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Archiv der Kategorie: Briefe

22. Nachricht von Sophie an Platon – Nachtrag

Sophie

„Hallo Platon,

ich mag das Wort „Eigendynamik“ nicht. Es sagt aus, dass man die Kontrolle verliert. So ist es auch jetzt bei der Arbeit. Die Eigendynamik nimmt mir jede Kontrolle. Ich habe heute meine Kündigung unterschrieben. Schneller als erwartet, aber wohl nicht ganz überraschend. Die Frage ist also nicht mehr, ob und wie ich weiter in diesem Büro bleiben kann. Die Frage ist nun, wie es grundsätzlich weitergeht. Ich bin ratlos.

Liebe Grüße

Sophie“

 
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Verfasst von - 3. September 2014 in Briefe

 

22. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie

„Hallo Platon,

ich glaube nicht, dass es mit einer einfachen Aufklärung getan ist. Zumal ich nicht den Eindruck habe, dass überhaupt ein grundlegendes Verständnis vorliegt. Das setzt ja nach meiner Beobachtung bei sehr einfachen und klar nachvollziehbaren Dingen aus. Ein Beispiel: In mein Büro sind die Fenster undicht, bei Regen dringt Wasser ein. Nun ist direkt unter den undichten Fenster die Steckdosenleiste angebracht, eine der Steckdosen ist hierbei herausgerissen und die Drähte liegen frei und blank herum. Beides an sich sind schon Faktoren, die ich für grenzwertig bzw. gefährlich halte, in der Kombination aber denke ich, dass hier eine wirkliche Gefahrenquelle vorliegt. Meine Hinweise auf die kaputte Steckdose wurde mit einem „Das ist schon seit zwei Jahren so“ abgetan, beim letzten Regen brachte man mir Handtücher und Leinensäcke, um die undichten Fenster „abzudichten“. Und mein Hinweis auf die äußerst ungünstige Kombination Wasser und blank liegende Kabel wurde mit einem „Nicht hingreifen, dann passiert schon nichts“ erledigt. Nun finde ich die physikalische Grundlage von Wasser und Strom nicht unbedingt schwer nachvollziehbar, dennoch stoße ich selbst bei den Redakteuren, die Mitglied im Betriebsrat sind, auf taube Ohren. Wie soll ich ihnen dann etwas erklären, was noch weit weniger nachvollzieh-, vor allem aber nicht sichtbar ist?

Zudem habe ich hier zunehmend den Eindruck, dass es nicht interessiert, wer hier eigentlich mit wem warum arbeitet. Die Leute kommen, machen ihr Ding, drehen Däumchen, trinken Kaffee und hauen ab, so schnell es wieder geht. Nicht, dass ich es ihnen verdenken kann. Auch andere Faktoren lassen sich nicht einfach abstellen. Der Kampf ums Licht und den Neonröhren zum Beispiel. Ich bin ja nicht immer alleine im Büro und wenn die andere Kollegin der Meinung ist, dass es bei Sonnenschein und Schreibtischlampe zu dunkel im Büro ist… nun, dann kann ich nichts machen. Gleiches gilt für Außentermine, Konferenzen, dem alltäglichen Gewusel und Gewimmel und einem schnellen „Ruf mal eben da an.“ Und das sind ja nur die äußeren Faktoren. Von den qualitativen Mängeln spreche ich da noch gar nicht.

Zu Punkt 2: Wenn ich hier etwas in den letzten Wochen gelernt habe, dann, wie ich nie werden möchte. Meine Kollegen haben die Zustände hier akzeptiert. Ich erlebe sie resigniert, perspektivlos, ohne Engagement. In einer passiven „Kann man eh nicht ändern“-Haltung. Das ist deprimierend und ich glaube nicht, dass hier eine „Neubewertung“ hilfreich ist.

Aber auch bezüglich Ihres dritten Punktes habe ich Zweifel. Sicher, die Kündigung scheint mir der einzig gangbare Weg. Aber was dann? Sie kennen die Situation hier auf dem Arbeitsmarkt, in dem Bereich, den ich gelernt habe, gibt es kaum Anstellungen und hier schon mal gar nicht. „Beste Chancen“ sehe ich da nicht, eher im Gegenteil. Und gerade im freiberuflichen Bereich kann ich mich nur schlecht verorten. Ich bekomme ja nicht einmal problemlos einen Wocheneinkauf hin, wie soll ich da selbstständig und eigenverantwortlich für alle Faktoren wie Versicherungen, Steuer, etc. arbeiten können? Das käme doch einem beruflichen Selbstmord gleich.

Wahrscheinlich war es ein großer Fehler, dass ich überhaupt hierhergekommen bin…

Liebe Grüße

Sophie“

 
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Verfasst von - 30. August 2014 in Briefe

 

21.Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

ich sehe für Ihre aktuelle Situation drei Möglichkeiten:

1. Sie versuchen, die störenden und belastenden Faktoren rund um deine Arbeit so zu verändern und anzupassen, dass es halbwegs „richtig“ für Sie ist und zumindest grundsätzlich funktioniert.

