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Archiv der Kategorie: Der Arztbesuch

Der Arztbesuch – Teil III

Sophie:

Irgendwie scheint sich der Arzt an seiner Psychose-Idee festgebissen zu haben. „Hörst du Stimmen?“, will er von mir wissen. Ich bejahe. Gleichzeitig hakt meine Matrix ein – irgendwas stimmt mit der Frage nicht. Die Situation wird verworren. Ich überlege noch, was nicht stimmt, gleichzeitig schaltet sich der Philosoph wieder ins Gespräch ein. Ich erkläre, dass die Sprechstundenhilfen sehr laut und hier im Raum gut verstehbar sind, ebenso höre ich die Stimme des Arztes. Es geht dem Arzt aber um Stimmen, die nicht existieren. Woher hätte ich das denn wissen sollen? Erst im Nachhinein geht mir auf, dass das Gespräch hier um ein Haar in eine vollkommen falsche Richtung gedriftet wäre. Nicht, dass die Richtung jetzt besser ist.

Der Arzt erzählt etwas von Vitaminen, wendet sich dabei wieder dem Philosophen zu. Ich habe wieder die Tarnkappe auf, werde Zuhörer in einem Gespräch, in dem es eigentlich um mich geht. Ein Vitamin-B12-Mangel, das sei bestimmt die Ursache für die komplette Symptomatik. Ich frage mich, welche „Symptomatik“ der Arzt genau meint und bin mir sicher, dass er „Syptome“ sieht, wo ich keine sehe. Aber ein Vitamin-Mangel würde die ganze „Autismus-Symptomatik“ erklären. Ich schweige.

Platon:

Auch ein CT wird vom Arzt vorgeschlagen. Das ist im ersten Moment vielleicht eine etwas zu überdimensionierte diagnostische Maßnahme, allerdings unter Umständen sinnvoll, gerade wenn ständige Kopfschmerzen und andere Symptome wie Schwindel und „kognitives Abschalten“ vorhanden sind. Das soll sich Sophie noch überlegen, die Überweisung dazu würde sie bekommen. Auch das ist aus meiner Sicht ok.

Sophie:

Der Arzt möchte mir Blut abnehmen. Das kann er vergessen. Am besten ganz schnell. Er versucht, mich zu überreden. „Das tut auch nicht weh“, behauptet er. Das ist mindestens das zweite Mal, dass er die Unwahrheit sagt. Natürlich ist Blut abnehmen mit Schmerzen verbunden, schließlich wird in geringfügigem Maße die Haut verletzt – Menschen sollten sich eher Sorgen machen, wenn sie wirklich keinen Schmerz fühlen. Unabhängig davon habe ich jedoch dicht gemacht. Ich bin nur noch Beobachter einer Situation, die ich als zutiefst unangenehm empfinde. Der Fluchtweg ist versperrt, so bleibt mir nur der Rückzug in mich. Der Arzt erklärt, dass ich keine Angst haben bräuchte. Habe ich auch nicht, ich weiß nicht, wie er darauf kommt. Ich bin nicht ängstlich, ich will hier raus. Ich habe das Loch im Bezug der Liege im Blick und schweige.

Der Arzt gibt auf. Ich bekomme das Rezept, das Geräusch des Nadeldruckers malträtiert mein Gehör. Eine Überweisung für ein CT, die ich mitnehme, damit es nicht zu weiteren Diskussionen kommt. Im Gehen höre ich, wie der Arzt zum Philosophen sagt, dass er „damit“ überfordert sei. Und ich frage mich, an welchem Punkt ich welchen Fehler gemacht habe, sodass dieser Termin so schiefging. Ich komme ohne Berührung aus dem Sprechzimmer, durchquere das nun leere Wartezimmer, ein letztes Mal die verdammte quietschende Tür – und stehe draußen im Nieselregen.

Der Philosoph gesteht, dass er sich das alles etwas anders vorgestellt hat. Also scheint es auch nicht nach seinen Plänen gelaufen zu sein. Der diffuse Druck im Hinterkopf hat sich wieder bemerkbar gemacht. Und ich bin müde. Ich möchte irgendwohin, wo es ruhig ist.

Platon:

Bei der Verabschiebung kann ich das Händeschütteln verhindern. Ich sehe einen etwas ratlosen Blick beim Arzt, bei Sophie meine ich den Anflug von Enttäuschung im Blick und ihren Bewegungen zu erkennen.

