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Archiv der Kategorie: Der Tauschtag

Und was machst du so? Der Tauschtag – Teil III

Platon:

Dann müssen wir wieder los. Ich muss immer wieder zwischendurch telefonieren. In Gebäude der Familienhilfe arbeiten die zwei Jungs gemeinsam am Zaun. Dafür, dass diese beiden Jugendlichen auf ihren Schulen über Jahre für besonders negative Furore gesorgt haben, sind sie hier ein tolles Team. Ich versuche, ihr Selbstgefühl zu stärken. Währenddessen fragt mich das Mächen am PC andauernd, wer denn der eine Junge sei. Ich will sie vorstellen, doch davon bringt sie mich mit lautem Geschrei ab. Sophie bekommt alles aus der Entfernung mehr oder weniger mit.

Sophie:

Die Situation in der Wohnung ist anstrengend. Die Leute scheinen nett, aber drei Fremde auf einen Haufen in einer fremden Wohnung – nicht ganz mein Fall. Die Kaffeemaschine ist laut und unangenehm, die Wohnung aufgeräumt, aber irgendwie unstrukturiert. Offen und ohne klare Linie. Ständig bleibt mein Blick irgendwo hängen, ein Gesamtbild bekomme ich nicht. In der Kommunikation orientiere ich mich klar am Philosophen, greife seine Themen auf, antworte auf Fragen. Normalerweise würde ich wohl nichts sagen.

Nach einer halbe Stunde geht es wieder zurück. Und ich merke, dass es mir – mal wieder – gerade zu viele Leute werden. Das Mädchen oben, die zwei Jungs am Zaun, die Familie eben, der ständige Ortswechsel, das „Ich mach eben noch“-Prinzip des Philosophen. Ich für meinen Teil bin erst mal bedient und ziehe mich zurück. Beobachte nur noch aus der Entfernung.

Platon:

Zur Belohnung für ihren Einsatz lade ich die beiden Jungs zu einer anderen Fastfood-Kette ein und ärgere mich gleichzeitig, dass ich schon gegessen habe. Da muss ich jetzt aber durch. Sophie bleibt lieber bei dem Mädchen am PC. Nach vollendeter Arbeit an diesem Tag bringen wir den einen Jungen wieder zurück. Der ander fährt mit dem Fahrrad.  Ich kann schlecht abschätzen, inwiefern Sophie auf der Rückbank unserer Unterhaltung vorne folgen kann. Dann fahren wir zurück zum Mädchen am PC, laden es ein und bringen es auch nach Hause. Ich bin wieder einmal ziemlich erschöpft und ich vermute Sophie auch. Ich bringe sie nach Hause. Es ist etwa 19 Uhr.

Sophie:

Der Philosoph war zwischendurch verschwunden. Im Gebäude ist es kalt, daher entschließe ich mich, mit durch Ostfriesland zu fahren, als er einen der Jugendlichen nach Hause bringt. Beim Einsteigen fällt mein Blick auf den Fastfood-Getränkebecher. Also war er noch einmal bei einer Kette. Ich glaube, das Zeug macht wirklich süchtig.

Nachdem der Junge abgeliefert ist, geht es wieder zurück zum Gebäude der Familienhilfe, nun das Mädchen einladen. Himmel, was eine unkoordinierte Fahrerei. Und das jeden Tag, ich würde wahnsinnig werden. Dazu der durchaus als flexibel zu bezeichnende Zeitplan, der spürbar nach vorne oder hinten gedehnt wird – das ist so komplett anders als das, was ich tagtäglich mache. Und ich merke, dass diese Art zu arbeiten, gehörig an meine Reserven geht.

