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Archiv der Kategorie: Die Autofahrt

Eine weitere Autofahrt – Perspektivwechsel – Teil II

Platon:

Sophie findet den Weg zum Hafen ohne Schwierigkeiten. Lediglich bei der Einfahrt zum Parkplatz scheint sie für einen Moment irritiert zu sein. Beim Aussteigen berühren sich unsere Arme, nur einen Sekundenbruchteil. Ihr scheint das bereits unangenehm zu sein, obwohl die Berührung minimal war.

Es sind mehr Menschen als üblich im Hafen. Die Touristensaison hat begonnen, das merkt man. Im Fischgeschäft bestelle ich verschiedene Sorten, für einen Teil entscheide ich mich spontan. Sophie steht schräg hinter mir – was fast immer der Fall ist – und scheint nicht so recht zu wissen, was sie machen soll. Das Klabbern der Bestecke aus dem Restaurant, die Lautsprecherdurchsagen und das Gewusel um uns herum nehme ich so gut wie nicht wahr.

Sophie fragt mich beim Rausgehen, ob ich einen Wal bestellt habe. Ich verneine und glaube, dass sie nur Spaß macht. Aber sie scheint die Frage ernst zu meinen, auch wenn sie lacht. Ich bin mir nicht sicher, warum genau sie meint, dass ich einen Wal bestellen sollte – oder überhaupt, dass man hier einen Wal kaufen kann.

Sophie:

Als wir am Hafen angekommen sind, berühren sich für einen Moment unsere Unterarme. Ich ärgere mich über meine Ungeschicklichkeit. Wir gehen in den Laden und kaufen die Krabben, der Philosoph noch einige weitere Dinge. Anschließend frage ich ihn, ob er einen „Wal“ mit seiner ersten Frage im Laden bestellt hätte. Er verneint. Wale hätten die nicht im Sortiment. Wir lachen. Aber ich meine, das Wort „Wal“ ganz deutlich gehört zu haben. Was mich auch nicht wundert, denn er hat nicht selten Wortdreher und Wortfindungsstörungen.

Platon:

Während der Rückfahrt versuche ich Sophie dazu zu bewegen, mir ihre Geschichten der Fixpunkte zu erzählen. Ich wähle einen anderen Weg aus als den, den sie gerade fährt und möchte dazu eine Beschreibung. Aber offenbar ist das, ähnlich wie bei den Gesprächen, nicht möglich. Fahren und Wegmarkierungen absuchen, das klappt. Fahren, Wegmarkierungen absuchen und gleichzeitig im Geiste einen anderen Weg beschreiben, das kann sie offenbar nicht.

Kurz vor meinem Haus passiert das, womit ich gerechnet habe: Anstatt geradeaus zu fahren, auf der Straße dann zu wenden und in Fahrtrichtung auf „ihren“ Parkplatz zu fahren, biegt Sophie ab und fährt eine komplette Runde um den Blog – im verkehrsberuhigten Bereich, wohlgemerkt. Als ich sage, dass ich damit gerechnet habe, scheint sie überrascht. Und gibt nach meiner Erklärung zu, dass sie nie auf die Idee gekommen wäre, auf der Straße zu wenden. Wenn sie auf den Parkplatz fährt, kommt sie immer aus einer bestimmten Richtung. Und auch entgegen der Fahrtrichtung parken geht gar nicht.

Sophie:

Wir steigen ein und fahren zurück. Wieder erzählt und fragt der Philosoph. Ich versuche mich auf die Fixpunkte am Wegesrand und das Fahren zu konzentrieren. Um vor seinem Haus und auf „meinem“ Parkplatz einzuparken, sind wir auf der falschen Fahrspur in Gegenrichtung unterwegs. Ich entscheide mich dafür, einmal durch den kompletten Ortskern zu fahren, um dann auf der richtigen Seite ordnungsgemäß in Fahrtrichtung einzuparken. Natürlich fällt das dem Philosophen auf, er amüsiert sich darüber und meint, er hätte es schon geahnt. Warum ich nicht einfach auf der Straße wenden würde? Er mache das immer so. Ich weiss aber bis jetzt ja gar nicht, dass man das überhaupt so macht.

Des Rätsels Lösung

Wie dem ein oder anderen aufmerksamen Leser bereits aufgefallen ist, war dieser und der vorige Beitrag anders als die anderen. Denn Platon und Sophie haben nicht nur hinterm Steuer die Plätze getauscht, sondern auch grundsätzlich versucht, die Perspektive des jeweils anderen einzunehmen. Daher hat Sophie geschrieben, was sie glaubt, wie Platon die Fahrt wahrgenommen hat und Platon hat versucht, Sophies Sicht der Dinge einzunehmen.

