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Archiv der Kategorie: Der Spaziergang

Zwischen Gedanken – Nach dem Spaziergang

Sophie:

In Gedanken bin ich an der See. An dem Blick bis zum Horizont, wo kaum etwas ist, was störend ist. Selbst die Geräusche mochte ich – die Rufe der Möwen, das Rauschen des Windes. Ich liebe es, zu schauen, wie sehr sich das Windgeräusch und auch die herangetragenen Geräusche ändern, wenn man den Kopf dreht. So kenne ich das nur hier an der See.

Zum ersten Mal seit Wochen habe ich für einige Zeit das Gefühl, völlig ruhig zu sein. Gelassen. Der stete Wechsel von Ebbe und Flut ist verlässlich, vielleicht ist es das, was mir eine Art Sicherheit gibt? Die Nordsee wird auch morgen da sein und übermorgen. Ich kann sogar sagen, ob gerade Wasser da ist oder nicht – selbst dann, wenn ich nicht am Deich stehe.

Platon:

Ich hatte Sophie nach dem Spaziergang gefragt, ob ich zuviel geredet hätte. Sie hat dann auf nette Art gesagt, das es ihr schwerfällt, sich auf das Fotografieren und das Sprechen gleichzeitig zu konzentrieren. Und ich hatte eigentlich den Eindruck, sehr wenig gesprochen zu haben. Es scheint, dass es doch nötig ist, sich noch klarer vor Beginn solcher Aktionen abzustimmen.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass ihr die besondere Weite der Landschaft, der Horizont, die salzige Luft, der Wind und die vielen Tiere besonders gefallen haben. Sie wirkte teilweise wie abwesend. Allerdings nur in Bezug auf mich. Sie schien ganz einzutauchen in die sie umgebende Natur, in das Weltnaturerbe Wattenmeer. Ich denke, dass ich gerne einmal so wie sie wahrnehmen würde. Gerade jetzt denke ich das ganz besonders, nach diesem Gang am Meer. Weil ich zwar irgendwie dabei war, daneben stand, aber ihre Sinneseindrückke nicht mit ihr teilen konnte.

Sophie:

Ich habe gesehen, dass der Weg am Meer direkt neben einem Campingplatz ist. Jetzt um diese Jahreszeit ist da niemand. Aber das wird sich wahrscheinlich bald ändern. Ich zweifle, dass dieser Weg dann immer noch den gleichen Reiz hat. Zu viele Touristen trampeln dann dort entlang, hinterlassen Müll und Gestank und erfreuen sich an der Natur zwischen Plastiktüten und Kindergeschrei. Dann müsste ich warten, bis die Saison vorbei ist, um dort in einer ähnlichen Ruhe sein zu können wie bei diesem Spaziergang. Oder ich müsste einen anderen Ort finden, einen, den die Touristenscharen nur schwer ausfindig machen. Denn sonst wird die Ruhe dort zu einer hektischen Unruhe. Und das sollte nicht sein.

Manchmal glaube ich, dass das Meer das Einzige aus der Außenwelt ist, das die Innenwelt zu beruhigen vermag.

Platon:

Bei jedem Gang ist hier die Stimmung anders. Mal stürmisch, mal nebelig. Oder sonnig und  warm, oder kalt und verschneit. Mal sind die Zugvögel dominant, mal die heimischen Tiere. Mal viele Menschen, dann wieder Menschenleere. Flut oder Ebbe. Wellen oder spiegelglatt. Ganz unterschiedliche Geräusche, ganz andere Farben. Immmer wieder anders, immer eine neue Komposition. Auch mir gefiel der Gang.

Ob sie den Weg auch alleine gehen kann? Schwer ist es nicht. Dreimal links. Zurück über die  Deichkrone. Bin gespannt, ob sie es alleine probieren wird. Das würde ihr vermutlich gut tun, wenn sie regelmäßig hier geht. Vielleicht früh morgens, wenn die Sonne aufgeht, und nicht so viele störende Menschen unterwegs sind.

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Der Spaziergang – Blick durch die Linse – Teil I

Die Bilder entstanden bei einem gemeinsamen Spaziergang. Sophie und Platon hielten sich zur selben Zeit am selben Ort auf, Unterschiede gab es nur im Kamera-Equipment.

