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Archiv der Kategorie: Die dritte Sitzung

Die dritte Sitzung – Teil III

Sophie:

Er scheint etwas zu suchen. Geht um den Schreibtisch, auf dem sich bereits wieder ein leichtes Chaos breit gemacht hat, hebt Ordner und Blöcke an, murmelt etwas unverständliches. Ich überlege, ob er etwas zu mir gesagt haben könnte, da setzt er sich wieder hin. „Ich finde den Flyer nicht.“ Ich nehme die Information zur Kenntnis, da springt er wieder auf und beginnt erneut, die Ordner und Blöcke wieder hochzunehmen. Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen und mache ihn darauf aufmerksam, dass er erst vor wenigen Augenblicken an diesen Orten nachgesehen hat. „Glauben Sie ernsthaft, dass der Flyer nun dort liegt, obwohl er es vor einer Minute noch nicht tat?“ Er muss selbst lachen. „Ziemlich bescheuert, oder?“ Ich komme nicht umhin, die Sinnlosigkeit seiner zweiten Suche zu bestätigen. Und merke zugleich, dass ich das außerhalb dieser vier Wände nicht so offen gesagt hätte. Die Gefahr, dass jemand das, was ich sage, als Angriff oder Beleidigung aufgefasst hätte, wäre zu groß. Oft wird nicht verstanden, dass ich die Dinge so meine, wie ich sie sage. Ohne Zwischentöne oder versteckte Botschaften.

Platon:

Das Telefon klingelt. Ich merke, wie sie zusammenzuckt. Ich lasse es durch klingeln, solange ist Gesprächspause. Ich merke auch, wie sehr sie der Lärm auf der Straße stört. Mir war das bisher nie so deutlich aufgefallen. Mittlerweile fühle ich regelrecht mit, wenn wieder ein großer LKW durch den Ort fährt.

Sie vermutet auch Tiere bei mir im Raum, oder zumindest im Fußboden. Und eine Mücke im Raum ist besonders lästig. Aber erschlagen darf ich die Mücke nicht, sie sagt die könne da ja auch nichts für. Auch das Licht habe ich mittlerweile so gut es geht abgedunkelt.

Sophie:

Das Telefon klingelt. Genauer: Vier Telefone klingeln. Damit habe ich nicht gerechnet. Ein störendes Geräusch. Es frisst soviel Aufmerksamkeit, dass ich dem Gespräch kaum folgen kann und selbst den Faden verliere. Also sage ich nichts mehr. Und bin verwundert, dass er auch nichts sagt. Er verspricht, das Telefon beim nächsten Mal auszumachen. Dabei sind ständig irgendwelche Geräusche in diesem Raum. Geräusche, die er gar nicht wahrzunehmen scheint. Das Vibrieren des Handys auf dem Schreibtisch. Der Laptop, der im Stand-By vor sich hin summt. Das Trappeln kleiner Pfoten in der Wand. Das leise Platschen, wenn die Fische im Aquarium sich plötzlich bewegen. Hustende Nachbarn. Schritte im Haus. Der ständige Verkehr vor dem Fenster. Und das Summen einer Fliege. Zumindest die scheint er auch wahrzunehmen, denn er fragt, ob er sie erschlagen soll. Ich verneine. Menschen neigen dazu, gerade kleine Tiere als Störfaktor zu betrachten, die man ohne Bedenken töten darf. Aber die Tiere wissen nicht, dass sie sich in einen Raum verirrt haben, in dem sie als Störfaktor wahrgenommen werden. Draufschlagen scheint da einfacher zu sein als das Tier einzufangen und draußen wieder einzusetzen. Zweiteres ist vielleicht mühsamer. Aber in meinen Augen auch respektvoller.

Ich weiß nicht, ob er das versteht. Aber er lässt die Fliege in Ruhe.

Er bringt unvermittelt den Vorschlag eines Arztbesuchs. Er hielte es für sinnvoll. Ich nicht. Ich mag es nicht. Und versuche, aus der Situation zu kommen. Äußere mich nicht näher dazu. Und hoffe, dass er das Thema schnell wieder vergisst.

Platon:

Ich mache mir Gedanken um ihre Gesundheit, sie isst einseitig, und sie schläft zu wenig. Hinzu kommt, dass sie offenbar sehr schreckhaft und wachsam ist. Auch schon beim letzten Besuch.