Auf dem Rückweg bestätigt sich meine Vermutung. Auf der Skala von eins bis zehn, wobei zehn das absolute Grauen ist, vergibt sie für diesen Arztbesuch die glatte neun. Ich gestehe mir selbst und auch ihr, dass meine Vorbereitung wohl ein Reinfall war. Meine Bemühungen vielleicht gut gemeint, aber vergebens waren. Am meisten habe wohl wieder ich an diesem Abend gelernt.

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Der Arztbesuch – Teil II

Sophie:

Die Praxis. Der Garten ist überfrachtet mit Weihnachtslichtern. Ein Mann steht auf einer Leiter und bringt weitere Beleuchtung an. Der Philosoph bleibt einige Sekunden stehen, wechselt ein paar Worte mit dem Leiter-Mann. Belangloses. Warum auch immer.

Im Vorraum ist ein Tresen, mehrere Leute sind vor mir. Ich bin unsicher, es ist laut, unruhig, geschäftig. Und zu eng. Ich möchte wieder gehen. Meinen Einsatz verpasse ich, mir ist entgangen, dass ich zwischen all den Leuten dran bin und meine Karte abgeben soll. Für einen Moment überlege ich zu fragen, ob ich draußen warten darf. Lieber im Regen stehen als in das volle Wartezimmer. Aber ich wage es nicht und muss durch die quietschende Holztür in den vollen Raum.

An der Wand hängt ein Plakat mit Leuchttürmen. Ich mag Leuchttürme. Aber ansonsten ist der Raum der sprichwörtliche Vorhof zur Hölle. Die Tür quietscht, die Menschen müssen durch das Wartezimmer, wenn sie die Praxis verlassen wollen, ständig geht das Ding auf und zu. Draußen klingelt das Telefon, die Sprechstundenhilfen scheinen in den Hörer zu brüllen.

Plötzlich steht sie neben mir. Viel, viel zu nah. Sie redet und redet und hört nicht auf, fuchtelt mit den Armen. Ich weiche auf meinem Stuhl zurück, möchte am liebsten unsichtbar werden. Ich kann nicht ausweichen, links von mir sitzt der Philosoph. Ich rieche diese fremde Frau, die viel zu nah an mir dran ist. In meinen Ohren verschwimmen die Geräusche langsam zu einem hallenden Brei, ihr penetrantes Gerede, das Gescharre der Füße, das Schmatzen, Schlucken, Summen, die quietschende Tür, das Gerede auf dem Flur. Wieder überlege ich, zu gehen. Im Raum ist nichts, was meinem Blick Halt gibt. Ich will hier raus. Jetzt.

Platon:

Wir warten, ich hatte ja im Vorfeld darum gebeten, dass wir die letzten am Abend sein wollten, offenbar hat das nicht richtig funktioniert. Es sind immer noch einige vor uns. Es geht jetzt aber erstaunlich schnell.

Wir sind an der Reihe. Ich begrüße den Arzt, er mich und schon reicht er Sophie die Hand. Bevor ich einschreiten kann, ist es geschehen. Es kam zum Handschlag und ich ärgere mich. Kein guter Start für meine Vorbereitung. Dann fängt der Arzt an zu sprechen. Er duzt Sophie, ich habe keine Ahnung warum. Ja, sie sieht deutlich jünger aus als sie ist, aber gleich duzen? Ich mag das nicht, schreite aber nicht ein. Ich sieze Sophie.

Er stellt Fragen, die darauf schließen lassen, dass er weder meinen kurzen Brief gelesen noch grundsätzliche Ahnung von der typischen Asperger-Symptomatik hat. Ob Autismus überhaupt richtig wäre, sie hätte ja immerhin ein sehr gutes Abitur. Ob nicht vielleicht doch eine Psychose vorliege. Letzteres flüstert er mir ins Ohr, mir ist aber sofort klar, das Sophie das trotzdem verstanden hat.

Sophie:

In Gedanken mache ich mir eine Notiz, dass ich mich mit dem Philosophen mal dringend über seine Definition von „gut vorbereitet“ unterhalten muss. Gerade, als ich überlege, wie ich die Situation möglichst schnell und unauffällig verlassen kann, werde ich aufgerufen. Und finde prompt die Hand des Arztes in meiner wieder. Ich weiß, dass es unhöflich ist, den Händedruck zu verweigern. Trotzdem ist es mir zuwider. Was mich wieder zur Definition von „gut vorbereitet“ führt.