Im kommenden Beitrag vergleichen wir dann, inwiefern es tatsächlich gelungen ist, die Perspektive des jeweils anderen einzunehmen – und wo wir komplett daneben gelegen haben.

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Eine weitere Autofahrt – Perspektivwechsel – Teil I

Platon:

Sophies Auto ist nicht gerade als groß zu bezeichnen. Ich hatte einmal gesagt, dass ich auch gerne mit ihr fahren würde und nun ist es soweit. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich in diese überdachte Zündkerze passe. Das sieht doch alles sehr beengt aus. Ich achte darauf, Sophie in der Enge des Wagens nicht zu berühren. In meinem Auto ist doch etwas mehr Platz.

Sophie schnallt sich an, startet aber den Wagen noch nicht. Sie wartet offenbar, bis sie das Klicken hört, mit dem auch mein Gurt einrastet. Dann setzt sie den Blinker, fährt von „ihrem“ Parkplatz und schleicht in der vorgeschriebenen Geschwindigkeit durch den verkehrsberuhigten Bereich. Ich fahre hier immer etwas schneller. Nicht viel, wirklich nicht. Aber ein bisschen schneller dann doch.

Sophie:

Jetzt fährt der Philosoph einmal mit mir mit. Wir wollen ungepulte Krabben im Hafen kaufen. Im Krabbenpulen sei er ganz gut, behauptet er. Dafür kann ich schneller lesen.

Der Philosoph steigt jetzt ein. Etwas steif setzt er sich auf den Beifahrersitz. Ich schnalle mich zuerst an, da er offenbar mir den Vortritt dabei geben möchte. Im kleinen Auto kommen wir uns körperlich doch näher, als ich dachte. Aber es kommt bislang zu keinen zufälligen Berührungen.

Platon:

Während der Fahrt stelle ich Sophie Fragen und möchte ein Gespräch beginnen. Sie fährt sehr niedrigtourig, schaltet bereits früh. Aber irgendwie kommt das Gespräch nicht recht in Gang. Offenbar hat sie Schwierigkeiten, sich auf den Weg, das Fahren und das Sprechen zu konzentrieren. Eine mir unbekannte Situation, ich kann beim Fahren ganze Romane erzählen.

Ich habe das Amaturenbrett im Blick, merke, wie Sophie beständig mit dem Gaspedal die Geschwindigkeit korrigiert. Von meinem Standpunkt sieht es aus, als würde sie kurzzeitig zu schnell fahren – 52 statt 50 km/h. Meine entsprechende Bemerkung dementiert Sophie, sie fahre genau 50. Ich meine, die Nadel sei über der Markierung, Sophie sagt, von ihrer Position aus verdecke die Nadel die Markierung. Gleichzeitig merke ich, dass selbst auf nun offener Strecke Gespräche nicht leichter fallen. Sophie scheint sich wirklich ausschließlich auf das Fahren konzentrieren zu wollen.

Sophie:

Ich fahre los und der Philosoph fängt an zu reden. Ich kann mich schlecht auf beides konzentrieren. Er erzählt und fragt immer weiter. Dann behauptet er, ich sei kurzzeitig zu schnell gefahren. Da irrt er sich aber. Oder seine Augen sind nicht mehr die besten. Der Zeiger hat den Strich bei 50 km/h nicht überschritten. Ich versichere ihm, nicht zu schnell gewesen zu sein, aber er bleibt bei seiner Aussage. Insgesamt irritiert mich seine Anwesenheit.

 

Stutzig geworden?

Falls jemandem etwas auffällt, darf er sich gerne zu Wort melden. Die Auflösung kommt morgen.

 

 
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Verfasst von - 3. Mai 2014 in Alltägliches, Die Autofahrt

 

Zwischen Gedanken – Nach der Autofahrt

Sophie:

Ich glaube, dem Philosophen ist ziemlich viel nicht bewusst. Er macht die Dinge, die er häufig erledigt, „einfach so“, nebenher. Anders kann ich mir nicht erklären, warum er in Teilen so gedankenlos bei der Fahrt war. Er fährt einfach drauflos, ohne sich wirklich Gedanken zu machen über das „Wie?“ Er weiß, wo er hin will und das reicht ihm. Wie er an sein Ziel gelangt, ist Nebensache – wenn überhaupt.