Insgesamt scheint sie zusätzlich eine stark erhöhte Körpererregung und Anspannung zu haben. Sie knetet permanent ihre eigenen Finger, sitzt sprungbereit auf der vorderen Sesselkante. Das hat nicht unbedingt etwas mit Autismus zu tun. Darauf werde ich sie noch ansprechen. Aber nicht jetzt.

Ich empfehle ihr, einen Arztbesuch aufgrund der sehr starken Müdigkeit in Erwägung zu ziehen. Ich sage, dass ich sie dabei unterstützen würde. Sie sagt, dass Arztbesuche bisher Erfahrungen waren, auf die sie gerne verzichten könne. Ich denke, dass ich das mit ihr bestimmt besser hinbekomme.

 
 

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Die dritte Sitzung – Teil II

Sophie:

Er spricht mich auf Beiträge an, die er von mir im Internet gefunden hat. Es verwundert mich nicht, das Schreiben ist mein Beruf. Gleichzeitig bin ich abgelenkt. Ich versuche, einen Blick auf den Parkplatz zu erhaschen, aber eine Hecke steht im Weg.

Ob mein Parkplatz zwischenzeitlich frei ist? Ich erkläre ihm, dass ich Beiträge schreibe zu Themen, die aktuell sind. Der Gedanke, dass ein Thema mit mir persönlich zu tun haben könnte, kommt mir da selten. Vielleicht liegt es an der Distanz, die ich zu den Themen wahren muss, um sie einigermaßen neutral beurteilen zu können. Und manchmal liegt es auch an zu allgemeinen Aussagen. Da bekommen manche Faktoren schnell den Charakter von Horoskopen. Und ich beachte sie nicht weiter, weil ich nichts von Esoterik halte.

Mir kommt der Gedanke, dass ich etwas Wichtiges nicht deutlich genug gemacht habe. Aber der falsche Parkplatz lenkt weiter ab.

Platon:

Ich stelle nun wieder meine Fragen, vermutlich etwas zu viele. Ich bin manchmal etwas ungeduldig. Ich hake zu früh wieder sprachlich ein. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, ihr mehr Zeit zum antworten zu geben. Und das eine Pause nach einer Antwort noch nicht bedeutet, dass sie jetzt fertig ist. Es kommt zu Überschneidungen, die ich aber zunehmend vermeiden kann.

Besonders interessiere ich mich für die Art und Weise, wie sie sieht und fotografiert. Auch ich habe einmal früher leidenschaftlich gerne fotografiert. Leider ist dieses Hobby bei mir fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Warum eigentlich? Ich beschließe, meine alten Spiegelreflexkameras wieder zu reaktivieren. Der Gedanke daran lenkt mich vom Gespräch ab. Ich kann mich wieder schlecht konzentrieren, meine Gedanken vermehren sich und gehen auf Wanderschaft.

Es ist wieder der letzte Termin für heute. Ich mag die letzten Termine besonders gerne, bin aber dann auch häufiger unkonzentriert. Ich merke, wie der rote Faden mir wieder entglitten ist. Aber der Umgang damit stärkt auch die soziale Kompetenz. Auch bei ihr, so hoffe ich.

Sophie:

Der falsche Parkplatz hat sich zwischenzeitlich in meinem Kopf eingenistet. Es ist ärgerlich. Ich kenne solche Situationen zu Genüge. Mein Platz im Bus, mein Platz in der Uni, meine Kasse im Supermarkt. Seit einer TV-Serie ist zwar der Satz: „Das ist mein Platz!“ gesellschaftstauglich geworden, trotzdem versuche ich zu vermeiden, derart aufzufallen. Dann warte ich lieber auf den nächsten Bus und hoffe, dass dann der Platz, auf dem ich immer sitze, frei ist. Und nun der Parkplatz. Mein Kopf beschäftigt sich dann stundenlang mit solchen Situationen.