Das Sprechzimmer ist ein Chaos, weit schlimmer als das Chaos-Regal des Philosophen. Mein Blick wird fast magisch von dem kleinen Loch im Bezug der Liege angezogen. Etwas, an dem die Augen hängen bleiben können.

Ob er den Brief gelesen hat, will der Philosoph vom Arzt wissen. „Nein“, antworte ich in Gedanken, das zeigt sein ganzes Verhalten. „Ja“, behauptet der Arzt. Selbst für mich ist offenkundig, dass das nicht stimmen kann. Aus irgendeinem Grund entwickelt sich das Gespräch zwischen dem Arzt und dem Philosophen, ich habe wohl wieder meinen Einsatz verpasst, sitze daneben und wundere mich. „Kann ich mit ihr sprechen?“, fragt der Arzt. Das finde ich jetzt doch ein wenig unverschämt. Ebenso, dass er mich einfach duzt. Ich kenne den Mann nicht, bin ihm nie vorher begegnet. Als er von meinem abgeschlossenen Studium erfährt, setzt er nach: „Das hättest du aber heute nicht mehr geschafft!“ Ich frage mich, warum nicht. Ob ich schon immer so ängstlich sei, will er vom Philosophen wissen. Ich denke mir, dass er mich besser fragen sollte, ob ich Angst habe. Dann könnte ich ihm sagen, dass dem nicht so ist. Aber er fragt mich nicht. Also schweige ich.

Er liest die Berichte und meint dann zum Philosophen, dass Autismus gar nicht möglich sei. Schließlich habe ich ja Abitur. Ich verstehe den Kausalzusammenhang nicht, glaube aber, dass er nicht nett ist. Wieder zum Philosophen sagt er was von Psychose, spricht weiterhin in der dritten Person von mir. Für einen Moment ziehe ich in Erwägung, ob ich wieder einen meiner Tarnkappentage habe. Einen der Tage, an denen ich scheinbar unsichtbar bin. Vielleicht sollte ich mich bemerkbar machen. Vor allem sollte ich wohl deutlich machen, dass ich über ein ausgezeichnetes Gehör verfüge und zudem auch eine gewisse Grundintelligenz mitbringe, die mich befähigt, komplette Sätze zu verstehen. „Hallo, ich sitze direkt neben euch und kann euch hören“, erscheint mir als Einwurf angemessen. Ich schweige.

Platon:

Der Arzt rät ganz dringend zu einer Blutuntersuchung. Auch ich bin dafür, sehe aber im Moment noch große Widerstände bei Sophie. Blutabnahme bedeutet auch Berührungen. Von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln rät er ab. Auch ich bin da hin- und hergerissen. Wir wollen es zunächst noch so versuchen.

Stattdessen schlägt er Vitamin B12 vor. Durch die Mangelernährung könne der Zusatz von B12 unter anderem auch die Müdigkeit reduzieren. Auch das klingt plausibel, wobei das aus meiner Sicht höchstens eine unterstützende, aber keine wirklich helfende Maßnahme ist.

 
 

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Der Arztbesuch – Teil I

Sophie:

Ich mag den Tag jetzt schon nicht. Wie immer bin ich zu früh. Mein Parkplatz ist frei. Die Uhrzeit stimmt nicht. Ich musste früher kommen, wegen des Arzttermins. Dieser Termin, der wie eine dunkle Wolke über dem ganzen Tag hing und mich an nichts anderes denken ließ. Ein fremder Arzt, eine fremde Praxis, vor allem aber jede Menge wahrscheinlich schon vorprogrammierte Missverständnisse. Nein, ich mag Arztbesuche nicht.

17:11 Uhr – 17:12 Uhr – 17:13 Uhr. Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:15 Uhr drücke ich die Klingel, die blau blinkt. Ich merke es kaum, zu sehr bin ich in Gedanken beim Arztbesuch. Der Philosoph öffnet die Tür.