2. Falls der erste Punkt nicht gelingt oder möglich ist, versuchen Sie so weit es geht, die störenden und belastenden Faktoren neu zu bewerten bzw. ihnen aus dem Weg zu gehen.

3. Falls der erste und zweite Punkt nicht möglich sind, kündigen Sie.

An Punkt eins haben wir hinreichend gearbeitet, eine Aufklärung des Umfelds kam bisher für Sie nicht in Frage. Auch Punkt zwei haben wir versucht umzusetzen. Das Ergebnis haben Sie in Ihrer Email treffend zusammengefasst. Vergessen haben Sie noch den einen Tag, an dem Sie während einer Besprechung zusammenbrachen und der Notarzt gerufen wurde.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Kündigung einer vermeintlich sicheren Anstellung ein vermeintliches Risiko sein kann und Ihnen sehr schwer fallen dürfte. Ihnen kann auch niemand sagen, was nun genau richtig und falsch ist. Die Entscheidung treffen Sie. Und ich werde Ihnen – sofern Sie das wünschen – bei jeder Entscheidung beratend zur Seite stehen.

Mir sagte kürzlich eine ältere Frau, dass sie nichts von dem bereut, was sie in ihrem Leben gemacht hat. Wohl aber die Dinge, die sie nicht gemacht hat.

Sie haben gute Qualifikationen und Fähigkeiten. Ich denke nicht, dass Ihr aktueller Arbeitsplatz für Sie ein besonderer Glücksfall ist. Sie haben beste Chancen am Arbeitsmarkt. Und Sie hätten die Möglichkeit, Ihre neue Tätigkeit, die auch  durchaus im freiberuflichen Bereich möglich ist, Ihren ganz persönlichen Bedingungen anzupassen.

Darüber werden wir in den nächsten Sitzungen ausführlich sprechen.

Liebe Grüße

Platon“

 
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Verfasst von - 27. August 2014 in Briefe

 

21. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie

Hallo Platon,

die letzten Wochen waren anstrengend. Zu anstrengend. Ich bin unschlüssig und weiß nicht so recht, wie es weitergehen kann. Die Situation auf der Arbeit ist für mich nicht mehr tragbar. Die vielen Lichter, die vielen Menschen, das ständige Telefonklingeln, immer lächeln und freundlich sein und Smalltalk betreiben, die mangelnde Qualität der Arbeit und auch das fehlende Engagement meiner Kollegen – ich habe den Eindruck, dass auf mehreren Ebenen nichts funktioniert. Vielleicht könnte ich mit dem Gewusel noch umgehen, wenn ich wüsste, dass ich in Ruhe arbeiten kann und die Dinge richtig mache, die ich gelernt habe. Vielleicht könnte ich das Telefon akzeptieren, wenn ich wüsste, dass eine geschlossene Tür nicht als Affront gesehen wird. Vielleicht könnte ich die Außentermine wahrnehmen, wenn sie sachlich orientiert wären – aber wie oft geht es dabei um viel mehr als die reine Sache? Vielleicht könnte ich die mangelnde Tiefe der Arbeit akzeptieren, wenn ich wüsste, dass das, was gemacht wird, richtig gemacht wird. Aber es geht nicht darum, dass es richtig gemacht wird, sondern darum, dass einfach „etwas“ gemacht wird. Manchmal gemessen an Faktoren, die nicht nachvollziehbar, die nicht verstehbar sind, die teilweise sogar jeder Grundlage dessen widersprechen, als was ich eigentlich arbeite. Der quantitative, vor allem aber der qualitative Anspruch tendiert Richtung Null. Und das frustriert ungemein. Dazu kommen Dinge, die hier passieren, und die ungerecht sind. Teils sogar sehr ungerecht. Aber wenn ich etwas sage, dann droht man mit Abmahnung oder Kündigung, teils sogar offen. Selbst, dass ich stets pünktlich zur Arbeit erscheine, wurde kritisiert. Weil alle anderen Kollegen unpünktlich kommen, soll ich dies auch machen, damit sie nicht „schlecht“ dastehen. Ich verstehe es nicht.

In den letzten Tagen hatte ich viele Termine außerhalb. In Schulen, in der Innenstadt, bei lauter Musik und viel zu vielen Menschen. Das ermüdet ungemein. Und dann sitze ich über Stunden an meinem Arbeitsplatz, habe nichts mehr zu tun, weil ich „zu schnell“ gearbeitet habe, darf mir aber nichts anmerken lassen, dass ich nichts zu tun habe. Und selbst das Nichts-Tun ermüdet mich zwischenzeitlich. In der Nacht kann ich nicht schlafen, am Morgen möchte ich am liebsten nicht aus dem Haus. Ich beginne Montags und hoffe auf Freitag, verlasse Freitags das Büro und verbringe mein Wochenende in der Angst vor dem Montag. Es sei denn, es steht eine Wochenendschicht an, dann brauche ich mich vor Montag nicht zu fürchten, sondern vor Samstag.