Sophie:

Sophie I

Platon:

Platon I

Sophie:

Sophie II

Platon:

Platon II

 
6 Kommentare

Verfasst von - 1. April 2014 in Der Spaziergang, Die Sitzungen

 

Der Spaziergang – Teil II

Sophie:

Ich bin unschlüssig, ob und wie ich den Philosophen zum Schweigen bringen soll. Ich möchte nicht unhöflich sein. Aber seine Erzählungen lenken ab. Wenn ich fotografiere, dann konzentriere ich mich auf diesen einen Moment, dieses eine Bild. Alle Konzentration liegt im Visuellen, Zuhören und dann noch adäquat antworten erfordert Ressourcen. Laufen und Reden, das geht. Laufen, Reden und Fotografieren, das nicht.

Dicht über das Wasser fliegt ein Schwarm Gänse. Sie scheinen zu früh aufgeflogen auf der Suche nach Futter im Watt, noch ist nicht genug Wasser abgelaufen. Das Geschnatter und das Rauschen der Flügel in der Luft ist deutlich zu hören.

Ich ziehe mich für einige Momente auf den Deich zurück. Die Sonne steht nicht so, wie ich sie gerne für das perfekte Bild hätte. Trotzdem mache ich eines. Das ist der Preis der Natur. Vielleicht ist es doch wieder perfekt.

Platon:

Sie geht sehr vorsichtig, sehr bedächtig. Ich fühle mich etwas deplaziert, vielleicht sogar etwas überflüssig. Oder parallel. Wir sind beide am gleichen Ort, aber beide irgendwie jeder für sich. Das ist für mich kein Problem, und ich denke für Sophie ohnehin nicht. Eigentlich wollte ich die Zeit auch noch nutzen, um einige Dinge zu besprechen. Ich merke aber, dass nur das eine oder das andere geht. Also entweder die Natur wirken lassen, oder sich unterhalten. Ich lasse auf Sophie die Natur weiter wirken, stelle mein Gerede wieder ein.

Sophie:

Ich folge den Linien der Deichbefriedung mit den Augen. Steine, im gleichmäßigen Abstand, in einer Reihe. Die Holzpallisaden zum Küstenschutz geben gradlinig und rechtwinklig ins Watt. Einige Möwen haben sich darauf niedergelassen. Ein Zaun ist überhäuft mit Seegras von der letzten Überflutung. Im Gras liegen einige lose Federn. Langsam wird es dunkel. Zu dunkel zum Fotografieren. Ich schließe das Objektiv der Kamera, es lohnt nicht mehr.

Über uns rauscht ein großer Schwarm von Vögeln, ihr Flügelschlag ist fast ohrenbetäubend. Jetzt kann ich mich mehr auf den Philosophen konzentrieren. Es tut mir Leid, dass ich nicht so auf seine Beiträge eingehen konnte, wie er sich das vielleicht dachte. Ich versuche zu erklären. Warum es Konzentration frisst. Warum meine Kamera all meine Aufmerksamkeit hat und dann nichts mehr übrig bleibt für anderes. Dass das Fotografieren ein sehr persönlicher Vorgang ist. Bei dem keiner, den ich nicht voll akzeptiere und respektiere, dabei sein darf. Er scheint zu verstehen.

Platon:

Wir müssen bald wieder umkehren. Ich habe ja noch meine andere Klientin. Es ist jetzt fast ganz dunkel, die Sterne sind zu sehen. Wir reden etwas über das Fotografieren, über Objektive. Darüber, dass ich heute das falsche Objektiv habe. Sophie hat das richtige mit.

Ich kann schwer einschätzen, ob ihr der Weg gefällt. Ob ich eher störend bin, oder ob ich eine Hilfe, eine Orientierung für sie bin. Mir hat der kleine Ausflug gefallen. Ich denke sogar kurz darüber nach, viel häufiger meine Gespräche bei einem Spaziergang am Meer statt bei mir in der Praxis durchzuführen.

 
 

Der Spaziergang – Teil I

Sophie:

Ich wohne schon zu lange hier, ohne das Meer gesehen zu haben. Dabei war es einer der Gründe, warum ich hierher wollte. Der salzige Geschmack in der Luft, der Geruch nach Seetang, der Wind, die Vögel – meist erinnert mich nur das Rufen der Möwen über meiner Wohnung daran, dass die See nur wenige Kilometer entfernt ist.

