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Archiv der Kategorie: Der Einkauf

Zwischen Gedanken – Nach dem Einkauf

Sophie:

Ich stehe in meiner Wohnung, mit der Tiefkühlpackung und dem Wasser. Und starre in den Kühlschrank. Jetzt habe ich zwar meine Produkte, aber kein Tiefkühlfach. Der ganze Aufwand und es passt doch nicht. Irgendwo finde ich eine Schüssel, schütte die Sachen um – sonst schmecken sie nach Pappe. Aber die Schüssel im Kühlschrank ist nicht richtig. Der Einkauf war nicht richtig. Nicht mein Laden, nicht meine Produkte.

Früher hatte ich einen Laden, da habe ich alles bekommen. Hier muss ich in mindestens zwei Läden – ein Laden zuviel. Ich weiß nicht, ob das auf Dauer klappen kann.

Platon:

Wie soll es weitergehen? Ich bin unsicher. Mal wieder. Andererseits sind vielleicht Teile des grundsätzlichen Problems, also der Müdigkeit und der Konzentrationsprobleme, auf mangelnde Ernährung zurückzuführen. Und das sind lösbare Probleme. Sofort lösbare Probleme. Theoretisch.

Praktisch geht es nun darum, zunächst die tägliche Mindestversorgung sicherzustelllen. Das Gefrierfach muss funktionieren. Lösbar. Sophie muss deutlich regelmäßiger essen und trinken. Lösbar. Die eingeschränkte Produktpalette an Nahrungsmitteln sollte etwas erweitert werden. Lösbar, aber zugegebener Weise eine große Herausforderung.

Ich habe einen Plan, werde ihn mit ihr demnächst besprechen. Sie muss letztlich entscheiden, sie gibt die Geschwindigkeit an. Und natürlich die Richtung. Ich bin zuversichtlich. Ja, doch. Zuversichtlich.

Sophie:

Langsam geht mir auf, dass das so nicht funktioniert. Diese Blockade im Denken, das muss sich ändern. Zumindest soweit, dass ich in irgendeiner Form etwas einigermaßen „normal“ erledigen kann. Und sei es nur, auf Produkt B auszuweichen, wenn A nicht mehr da ist. Oder einen Ersatz-Laden zu haben, wenn der eigentliche zu voll ist.

Sobald ich daheim bin, klappt das in der Theorie ganz gut. Stehe ich vor Ort, scheitert all das an der Praxis. Dann geht mein Ersatzplan verloren, weil der ursprüngliche Plan nicht eingehalten werden konnte.

Wäre ich alleine gewesen, hätte ich nicht mal das Wasser gekauft. In einen zweiten Laden zu gehen – auf die Idee wäre ich wohl schlicht gar nicht gekommen. Nein, es ist eindeutig. Es muss sich was ändern. Und zwar bald.

Platon:

Es gibt bestimmte Zeiten in der Woche, die besser sind. Zum Beispiel Dienstags um 11 Uhr. Dann gehen kaum Menschen einkaufen. Das muss beobachtet werden. Sie kann für die ganze Woche einkaufen. Sie kann sich eine eigene, eine richtige Struktur aufbauen. Darum geht es. Es wird vermutlich einfacher, wenn sie sich selbst findet.

Ich suche noch eine geeignete Person, die dabei helfen kann. Da gibt es Möglichkeiten. Bis dahin werde ich das wohl übernehmen müssen. Zum Beispiel  kochen. Ich werde einmal mit Sophie kochen. Vielleicht einmal zur Abwechslung etwas Öl an die Nudeln. Hochwertiges Öl. Vielleicht auch einmal Kartoffeln statt Nudeln. Und weiterhin regelmäßig Äpfel. Sie muss letztlich entscheiden, sie gibt die Geschwindigkeit an. Und natürlich die Richtung. Ich bin zuversichtlich. Ja, doch. Immmer noch zuversichtlich.

Und dann, erst dann, wenn die Ernährung funktioniert, können alle weiteren Schrittte geplant werden. Sie muss entscheiden.

 
 

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Der Einkauf – Teil III

Sophie:

Plötzlich verschwindet der Philosoph. Er bräuchte noch etwas – sprach’s und verschwindet. Ich bleibe stehen, irgendwo zwischen Tiefkühltheken und Obstabteilung. Ein Mann mit einem Einkaufswagen kommt an mir vorbei. Das Geräusch der Räder auf dem Boden ist unangenehm, gleichzeitig wird mein Blick fast magisch vom vorderen linken Rad angezogen. Ein Zettel klebt daran, bei jeder Drehung verändert sich das Geräusch, sobald das Papier über den Boden fährt. Die drehende Bewegung ist faszinierend und ich bleibe weiter mit den Augen dran kleben.