Dazu kommt noch das soziale Possenspiel, das ich langsam, aber sicher, nicht mehr ertrage. Schon morgens der „nette Plausch“ mit der Sekretärin, dann das erste Büro und wieder drei auswendig gelernte Sätzchen. Alles, nur damit die „Stimmung“ stimmt – und das auch nur oberflächlich. Am schlimmsten ist es im großen Durchgangsbüro, das nur nachmittags besetzt ist. Eine der Frauen dort ist sehr freundlich zu allen Kollegen, verlassen diese aber den Raum, geht das Gehetze los. Sie sind sehr laut, selbst bei geschlossener Tür kann ich sie hören. Und ich verstehe es nicht. Wenn mich an jemandem etwas stört, dann spreche ich es an. Und zwar bei der betreffenden Person, nicht bei den Kollegen, die sich wiederum in Anwesenheit der betreffenden Person in Schweigen retten. Teils gehen diese Lästereien, diese Intrigen, dieses Gehetze bis ins Büro des Chefs. Ich gehe dem aus dem Weg, will mich daran nicht beteiligen. Und möchte auch gar nicht wissen, wie oft ich selbst Ziel dieser Hetzerei bin, sobald ich das Büro verlasse.

Ich merke, dass mir zunehmend die Energie abhanden kommt. Wären die Einzelfaktoren an sich vielleicht kein großes Drama oder zumindest irgendwie zu managen, so macht die Summe einen Zustand, den ich immer mehr als unerträglich definieren würde. Und ich möchte nur noch weg. Weg aus meinem Haus, weg aus meinem Büro, weg von allem – irgendwo dorthin, wo es ruhig und still ist. Wo kein Mensch ist, nichts passiert.

Ich fange an, Fehler zu machen. Und das Schlimme ist, dass es mir zwischenzeitlich egal ist. Mir fehlt das Lernen, der Input, die Zeit, die Aufgaben richtig und perfekt zu machen. Vielleicht kann ich all das nicht? Vielleicht ist es nur eine Station mehr in der Chronologie des Scheiterns? Auch wenn ich noch nie in einer derart kurzen Zeit eine Perspektive an die Wand gefahren habe…

Bislang habe ich mich nicht getraut, darüber nachzudenken, denn ich bin hier alleine, ohne Sicherheiten, in einem schlechtbezahlten Job in einer Region mit wenig Aussicht auf eine andere Anstellung. Und ich wäre an einer fast schon banalen Aufgabe gescheitert. Aber ich befürchte, dass ich mich komplett aufreibe. Dass ich die zwei Jahre, die mein Vertrag läuft, nicht überstehen werde. Dass ich nicht einmal die nächsten zwei Monate überstehen werde. Und dass ich in diesem Büro nicht wirklich erwünscht bin, nicht „dazugehöre“, das merke ich auch so. Ich sollte das Ganze beenden, bevor es andere machen. Ich denke, es wäre vielleicht nicht klug, aber richtig, diese Stelle zu kündigen. Auch wenn ich keine Ahnung habe, ob und wie es danach weitergehen kann, ich hätte ja nach den paar Monaten nicht mal Anspruch auf Arbeitslosengeld… Klingt nach dem direkten Weg in Hartz IV. Ich habe es verbockt.

Liebe Grüße

Sophie“

 
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Verfasst von - 23. August 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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20. Nachricht von Platon an Sophie

Platon

Hallo Sophie,

Sie haben nichts falsch gemacht. Sie waren freundlich und haben Ihr Anliegen angemessen formuliert. Die Arzthelferin war aber offenbar nicht in der Lage, Ihre „Notsituation“ zu  verstehen. Da kann man ihr auch nicht unbedingt einen Vorwurf machen. Vielleicht hatte sie auch schon einen nervigen Tag hinter sich und wartete nur auf die Gelegenheit, ihren Frust abzulassen. Und da kamen vielleicht Sie genau richtig dahergelaufen. Und Ihr Blick wurde einmal mehr völlig fehlinterpretiert. Auch für Ihr Bedürfnis, genau das gleiche Produkt vom gleichen Hersteller haben zu wollen, fehlt völliges Verständnis.

Was hätten Sie anders bzw. besser machen können? Zunächst sollten Sie versuchen, solche Ereignisse nicht zu hoch zu bewerten und darunter zu leiden – und das sagt sich jetzt leider leichter als es getan ist. Die Arzthelferin wird sich darüber wohl nicht tagelang den Kopf zerbrechen, ihr ist es letztlich egal. Vielleicht wird sie abends ihrem Freund berichten, dass wieder mal sonderbare Patienten da waren. Dass sie nicht viel verstanden hat, bemerkt sie vermutlich nicht einmal.

Das passiert übrigens allen Menschen mehr oder weniger regelmäßig, dass es zu Situationen mit anderen Menschen kommt, die nicht nur irritieren, sondern verletzen oder wütend machen können. Je stärker das Selbstwertgefühl ist, um so besser kommt man meines Erachtens damit zurecht. Aber jeder hat mal schlechte Tage oder wird am falschen Nerv getroffen. Sie sollten also weniger darüber nachdenken, wie Sie solche Situationen vermeiden können – das wird sowieso nicht klappen – sondern schauen, welche Bewältigungsstrategien die erfolgreichsten sind. Um letztlich schneller solche Erlebnisse abhaken zu können.

