie lehnt ab. Ich bin jetzt sehr gespannt…

 

 
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Verfasst von - 22. Oktober 2014 in Neue Wege

 

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Startschwierigkeiten

Sophie

Auf meinem Schreibtisch liegt ein Stapel Papier, den ich bereits einige Tage konsequent zu ignorieren versuche. Leider geht das auf Dauer nicht.Die berufliche Situation ist immer noch unklar und nach einigen teils halbherzigen, teils panischen Bewerbungen in ganz Deutschland kristallisiert sich für mich zunehemnd ein Gedanke heraus: Ich möchte im Moment eigentlich nicht schon wieder weg. Nicht erneut alles in Kisten packen, eine Wohnung suchen und quer durch die Republik fahren. Ich möchte ankommen. Hier. Und jetzt. Ich glaube nicht, dass der Wunsch zu früh kommt.

Beruflich heißt das aber bei der Region vor allem eines: Entweder schaffe ich es alleine oder gar nicht. Auf meinem Schreibtisch stapelt sich das, was ich wissen und ausfüllen muss. Businessplan zur Beantragung eines Gründungszuschuss. Antrag auf Arbeitslosengeld für einen Tag (um dann Anrecht auf einen Gründungszuschuss zu haben). Finanzierungs- und Rentabilitätsvorschau. Fragebogen des Finanzamtes zu meiner selbstständigen Tätigkeit. Und ein viel zu großes Fragezeichen, ob ich nicht komplett den Verstand verloren habe, indem ich glaube, dass ich hier am Rande Deutschlands eine Auftragslage finde, die mir ein Überleben ermöglicht. Von meinem Können ganz abgesehen. Aber eine andere Möglichkeit sehe ich gerade nicht. Ich wollte immer selbstständig sein, irgendwann, in zehn, fünfzehn Jahren. Nun muss ich es werden. Früher, als ich dachte. Viel früher.

Platon

Sophie möchte sich selbstständig machen. Selbst bestimmen, was sie wann mit wem macht. Ihren eigenen Rhythmus finden. Ihren Weg, ihre Nische finden. Ich finde das gut. Vermutlich ist es eine der wenigen machbaren Optionen. Eine Alternative zu einer sozialversicherungspflichtigen Anstellung gibt es zurzeit wohl nicht. Und ich meine auch bei Sophie einen gewissen Ehrgeiz und eine Jetzt-erst-Recht-Haltung zu beobachten. Neben der ganzen Skepsis, den Versagensängsten, dem hartnäckigen Glauben an der eigenen Unfähigkeit. Ich bin da etwas gelassener. Sie hat bereits Auftraggeber. Und mit etwas Geduld und Vertrauen in Übergangslösungen hat sie sogar Anspruch auf einen Gründungszuschuss von der Agentur für Arbeit.

Doch das setzt alles viel Bürokratie voraus. Es müssen Telefonate geführt werden. Gespräche in der Agentur für Arbeit, bei anderen Institutionen. Sie wird von mehreren Personen beraten, hier gilt es dann nicht die Übersicht zu verlieren. Etliche Formulare und Anträge müssen ausgefüllt werden. Fristen dürfen nicht verstreichen. Konzepte der Tragfähigkeit müssen entwickelt werden. Und und und.

Sophie

Immer wieder schaue ich auf die Fristen der nicht ausgefüllten Unterlagen. Müsste in der Agentur anrufen, einen Termin vereinbaren. Über einen Mann, Herrn Stein, der junge Journalisten bei dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützt, bekam ich eine lange To-Do-Liste. Was ich bis wann bei wem wie beantragt haben muss. Bögen für die Krankenversicherung hier. Tabellarischer Finanzplan dort. Widerspruch einlegen hier. Herr Stein hat schon fast 1000 Menschen begleitet. Trotzdem verliert er bei mir manchmal die Geduld. Ich schicke ihm die falschen Bögen, die Zahlen im Plan stimmen nicht, ich verstehe teils seine Aufforderungen nicht und sitze mit einem großen Fragezeichen vor seinen Mails. Wenn ich nicht mal in der Lage bin, so etwas zu verstehen, sollte ich mich dann nicht doch lieber für Hartz IV entscheiden? Oder für eine Frühverentung, wie es mir der Berater der Agentur für Arbeit nahegelegt hat?