Er scheint das Thema gewechselt zu haben, ganz genau habe ich den Wechsel nicht mitbekommen. Er spricht von Kameras, das ist gut. Da kenne ich mich ein wenig aus, ich hatte selbst eine digitale Spiegelreflex. Er möchte wissen, wie ich warum welche Bilder aufbaue. Ich versuche, dieses Gefühl zu beschreiben, wenn ich weiß, dass ein Bild so und nur so „richtig“ ist. Es ist nichts, was man in ein künstlerisches Schema pressen kann. Ich sehe das Bild und weiß, dass es stimmt. Das klingt einfacher, als es ist. Denn es bedeutet zugleich, dass ich sehr viele „falsche“, objektiv aber vielleicht gute Bilder mache, die ich dann wieder verwerfe, weil das „Just-Right“ einfach fehlt. Und ohne dieses „Just-Right“ ist das Bild für mich wertlos.

Platon:

Ich komme auf den sozialpsychiatrischen Dienst zu sprechen. Ich erkläre ihr die Antragstellung und das Leistungsspektrum. Ich sage ihr, dass sie Anspruch darauf hat. Wenn sie möchte.

Ich suche den Flyer von einem Anbieter, finde ihn aber nicht. Ich schaue unter Ordnern und Blöcken bei mir auf dem Schreibtisch. Sie lächelt plötzlich sehr offensichtlich. Ich frage warum sie plötzlich lächelt. Sie sagt: „Sie haben mehrmals unter den gleichen Block geschaut“. Ich denke: ja, so bin ich. Das sagt mir nur leider zu selten jemand. Ich finde das auch ausgesprochen lustig und vor allem schusselig. Auch ich muss lächeln, gebe ihr recht. Und finde den Flyer trotzdem nicht.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2. Februar 2014 in Die dritte Sitzung, Die Sitzungen

 

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Die dritte Sitzung – Teil I

Sophie:

Mein Parkplatz ist besetzt. Dahinter sind fünf Plätze frei, aber auf meinem steht ein Auto. Ich schaue auf die Uhr und bin froh, dass ich – wie immer – zu früh bin. Einen Moment halte ich Ausschau, ob ich vielleicht den Fahrer des Wagens auf meinem Parkplatz sehen kann. Nichts.

Noch mal ein Blick auf die Uhr – sicher ist sicher. Ich biege links ab, folge dem schmalen Weg, halte mich die nächste Abbiegung wieder links. Der Theorie nach müsste ich dann irgendwann wieder an dem Ort herauskommen, wo ich meine Rundfahrt gestartet habe. Ich habe nur nicht mit den verwinkelten Straßen gerechnet und bereits nach wenigen Metern die Orientierung verloren.

Blick auf die Uhr. Da, plötzlich, eine Wegmarke. Ich weiß wieder, wo ich bin. Biege erneut in die Straße vor der Praxis ein. Mein Parkplatz ist immer noch besetzt.

Blick auf die Uhr. Noch eine Runde um den Block. Der Wagen steht immer noch auf meinem Parkplatz.

Blick auf die Uhr. Eine weitere Runde schaffe ich nicht, dann komme ich zu spät. Und wenn der Parkplatz dann nicht frei ist? Ich muss mein Auto auf dem Parkplatz dahinter abstellen, mir bleibt nichts anderes übrig.

17:27 Uhr. Ich behalte die Straße im Blick, hoffe, dass der Fahrer des Wagens kommt. Dann könnte ich noch zurücksetzen und meinen Wagen dort abstellen, wo er die beiden vergangenen Wochen auch stand. Niemand kommt.

17:28 Uhr. Kein Mensch in Sicht. Der fremde Wagen bleibt auf meinem Parkplatz. Mein Wagen steht auf dem falschen. Aber es ist Zeit. Ich wäge ab. Zu spät kommen ist schlimmer als mein Auto auf dem falschen Parkplatz. Aber richtig wäre es, wenn ich pünktlich wäre UND mein Auto auf dem richtigen Platz steht.

Ich habe keine Wahl. Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus. Noch mal ein Blick zurück. Vielleicht kommt der Fahrer doch noch? Nichts.

Punkt 17:30 Uhr drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. In Gedanken bin ich noch beim Parkplatz.