Was hätten Sie in dieser Situation konkret anders machen können? Nicht rechtfertigen oder erklären. Sie hätten fragen können, ob Ihr ganz spezielles Produkt grundsätzlich in der Arztpraxis verschrieben werden kann oder nicht. Wenn die Antwort nein gewesen wäre, dann hätten Sie sich freundlich verabschiedet und wären zu einem anderen Arzt gegangen oder hätten später noch einmal per Email mit dem Arzt direkt Kontakt aufgenommen und die Situation schriftlich erklärt. Sobald Sie sich mit genervten und uneinsichtigen Menschen sachlich auseinandersetzen möchten, wird es vor allem für Sie schwierig. Das sollten Sie wissen. Das soll auch nicht heißen, sich immer zurückzuziehen oder klein beizugeben. Aber kleinen und unnützen Scharmützeln kann man getrost aus dem Weg gehen. Leichter gesagt als getan…

Platon

 
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Verfasst von - 18. Juni 2014 in Briefe

 

20. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie

Hallo Platon,

heute war ein bescheidener Tag. Um genau zu sein, bin ich frustriert wie schon lange nicht mehr. Heute hat sich eine Situation ergeben, die mir nicht aus dem Kopf geht und um die ich gedanklich nicht aufhören kann zu kreisen.

Mein Gel ist ausgegangen, ich brauchte ein neues Rezept. Ich dachte nicht, dass das ein großes Thema ist und wollte es alleine versuchen. Direkt neben der Arbeitsstelle ist eine Praxis und wollte dort nach einem Rezept fragen. Bis dahin lief das auch problemlos, ich musste nur kurz warten und sollte das Rezept für das Gel bekommen.

Beim Blick auf das Rezept stellte ich jedoch fest, dass dort ein anderes Produkt stand. Nicht das Gel, sondern eine Creme. Anderer Name, andere Firma, anderes Produkt. Ich vermutete einen Fehler vom Arzt und wies die Sprechstundenhilfe daraufhin, dass es sich hier um das falsche Produkt handelte. Sie sagte nur, dass ich das auch nehmen könne, schließlich sei der Inhaltsstoff der gleiche…

Damit habe ich nicht gerechnet. Ich nehme das Gel seit zwei Jahren, ich kenne es. Und ich versuchte der Dame zu erklären, dass ich weder von einem Gel auf eine Creme umstellen noch das komplette Produkt einfach so wechseln kann. Sie meinte wieder, dass das kein „Wechsel“ sei, schließlich blieb der Inhaltsstoff der gleiche. Darum ging es aber doch gar nicht. Ich versuchte noch einmal, ihr zu erklären, dass es mir nicht um den Inhaltsstoff, sondern um Verpackung, Aussehen, Konstistenz des mir bekannten Gels ginge, kam aber nicht voran sondern bekam nur zu hören, ich solle nicht „so genervt gucken“. Ich wies – wie ich meine, immer noch freundlich – daraufhin, dass ich keineswegs genervt sei. Schließlich wollte ich ja nur das Missverständnis aus der Welt räumen und das für mich richtige Rezept erhalten. Die Dame meinte dann jedoch, dass sie im Gegensatz zu mir mein Gesicht sehe und sehr wohl erkennen könne, ob ich genervt gucke oder nicht. Und hier habe ich dann aufgegeben.

Jetzt bin ich zu Hause und hänge gedanklich doch an dieser Situation fest. Immer und immer wieder gehe ich sie durch, ohne zu wissen, wo der Punkt ist, an dem ich etwas falsch gemacht habe. Ich komme mir dumm vor, denn eigentlich sollte ja nichts dabei sein, ein einfaches Rezept in einer Praxis zu ordern. Und gleichzeitig frage ich mich, warum diese Situation so schnell aus dem Ruder gelaufen ist. Es gab ja nicht mal wirklich einen konkreten Anlass, ich habe wirklich die ganze Zeit versucht, freundlich zu bleiben und mein Problem zu erklären. Und doch wurde ich nicht verstanden und mri wurde etwas unterstellt, was nicht stimmte. So in der Art laufen die Dinge häufig ab. Es frustriert. Macht müde. Und es beschäftigt mich den ganzen Tag, weil ich gedanklich nicht davon loskomme, die Situation immer und immer wieder in allen Facetten zu analysieren.

Was hätte ich anders, was besser machen können? Wo liegt mein Fehler?

Liebe Grüße

Sophie“

 

 
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Verfasst von - 15. Juni 2014 in Briefe

 

19. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

offenbar haben wir uns in Bezug auf „sich erklären“ etwas falsch verstanden. Es wäre sicherlich in den meisten Fällen nicht ratsam, wenn Sie sich mit einer Diagnose aus dem ICD-10, also zum Beispiel F84.5, erklären würden. Nicht einmal der Begriff „Autismus“ ist zwingend nötig, im Gegenteil. Letztlich geht es darum, dass Sie sich den Menschen, mit denen Sie häufiger zu tun haben, etwas ausführlicher vorstellen. Dass Sie sagen: „Das sind meine Stärken, und das sind meine Defizite im üblichen Miteinander. Dass Sie sagen, Sie können gut schreiben, genau analysieren, recherchieren und all die anderen Dinge, die Sie gut beherrschen und die Sie begeistern.

