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Archiv der Kategorie: Die erste Sitzung

Die erste Sitzung – Teil IV

Sophie:

Die Stunde ist fast vorbei. Jetzt kommt gleich wieder ein schwieriger Teil, ich sehe ihn bereits auf mich zukommen. Verabschieden. Auf der Beliebtheitsskala rangiert das gleich hinter dem Begrüßen.

Ich weiß nicht, wie ich vorgehen muss. Diese Situation hier ist ungewohnt. Ich habe keinen Plan dafür. Wer steht zuerst auf? Und was kommt danach? Soll ich einfach gehen? Oder „muss“ da noch irgendetwas sein? Vor allem: Kann ich gehen und einfach „Tschüss“ sagen oder komme ich am Hand geben nicht vorbei? Und wie geht es jetzt überhaupt weiter?

Platon:

Ich sehe jetzt diese junge Frau vor mir sitzen, und habe eine Ahnung davon, wie sehr sie wohl leiden muss, erkenne, wie unglaublich fehlangepasst sie ist. Welch immensen Leistungen ihrerseits aufgebracht werden mussten, um es überhaupt bis heute zu schaffen.

Mir sitzt der nachfolgende Termin im Nacken. Ich rate ihr, sich testen zu lassen. Diesem Verdacht nachzugehen. Es ist bis jetzt nur ein Verdacht. Ich sage, Autismus ist keine Katastrophe, das Aufklärung der erste Schritt sein kann. In der Familie, beim Arbeitgeber. Wenn die Mitmenschen die Ursachen kennen, dann würden sie anders wahrgenommen werden, dann wären sie nicht mehr die Sonderbare, sie wären kein Unsicherheitsfaktor mehr. Sie wären berechenbarer und erklärbarer für ihre Mitmenschen. Und umgekehrt. Ob sie mich verstehe. Sie sagt: „Ich glaube ja.“ Ich sage: „Ich glaube ja, das heißt bei Ihnen ‚Darüber muss ich erst noch nachdenken.‘ Richtig?“. Sie lächelt. Ich auch. Ich habe wieder etwas bei ihr gefunden, an dem ich mich bei der Verständigung orientiere.

Ich frage sie, ob ihr Berührungen unangenehm sind. Ja. Ob ihr das Handgeben vorhin unangenehm war. Ja. „Dann brauchen wir uns zukünftig nicht mehr die Hand geben“, sage ich. Sie sagt ok.

Ich habe auch bemerkt, dass sich ihre Augenbrauen bei Situationen, in denen ihr etwas unklar ist, spezifisch bewegen. Ein weiterer Anhaltspunkt für mich. Ich lerne, die minimalen körperlichen Zeichen, die Rückschlüsse auf ihre Gedanken und Kognitionen zulassen, zu entdecken und zu deuten.

Sophie:

Er scheint die Unsicherheit zu bemerken, denn er ergreift die Initiative. Ich könne mich melden, ihn anrufen, wenn ich Fragen habe. Ich hake ein, denn ich hasse Telefonate: Ob Email auch ginge. Emails sind einfacher.

Meine Stärke ist das Schreiben, nicht das Reden. Im geschriebenen Wort habe ich die Sicherheit und Zeit, die mir beim Reden fehlt. Die meisten verstehen das nicht. Wollen lieber „schnell“ anrufen. Ob er es versteht, weiß ich nicht. Aber ja, Emails seien kein Problem.

Der Termin war anstrengend. Für mich ist der Abend damit gelaufen. Ob die Idee gut war, weiß ich noch nicht.

Es gibt viel, worüber ich nachdenken muss. Mich informieren muss. Und dann die Frage, ob ich überhaupt einen weiteren Termin vereinbaren soll. Er ist genau der Typ Mensch, der mich in den Wahnsinn treiben kann. Irrational. Er irritiert mich, bringt mich aus dem Konzept, schweift ab, wechselt unvorhersehbar die Themen. So, wie Menschen eben sind. Die vielen Menschen, mit denen ich früher oder später Schwierigkeiten bekomme. Weil ich nicht „richtig“ reagiere, irgendwie „anders“ bin. Ich zweifle, ob das mit dem Philosophen gut gehen kann.

Oder sollte ich es gerade deswegen versuchen?

Platon:

Ich muss jetzt die Sitzung beenden. Ich könnte mich noch stundenlang weiter mit ihr unterhalten, sage dies auch. Ich sage ihr auch, dass ich tief beeindruckt bin, von ihr, von der Art und Weise, wie sie ihr Leben meistert. Ich könnte immer weiter Fragen stellen.