Unvermittelt taucht der Philosoph wieder auf. Und steuert die Kasse an. Während er vor mir bezahlt, lege ich mir bereits meine Sätze zurecht. „Hallo“ zur Begrüßung, „Mit Karte, bitte“, wenn es ans Bezahlen geht und die Kassierin den Preis genannt hat und „Tschüss“ beim Gehen. Meist reicht das aus.

Ich zahle fast jeden Preis mit Karte – so vermeide ich, dass mir die Kassierin das Geld in die Hand geben muss. Es ist am Unkompliziertesten. Ich habe in einem anderen Laden mal eine Kundin gesehen, die das Wechselgeld hingelegt bekommen wollte. Die Kassierin tat es, doch als die Kundin anschließend weg war, lachte sie mit ihrer Kollegin über die „Bekloppte“. Und erzählte dem nachfolgenden Kunden, dass es öfter mal „Spinner“ im Laden gebe. Wenn ich mit Karte bezahle, bleibe ich unauffällig. Und vermeide die Berührung.

Platon:

Jetzt fehlt noch das Gemüse. Ich schlage ihr vor, zu einem anderen Laden zu fahren, der diese Marke hat. Nach einiger Überlegung willigt sie ein. Dort angekommen, frage ich, ob sie mit rein möchte. Nein, sie warte lieber im Auto. Ich beeile mich, nach einigen Minuten bin ich mit der richtigen Sorte in der richtigen Verpackungsgröße wieder am Wagen und steige zu ihr ein.

Sophie:

Ginge es nach mir, würden wir wieder zurück fahren. Aber der Philosoph bleibt am Tiefkühlprodukt hängen. Er möchte es in einem anderen Laden besorgen. Der einzige weitere Laden in der Nähe ist noch unübersichtlicher und viel voller. Eigentlich möchte ich nicht. Ich habe das Wasser, das reicht doch. Allerdings bin ich mir sicher, dass der Philosoph das anders sehen wird.

Er scheint mein Unbehagen zu merken, denn er bietet an, dass er schnell in den Laden geht und das Produkt holt. Ich willige ein und frage mich gleichzeitig, ob das auch bedeutet, dass ich zu langsam bin. Da er den Schlüssel stecken lässt, geht das Licht im Wagen nicht aus. Ich schalte es manuell aus. Als er wieder da ist, merkt er nicht einmal, dass das Licht beim Türöffnen nicht angeht.

Platon:

Wir fahren zurück. Ich möchte sie eigentlich direkt aussteigen lassen und dann wieder fahren. Doch sie stellt ungefragt eine Frage, was selten genug vorkommt. Wir kommen ins  Gespräch, ich stelle den Motor ab. Wir klären noch einige andere Dinge. Quatschen noch über den Blog. Dann verabschieden wir uns.

Ich denke, dass ich schon viel früher mit ihr hätte einkaufen gehen können. Durch solche Aktionen lerne ich sie viel besser zu verstehen, als durch puren direkten oder schriftlichen Dialog. Der Einkauf war für sie sicherlich eine Tortur. Für mich interessant und spannend. Letztlich wird sie sich dieser Einkaufssituation immer wieder stellen müssen.

 
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Verfasst von - 16. März 2014 in Der Einkauf, Die Sitzungen

 

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Der Einkauf – Teil II

Sophie:

Ich mag es nicht, wenn ich aus dem Dunkel ins Licht komme. Der plötzliche Wechsel der Lichtverhältnisse ist unangenehm, fast schmerzhaft. Der Laden hat Neonröhren, die ein beständiges, tieffrequentes Summen verursachen. Ein Geräusch, das man mehr fühlt als hört. Immer wieder unterbrochen vom schrillen Piepen einer Kasse und einem durchgehenden Knattern, das ich einfach nicht zuordnen kann. Das Licht ist grell und wird von den verspiegelten Lampen noch reflektiert.

Im Regal stapeln sich bunte Verpackungen, lila, blau, gelb, grün – bevor es mir im wahrsten Sinne des Wortes zu bunt wird, fixiere ich die Linien auf dem Boden. Die Fließen sind gelb mit Flecken, aber sie ergeben ein sich wiederholendes Muster, klare Linien.

Diese Läden sind wie ein Gefängnis, denn wenn sich die Schiebetür hinter einem geschlossen hat, kann man nicht mehr hinaus. Man muss erst durch den halben Laden, um zum Ausgang zu gelangen. Versperrte Fluchtwege sind auch Dinge, die ich eindeutig nicht mag.