Aber auch, dass Sie sehr empfindlich auf Geräusche, Gerüche und Berührungen reagieren. Auf Licht und Hektik, auf Überraschungen. Dass Sie Probleme mit Unpünktlichkeit haben, Ihren Tag gerne strukturieren, rechtzeitig über Änderungen der Planung informiert werden möchten. Dass Sie keine Gesichter erkennen können, dass Sie soziale Situationen häufig schlecht einschätzen können und daher oft die Variante des Abwartens wählen. Dass Sie unfähig sind, nonverbale Kommunikation im Kontext zu verstehen. Dass Sie lieber ein eigenes Büro haben möchten, dass Sie ungern telefonieren, usw. usw. usw.

Ein Chef, der bei Ihren ganz außergewöhnlichen Fähigkeiten und Ihrer sympathischen Persönlichkeit auf diese paar Defizite nicht Rücksicht nehmen kann, ist für Sie eben kein guter Chef.

Und ein Mensch (also ein Buntschatten), der Ihre Wahrnehmungsvarianten nicht versteht oder ignoriert, ist eben kein guter Begleiter für Sie, kein angemessener Kontakt, wird wohl niemals so etwas wie ein Freund für Sie. Und je früher Sie sich erklären (nochmals: der Begriff „Autismus“ muss dabei nicht zwangsläufig verwendet werden), umso mehr negative Erfahrungen können Sie sich ersparen. Im Job und im privaten Kontext.

Und dann merken Sie auch, wer offen und unvoreingenommen nachfragt, sich interessiert, und sich auf Sie entsprechend einstellt, oder es zumindest versucht. Sie merken es daran, ob es „funktioniert“, sich für Sie „richtig“ anfühlt.

Im Allgemeinen wissen die Menschen nicht, dass es solche Wahrnehmungsvarianten wie die Ihrige gibt. Das muss man dann sagen, zumindest ansatzweise erklären. Und dann filtern sich von ganz alleine jene Menschen, die Ihnen gut tun, von jenen, die Ihnen ganz und gar nicht gut tun. Alle eher flüchtigen Begegnungen sind hiervon natürlich ausgenommen. An der Kasse im Supermarkt sollten Sie sich natürlich nicht erklären.

Sobald Sie etwas mehr von sich erzählt haben, fällt auch der Druck, permanent eine Rolle zu spielen. Dann können Sie wieder mehr und mehr Sie selbst sein. Ihre eigene Persönlichkeit entwickeln und auch leben. Ich wage einmal eine Gegenthese:  Sie sind keine Autistin. Das ist ein künstlicher Begriff, der höchstens für einige behördliche und ärztliche Angelegenheiten taugt, und vielleicht für Sie persönlich für eine mögliche Erklärung Ihrer Wahrnehmungssituation. Sie sind Sophie, ein Mensch mit seiner  ganz besonderen und einmaligen Individualität, wie jeder andere Mensch auch.

 Und je stärker und deutlicher Sie Ihre Individualität unter Berücksichtigung bestimmter Normen und Werte leben, umso freier sind Sie und umso besser und schneller  können Sie die Menschen erkennen, die Ihnen gut tun. Denn sonst geben Sie ja ihren Mitmenschen gar nicht die Chance, Sie so zu erkennen wie Sie wirklich sind.

 Jetzt sind wir etwas abgekommen von der ursprünglichen Diskussion. Das ist vielleicht auch gut so. Es wird keine Welt geben, in der alle aufgeklärt sind. Vielleicht fangen Sie aber im Kleinen an, die Dinge so zu klären, wie es für Sie am besten ist. Solange Sie sich tarnen, eine Rolle spielen und sich nicht zu erkennen geben, werden Sie große Schwierigkeiten haben, jene Menschen zu finden, mit denen es funktioniert. Denn auch diese Menschen müssen ja die Möglichkeit haben, überhaupt erst Sie zu finden…

Viele Grüße

Platon“

 
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Verfasst von - 4. Juni 2014 in Briefe

 

19. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

Ja, die Diskussionen werden im Netz geführt. Immer wieder und teils ziemlich heftig. Und doch frage ich mich, ob es nicht der sprichwörtliche Kampf gegen Windmühlen ist. Denn letzten Endes ist es eine defensive Haltung, eine reine Verteidigungshaltung. Wie viele der Menschen, die diese Berichte lesen, sind bereit, sich anschließend an eine Suchmaschine zu setzen und die Hintergründe dieser Berichte zu verifizieren? Und wie viele sind dann noch bereit, den Dialog mit denen zu suchen, die es vielleicht besser wissen? Und wie viele sind bereit, sich vorab zu informieren, bevor sie solchen Humbug in die Welt setzen? Offenbar die Wenigsten, denn die Angebote waren da. Und trotzdem stürzt man sich immer wieder bereit auf das Gerüchte-Informationsfitzelchen, dass Täter Autisten seien. Selbst dann, wenn man weiß, dass diese Information falsch ist, wird sie munter weiter verbreitet – warum?