Ich merke, dass sie unsicher ist, wie die Verabschiedung ablaufen soll. Daher unterstütze ich sie bei der Organisation des Verabschiedens.

Ich biete ihr an, mit mir wieder in Kontakt zu treten. Ich sage, ich würde sie gerne weiter unterstützen. Auch Fragen würde ich gerne beantworten. Sie fragt, ob das auch per Email ginge. Ja. Natürlich.

Tschüss.

Tschüss.

Ich bin tief berührt. Verwirrt. Das Gespräch war sehr anstrengend, stockend, ungewohnt. Ich denke sehr viel über diese Sitzung noch nach. Das passiert mir selten.

Ob sie sich noch einmal meldet?

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Verfasst von - 21. Dezember 2013 in Alltägliches, Die erste Sitzung, Die Sitzungen

 

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Die erste Sitzung – Teil III

Sophie:

Der Philosoph fragt wieder nach der Geschichte. Ich beschließe, ehrlich zu sein. In der Hoffnung, dass mir diese Ehrlichkeit nicht negativ ausgelegt wird.

Er erklärt. Ist das jetzt ein gutes Zeichen? Die Geschichte galt nur als Brücke, gedacht um drei Ecken. Verdammt noch mal, warum sagen die Leute nicht einfach das, was sie meinen? Warum immer diese verschlüsselte, metaphorische, übertragene Sprache? Auch das frage ich ihn. Etwas, was ich „draußen“ nicht machen würde. Weil man damit aneckt. Irritiert. Weil man offenkundig dumm ist und etwas, was jeder versteht, nicht versteht.

Platon:

Ich frage sie, worüber sie sich freut. Sie sagt mir, was sie gerne macht. Schreiben, Fotografieren. Ich frage nach Hobbys. Sie berichtet von Star Trek und von ihren Raumschiff-Modellen, die sie selbst baut. Ich frage, wie das Basteln mit der Feinmotorik klappt. Sie sagt, sie ärgere sich, wenn sie die kleinen Teile nicht exakt anbringen kann, weil ihre Finger nicht so wollen, wie sie will. Unwillkürlich sage ich: „Faszinierend.“

Ich frage sie, ob sie sich oft unverstanden, unangemessen fühle. Ja. Ob sie deswegen da sei? Ja. Ich frage nach ihrem Studium, sie berichtet mir zusätzlich von ihrem Stipendium. Und dann von den Problemen im Job. Ob sie diese Probleme, dieses Anderssein schon immer verspürt habe, im Kindergarten, in der Schule. Ja.

Ja, Autismus!

Sophie:

Irgendetwas brummt in der Praxis. Ich bin mir noch nicht sicher, was. Das Aquarium in meinem Rücken vielleicht. Ich höre es permanent. Während ich versuche, mich auf das anstrengende Gespräch zu konzentrieren, weilt ein Teil meiner Aufmerksamkeit bei dem Brummen.

Auch die Straße vor dem Haus ist unruhig. LKW, Autos, Fußgänger. Es rumpelt, rauscht, jemand redet. Irgendwo in der Ferne ein Martinshorn. Mich wundert, wie er es den ganzen Tag in diesem Büro aushalten kann.

Platon:

Ich frage direkt, ob sie sich schon mit dem Thema Autismus beschäftigt habe. Nein. Ich frage: „Nein?“. Sie sagt nein. Ob sie noch nie jemand darauf angesprochen habe. Einmal ein Studienleiter. Und die Eltern? Lehrer? Ärzte? Schulpsychologen? Nein. Nein? Nein.

Da ist wieder diese kaum vorstellbare Geschichte, dass Autisten oft 20, 30 oder 40 Jahre alt werden müssen, um eine Erklärung zu finden. Wo versagt hier die Gesellschaft, wo versagen die Bezugspersonen?

Ist es überhaupt ein Versagen?

Bei ihr ist es so offensichtlich, dass jemand mit etwas Erfahrung schon nach wenigen Minuten erkennen muss, dass Autismus vorliegen muss, sofern alle anderen akuten psychotischen Zustände ausgeschlossen werden können. Ich kann nicht glauben, dass ich der erste sein soll, der die Verdachtsdiagnose Autismus ihr gegenüber direkt ausspricht.

 
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Verfasst von - 19. Dezember 2013 in Alltägliches, Die erste Sitzung, Die Sitzungen

 

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Die erste Sitzung – Teil II

Sophie:

Warum ich da sei, will er wissen. Ich versuche zu erklären. Er unterbricht, stellt Zwischenfragen, bringt mich aus dem Konzept, irritiert. Wie soll ich denn die richtigen Worte finden, wenn ich keine Zeit habe? Ich brauche die Zeit, damit die Worte richtig sind. Ich genau das sage, was ich meine. Die Dinge so benenne, wie sie sind.