Platon:

Sie bewegt sich unsicher, und sie orientiert sich an meinen Bewegungen. Ein Deckengebläse macht höllischen Lärm. Die Kasse piept laut. Überall Lichter. Grell.

In meiner Gedankenlosigkeit gehe ich am Wasser vorbei. Als ich das merke, bleibe ich stehen, Sophie dann auch sofort. Ich sage: „Oh, wir sind am Wasser vorbeigegangen“. Ich gehe zurück. Auch Sophie dreht sich um und begleitet mich zurück zum Wasser. Ich meine, einen Anflug von Genervtsein auf ihrem Gesicht zu erkennen. Sie nimmt schließlich eine Sechserpackung von der Palette.

Nun laufe ich schnurstracks zur Gefriertheke. Ich ahne natürlich schon die kleine Katastrophe. Ja, es ist zwar das Gemüse da, aber von der falschen Marke.

Sophie:

Nach einem kurzen Irrweg finden wir doch das Wasser. Ich versuche, mir die Position zu merken – sollte ich tatsächlich noch einmal hierher kommen, werde ich die Schritte von der Tür bis zur Palette zählen, dann finde ich es wieder. Für einen Moment habe ich die Illusion, dass alles klappen könnte.

An der Tiefkühltheke ist mein Produkt nicht da. Nur von einer Marke, die ich nicht kenne. Ich suche die Theke mit Blicken ab – nichts. Irgendwo in meinem Kopf entsteht das Bild einer ähnlichen Situation, bei der ich mich mehrere Minuten lang durch die Tiefkühltheke gewühlt habe, immer und immer wieder und dabei stets panischer werdend. Als irgendwann ein Verkäufer sagte, dass das Produkt aus dem Sortiment genommen worden sei, war das für mich Grund genug, um ein Haar in Tränen auszubrechen. Und den Laden nicht mehr zu betreten.

Auch jetzt merke ich, wie sich eine unangenehme Grundstimmung breit macht. Ich überlege, ob ich mich die Theke durchsuchen soll, aber es sieht vielmehr so aus, als hätte der Laden mein Produkt nicht gehabt. Aber ohne dieses Produkt kann ich nicht weitergehen, nicht bezahlen. Ich wollte nur diese wenigen Sachen. Sekunden vergehen, vielleicht sogar eine Minute. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Meist enden solche Situationen damit, dass ich alles, was ich eingepackt habe, hinstelle und den Laden mit leeren Händen verlasse. Da klinkt sich plötzlich der Philosoph ein, sagt, dass wir das Wasser kaufen und dann gehen werden.

Platon:

Sophie steht wie versteinert neben mir und findet offenbar keinen Anschluss-Fahrplan für weitere Verhaltensoptionen. Ich sage: „Egal, wir kaufen jetzt das Wasser und fertig“. Sie sagt „OK“.

Wir gehen zur Kasse. Auf dem Weg dorthin fällt mir ein, dass auch ich etwas gebrauchen könnte. Ich sage es ihr, und gehe noch einmal zurück zur Kühltheke. Als ich wieder zurückkomme, steht sie noch immer etwas ratlos an gleicher Stelle. Wieder dieser leichte Anflug von Missbilligung im Gesicht geschrieben.

Wir kommen sofort dran, keine Schlange an der Kasse. Erst zahle ich. Dann zahlt sie, 2 Euro nochwas mit EC-Karte. Die Kassiererin blickt unsicher zu Sophie, dann zu mir, dann weder noch. Ich spüre aber den Blick der Kassiererin im Rücken, als wir den Laden verlassen.

 
 

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Der Einkauf – Teil I

Sophie:

Ich bin unschlüssig. Der Philosoph hat das Thema „Einkaufen“ angesprochen. Das ist zwischenzeitlich fast so ein unangenehmes Thema wie die Nahrungsmittelzufuhr generell. Unangenehm deshalb, weil ich mich darüber ärgere, dass mir etwas, was anderen vollkommen selbstverständlich scheint, nicht adäquat erledigen kann.