 

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Ein Kommentar

Verfasst von - 11. Juni 2014 in Der Tauschtag, Die Sitzungen

 

Und was machst du so? Der Tauschtag – Teil II

Platon:

Sobald ich das Gespräch mit Lucy beendet habe, gehe ich zum Auto. Dort wartet Sophie. Obwohl es noch etwas früh für ein Mittagessen ist, beschließe ich etwas bei einer Fastfood-Kette zu essen. Sophie begleitet mich unwillig. Schon bei der Bestellung bemerke ich, wie die ganzen Geräusche der Kasse, der Kaffeemaschinen, der „Drive-In“-Bestellungen, der Frittier-Geräte usw. Sophie erheblich irritieren und sprichwörtlich nerven. Sie lehnt dankend ab, als ich frage, ob sie auch etwas haben möchte. Ich suche einen Platz weit hinten, immerhin ist es dort geringfügig ruhiger. Ich esse hastig meine Dinger auf, lese dabei flüchtig in einer Zeitung, und versuche erst gar nicht großartig mit Sophie ins Gespräch zu kommen. Ich kann mir jetzt schon vorstellen, wie Sophie im Blog diesen Fastfood-Restaurant-Besuch kommentieren wird.

Sophie:

Ich warte im Auto, es ist einer der ersten warmen Tage. Schmetterlinge flattern vorbei, im Gebüsch vor mir sitzt ein Vogel und flattert zwischen den Zweigen hin und her. Plötzlich ist der Philosoph wieder da, es scheint doch etwas Zeit vergangen. Er möchte Mittag essen und fährt mit mir Richtung Stadt, um dann bei einer bekannten Fastfoodkette zu halten.

Es stinkt nach altem Fett. Na lecker. Das Restaurant am Bahnhof hat in etwa den Charme einer öffentlichen Toilette. Auch die Geräuschkulisse ist nicht das, was ich mir unter einer „angenehmen Atmosphäre“ vorstelle. Der Philosoph kommt mit zwei pappigen Burgern an einen Tisch und scheint regelrecht begeistert. Ich frage, ob das Zeug wirklich schmeckt. Es riecht nach Chemie und leicht ranzig und auch die Optik lässt mich darauf schließen, dass da viel aufgepeppt wurde. Ich habe mal gehört, dass diese Burger nicht schimmeln wie andere, „normale“ Lebensmittel, wenn man sie längere Zeit liegen lässt. Das lässt darauf schließen, dass da wirklich mehr Lebensmittelchemie als alles andere drin ist. Und mit der Begeisterung, mit der der Philosoph seine Burger isst, sind da wahrscheinlich auch Stoffe drin, die das Belohnungssystem im Gehirn antriggern. Einmal gegessen, kommt man nicht mehr von los. Ich bin froh, als wir den Laden wieder verlassen können.

Platon:

Danach fahren wir zurück zur Bildungsmaßnahme. Ich habe dort ein kurzes Gespräch, bringe dann das Mädchen mit zum PKW, wo Sophie wieder wartet. Wir bringen das Mädchen zum Busbahnhof und holen unmittelbar danach eine andere Jugendliche bei ihr zu Hause ab. Zu dritt fahren wir dann in das Hauptgebäude der Familienhilfe. Dort hat das Mädchen zahlreiche Aufgaben für die Schule am PC zu lösen. Ich unterstütze das Mädchen zunächst dabei, dann kommen noch zwei weitere Jungs. Die Jugendlichen sollen ein sozialpädagogisches Zaunprojekt planen. Ich unterstütze dabei, merke aber, dass die beiden Jungs besser ohne mich klar kommen. Ich fahre mit Sophie zu einer Kollegin, die in unmittelbarer Nachbarschaft wohnt. Dort trinken wir im Garten zusammen mit dem Mann und der erwachsenen Tochter der Kollegin einen Kaffee. Sophie fühlt sich zusehends unsicher, das merke ich. Wir beide berichten vom Blog, erklären, was es damit überhaupt auf sich hat. Zwischendurch zeigt uns meine Kollegin eine große dicke Tagesdecke. Wir planen, bei einer Schneiderin sogenannte „Kassetten“ einnähen zu lassen und zu befüllen. Die Decke soll dann um die 20 Kilogramm wiegen. Sophie ist von der Idee angetan.

