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Archiv der Kategorie: Die Trance

Die Trance – Teil II

Sophie:

Ich solle einen Punkt im Raum suchen, auf den ich mich konzentriere. Meine Wahl fällt – warum auch immer – auf eine Spinne, die es sich in einem Netz am Fenster häuslich eingerichtet hat. Eigentlich eine seltsame Wahl, denn obwohl ich wirklich tierlieb bin, gehören Spinnen nur bedingt zu meinen Favoriten. Aber gut. Hallo, Spinne.

Der Philosoph beginnt zu sprechen und mit jedem Wort erheitert mich das Tierchen mehr. Ob das beabsichtigt ist? Ich glaube nicht. Ich versuche, mich gedanklich zusammenzureißen, kann das Kichern jedoch nicht ganz unterbinden. Binnen weniger Minuten haben mich Philosoph oder Spinne – oder beide – so weit, dass ich aus dem Lachen nicht mehr herauskomme. Irgendwas ist demnach irre witzig. Doof nur, dass ich nicht weiß, was. Die Spinne sitzt in ihrem Netz und bekommt hoffentlich nicht mit, dass ich gerade dabei bin, sie in Grund und Boden zu lachen.

Platon:

Die kleine Spinne wird immer lustiger und Sophie bekommt einen Lachanfall. Ich platziere weiter meine Suggestionen, und es scheint irgendwann zu wirken. Sie wird ruhiger, knetet aber noch unablässig ihre Hände. Dann lacht sie wieder über die kleine Spinne. Ich lache auch und fahre unbeirrt fort mit den Suggestionen. Sie wird tatsächlich ruhiger, so ist zumindest mein Eindruck. Ich mache weiter und weiter, und sie wird offenbar immer ruhiger. Ich denke wieder an die kleine Spinne. Ich muss mich zwischendurch selbst beherrschen, dass ich nicht anfange zu lachen.

Ihr Augenlid wird immer schwerer, ich habe den Eindruck, dass die Augen fast ganz geschlossen sind. Jetzt sind sie geschlossen.Und plötzlich hört auch ihr Händekneten auf. Sie ist nun völlig bewegungslos.

Sophie:

Irgendwann ist der Punkt überschritten und dieses nicht zu kontrollierende Lachen hört auf. Ich bin ganz froh darüber. Eigentlich bin ich gerne Herr meiner Sinne – auch, was das Lachen angeht.

Ich habe grundsätzlich kaum ein Zeitgefühl, aber nun ist es mir vollkommen abhanden gekommen. Das Sprechen des Philosophen höre ich noch, aber es ist wie eine Hintergrundberieselung. Der Raum um mich herum ist verschwommen, so, wie wenn der Blick an nichts mehr haften bleibt. Und plötzlich ist es still. Der Philosoph schweigt, ich kann nicht einmal sagen, wie lange bereits. Ist irgendwas falsch gelaufen? Oder hat er aufgegeben, die Geduld verloren?

Platon:

Ich mache mit meinen Suggestionen weiter. Ich kann es kaum glauben, dass sie eingeschlafen ist. Ich überlege, den Raum zu verlassen. Mir ist ein Bein eingeschlafen, und es sind mittlerweile etwa 10 Minuten vergangen, seit dem sie die Augen geschlossen hat. Ich versuche, mich langsam zu entfernen. Das klappt nicht, sie wird wach.

Sophie:

Mir wird das Schweigen suspekt, ich suche nach einer Orientierung. Will den Philosophen fragen, was jetzt genau los sei. Er behauptet, ich sei eingeschlafen. Ich dementiere. Schließlich hatte ich die gesamte Zeit visuelle Eindrücke vom Raum, von daher hatte ich nicht mal die Augen geschlossen. Nur der auditive Sinn, der schien sich mal kurz verabschiedet zu haben. Der Philosoph ist gegenteiliger Meinung. Ich glaube nicht, dass er mir Märchen erzählt. Andererseits weiß ich ja auch, was ich wann gemacht habe. Oder?

Der Philosoph fragt nach der Arzthelferin. Die miesgelaunte Tante, denke ich – und vergesse sie gleich wieder. Vor einer Stunde war das noch anders. Eine Kontrolle des Ruhepulses überrascht mich dann doch. Bewege ich mich in aller Regel im 120er Bereich, so hat sich der Puls nun auf unglaubliche und bislang nie dagewesene 75 gesenkt. Das ist nun wirklich eine Überraschung.

Als ich die Praxis verlasse, fällt mein Blick auf das Fenster, das Netz, die kleine Spinne. Ich gehe mit einem leisen Kichern zum Auto.