Normalerweise habe ich meinen festen Laden. Dort kenne ich „meine“ Produkte, weiß, wo sie stehen. Da ist es einfach. Ich betrete den Laden, laufe meine „Spur“ ab, sammle an den Wegpunkten die Produkte ein und gut ist. Aber „mein Laden“ ist mehrere hundert Kilometer entfernt. Dazu kommt, dass ich einen neuen Kühlschrank habe und dieser kein Tiefkühlfach hat. Damit fällt ein Teil der Produkte weg, die ich sonst immer kaufe und ich weiß nicht, wie ich diese Produkte ersetzen kann. Beide Situationen zusammen führen in eine komplette Überforderung, scheint mir. Ich weiß nicht, wo ich einkaufen kann und ich weiß nicht, was ich einkaufen kann. Daher lasse ich es sein. Und komme mir dabei ziemlich dämlich vor.

Aber ich weiß, dass es sein muss. Also willige ich ein, als der Philosoph einen gemeinsamen Einkauf vorschlägt, am Abend. Vielleicht wird das ganze scheinbar so banale Thema dann einfacher.

Platon:

Sie hat seit einigen Tagen kaum gegessen und getrunken. Sie hat kein Gefrierfach mehr. Sie geht nicht einkaufen.  Ich meine auch, dass ich ihr den Mangel an Flüssigkeit und Ernährung anmerke. Ihre ganzen Vorräte sind aufgebraucht, sie macht aber keinerlei Anstalten, einkaufen zu gehen. Ich würde mich selbst der unterlassenen Hilfeleistung im akuten Notfall bezichtigen, wenn ich ihr jetzt nicht helfe. Einerseits. Andererseits interssiert es mich sehr, Sophie einmal beim Einkaufen zu  begleitet und zu beobachten. Zu sehen, wie sie sich orientiert, sich bewegt, sich insgesamt verhält.

Immerhin, dass Futter für ihre Tiere kann man ja über das Internet bestellen. Die sind also bestens versorgt.

Ich biete ihr kurzfristig einen Termin an. Um 19 Uhr. Wohl wissend, dass kurzfristige Termine ein Problem sind. Ich kann aber nur dann, und sie sollte möglichst schnell wieder essen und trinken. Sie willigt ein. Sie fragt, ob um 19 Uhr denn noch die Läden geöffnet wären.

Sophie:

Ich weiß nicht, was der Philosoph genau vor hat. Das hatten wir nicht im Detail besprochen und es macht mich unsicher. Will er, dass ich ihn durch den Laden führe – was ich nicht kann, weil ich keinen dieser Läden kenen. Will er vielleicht, dass ich komplett fremde Sachen einkaufe – was mit Sicherheit nicht passieren wird. Ich ärgere mich, dass ich nicht genauer nachgefragt habe und überlege krampfhaft, wie ich nun mit dieser Dreifach-Situation – neuer Laden, kein Tiefkühlfach und „Anhang“ beim Einkaufen – umgehen kann. Die Situation ist aus der Not geboren, wirklich glücklich bin ich damit aber nicht.

Als wir auf dem Parkplatz vor dem hell erleuchteten Laden stehen, möchte ich am liebsten wieder gehen. In meinem Kopf laufen die Szenarien ab, wie ich sie schon zu häufig erlebt habe. Etwas ist nicht da oder steht an der falschen Stelle und ich suche und suche und suche. Oder der Laden ist überfüllt mit Menschen, das Licht ist zu hell, die Geräusche zu laut, das gesamte Verpackungszeug in den Regalen zu bunt und durcheinander.

Ich habe mich mit dem Philosoph darauf geeinigt, dass ich trotz fehlendem Tiefkühlfach die gefrorenen Sachen kaufe. Auch aufgetaut sind sie bis zu vier Tage im Kühlschrank haltbar, das sollte reichen. Heißt aber im Umkehrschluss, dass ich dann fast jeden Tag einkaufen müsste – wenn ich es denn täte. Wieder ärgere ich mich, dass es so kompliziert ist.

Platon:

Ich hole sie ab. Pünklich. Wie immer. Bei Sophie bin ich immer sehr pünktlich. Für meine Verhältnisse. Wir fahren los, direkt zum Discounter.

Es muss eine ganz bestimmte Nudelsorte sein, ein ganz bestimmtes Tiefkühlgemüse, ein ganz bestimmmtes Wasser. Marke und Verpackungsgröße müssen stimmen. Wir stehen auf dem Parkplatz. Bevor wir aussteigen, frage ich, wie wir nun vorgehen sollen. Ich sage, dass mir meine Rolle für die Begleitung jetzt beim Einkauf etwas unklar wäre. Sie antwortet, dass wir dann schon zwei wären, die sich unsicher bezüglich der bevorstehenden Rollen wären. Wir lachen, steigen aus, und gehen in den Laden.

 
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Verfasst von - 13. März 2014 in Der Einkauf, Die Sitzungen

 

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