Mir war bislang nicht klar, dass Menschen Vorgänge so automatisieren können, dass ihnen meine Reaktion auf ihr Verhalten vollkommen abwegig erscheint. Ich fahre beispielsweise immer sehr bewusst mit meinem Wagen, schaue mir den Weg vorher an, fahre nach Möglichkeit mit einem Navigationsgerät. Während der Fahrt nimmt mein Kopf all die Informationen um mich auf und verarbeitet sie sehr bewusst. Ich sehe die Schilder, ordne sie ein, beobachte das Fahrverhalten der anderen Verkehrsteilnehmer und beginne eine Schätzung, inwiefern ihr Verhalten sicher ist oder ich doch besser Abstand halten muss. Ich sehe jeden Blitzer am Wegesrand, verharre bei irritierenden Verkehrsschildern und registriere die Kratzer an der Stoßstange meines Vordermanns. In bestimmten Situationen habe ich sogar heute noch – immerhin zehn Jahre nach meiner Fahrprüfung – fast den Eindruck, mein Fahrlehrer sitzt neben mir. Vielleicht merkt man die Gefahren nicht, wenn man nicht mehr bewusst fährt. Ich bin unschlüssig, ob das Fluch oder Segen ist.

Platon:

Ich habe den Eindruck, dass Sophie zwischen Angst und Unverständnis einerseits und Heiterkeit und Neugier andererseits hin und her schwankte. Ich empfand ihre knappen und durchaus angemessenen Kommentare während der Fahrt nicht als lästig. Ganz im Gegenteil. Ich bemühte mich dann, „“ordentlich“ zu fahren. Und Sophie  hat auch Recht, wenn sie sagt, dass man durch Raserei auch nicht signifikant schneller am Ziel ankommt. Ich mochte die Fahrt mit ihr. Vielleicht gelingt es mir ja durch Sophie und dieser insgesammt nicht alltäglichen Reflexion der eigenen Fahrweise wieder meiner ganzen Verantwortung als Verkehrsteilnehmer gerecht zu werden.

Sophie:

Ich hätte gerne gewusst, wie der Philosoph seine Wege findet. Er sagte mir, er fahre einfach drauflos. Würde ich das machen, dann würde ich höchstwahrscheinlich irgendwo in Buxtehude hinterm Kaninchenstall herauskommen. Neue Wege fahre ich nur mit Navi. Bekannte Wege merke ich mir mit Wegmarken. Bestimmte Punkte am Weg dienen mir zur Orientierung und zu den Punkten führt mich eine Art Geschichte. An dieser Geschichte hangel ich mich dann entlang, bis ich dort angekommen bin, wo ich hinmöchte. Gibt es keine eindeutige Wegmarke, arbeite ich mit „negativen Wegmarken“ – erblicke ich eine davon, dann weiß ich, dass ich eine Abzweigung verpasst habe und umkehren muss. Das System hat allerdings Nachteile: Ich finde nicht einmal zu meiner Wohnung, wenn ich 50 Meter entfernt, aber auf der „falschen“ Seite stehe. Bei Dunkelheit bekomme ich Schwierigkeiten, weil nicht alle Wegmarken erkennbar sind. In Großstädten ist zu viel zu schnell im Wandel und viel zu viele Reize drumherum, als dass ich mich auf die Wegmarken verlassen könnte. Und ganz hört es dann bei Schnee auf. Dann bin ich verloren, weil ein Großteil meiner Wegmarken schlicht nicht mehr zu sehen ist.

Da wäre es sicher praktischer, einfach „drauflos“ fahren zu können und anzukommen. Allerdings weiß ich nicht, ob der Preis der Gedankenlosigkeit dann nicht zu hoch ist…

Platon:

Ich denke jetzt auch, dass ich gerne einmal bei Sophie mitfahren würde. Ich weiss von ihr, dass sie sich während der Fahrt anders orientiert als ich, sich die Wege nicht allein visuell, sondern auch mit sprachlichen Hilfen einprägt. Sie sich während der Fahrt sogar am Leuchturm, der auch am Festland noch zu sehen ist, orientiert. Ich hoffe, dass sich diese Gelegenheit auch einmal ergeben wird.

Ich kann schlecht beurteilen, wie  Sophie sich insgesamt während der Fahrt gefühlt hat. Auf jeden Fall konnte es nicht so schlimm gewesen sein, denn die nächste Fahrt ist auch schon wieder geplant. Und die ist noch um ein vielfaches länger und komplizierter. Ich bin ja auch – so hoffe ich – lernfähig und kann mich dem akkuraten Fahrstil von Sophie soweit anpassen, dass es für uns beide in Ordnung ist. Im Übrigen ist mir auch durchaus bewußt gewesen, dass Sophie mir einen für ihre Verhältnisse großen Vertrauensvorschuss alleine dadurch gegeben hat, dass sie überhaupt erst eingestiegen ist.