Wenn ich eine Pause mache, um zu durchdenken, was ich wie sagen will, fangen die meisten Menschen schon an, irgendwas zu plappern. Er auch. Stellen komische Fragen, erzählen Geschichten, reden seltsames Zeug.

Platon:

Ich bin interessiert. „Sie gehen einem Blickkontakt aus dem Weg. Sie antwortet: „Ich sehe mit den Ohren“. Ab jetzt bin ich sehr interessiert.

Meine Augen kleben an ihrem Gesicht, ich suche nach kommunikativen Zeichen. Mir wird klar, dass keinerlei Nonverbalität, also zum Beispiel Gestik, Mimik, Intonation zu beobachten ist. Ich spreche sie darauf an. Ich sage ihr, wie ich sie warhrnehme. Ob sie das überrasche. Sie sagt etwas. Ich kann meine Gedanken gerade nicht fokussieren, denke mehrere Optionen gleichzeitig.

Ich frage dann, was sie beruflich macht: Sie nennt ihre aktuelle Tätigkeit. Ich erinnere mich an meine eigenen jahrelangen Erfahrungen in dieser Berufssparte. Spontan äußere ich: „Wie geht das?“ Noch während des Aussprechens ärgere ich mich über die unprofessionelle Äußerung. Gleichzeitig habe ich die Vermutung, dass diese Frage erst gar nicht verstanden wurde. Ich nutze die allgemeine Verwirrung für eine Geschichte: Ich berichte von meinen Erfahrungen in diesem Beruf, die allerdings schon lange zurückliegen. Sie reagiert nicht. Sie reagiert immer noch nicht. Ich lasse die Pause zu.

Es ist ein kommunikativer Blindflug.

Sophie:

Er scheint kein logischer Mensch zu sein. Eher ein Geschichtenerzähler. Zumindest erzählt er mir Geschichten. Was das jetzt soll, ist mir schleierhaft. Als er fertig ist, warte ich. Darauf, dass er erklärt, was ich mit der Geschichte anfangen soll. Und für mich zeichnet sich schon fast symptomatisch das Problem ab, dass auch meinen Alltag beherrscht, in der Familie, im Beruf, in der Freizeit. Ständig erzählen Menschen Dinge, die weder von Relevanz noch von Interesse sind und auch zu einer aktuellen Situation nichts Sinnvolles beitragen.

Ich warte weiter. Er überrascht mich: „Sie fragen sich jetzt, warum ich Ihnen das alles erzähle?“ Ich muss lachen, denn das trifft sogar fast genau meinen gedanklichen Wortlaut. Ich hätte ja doch Emotionen, meint er daraufhin. Da ist es wieder. Auch ein Punkt, den mir andere häufig unterstellen: Emotionale Kälte. Eiseskälte. Dabei stimmt das nicht. Und das sage ich ihm auch. Ich hatte lediglich gesagt, dass ich kein Mensch bin, der Emotionen gut ausdrücken kann. Daraus zu schließen, dass keine Emotionen vorhanden seien, ist schlicht falsch. Offenbar hört er nicht richtig zu.

Platon:

Ich werde empathisch, frage ruhig und freundlich: „Jetzt fragen Sie sich, warum ich Ihnen all diese tollen Geschichten aus meiner Vergangenheit erzähle?“. Sie lächelt etwas. Genau das trifft mich mit voller Wucht, darauf war ich jetzt nicht vorbereitet. Ich sage – erneut völlig unangemessen und unprofessionell – „Sie haben ja doch Emotionen.“ Sie antwortet: „Ich habe nicht gesagt, dass ich keine Emotionen habe“. Ich drehe und winde mich etwas aus der Situation heraus, relativiere, korrigiere mich. Und freue mich auch. Über das Lächeln.

„Was sagen Sie zu der Geschichte?“

Pause.

Pause.

