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Archiv der Kategorie: Die zweite Sitzung

Die zweite Sitzung – brieflicher Nachklapp

Platon:

„Hallo Sophie,

ich bitte Sie, mir kurz und spontan jeweils fünf Dinge zu nennen, die Sie an der heutigen Sitzung gut bzw. schlecht fanden.

Bitte antworten Sie innerhalb von 15 Minuten, nachdem Sie diese Email gelesen haben (also nicht zu lange überlegen).

Grüße

Platon“

Sophie:

„Hallo Platon,

fünf Dinge, die ich an der heutigen Sitzung gut fand:

1. Die Rückbezüge auf meine Emails. So war für mich recht schnell zu erkennen, worauf Sie hinauswollen.

2. Ihr aufgeräumter Schreibtisch. Das lenkt weniger ab.

3. Die Freiheit, die Dinge so sagen zu können, wie ich sie denke. Das erspart mir das mühsame Suchen nach „angemessenen“ Formulierungen ­ auch wenn ich mich noch daran gewöhnen muss, dass es wirklich nicht falsch aufgefasst wird.

4. Die fehlende Hektik in der Gesprächssituation. Die auch Ihrerseits zugelassenen Pausen haben die Sitzung ruhiger gemacht. Normalerweise erlebe ich Gespräche weit konfuser und hektischer.

5. Und wichtig: Das Feedback, das Sie mir geben. So erhalte ich eine Rückmeldung, was warum wie von anderen als irritierend empfunden wird und bekomme einen Blick auf die Außenwahrnehmung.

 Fünf Dinge, die ich an der heutigen Sitzung schlecht fand:

1. Ihr Schreibtischstuhl stand leider vor dem Glas mit den Muscheln. Eine der Muscheln ist einer meiner Fixpunkte im Raum.

2. Der Verkehr vor dem Fenster. Besonders die LKW sind auffallend und störend. Kann man aber wohl nicht ändern.

3. Zwischendurch fehlte mir der sprichwörtliche rote Faden. Ich wusste nicht, welche Zielpunkte Sie mit einigen Fragen ansteuern wollten. Oder ob es diese Zielpunkte überhaupt gab.

4. Thematisch fand ich das Thema Essen und andere Menschen (und deren Aussehen) schwierig. Wahrscheinlich, weil ich zumindest zu Ersterem schon einige Diskussionen hatte und mir zu Zweiterem noch nie wirklich Gedanken gemacht habe. Wobei hier zu differenzieren ist: Ich fand es nicht „schlecht“, sondern einfach schwierig.

5. Fällt mir „spontan“ im Rahmen der 15 Minuten nichts ein.

Mit lieben Grüßen

Sophie

P.S. Auch auf die Gefahr, mich jetzt zu blamieren ­ ich warte dann wieder Ihre Reaktion ab?“

Platon:

„Danke!“

 

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Die zweite Sitzung – Teil III

Sophie:

Irgendwie fehlt der rote Faden. Ich komme dem Gespräch nicht hinterher. Zu sprunghaft. Die Wechsel sind nicht vorhersehbar, willkürlich. Mal geht er auf die Emails ein, dann wieder auf das Thema Essen, dann auf Berührungen. Strukturlos. In meinem Hinterkopf macht sich ein dumpfer Druck breit, ich merke, dass meine Konzentration nachlässt. Der Philosoph ist anstrengend. Die Straße vor dem Fenster scheint immer lauter, immer unruhiger zu werden. Manchmal blenden die Scheinwerfer der Autos. Draußen reden Leute. Das Telefon klingelt. Ich erschrecke.

Platon:

Sie hat Humor. Sie hat häufiger gelächelt. Ich habe den Eindruck, dass die Art von Annäherung, die wir gerade vollziehen, auch für sie neu ist.

Ich sage ihr, dass ich wie ein Trainingspartner sei. An mir könne sie sich und neue Techniken ausprobieren. Sie bekomme von mir immer ein Feedback. Bei mir gebe es keine sozialen Sanktionen. Sie könne auch Fragen stellen. All die Fragen, die vielleicht in den letzten Jahrzehnten nicht gestellt wurden.