Irgendwann stehe ich am Rande der Verzweiflung mit einem ganzen Stapel an Papieren beim Philosophen vor der Tür. Ich kapiere es einfach nicht. Die Fragen sind so unlogisch, so ungenau, so… bescheuert. Der Drang, den ganzen Papierkram im Ofen zu verbrennen, ist groß. Ich sehe es schon kommen. Das klappt nie. Das kann einfach nicht funktionieren!

Platon

Sophie schwankt zwischenzeitlich zwischen Galgenhumor, totaler Depression und akuten Fluchtgedanken. Alles droht ihr zu viel zu werden. Doch ich bin guten Mutes, versuche Sophie einerseits die Lästigkeit dieser Prozedur schönzureden, andererseits sehe ich die Dinge tatsächlich weniger dramatisch, sogar insgesamt sehr erfolgversprechend.

Es soll ihre Entscheidung sein. Und so lässt sich Sophie schließlich auf den ganzen Prozess ein. Ich bemerke, dass es für sie sehr schwer ist, fast unerträglich. Diese Ungewissheit, diese nicht bis zuletzt planbare Situation. Die existenziellen Sorgen. Die Angst vorm endgültigen Scheitern, vor der Bankrotterklärung zum selbstbestimmten Leben. Andererseits sieht sie eine Perspektive, ein Ziel, eine vielleicht letzte Möglichkeit, endlich anzukommen. Und sie ist nicht alleine auf diesem Weg.

 
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Verfasst von - 18. Oktober 2014 in Neue Wege

 

Das Seminar – Teil IV

Sophie

Im Geiste habe ich mich bereits von meinem Konzept verabschiedet. Ich habe keine Chance, das irgendwie durchzuziehen, zu schnell, zu durcheinander, zu spezifisch sind die Fragen. Gab es vorher eine aufmerksame Gruppe, die vor allem zuhörte und Zwischenfragen stellte, so habe ich nun einen Pulk Menschen vor mir, der es gar nicht erwartet kann, die nächste und nächste und nächste Frage zu stellen. Nur eine ist ruhig – die Lehrerin zu meiner Linken. Seit ich mit meinem Part angefangen habe, kam von ihr nichts mehr. Keine Wortmeldung, kein Ratschlag, keine süffisanten Hinweise. Sie schweigt. Die Pädagogen fangen an, eigene Beispiele aus dem Unterricht einzubringen von Verhaltensweisen von Schülern, die sie nicht nachvollziehen können. Eine Pauschalantwort habe ich natürlich nicht, auch wenn einige das erwarten. Das mache ich auch immer wieder deutlich. Ich kann ohne Hintergründe nur vermuten, in welche Richtung welches als problematisch wahrgenommenes Verhalten geht. Aber es scheint, dass meine Vermutungen schon in ganz andere Denkrichtungen gehen als das, was die Lehrkräfte sich als Erklärung zurecht gelegt haben. Wo sie bislang Provokationen durch den Schüler sahen, würde ich im Bereich akustischer oder taktiler Überempfindlichkeit nachforschen. Wo sie blindwütige, nicht vorhersehbare Aggression wittern, würde ich eher einen Overload vermuten. Wo sie Zwänge sehen, sehe ich beruhigende, wiederkehrende Muster ohne Angst-Zwangs-Dynamik. Und wo sie Gespräche mit Eltern, Therapeuten, Sozialpädagogen suchen wollen, bitte ich sie, doch einfach mal als erstes mit den betreffenden Schülern zu sprechen.

Platon

Ich war schon bei sehr vielen Seminaren in verantwortlicher Funktion dabei. Ich kann sehr schnell erkennen, ob die Teilnehmer im „Bann“ des Dozenten stehen und letztlich mit vielen positiven Eindrücken und Seminarbewertungen nach Hause gehen. Sophie scheint dies gerade zu gelingen. Die Teilnehmmerinnen stellen immer mehr Fragen. Sophies Antworten sind richtig gut, teilweise faszinierend für die Anwesenden. Wir entwickeln zusehends eine recht lockere Doppelmoderation, wechseln uns ab. Beim Thema Autismus ist Sophie diejenige, die die Richtung angibt. Ich ergänze gelegentlich.