Platon:

Ich habe dem Arzt einen kurzen Brief geschrieben, mit genauen Anweisungen, zum Beispiel nicht die Hand geben, nicht berühren. Sophie soll diesmal positive Erfahrungen mit einem Arztbesuch verknüpfen. Auch ich bin gespannt. Ich hoffe, dass ich meine Ankündigungen auch halten kann.

Sophie kommt wie immer pünktlich. Wir setzen uns noch kurz in die Praxis. Ich sage ihr nochmals, dass der jetzt bevorstehende Arztbesuch gut vorbereitet ist.

Wir machen uns auf den Weg. Zu Fuß. Sie geht vorsichtig, ständig Orientierung suchend. Ich gehe schweigend nebenher, reduziere das Sprechen auf das Wenigste. Mit einer Hand berührt sie die Latten eines Zaunes, streift beim Gehen mit einem Finger über die Oberfläche der exakt im gleichen Abstand angebrachten Holzelemente. Die Autos und Laster sind laut, sie zuckt gelegentlich erschrocken zusammen.

Sophie:

Es nieselt, als wir uns auf den Weg machen. Es ist dunkel und kühl. Aus den Augenwinkeln versuche ich, den Philosophen im Blick zu behalten. Der Gehweg ist eng, ich halte mich etwas hinter ihm, nur so kann ich angenehmen Abstand wahren. Ich mag es nicht, wenn mir Leute zu nah kommen. Beim Laufen ist das erst recht schwierig, denn manchmal machen die Menschen unvorhergesehen Schlenker.

Ich versuche, mir Wegmarken einzuprägen. Irgendetwas, was mir zeigt, wo ich gerade bin. Uns kommt eine Gruppe Kinder entgegen und es wird noch enger auf dem Gehweg. Auf die Straße kann ich nicht ausweichen, der Verkehr ist zu stark. Die Lichter der vorbeifahrenden Autos blenden. Und das Rollen der Reifen ist laut. Ich bin immer überrascht, wie sehr Regen bestimmte Geräusche zu verstärken scheint, in eine laute, unangenehme Richtung.

Ich suche etwas Bekanntes, Vertrautes. Und fahre mit den Händen durch die Büsche am Wegrand, an den nassen Blättern entlang, über Holzlamellen eines Zaunes, über die Muster an einem Eisenzaun. Meine Hand wird nass und wahrscheinlich auch schmutzig, aber das ist egal.

Als wir plötzlich an einer Kreuzung stehen, verliere ich die Orientierung. Ich kann nicht einschätzen, wie schnell die Wagen heranfahren, es gibt keinen Fußgängerüberweg, keine Ampel. Der Philosoph läuft einfach weiter und ich schwanke zwischen abrupten Stehenbleiben und blindem Hinterherlaufen. Ich möchte nicht zu diesem Arztbesuch. Aber ich hoffe trotzdem, dass wir bald von der nassen Feierabendverkehrsstraße weg kommen.

Platon:

Beim Eintreten in die Praxis gibt es leider eine kleine Warteschlange am Tresen. Dann wird Sophie nach endlos langen Sekunden aufgefordert, ihre Versicherungskarte abzugeben. Wir dürfen in das Wartezimmer. Es ist fast voll, wir bekommen noch zwei Plätze. Ich setze mich neben sie, versuche mich möglichst still zu verhalten. Im Raum selber ist es laut. Von Außen dringen alle möglichen Gesprächsfetzen, Lachen, Anweisungen, Geklimper und Geklapper durch die verschlossenen Türen. Ich merke, wie sensibel auch ich bereits auf Lärm reagiere. So laut hier habe ich es nicht Erinnerung. Ständig geht eine der beiden Türen auf, Personen treten ein oder verlassen den Raum. Gequatsche, oft sinnlos.

Der Stuhl neben ihr wird frei, eine ältere Person steuert darauf zu, macht sich „breit“, sodass ich schon fast Berührungen zwischen Sophie und der anderen Person befürchte. Die Person bleibt vor dem leeren Stuhl stehen, zieht umständlich die Jacke aus, unterhält sich mit der Begleitung. Setzt sich immer noch nicht. Ich spüre Sophies Anspannung neben mir. Auch ich entwickel gerade so etwas wie Fluchtgedanken. Endlich setzt sich die Person. Lautes Atmen, Schniefen, Röcheln.

Ich beobachte, wie verstohlene Blicke von den anderen Wartenden auf Sophie geworfen werden.

 
 

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