Sie schreiben, dass die Entfaltung von Individualität nur innerhalb bestimmter Grenzen toleriert werde. Das konterkariert den Begriff der Individualität. Und so komme ich wieder zurück zu dem Punkt, den Sie als „sich erklären“ schon häufiger ins Feld führten: Ist es nicht die höchte Form der Diskriminierung, wenn ein anderes, ein von der Mehrheit abweichendes Verhalten erst dann toleriert wird, wenn es mit einer Codierung aus dem ICD-10 belegt ist?

Gerade gestern sah ich ein Paradebeispiel dafür in einer Fernsehsendung, die sich zufälligerweise um einen Asperger-Autisten drehte. Dort kündigte ein Chef die Stelle seines autistischen Angestellten mit einer vollkommen verqueren Begründung: Er habe den Mann eingestellt, weil Autisten im IT-Gebiet genial seien und deswegen habe er dem Mann auch ein Einzelbüro gegeben. Aber das soziale Verhalten sei nicht tolerierbar und daher musste der Angestellte gehen. So, als wollte er nur bestimmte Eigenschaften „nutzen“, der Rest der Person solle aber bitte nicht autistisch sein.

Wo findet man diese Menschen, die, wie Sie sagen, „nicht nur bewerten, sondern sich interessieren“? Sicher, das Netz ist eine Möglichkeit, in der auch für mich viele Kontakte entstanden sind und entstehen. Häufig mit Leuten, die bereits gezielt Informationen gesucht und gefunden haben. Aber das Leben besteht nicht nur aus dem Internet. Und im Leben außerhalb des WWW scheint mir die Suche nach solchen Menschen – vor allem das Erkennen dieser Menschen – weit schwieriger… Oder täusche ich mich da?

Liebe Grüße

Sophie“

 
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Verfasst von - 1. Juni 2014 in Alltägliches, Briefe

 

18. Nachricht von Platon an Sophie

Platon:

„Hallo Sophie,

es ist gut und richtig, dass Sie Ihre Gedanken niedergeschrieben haben, dass Sie Ihr Unverständnis und Ihre Befürchtungen klar formulieren. Ja, es gibt leider zu viele unbedachte Äußerungen von Menschen, die es einerseits besser wissen müssten, und die sich andererseits offenbar der Tragweite ihrer Worte nicht ganz bewußt sind. In manchen Fällen hat man sogar den Eindruck, dass mit kalkulierter Absicht bestimmte Begriffe in die Diskussion gebracht werden, um sich selbst in welcher Form auch immer zu profilieren. Die Gründe dafür und mögliche Erklärungen haben Sie in Ihrer Nachricht schon selbst versucht zu beschreiben. Da kann ich nur zustimmen. Auch an vielen anderen Stellen – Sie haben ja auch eine kleine Linkliste angeführt – wird dieses Verhalten ausgiebig diskutiert, kommentiert und bewertet. Ich werde nun versuchen, aus fachlicher Sicht und aus meiner Erfahrung heraus Ihnen zu antworten.

Menschen mit einer Diagnose aus dem Bereich Autismus-Spektrum-Störung sind weder mehr noch weniger aggressiv und gefährlich als alle anderen Menschen auch. Aggressivität ist laut ICD-10 kein Diagnosekriterium und auch nicht in der Beschreibung der Symptome genannt. Es gibt keine Studie, die solch einen Zusammenhang zwischen Autismus und Aggressivität belegen kann. Alle Äußerungen, die solch einen kausalen Zusammenhang ziehen – sei es auch nur implizit – sind falsch und diskriminierend.

Nun zu meiner persönlichen Erfahrung. Seit einigen Jahren halte ich Seminare für Erzieher und Lehrer. Ein großer Themenblock ist dabei auch Autismus. Noch nie hat einer der mittlerweile weit über tausend Teilnehmer den Verdacht geäußert, dass autistische Kinder aggressiver als andere Kinder seien. Häufig ganz im Gegenteil. Zunehmend mehr Pädagogen und Erzieher haben die Vielfalt an Begabungen und Persönlichkeitsmerkmalen im Klassenverband zu schätzen gelernt. Weg von dem Gedanken der Einheitlichkeit in Bezug auf Leistung und Verhalten, hin zu einer Gemeinschaft von Individualität und Vielfalt. Allerdings haben diese Pädagogen noch nicht genug Einfluss auf den Unterricht der anderen Lehrer, die wenig differenziert auf das Verhalten der Schüler blicken und entsprechend unangemessen sanktionieren. Hinzu kommen die Übergriffe der Mitschüler, die manchmal an Grausamkeit kaum zu überbieten sind. Und diese täglichen kleinen und großen  Attacken werden sicherlich nicht von Kindern mit einer ASS initiiert.