Sophie:

Es geht wieder zurück zu dem Gebäude, bei dem wir schon den ganzen Vormittag waren. Ich warte erneut im Auto, dass sich zunehmend aufheizt. Es wird wohl Sommer.

Eine Stund später beginnt die Rumfahrerei. Erst eines der Mädchen Richtung Bahnhof, bei der Gelegenheit wird meine Theorie mit der Fastfood-Kette bestätigt. Offenbar hat der Philosoph dem Mädchen so von dem Papp-Essen vorgeschwärmt, dass diese nun ebenfalls etwas davon möchte. Der Philosoph spendiert einen Burger und fährt dann weiter. Einige Kilometer außerhalb laden wir ein weiteres Mädchen ins Auto und fahren erneut zurück in die Stadt, zur Kinder- und Familienhilfe. Kurz darauf tauchen dort dann auch noch zwei Jungs auf, die draußen am Werken sind.

Der Philosoph macht mit mir einen kurzen Abstecher zu einer seiner Bekannten. Ich mag es nicht, fremde Wohnungen zu betreten und habe dankenswerter Weise im Flur eine Katze vorgefunden, die sich bereitwillig kraulen ließ. Irgendwann komme ich dann doch nicht umhin, weiter in den Wohnraum vorzudringen, der Philosoph ist mit mehreren anderen Menschen bereits einige Räume weiter.

Sophie:

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 8. Juni 2014 in Der Tauschtag, Die Sitzungen

 

Und was machst du so? Der Tauschtag – Teil I

Platon:

Wir machen einen sogenannten Tauschtag. Ursprünglich war die Idee, dass wir einmal komplett gerne die Wahrnehmungssituation tauschen würden, also die Körper, die Sicht der Welt. Einmal die Dinge so zu erleben, wie es der andere tut. Da das aber wohl nur in Gedanken möglich ist, einigten wir uns auf eine gemilderte Variante: Sophie begleitet mich einen Tag lang wie mein Schatten.

Und dieser Tag beginnt schon morgens um 06.45 Uhr. Sophie klingelt bei mir und erlebt meine hektischen Vorbereitungen für den Tag: Unterlagen zusammensuchen, Handy suchen. Ist es auch aufgeladen? Und meinen Kaffee, den ich in einem Thermobecher für die Fahrt mitnehme. Ich suche etwas herum, und merke, wie Sophie mich dabei beobachtet. Vermutlich findet sie meine chaotischen Vorbereitungen witzig. Wir steigen dann irgendwann in mein Auto ein.

Sophie:

Um Viertel vor sieben stehe ich beim Philosophen vor der Tür. Ich habe einen groben Plan des heutigen Tages, befürchte aber fast, dass der wirklich nur „grob“ ist und eher weniger als „Plan“ zu bezeichnen ist. Ich bin gespannt, denn schließlich soll ich heute einen Tagesablauf kennenlernen, der komplett anders ist als der meinige. Und das geht, wie sich sofort zeigt, schon beim Start am Morgen los.

Der Philosoph rennt hektisch durch die Wohnung. Vom Büro ins Wohnzimmer, vom Wohnzimmer in die Küche. Sortiert den Laptop auf dem Tisch, flitzt weiter zur Kaffeemaschine, holt Unterlagen und wieder zurück zum Laptop. Ich stehe unschlüssig im Raum, soviel unkoordiniertes Gerenne am Morgen ist mir suspekt. Ich habe jeden Morgen den gleichen Ablauf nach einem identischen Zeitplan – wenn mein Tag mit so einem Chaos beginngen würde.

Irgendwann kurz nach sieben sitzen wir im Auto und der Philosoph geht noch einmal laut alles durch: „Geldbeutel hab ich. Schlüssel hab ich. Laptop hab ich. Handy hab ich.“ Witzig. Allerdings frage ich mich, ob es nicht sinnvoller wäre, das durchzugehen, was er nicht hat. Wie die Unterlagen, die auf dem Wohnzimmertisch liegen. Und da auch den Rest des Tages bleiben werden.