Der Philosoph hatte mir von einem Weg erzählt, abseits der Touristen-Trampelpfade. Ich weiß nicht, ob es angemessen ist – ich frage ihn trotzdem nach diesem Weg. Ich gehe ungern alleine fremde Wege – die Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendwo rauskomme, wo ich gar nicht hinwollte, ist hoch. Im schlimmsten Fall finde ich nicht mehr zurück.

Platon:

Ich hatte Sophie vom Weg am Meer erzählt. Direkt am Wasser, mit Blick auf die Salzwiesen einerseits und das Watt andererseits. Bei Flut geht man direkt an der Wasserkannte lang. Man sieht die Inseln am Horizont. Große Vogelschwärme machen hier Rast, viele Vögel leben hier das ganze Jahr über.  Der Frühling ist schon fast zu erahnen.

Jetzt fragt sie, ob ich ihr diesen Weg zeigen könne. Ja, kann ich. Ich biete Sophie einen späten Nachmittag an. Wenn die Dämmerung einsetzt. Ich schlage vor, dass wir zusätzlich unsere Kameras mitnehmen, vielleicht finden sich ja Motive. Mich interessiert die Art und Weise, wie sie fotografiert.

Sophie:

Es gibt diesen einen Moment, den ich unglaublich liebe. Dann, wenn man den höchsten Punkt des Deiches erreicht, wenn das flache Land und das Grün verschwinden und sich vor einem die Weite des Watts ausbreitet. Es ist nur der Bruchteil einer Sekunde, aber in dieser Sekunde scheint sich die Welt aufzulösen. Es gibt keine Häuser, keine Autos, keine Menschen, der Blick wird magisch angezogen von dieser Fläche, die bis zum Horizont geht, die laute Welt verschwindet und es bleibt nur das Rauschen des Windes und die Rufe der Vögel. Wenn ich könnte, würde ich tausend Mal den Deich hinauf und wieder hinunter laufen, nur um diesen einen kurzen Moment wieder und wieder zu erleben. Denn in diesem einen Moment fühlt sich nichts falsch an.

Es sind keine Menschen unterwegs. Der Philosoph redet. Das Wasser hat sich zurückgezogen, hinter den omnipräsenten Windrädern geht eine feuerrote Sonne unter, die alles in ein glühendes Dämmerlicht taucht. Der Philosoph redet. Im Watt laufen Vögel und selbst auf die Entfernung kann ich sie erkennen: Einige Austernfischer staksen durch das Wasser, vor allem aber wuseln Alpenstrandläufer durch den nassen Sand. Dazwischen einige Stockenten, am Himmel kreisen Silber- und Lachmöwen. Irgendwo hinter dem Deich scheint eine Gruppe Gänse zu sein, das Schnattern ist deutlich zu hören. Der Philosoph redet immer noch.

 

Platon:

Ich habe nur begrenzt Zeit, da ich noch eine andere Klientin in der Praxis habe, die an einem ungestörten Ort etwas für die Schule vorbereiten muss. Sophie kommt mit dem eigenen Wagen. Ich zeige ihr die Wegstrecke, nur einige Kilometer von mir entfernt. Wir steigen aus und marschieren los. Es ist ein schöner Abend, zumindest für mich. Wolkenlos, wenig Wind, gute Sicht, nicht zu kalt.

Sophie ist sehr konzentriert, achtet scheinbar auf viele Details. Sie macht Fotos. Auch ich mache welche. Wir gehen etwas weiter am Wasser entlang. Ich zeige ihr die Bojen, die im Meer zu sehen sind, die grünen Tonnen, und die roten Tonnen. Erkläre ihr, woran man erkennt, ob die Flut kommt, oder ob das Wasser wieder abfließt, also die Ebbe bald einsetzt. Ich stelle wieder Fragen. Vermutlich quatsche ich zuviel. Also bleibe ich phasenweise wieder ganz still, laufe etwas vor, bleibe etwas zurück, lasse Sophie ihre eigene Geschwindigkeit, gebe ihr Zeit für ihre Fotos.