Offenbar wird in unserer Gesellschaft die Entfaltung von Individualität nur innerhalb bestimmter Grenzen toleriert. Wer diese Grenzen überschreitet oder sonst irgendwie aus dem Rahmen fällt, hat es schwer. Mobbing, Erniedrigung und Diskriminierung sind die beschriebene Folge. Die betroffenen Menschen ziehen sich zurück, entwickeln Angststörungen, Depressionen etc.  Manche wehren sich dann auch gegen die ihnen entgegengebrachte Gewalt. Und dieses Wehren wird dann als Aggressivität fehlinterpretiert. Die von Ihnen angeführten Gewalttaten sind ein Produkt der gesellschaftlichen Prozesse, und nicht aufgrund irgendeiner genetischen Ursache oder Disposition zu erklären. Die Verantwortung liegt ganz klar bei der Gesellschaft, und nicht im Genmaterial. Und das nicht nur bei ASS, sondern auch bei ADHS, Teilleistungsstörungen und so weiter …

Ich kenne zum Beispiel eine ganz talentierte junge Frau, die alleine aufgrund einer Sprachentwicklungsstörung komplett durch das Raster des Schulsystems durchgefallen ist und sich durch Mobbing und Diskriminierung am Rande der Gesellschaft versteckt. Amtsärztlich wurde ihr sogar geistige Behinderung attestiert. Und wenn man genau hinschaut, dann entdeckt man einen weit überdurchschnittlich intelligenten, sowie witzigen und sympathischen Menschen. Ich könnte viele weitere solcher Beispiele anführen.

Ich habe den Eindruck, dass sich die Gesellschaft gerade in Bezug auf Autismus neu sammelt. Ein Grund dafür ist sicherlich die durch die Medien nun deutlich bessere Möglichkeit der Bildung von Netzwerken von Autisten. Jetzt können einzelne Beiträge mit einem ganz anderen Gewicht und einer wesentlich größeren Reichweite vermittelt werden – so wie hier nun Ihre Stimme, liebe Sophie. Es werden nicht mehr nur die Defizite, sondern nun auch zunehmend die Ressourcen in den Blick genommen. Bestenfalls der ganze Mensch an sich, seine Persönlichkeit. Und die Wahrnehmung der Gesellschaft scheint sensibilisiert zu sein.  Das betrifft auch die Wirtschaft. Allerdings sollte bei diesem Prozess auch genau darauf geachtet werden, dass man nicht über das Ziel hinausschießt, also erneut eine einseitige Fokussierung stattfindet, wenn nun auch auf die Stärken gerichtet.

Ich denke, der  Weg ist noch lang. Gerade für den Einzelnen selbst wird es noch viele Rückschläge in der Gesellschaft geben. Die von Ihnen angeführten verbalen Entgleisungen mancher Politiker und die Falschaussagen mancher Journalisten sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Aber was nützt ein gesellschaftliches Umdenken, wenn trotzdem im Großen und im Kleinen immernoch zu oft Diskriminierungen stattfinden?

Die gute Nachricht ist, dass es viele Menschen gibt, die wertschätzend und charakterlich gefestigt sind. Und tolerant. Die nicht nur bewerten, sondern sich interessieren. Verbringen Sie mit diesen Menschen mehr Zeit.

Abschließend möchte ich noch einmal die von Ihnen angeführte suggestive Kraft der selbsterfüllenden Prophezeiung aufgreifen. Da gebe ich Ihnen mit Ihren Sorgen Recht. Und aus meiner Sicht müssten alle, die unbelehrbar und rücksichtslos derartige Fehlinformationen verbreiten, zur Verantwortung gezogen werden. Gesprochene und geschriebene Worte sind Handlungen, die andere verletzen können und die Gesellschaft schädigen. Unabhängig von der freien Meinungsäußerung.

Ich kann nur alle ermutigen, weiter zu machen. Gegen Dummheit, Ausgrenzung und Diskiminierung anzugehen, sich zu positionieren. Aufzuklären.

Danke Sophie.

Platon“

 
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Verfasst von - 31. Mai 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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18. Nachricht von Sophie an Platon

Sophie:

„Hallo Platon,

seit einigen Wochen durchforste ich ja nun das Internet zum Thema Autismus und eine Sache fällt mir immer wieder auf, die mir Gedanken macht. Offenbar gibt es viele Menschen, die Autismus in einen direkten Zusammenhang sehen mit großer Gewalt und Aggression.

Ich lese von furchtbaren Verbrechen, von Menschen, die andere erschießen, erstechen und foltern – und bekomme dann die „Begründung“, dass diese Menschen so handeln würden, weil sie Autisten seien. Selbst Studien beschäftigen sich damit, ob Autismus Menschen zu Massenmördern macht.

Wahrscheinlich sollten mir diese Berichte gleichgültig sein, sie sind es aber nicht. Sie plädieren immer dafür, dass man sich anderen erklären soll, um soziale Missverständnisse zu vermeiden – aber was soll ich den Leuten erklären, wenn sie bereits durch die Medien erfahren, dass Autisten gefährlich seien? Schaffe ich damit nicht erst die Missverständnisse, die ich vermeiden will? Bin ich für andere „böse“, weil ich Autistin bin?