 
 

Die Autofahrt – Teil II

Sophie:

Im Großen und Ganzen bin ich positiv überrascht. Der Philosoph fährt annehmbar. Etwas zu schnell, etwas zu weit rechts und manchmal schneidet er die Kurven – aber ich habe schon bei Weitem Schlimmeres gesehen. Als das Handy klingelt, zucke ich zusammen. Der Philosoph schaut Richtung Amaturenbrett, geht aber nicht ans Telefon. Das würde er – wie ich aus der Blitzer-Geschichte weiß – normalerweise nicht machen und ich bin dankbar.

Eigentlich will ich den Philosophen gerade fragen, wie er sich orientiert – ich habe als Beifahrer längst die Orientierung verloren. Aber er beginnt auf einmal, mit den Händen zu gestikulieren. Ich bin nicht sicher, drehe den Kopf etwas, damit er aus meinem periphären ins direkte Blickfeld kommt. Der wird doch nicht – ? Doch. Beide Hände in der Luft, den Kopf leicht in meine Richtung gedreht, redet der Philosoph weiter. Ich höre kein Wort. Ich wage einen weiteren Blick, weil ich kaum glauben kann, was ich sehe. Er fährt nicht wirklich freihändig, oder?

Platon:

Wir unterhalten uns weiter. Sophie macht mich darauf aufmerksam, dass ich die richtige Fahrspur etwas zu häufig verlasse. Wir erzählen weiter, ich gestikuliere, schaue auf mein brummendes Handy. Sophie zuckt zusammen. Was ich mit meinen Händen machen würde, wenigstens eine Hand solle am Lenkrad bleiben, besser noch beide, belehrt sie mich entsetzt. Jetzt fällt es auch mir auf.

Sophie:

Ich versuche, mein Unbehagen flapsig zu verpacken in der Hoffnung, dass es nicht zu unfreundlich ankommt. „Fahren Sie öfter freihändig?“, unterbreche ich daher seinen Redefluss. Der Philosoph bricht mitten im Wort ab, schaut aufs Lenkrad, beide Hände immer noch in der Luft. „Ach so. Ich fahre nicht freihändig, ich lenke mit dem Knie“, erklärt er. Das ist jetzt nicht wahr! Ich weiß für einen Moment nicht, ob ich aussteigen oder lachen soll. In Anbetracht der Tatsache, dass wir mit 70 Stundenkilometern auf der Landstraße unterwegs sind, erscheint mir ersteres nicht angeraten. Nach Lachen ist mir aber auch nicht unbedingt zumute. „Das macht Sie nervös, oder?“, will er von mir wissen. Ja. Ja, das macht mich nervös. Ziemlich sogar. Als Beifahrer, aber auch als Person, die regelmäßig im Straßenverkehr unterwegs ist. Wie viele Personen wohl noch mit den Knien lenken? Oder vielleicht mit dem kleinen Zeh? Der Nase? Dem Ohr?

Ich bitte den Philosophen, die Hände am Steuer zu lassen. Zumindest eine. Wenn plötzlich etwas vor den Wagen kommt, kann er mit dem Knie niemals ein Ausweichmanöver fahren. Und verliert wertvolle Zeit, wenn er erst wieder ans Steuer greifen muss. Ich bin nicht sicher, wie der Philosoph meine Belehrung auffasst. Ob er meine Bedenken nachvollziehen kann oder doch eher lustig findet. Immerhin greift er wieder ans Lenkrad. Und lässt die Hände bis zum Ende der Fahrt auch dort.

Platon:

Ich lenke den Wagen mal wieder mit dem linken Knie. Ich mache das eigentlich häufiger, mir fällt es schon gar nicht mehr auf. Zum Beispiel kann ich Cheesburger besser mit zwei Händen essen. Das Knie-Lenken geht eigentlich ganz gut, selbst leichtere Kurven kann ich so bewältigen. Ich entschuldige mich und steuere den Wagen wieder mit beiden Händen. Beim Aussteigen habe ich nicht den Eindruck, dass Sophie extrem verängstigt ist. Ob sie allerdings überdurchschnittlich froh ist, heile und unversehrt angekommen zu sein, kann ich ihr nicht ansehen.