Sophie:

Die Sitzung ist zu Ende. Sie schien lang gedauert zu haben, ich weiß es aber nicht genau. Es ist dunkel draußen, angenehm dunkel. Ich würde gerne rausgehen, muss aber die Verabschiedung hinter mich bringen. Wieder weiß ich nicht, wie ich vorgehen muss. Wie der Anschluss zu finden ist. Ob es überhaupt einen gibt. Die Briefe, die Emails sind einfacher. Das sage ich ihm auch. Er lässt die Möglichkeit offen, möchte, dass ich mich melde. Aber ich weiß nicht, was ich ihm schreiben soll, wenn er nichts fragt. Ich weiß nicht, was wichtig ist. Was er wissen muss. Ich suche den sozialen Fahrplan, damit ich verstehe, welche Informationen er von mir braucht. Und welche ich ihm überhaupt geben darf.

Ich bin müde.

Platon:

Ich bin unsicher, ob der bis jetzt überdurchschnittlich umfangreiche Email­kontakt für sie zu viel ist, zu sehr in ihre Welt eindringt, stört. Ich sage ihr, dass ich ihr den Umfang der Email­Kommunikation überlasse, selbst vielleicht erst mal eine Pause mache. Sie reagiert, ich kann aber die Bedeutung  nicht genau erkennen. Die Unsicherheit bleibt.

Jetzt kommt wieder die Verabschiedung. Ich muss die einzelnen Schritte der Beendigung des Besuchs deutlich einleiten. Begleite sie bis vor die Tür. Sie sagt „Tschüss“, dreht sich um, zögert etwas in ihrer Bewegung, dreht sich nochmals halb zu mir zurück: „Sie können ruhig weiter Emails schreiben“. „Ja, okay.“

Dann geht sie.

 
 

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Die zweite Sitzung – Teil II

Sophie:

Wieder ist das Thema der Blickkontakt. „Wissen Sie eigentlich, wie ich aussehe?“ Was will er denn jetzt? Draußen rauschen die Autos vorbei, rumpeln über das Kopfsteinpflaster. Hinter mir gluckern die Fische im Aquarium. Manchmal kommen sie an den Wasserrand und es gibt ein blubberndes Geräusch.

Menschen. Er will über Menschen reden. Über ihr Aussehen. Der Philosoph bringt mir ein Bild. Ein Teppich, darauf ein Hund und ein Mensch. Ein Mensch mit kleinen Händen. Ein Kind. Auf den ersten Blick könnte ich nicht sagen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Aber ein Kind. Da ist auch eine Zahnlücke. Die hat der Philosoph selbst noch gar nicht gesehen. Verrückt. Dabei hängt das Bild doch in seinem Büro an der Wand.

Nein, ich weiß nicht, wie er aussieht. Ich weiß, welche Kleidung er trägt, welche Brille (wenn er sie nicht gerade selbst sucht) und was für Schuhe. In diesem Praxis-Kontext weiß ich, dass er es ist. In der Innenstadt wüsste ich es nicht. Ich erkenne Leute häufig nicht wieder. In dem Moment, in dem ich sie nicht mehr sehe, verschwinden sie auch aus meinem Gedächtnis. Ich weiß, was sie gesagt und getragen haben. Aber wie sie „aussehen“, das weiß ich nicht. Fehlt ein wichtiges Detail, erkenne ich selbst Verwandte nicht mehr wieder.

Platon:

Ich spreche mit ihr über Menschen, über Äußerlichkeiten. Darüber habe sie sich so noch keine Gedanken gemacht. Es ist wohl nicht ihr Lieblingsthema. Genauso wie ihr Essverhalten. Das hätte schon immer zu langen Diskussionen geführt. Ich frage trotzdem nach. Mich interessiert in erster Linie, ob eventuell Mangelerscheinungen möglich sind, durch einseitiges essen. Sie isst einseitig, sehr einseitig. Ihr scheint die Problematik einer möglichen Fehlernährung nicht bewusst zu sein.