Sophie nimmt nicht an der Mittagspause teil. Ich gehe mit dem ganzen Tross in ein nahe gelegenes Restaurant. Schon auf dem Weg dorthin werde ich von einigen Teilnehmerinnen auf Sophie angesprochen. Wie toll sie das  machen würde. Wie mutig sie sei. Welch eine großartige Erfahrung dieses Seminar sei, da alles direkt aus erster Hand vermittelt wird, so klar, so unglaublich, aber auch so witzig und locker. Auch der Übergang von mir wird angesprochen, meine überraschende Überleitung zu Sophie als anwesendes „Fallbeispiel“. Einige sagen ehrlicherweise, dass sie Sophie bis dahin als komisch und abweisend wahrgenommen hätten. Eine sagt, sie dachte erst, Sophie hätte die ganze Nacht zuvor durchgefeiert, weil sie so „abgewirtschaftet“ gewirkt hätte.

Sophie

Zur Mittagspause verschwindet die Gruppe in ein Restaurant. Ich bleibe im Raum, um einige Minuten meine Ruhe zu haben. Ich merke, wie sich die Anstrengung wie ein bleierner Ring um meinen Kopf legt. Zum einen rede ich selten so viel am Stück. Zum anderen ist die Gruppe groß und ich habe Schwierigkeiten, mich auf meine Inhalte zu konzentrieren, wenn ich gleichzeitig noch erkennen muss, ob das im Plenum gerade eine Wortmeldung oder doch nur ein Armstrecken ist. Hier zeigt sich wohl der Vorteil, dass ich nicht alleine bin und ich mich auf die Reaktionsschnelligkeit des Philosophen verlassen kann. Dazu kommt, dass in meinem Hinterkopf immer noch die Gefahr einer „Krawallschachtel“ präsent ist – es gibt immer Menschen, die ein Seminar nur besuchen, um es zu stören, um Terror zu machen, um die Veranstaltung zu sprengen. Mit einer Gruppe wie dieser kann ich gut umgehen, es läuft alles glatt. Aber es ist gut, dass ich das nicht alleine mache.

Ich höre die Gruppe im Treppenhaus, sie kommen zurück. Laut schnatternd wie eine Gruppe Gänse schieben sie sich in den Raum. Ich verkrümel mich wieder hinter meinen PC, möchte nicht angesprochen werden. Nicht so.

Der zweite Teil des Seminars startet, bis in den Nachmittag hinein, diesmal ist wieder der Philosoph federführend. ADHS, Störungen des Sozialverhaltens und Schulverweigerung. Die Teilnehmer müssen anschließend noch ein Feedback geben, anonym und schriftlich. Ich kann nicht einschätzen, ob das Seminar durchschnittlich gelaufen ist oder nicht. Ich weiß noch nicht, wo die Fallstricke liegen und hoffe, dass ich handfeste Vorschläge zur Verbesserung bekomme. Damit alles beim nächsten Mal perfekt ist. Falls es ein nächstes Mal gibt…

Platon

Das Seminar ist ein Erfolg. Die Teilnehmerinnen geben sehr gute Bewertungen ab. In der Nachbesprechung merke ich, dass es Sophie schwer fällt, ihre eigene Leistung zu bewerten. Ich sage ihr, dass es ein Erfolg war. Und sie fragt nach sachlichen Erklärungen dafür. Ich merke aber auch, dasss es Sophie Spaß gemacht hat. Zumindest vermute ich das.

Sie ist aber auch sehr erschöpft am Ende  des Tages. Da Sophie aber nach weiteren Terminen fragt und schon gleich Verbesserungsvorschläge macht, weiss ich auch, dass es Sophie wohl gerne zukünftig die gemeinsame Seminararbeit ausbauen würde. Ich auch.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 11. Oktober 2014 in Neue Wege