 
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Verfasst von - 27. April 2014 in Die Autofahrt, Die Sitzungen

 

Die Autofahrt – Teil I

Sophie:

Der Philosoph ist pünktlich. Und ich dafür nervös. Für einige Momente überlege ich, ob es nicht doch besser ist, mit zwei Wagen zu fahren. Aber ich habe bereits zugesagt. Das Wageninnere erinnert mich etwas an sein Büro. Ein gewisses Grundchaos lässt sich schlicht nicht verbergen. Wobei ich zugeben muss, dass auch mein Wagen schon mal etwas überfrachtet sein kann. Kabelsalat unter dem Radio (wenn er ein Headset hat, warum benutzt er es dann nicht? Hätte ihm den Strafzettel erspart), klappernde CDs in der Seitenablage und auf die Rückbank schaue ich sicherheitshalber gar nicht.

Der Philosoph fährt nicht an, bevor wir beide nicht angeschnallt sind. Ein Pluspunkt. Es gibt Menschen, die fahren „schon mal“ los, schnallen sich dann während der Fahrt an oder achten nicht darauf, ob die Mitfahrer angeschnallt sind. Da bin ich rigoros. Ich achte darauf, dass ich nahe der Tür sitze. Nicht, dass ich bei voller Fahrt schnell aussteigen könnte, aber den Fluchtweg direkt an der Schulter, das vermittelt doch etwas Sicherheit. Und den Tacho habe ich so auch genau im Blick.

Platon:

Sophie wird gleich einsteigen. Ich habe mein Auto noch auf die Schnelle notdürftig aufgeräumt. Es ist eigentlich in einem ganz passablen Zustand von innen. Denke ich zumindest. Obwohl ich häufig Kinder und Jugendliche durch die Gegend fahre. Einmal hat mir ein Mädchen die gesamte Rückbank mit Pferdehaaren und dem passenden Geruch dazu versaut. Ich hatte sie vom Reiten abgeholt. Oder die ganzen Jugendlichen in ihren Arbeitsklamotten mit den dreckigen Stahlkappenschuhen.

Sophie steigt jetzt ein. Sie orientiert sich im Auto, läßt ihren Blick einmal schnell durch das Innere des Wagens huschen. Sie sitzt eher außen, etwas angespannt. Wir warten beide, wer sich wohl zuerst anschnallt. Ich lasse schließlich zuerst den Gurt einrasten, bevor dann Sophie das gleiche macht. Flüchtige Berührungen der Arme können vermieden werden. Ich starte und fahre los. Ich gebe mir Mühe, akkurat und unauffällig zu fahren.

Sophie:

Es dauert nicht lang und ich erwische den Philosophen dabei, dass er mit überhöhter Geschwindigkeit fährt. Ich weise ihn auf die 70er-Zone hin. Das nächste Ortsschild passieren wir mit 60 Stundenkilometer. Wieder kann ich mir eine Bemerkung nicht verkneifen, ab dem Ortsschild gilt 50. Gleichzeitig befürchte ich, dass es dem Fahrer jetzt schon zu doof wird. Ist sicher nervig, wenn so ein kleiner Klugscheißer ständig von rechts reinquatscht. Aber der Philosoph nimmt nur die Geschwindigkeit runter.

Beim Stopschild bleibt er nicht vorschriftsmäßig stehen, sondern rollt weiter, wenn auch ohne Gas. Ich beiße mir auf die Zunge, ich will den Bogen nicht überspannen. Auch zum Blinken hat er ein durchaus ambivalentes Verhältnis, wie mir scheint. Mal blinkt er gar nicht, dann wieder da, wo es gar nicht nötig wäre. Hinzu kommt, dass der Blinker ein Geräusch von sich gibt, das mich wahnsinnig macht. Bei einem Autokauf wäre dieser Blinker meinerseits ein Ausschlusskriterium.

Platon:

Wir kommen etwas ins Gespräch, ich merke aber, dass Sophie alle meine Fahrkünste und die Armaturen intensiv beobachtet. Ich würde etwas zu schnell fahren innerorts. Ja. Ich gehe etwas runter vom Gaspedal. Ich sage ihr, sie könne ruhig alles direkt sagen, was ihr auffiele. Ich würde den Blinker wohl auch nur eher zufällig verwenden, sagt sie. Ja, da muss ich ihr recht geben. Ich bin leider ein Blinker-Muffel. (Obwohl mir oft unangenehm auffällt, wenn andere Verkehrsteilnehmer nicht blinken). Allerdings ist mein Blinker ziemlich laut, zudem macht er ein extrem nerviges Geräusch. Ich merke, wie der Blinker Sophie stört. Sie bestätigt meine Vermutung. Plötzlich bin ich für das Blinken ganz neu sensibilisiert: Jetzt geht es nicht mehr darum, den Blinker zu vergessen, sondern ihn nicht zu lange blinken zu lassen.

 
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Verfasst von - 26. April 2014 in Die Autofahrt, Die Sitzungen