Ich stelle Fragen, sehr viele Fragen. Zu viele? Ich gehe mit ihr die letzten Emails durch, hatte mir einige Stellen markiert. Frage sie, ob sie Gesichter erkennen kann, ob sie ihren Chef auf der Straße erkennen würde. Sie sagt: „Wohl nicht.“ Eher an den Kleidern, dem Stil, der Art zugehen, der Stimme. Ich nehme ein Bild im Büro von der Wand, frage sie, was darauf zu sehen ist. Ein Hund und wohl ein Mädchen, wegen der Hände, und der Zahnlücke.

Sophie:

Abrupt wechselt der Philosoph das Thema. Will wissen, was ich esse. Wie ich esse. Ich mag das Thema nicht. Erzähle von meinen Nudeln. Und dem Spinat. Und den grünen Äpfeln. Ein bestimmtes Grün müssen sie haben, müssen „richtig“ sein. „Wie essen Sie die Äpfel?“, will er von mir wissen. „Mit dem Mund“, gebe ich zur Antwort. Während ich mich noch über die seltsame Frage wundere und mich frage, ob ich ausführlicher ins Detail gehen muss, fängt er an zu lachen. 99 Prozent der Menschen, so erklärt er mir dann, hätten nun dargelegt, ob sie Äpfel schneiden oder schälen. Und das wollte er auch eigentlich von mir wissen. Ich komme mir dumm vor.

Er bleibt lange bei dem Thema Essen. Ich fühle mich an die Situationen zu Hause erinnert, an endlose Diskussionen: „Andere Sachen schmecken auch“ oder „Probier doch einfach mal was Neues“, hieß es da häufig. Dabei mag ich die Sachen, die ich esse. Ich kenne sie. Weiß, wie ich sie zubereiten muss, wie sie schmecken, wie sie riechen. Sie sind ein fester Bestandteil, etwas Geordnetes. Ob ich das Essen genieße, will er wissen. Ich verneine. Es ist eine Notwendigkeit, auf die ich verzichten würde, wenn ich es könnte. Aber die Biologie verbietet es. So einfach ist das. Er scheint das anders zu sehen.

Platon:

Das Gespräch ist schleppend, manchmal geht es besser, manchmal scheint es festgefahren, verzettelt. Das liegt an mir, ich kann mich nicht klar und präzise ausdrücken, zumindest nicht immer so, wie ich es gerne möchte.

Hinzu kommt ein diffuses Gefühl, eine Vermutung. Autismus? Ja, aber da scheint noch mehr zu sein, die einzelnen Teile passen noch nicht zusammen. Ich habe noch kein Gesamtbild. Gibt es Widersprüche? Ich verlagere deswegen meine Fragen unvermittelt in neue Themen, springe zurück, weil mir zu bereits besprochenen Dingen noch Informationen fehlen. Ich merke, wie ich teilweise ins Trudeln gerate, meine Gedanken meinen Verstand überholen. Ich suche fehlende Puzzleteile, fehlende Verbindungsstücke, die Klarheit bringen. Komme aber irgendwie nicht weiter.

Die Sitzung ist jetzt schon zeitlich enorm überzogen. Und ich suche immer noch nach Ansatzpunkten. Ich bin tiefer in ihre Welt eingedrungen, habe aber mit jedem weiteren Schritt wieder neue Fragen.

 

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Die zweite Sitzung – Teil I

Sophie:

Der Parkplatz ist frei. Der Parkplatz, auf dem ich auch in der vergangenen Woche stand. Er hat Potenzial, „mein“ Parkplatz zu werden. Sollte ich öfter kommen, wird es mein Parkplatz.

Ich bin wieder zu früh. Und wieder warte ich im Auto. Mit Blick auf die Uhr.

17:25 Uhr – 17:26 Uhr – 17:27 Uhr – 17:28 Uhr.

Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:30 Uhr drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. Wieder das blaue Blinken, das ich irgendwie mag. Der Philosoph öffnet die Tür, erstaunlich schnell. Kein Händereichen, das sagte er bei der vergangenen Sitzung. Ob er sich daran erinnert? Oft sagen Menschen Dinge, die sie dann schnell wieder vergessen. Oder sie sagen Dinge, die sie nicht so meinen, wie sie sie sagen. Ob das mit den Berührungen genau so ist? Er sagt nur „Hallo Sophie“. Ich finde es immer seltsam, wenn ich mit meinem Namen angesprochen werde. Ich kann ihn nicht mit mir in Verbindung bringen. Noch befremdlicher finde ich es, wenn ich andere Menschen mit Namen ansprechen muss. In Briefen oder Emails kann ich dieses Befremden ignorieren, bei meinem direkten Gegenüber aber nicht. Meistens versuche ich, die Ansprache mit dem Namen zu vermeiden. Habe Ausweichstrategien, um Namen zu umgehen. Also sage ich nur „Hallo.“

Platon:

Ich habe diesmal den Termin an das Ende des Tages gelegt. Damit das Gespräch nicht irgendwann abgebrochen werden muss, kein Zeitdruck entsteht.

Den Schreibtisch habe ich schon gestern aufgeräumt. Mir fällt auf, dass ich mit einem etwas veränderten Blick mein Büro betrachte, vor allem das Bücherregal. Und den ganzen anderen Krams. Mir fällt jetzt auch auf, dass der Straßenlärm stört, trotz geschlossener Fenster. Ich bin etwas angespannt.

Sie ist pünktlich. Auf die Minute.

Ich bitte sie herein, es gibt keine Berührung, kein Handreichen. Ich bitte sie, sich zu setzen. Ich setze mich, warte einige Sekunden, sage dann: „Fühlen Sie sich sicher und entspannt“. Ich meine, ein Lächeln zu erkennen.

Sophie:

Erste Tür rechts. Linker Hand das Aquarium. Das Chaos-Regal an der Wand. Rechts der Chaos-Schreibti… nein. Der Schreibtisch. Aufgeräumt, fast leer. Binnen Sekunden gleicht sich das aktuelle Bild mit dem Bild ab, das ich in der vorigen Sitzung sah. Wie zwei halbdurchsichtige Fotografien, die man übereinanderlegt. Es fehlen viele Sachen. Und der Schreibtischstuhl steht falsch. Die logarhitmische Spiral-Muschel ist nicht zu sehen. Am liebsten würde ich den Stuhl wegrücken, denn ich mag die Muschel. Sie ist ein fester Punkt im Raum, ein Fixpunkt. Und jetzt ist sie verdeckt. Genauso wie die Schachfiguren. Am Schreibtischbein finde ich einen hellen Punkt, eine weiße Macke im Holz. Neuer Fixpunkt. Ausweichfixpunkt. Etwas, an dem die Augen hängen bleiben können. So kann ich mich auf das konzentrieren, was ich höre.

Ich mag die Schuhe des Philosophen nicht. Es sind nicht die selben wie vergangene Woche. Diese Schuhe sind dunkler und irgendwie – alltäglich. Der abgerissene Schnürsenkel fehlt. Die Schuhe habe er von Aldi. Ob ich auch bei Aldi einkaufe? Ich weiß nicht, was er von mir will. Rette mich in irritiertes Schweigen, hoffe, dass die Situation vorüber geht. Er steht auf, geht durch den Raum. Wo will er hin? Nirgendwo. Er gehe einfach gerne mal durch den Raum und mache nicht vorhersehbare Dinge, sagt er. Ein bisschen seltsam ist er schon.

Platon:

Sie schaut sich intensiv im Büro um. Ist sie irritiert? Nicht zu erkennen. Sie sagt: „Sie haben den Schreibtisch aufgeräumt.“ Ich sage: „Ja, weil Sie heute wieder da sind.“ Ihre Augenbrauen heben sich leicht an. Sie blickt sich weiter um. Dann sagt sie mir, welche Dinge auf dem Schreibtisch fehlen, zum Beispiel zwei Teelicht-­Gläser. Ich frage nach weiteren Dingen. Ja, sie hat sich alles gemerkt. Auch meine Schuhe. Ich hätte jetzt andere Schuhe an. Die Schuhe vom letzten Mal hätten ihr besser gefallen. Da wäre auch ein Schnürsenkel abgerissen gewesen. Stimmt. Ich hatte nur einen einfachen Doppelknoten gemacht. Ich sage, dass ich die Schuhe bei Aldi gekauft habe. Sie reagiert darauf, ich kann es aber nicht genau deuten. Ich verzichte jetzt auf eine Nachfrage.

 
 

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