Platon:

Sophie muss zunächst noch etwas bei einer anderen Institution klären. Ich setze sie dort ab. Die Fahrt bis dahin verläuft entspannt und unterhaltsam. Wir einigen uns darauf, dass ich sie etwas später wieder abhole. Und das klappt auch gut. Ich nehme Sophie mit zu einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme, bei der ich psychologische Beratung anbiete. Mit einer Teilnehmerin, Lucy, hatte ich im Vorfeld abgeklärt, dass Sophie uns begleitet. Beide kannten sich sogar schon durch eine gemeinsame Aktion einige Wochen zuvor.

Sophie:

Ich habe noch einen anderen Termin in der gleichen Stadt, sodass mir eineinhalb Stunden Schonfrist bleiben. Dann steht ein Termin des Philosophe an, mit Lucy. Die habe ich bereits im Winter kennengelernt, ich weiß also, wer mich erwartet.

Die beiden laufen durch das Gewerbegebiet, ich schleiche wie ein Schatten wenige Schritte hinterher. Die Umgebung ist laut, LKW, fahrende Autos, Industrielärm. Von dem Gespräch, das direkt vor mir stattfindet, bekomme ich nur Fragmente mit. Was vielleicht auch gar nicht so verkehrt ist. Denn obwohl Lucy mit meiner Anwesenheit einverstanden ist und sich daran nicht im Geringsten zu stören scheint, komme ich mir ein bisschen wie der Lauscher an der Tür vor. Daher verlege ich mich auf das, was ich besonders gerne und intensiv mache: Beobachten.

Platon:

Ich entscheide mich dafür, dass wir spazieren gehen. Ich gehe neben Lucy, Sophie etwas hinter uns. Direkt durch das Gewerbegebiet, leider. Die Geräuschkulisse ist immer wieder durch LKWs erheblich störend. Lucy zeigt sich von ihrer „besten“ Seite. Sie wird sehr privat, spricht über Dinge, die Sophie nicht einmal im Ansatz erwähnen würde. Sie wird anzüglich, bleibt aber trotzdem freundlich und lustig. Sie spricht mit Sophie, und ich drücke die Daumen, dass Lucy den Bogen nicht überspannt. Wir haben Spaß, es ist insgesamt eine skurrile Situation.

Lucy geht sehr nahe neben mir, sie berührt mich immer wieder mit ihrer Schulter, ihrem Arm. Sie lacht häufig und ist etwas aufgedreht. Einige Dinge, die sie sagt, machen selbst mich etwas sprachlos. Ein oder zwei Mal provoziert sie mich. Und dann lacht sie wieder. Ich habe den Eindruck, dass Lucy Sophie mag. Und ich denke auch, dass Sophie mit Lucy keine Probleme hat. Irgendwann breche ich ab, ich gehe mit Lucy wieder in meinen Raum, Sophie wartet solange im Auto.

Sophie:

Ich bin erstaunt. Obwohl ich Lucy bereits kenne, erlebe ich sie heute komplett anders als vor einigen Wochen. In verschiedenen Kontexten kann ein und dieselbe Person in vollkommen unterschiedlichen Arten auftreten, das ist mir schon häufiger aufgefallen. Auch hier scheint das der Fall zu sein. Lucys sprachliche Hemmschwelle scheint – nun ja, niedrig. Und ich ich meine, ein Verhaltensmuster zu erkennen, das der Philosoph mit „anbändeln“ bezeichnet. Und dann irgendwie doch wieder nicht. Sehr seltsam. Die Themenfragmente, die ich von meiner „Lauschposition“ mitbekomme, springen wild hin und her. In den Inhalten kann ich keine klaren Regeln erkennen, keine logische Struktur. Dass ist ein Punkt, den ich auch bei anderen Menschen in Gesprächen häufig beobachten kann: deren Kommunikation läuft komplett anders.

 

 

 

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 7. Juni 2014 in Alltägliches, Der Tauschtag