Platon:

Ich bin auf die Sitzung gespannt. Ich merke, wie ich zwischendurch immer wieder an das kommende Gespräch denken muss. Ich versuche meine Eindrücke und Fragen zu sortieren. Ihre Antworten möchte ich verstehen. Aber nicht jede einzelne ihrer Antworten isoliert verstehen, sondern das Gesamtbild. Nicht nur einige gern oder weniger gern gesehene Facetten, die vielleicht aus unterschiedlichen Gründen besonders hervortreten, sondern die gesamte Person als solche in ihrer Vielfalt und Komplexität verstehen. Es fällt mir schwer. Diesmal wird mir das besonders bewusst. Sonst denke ich nicht derart darüber nach. Ich habe fast den Eindruck, als wäre ich jetzt gleichermaßen fasziniert und überrascht von meiner eigenen Unfähigkeit, von ihr einen Gesamteindruck zu erhalten. Und wenn es auch zunächst wenigstens nur ein vorläufiger Eindruck wäre. Aber es gelingt mir offenbar nicht. Vielleicht sehe ich sie bis jetzt genauso wie sie die Welt sieht: Nur einzelne Details, aber kein richtiges Gesamtbild.

Sie klingelt wieder pünktlich auf die Minute. Ich öffne, und das gleiche Ritual wie beim letzten Besuch startet. Allerdings weise ich erst noch auf die Baumaßnahmen im Flur hin. Eine Antwort bekomme ich darauf nicht wirklich. Ich bitte sie dann wieder in den Raum, ich bitte sie sich zu setzen, ich bitte sie, sich sicher und wohl zu fühlen. Sie blickt sich um. Ich habe wieder die mir bekannten Fixpunkte unberührt bzw. gut sichtbar für sie gelassen. Ich sehe, wie sie auf meine Schuhe blickt. Ich habe extra wieder das Paar angezogen, welches ihr besser gefallen hatte. Sie lächelt.

Sophie:

Der Flur ist verändert. Ein Gerüst steht direkt hinter der Tür. Der neue Windfang – oder das, was davon bereits steht. Der Philosoph hat davon geschrieben, darauf konnte ich mich einstellen. Nicht einstellen konnte ich mich darauf, dass mein Auto heute auf dem falschen Parkplatz stehen muss. Ich mag sowas nicht. Also suche ich Bekanntes.

Die Muschel ist da, im Glas, wo sie hingehört. Die Schachfiguren daneben. Der abgerissene Schnürsenkel, er hat wieder die anderen Schuhe an, aus der ersten Sitzung. Das Chaos im Regal – Chaos zwar, aber immerhin verlässlich Chaos. Er scheint kein System in den Büchern zu haben. Manche sind vertauscht, er muss sie herausgenommen und anders wieder eingestellt haben. Ein Teil der Bücher sind immer noch eingeschweißt. Ich finde das respektlos, wage aber nicht, es zu sagen. Jedes meiner Bücher hat seinen festen Platz im Regal. Sie sind ordentlich sortiert, ich kenne jedes einzelne und weiß genau, wo ich es finde. Und jedes meiner Bücher verdient es, gelesen zu werden. Nicht irgendwann. Sondern sofort. Bücher nicht einmal auszupacken – das geht nicht. Er sagte, keine Sanktionen. Es ist mir wichtig, dass man Bücher mit Respekt behandelt. Ich wage es trotzdem nicht, etwas zu sagen.

Platon:

Sie schaut sich wieder im Raum um. Ich lasse ihr die Zeit. Ihr Blick bleibt beim Regal hängen. Es ist immer noch unsortiert. Ich habe fast den Eindruck, einen missbilligenden Blick bei ihr zu erkennen. Sie sagt, ich hätte einige Bücher umgestellt oder ganz raus bzw. neu wieder einsortiert. Falsch sortiert. Ich stimme zu.

Mir wird wieder dieser besondere „Bruch“ in meiner Wahrnehmung besonders deutlich. Wie beim letzten mal. Die unmittelbare Begegnung mit ihr trifft und berührt mich offenbar völlig anders als es bei der schriftliche Kommunikation der Fall ist. Ich beobachte meine eigene Empfindung.

Ich erzähle ihr von ihren Beiträgen, die ich im Internet gelesen habe. Und von meinen Irritationen, die durch diese Beiträge bei mir entstanden sind. Sie gibt mir eine Antwort, die ich wohl nicht bis in alle Tiefe verstehe. Ich merke aber auch, dass Nachfragen jetzt nicht sinnvoll ist. Ich gebe ihr zu verstehen, dass die Antwort für mich völlig okay ist. Und so ist es auch wirklich.

 

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