Autismus ist medial negativ belegt. Menschen, die man weder versteht noch mag, werden als Autisten – im psychiatrisch relevanten Sinne – bezeichnet. Das sind dann Amokläufer, Politiker, verschwenderische Bischöfe, junge Männer, die keinen Erfolg bei Frauen haben. Wenn das Verhalten nicht nachvollziehbar oder abweichend ist, dann sind die Leute eben Autisten. Als sei Autismus eine Schande, ein Makel, etwas, wofür man sich schämen muss. Ein wenig erinnert mich diese Argumentation an die Zeit, zu der in Deutschland Juden und solche, die wie Juden „aussahen“, der Sündenbock für alles waren. Mit den entsprechenden Folgen. Ich dachte, über den Stand der Diskussion seien die Menschen hinaus… Dabei fällt auf, dass die „Diagnose“ von Medienleuten getroffen wird und nicht von qualifiziertem Fachpersonal. Und dass sie in vielen Fällen nachweislich und auch bekanntermaßen schlicht falsch ist. Aber letztendlich ist das ja egal, die Botschaft ist in der Welt und wird munter und bar jeder Vernunft weiter verbreitet… So auch jetzt.

Und zu einem ganz kleinen Teil frage ich mich, ob vielleicht an diesen „Studien“ doch etwas dran sein könnte. Ich weiß von mir, dass ich nicht mal eine Fliege erschlagen kann, sondern sie lieber einfange und in die Freiheit entlasse. Ich habe noch nie bewusst einen Menschen angegriffen und verletzt und ich habe noch nie darüber nachgedacht, mit einer Waffe in meine Schule zu gehen und meine Schulkameraden zu erschießen. Ich würde nie Gewalt gegen andere Menschen anwenden, selbst dann nicht, wenn ich ihr ausgesetzt bin. Obwohl ich – traut man den Medienberichten – fast perfekt in das Profil eines Amokläufers passen würde. Einzelgänger, zurückgezogen, Mobbingopfer. Und jetzt eben auch noch Autistin. Wenn ich dann solche Studien lese, frage ich mich, ob ich Angst vor mir selbst haben muss. Bin ich allein durch eine genetische Disposition ein Schwerverbrecher? Bin ich allein durch eine Wahrnehmungsvariante des menschlichen Seins ein Killer? Kommt vielleicht der Tag, an dem sich in meinem Gehirn ein Schalter umlegt und ich – gemäß meiner Programmierung – mit einer Waffe wahllos Menschen töte? Einfach bedingt durch die Tatsache, dass ich autistisch bin? Ich las bereits von Forderungen, alle „Kranken“ für immer wegzusperren. Die Diagnose als Urteil, sperrt Personen ein, die noch nichts getan haben – sie könnten ja etwas tun. Menschen, die fordern, dass Autisten wie Hunde und Katzen gechippt und registriert werden (es gab mal eine Zeit, da hat man an bestimmte Menschen“sorten“ gelbe Sterne ausgegeben, damit sie gleich erkennbar sind. Und Registrierungsziffern auf Unterarme tätowiert…). Schöne, neue Welt…solche Forderungen sind wahrscheinlich das wirklich Kranke an der ganzen Diskussion.

Ich bin mir sicher, dass keine Störung, wie auch immer sie heißen mag, einen Menschen per se zu einem Verbrecher macht. Wäre dem so, dann wären auch an den vielen Diskussionen zu einem Verbrecher-Gen etwas dran. Und auch da weiß man, dass es Blödsinn ist. Ich denke, dass viele andere, vor allem von außen bedingte Umstände und oftmals auch winzige Faktoren dazu führen, dass ein Mensch irgendwann durchdreht. Aber wie viele schaffen durch solche Berichterstattungen eine negative, von Angst geprägte Grundstimmung, die für Autisten in erneuter Ablehnung endet? Und wie viele Autisten sammeln dann Frust, Enttäuschungen und Verletzungen an – bis sie wirklich irgendwann durchdrehen? Wenn das autistische Kind tobt, ist das für das Umfeld dann schon das Zeichen für die „gefährliche Aggressivität“? Und wie viele Kinder und auch Erwachsene glauben vielleicht, was sie immer und immer wieder in den Zeitungen lesen und handeln irgendwann so, wie es von ihnen – wenn auch im Negativen – „erwartet“ wird? Ich sehe hier ziemlich deutlich das suggestive Prinzip einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gegeben.

Ich verstehe nicht, warum etwas wie Autismus offenbar so „attraktiv“ ist, dass es für sämtliche Verbrechen herhalten muss. Warum Autismus für viele bereits das Verbrechen an sich zu sein scheint. Einen ähnlichen Trend gab es ja auch schon mal in Bezug auf Depressionen. Von „Dummheit“ will ich eigentlich nicht reden, auch wenn mir der Begriff naheliegt. Liegt es daran, dass den Menschen Angst macht, was sie nicht verstehen können? Oder ist es einfacher, Gründe in einem „gestört“ zu finden statt der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten? Ist Autismus vielleicht wirklich eine „Modediagnose“ – nämlich für Medienschaffende, die zwar keine Ahnung, aber ein tolles Wort für ihre Berichte haben? Auf Kosten derer, die sich sowieso schon tagtäglich durch eine nicht einfache Welt kämpfen müssen…

Ich bin kein Massenmörder und ich werde nie einer sein. Aber ich habe das Gefühl, ich werde zu einem gemacht. Und sei es nur auf dem Papier.

Liebe Grüße

Sophie“

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Verfasst von - 28. Mai 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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