Dann zaghaft: „Ich verstehe die Relevanz nicht?“. Ich erkläre ihr, warum ich diese Geschichte erzählt habe. Um die Situation aufzulockern, um zu zeigen, dass auch ich mich in ihrem Berufsfeld etwas auskenne, um ihr zu  signalisieren: fühlen Sie sich wohl und sicher. Sie antwortet: „Warum sagen sie es dann nicht einfach?“ Ich muss schmunzeln und sage: „Bitte fühlen Sie sich wohl und sicher.“

 
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Verfasst von - 17. Dezember 2013 in Alltägliches, Die erste Sitzung, Die Sitzungen

 

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Die erste Sitzung – Teil I

Sophie:

Ich bin zu früh. Immer bin ich zu früh. Normalerweise fahre ich unbekannte Strecken schon einmal vorher ab, damit nichts schief gehen kann. Diesmal fehlte mir die Zeit, daher bin ich nervös. Und wenn ich nervös bin, plane ich noch mehr „Puffer-Zeit“ ein. Puffer-Zeit, das ist die Zeit für Unvorhergesehenes. Ein Verkehrsunfall auf der Strecke, eine Umleitung, ein langsam fahrender Traktor – alles, was mich daran hindern könnte, pünktlich zu kommen.

Pünktlich bin ich, wenn ich mindestens zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit eintreffe.Dann warte ich irgendwo bis zur vereinbarten Zeit. Jetzt warte ich im Auto, die Uhr fest im Blick.

17:25 Uhr – 17:26 Uhr – 17:27 Uhr – 17:28 Uhr.

Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:30 drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. Das Blinken ist so witzig, am liebsten würde ich noch mal klingeln. Aber da öffnet sich schon die Tür.

Der Philosoph.

Platon:

Ich mag Erstberatungen. Ich kann mich dabei entspannen. Ich beobachte, lasse erzählen, bin neugierig. Heute war der Tag anstrengend, so wie meistens. Aber ich habe immer diese kleinen „Inseln“, wie zum Beispiel die Erstberatungen, oder meine Gespräche im Mutter-­Kind­-Heim, oder manchmal die Autofahrten. Sehr oft gehe ich nämlich direkt „in“ die Familien, bin bei ihnen zu Hause.

Jetzt steht sie vor der Praxis, ich habe sie erst gar nicht gesehen. Schon beim Öffnen der Tür schalten alle meine Sensoren für Intuition und Empathie auf höchste Sensibilität und Wachsamkeit. Ich reiche ihr die Hand, sie gibt sie mir. Kein Blickkontakt, keine flüssige Bewegung und nteraktion. Ich bitte sie in den Raum, bitte sie sich zu setzen. Sie tut es.

Sophie:

Ich mag keine Begrüßungen. Zumindest förmliche. Wenn man jemanden kennt, reicht ein einfaches „Hallo“. Bei Fremden nicht. Denen muss man die Hand geben. Die Berührung ist wie ein Stromschlag, unangenehm. Ich weiß nicht, wo ich hin soll. Fremdes Haus, fremde Räume, fremder Mensch. Das ist nicht gerade meine Stärke. Aber deswegen bin ich ja wohl hier.

Sein Büro ist das blanke Chaos. Ein Bücherregal an der Wand reicht bis unter die Decke. Und ist vollgestopft mit Kram. Willkürlich, unsortiert. Ein paar Bücher, die meisten ungelesen, einige sogar noch eingeschweißt. Ordner, Kisten – nebeneinander, übereinander, durcheinander.

Auf der Fensterbank ein Glas mit Muscheln. Eine fällt mir sofort ins Auge, sie ist gedreht, wie ein Schneckenhaus. Eine logarithmische Spirale. Die Perfektion der Natur.

Ein alter Schreibtisch, ein schönes Modell. Aber das Durcheinander darauf – wie soll man da arbeiten können? Vor allem scheint der Schreibtisch eher als „Ablage für alles“ genutzt zu werden.

Sein Schuh fällt mir auf, dunkelgrau, Leder. Ein Schnürsenkel ist abgerissen.

Ich sage ja: Chaot.

Platon:

Währenddessen wird mein gedanklicher Notfallplan im Kaltstart hochgefahren. Von Entspannung keine Spur. Psychose? Traumatisierung? Depression? Suizidgefahr? Extreme Schüchternheit? Ich bleibe äußerlich ruhig, das kann ich. Sogar sehr gut. Beobachte.

Sie schaut sich um, in ungewöhnlicher Art und Weise, ich folge ihrem Blick. Der Schreibtisch. Ich sage: „Ja, sehr unordentlich, auch mein Bücherregal“. Sie antwortet: „Auf dem Schreibtisch sind viele Dinge, die man nicht zum Arbeiten braucht.“ Pause. Sie spricht nicht von allein, sie wartet ab.

Ganz gegen meine Gewohnheit frage ich direkt und auch noch sehr früh: „Was führt Sie zu mir?“ Sie kann ihr Anliegen nicht klar formulieren. Sie erwartet scheinbar von mir, dass ich die Richtung wüsste.

 
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Verfasst von - 15. Dezember 2013 in Alltägliches, Die erste Sitzung, Die Sitzungen

 

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