Platon:

Ich gebe ihr etwas Zeit, sich zu sammeln. Dann sage ich ihr, dass sie eingeschlafen war. Sie antwortet, dass sie nicht geschlafen hätte. Wir fangen etwas an zu diskutieren. Sie bleibt letztlich dabei. Sie sagt aber auch, dass ihre Hände plötzlich wieder warm seien. das ist gut. zu oft hat sie kalte Hände. Und sie sagt dann auch, dass sie aus der Gedankenschleife raus ist. Dann haben meine Suggestionen wohl doch funktioniert, denke ich. Sophie war anfangs so skeptisch, was Entspannung oder gar Hypnose angeht. Jetzt scheint sie etwas verwundert. Sie misst erneut ihren Puls. 75. Wir können es beide kaum glauben.

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Verfasst von - 22. Juni 2014 in Die Trance

 

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Die Trance – Teil I

Sophie:

 Wie immer bin ich zu früh. Mein Parkplatz ist frei. Ich warte im Auto, die Uhr fest im Blick. Der Ablauf ist zwischenzeitlich selbstverständlich, es ist ein „Wie-immer“-Ablauf geworden. Trotzdem gibt er mir heute nur wenig Sicherheit, ich bin  abgelenkt. In meinem Kopf läuft ein Film. Der aus der Arztpraxis. Immer und immer wieder sehe ich die Situation vor meinem geistigen Auge.

17:25 Uhr – 17:26 Uhr – 17:27 Uhr – 17:28 Uhr.

Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:30 drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. Vielleicht würde mir auffallen, mit welcher Selbstverständlichkeit, welcher Sicherheit ich mich zwischenzeitlich hier bewege. Aber das Grübeln über die Situation in der Arztpraxis lässt mich das gar nicht wahrnehmen. Ich ärgere mich selbst in mehrfacher Hinsicht. Zum einen, dass ich offenbar nicht in der Lage war, die Situation trotz ihrer Banalität adäquat aufzulösen. Zum anderen darüber, dass es einer solchen Bagatelle gelingt, mich über Stunden zu beschäftigen.

Die Tür öffnet sich. Der Philosoph.

Platon:

Sophie ist gedanklich noch immer in der Situation beim Arzt. Der Dialog mit der Arzthelferin geht ihr wie eine Endlosschleife durch den Kopf. Sie sagt, sie könne das nicht ausblenden, sie hänge wie festgewachsen in dieser Situation fest. Und Sie mache sich Vorwürfe, suche immer wieder den Fehler, was sie besser hätte machen können. Sie misst ihren Puls. Der liegt bei über 120. Mal wieder viel zu hoch.

Wir haben heute wieder unsere reguläre Sitzung. Passt ganz gut. Wir hatten es schon ein paar Mal mit Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen erfolglos probiert. Erfolglos deshalb, weil Sophie ihren Körper kaum spürt, kaum Körperempfindungen wahrnimmt. Und sich auch nur ungern darauf einlässt. Ich starte jetzt einen neuen Versuch, ändere etwas die Strategie. Ich versuche heute, eine Trance herbeizuführen.

Sophie:

Der Philosoph bemerkt meine gedankliche Abgelenktheit. Selbst das merke ich kaum, wie gut er sich zwischenzeitlich auf mich einstellen konnte, wie sehr er wohl schon subtile Anzeichen in meiner Stimmung wahrnehmen und deuten kann. Meist muss ich nicht mal etwas sagen.

Eigentlich ist es diese doofe Arzthelferin nicht wert, dass ich mir wegen ihr so einen Kopf mache. Das weiß ich auch. Allerdings hilft es mir nicht, wenn der Philosoph mir das so auch sagt, die Gedankenschleife läuft einfach. Und läuft. Und läuft. Und läuft. Ist ja nicht so, dass ich das nicht kennen würde. Er schlägt vor, dass wir versuchen, das Ganze mit einer Art Trance zu durchbrechen. Ich bin skeptisch. Mit den Achtsamkeitsübungen kam ich in der Vergangenheit keinen Schritt weiter und kam mir zudem auch ziemlich bescheuert vor. Von Ent-Spannung keine Spur, eher das Gegenteil. Zudem weigere ich mich konsequent, im Beisein anderer Menschen die Augen zu schließen. Das kommt mir vor wie eine Art Kontrollverlust. Trotzdem willige ich ein. Denn – zugegeben – neugierig, ob das klappen kann, bin ich schon.

Platon:

Ich werde die Trance einleiten, allerdings mit ganz direkten Suggestionen, ohne den Schwerpunkt auf Körperempfindungen zu legen. Und einfach mit Geduld und vielen Wiederholungen. Irgendwann muss Sophie ja mein monotones Sprechen zumindest in den Anfangsbereich einer Trance versetzen, denke ich. Ich bitte sie, sich entspannt hinzusetzen und sich eine Stelle im Raum zu suchen, auf die sie sich konzentriert.

Sie findet schließlich eine kleine Spinne oben im Fenster. Irgendetwas daran erheitert Sophie. Sie lacht. Auch ich lache, und nutze die Situation.

 
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Verfasst von - 21. Juni 2014 in Die Sitzungen, Die Trance

 

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