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Archiv für den Monat Februar 2016

Team- und Einzelkampf

Platon

Wiederholt haben mich schon Seminarteilnehmer gefragt, wie es eigentlich möglich sei, dass Sophie trotz der ganzen beschriebenen Schwierigkeiten beruflich so aktiv ist. Der Umgang mit Menschen, die selber große Alltagsprobleme hätten und im kommunikativen Umgang sicherlich auch schwierig seien, müssten doch eine Qual für Sophie sein. Die Antwort darauf ist mir immer sehr schwer gefallen. Denn einerseits konnte und kann noch immer ich mir nur schwer vorstellen, wie es Sophie ganz alleine gelingt, hochkomplexe Alltags- und Interaktionssituationen, die der Beruf mit sich bringt, angemessen und vor allem zielführend zu meistern. Oder wenn sie ganz konkret alleine Seminare hält. Ich sehe ja jedesmal bei useren gemeinsamen Veranstaltungen, wie sie mit ihrem Verhalten auffällt und sich bei den kleinsten Kleinigkeiten schwer tut und schon fast versteckt. Ich muss dann vor Ort alles regeln: die Bereitstellung der Technik, die Pausenabsprachen, die Organisation, den Teilnehmerkontakt, die Koordination der Teilnehmerbeiträge (das Erkennen von Wortmeldungen zum Beispiel) und so weiter. Ebenso die Anreise, das Aufsuchen des Seminarraums und die Bestuhlung im Raum überlässt sie großzügig mir. Andererseits erlebe ich ja immer wieder, dass sie, wenn sie einmal in Fahrt gekommen ist, sogar Seminare rumreißen kann, die ich zuvor durch etwas wenig Engagement und schlechte Tagesform ins Straucheln brachte. Ja, sie kommt richtig gut an bei den Teilnehmern, zumindest in der Rolle, in der ich sie erlebe, wenn ich dabei bin.

Aber Sophie macht auch alleine Seminare. Dann muss sie alles selber machen, dann kann sie nicht schnell weitergeben an jemand anderen. Dann muss sie mit allen Sinnen anwesend sein und die Vorgänge alleine steuern. Auch ich frage mich: Wie geht das? Vor allem vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen mit ihr beim Einkaufen, beim Arzt und bei der Republica, um nur einige Beispiele zu nennen. Sie findet anscheinend nicht einmal den Spinat im Supermarkt, wie kann da der Seminarraum und das richtige Beamerkabel gefunden werden? Und wie kann es möglich sein, dass sie trotzdem großen Erfolg hat und immer wieder neu gebucht wird? Was macht sie da anders als bei unseren gemeinsamen Seminaren, und wie macht sie das dann im Einzelnen? Ich habe ihr natürlich diese an mich gerichteten Fragen und auch meine persönlichen Zweifel geäußert. Für mich zwar überraschend, dann aber doch sehr plausibel, gab Sophie mir die folgende Erklärung:

Sophie

Mir ist durchaus aufgefallen, dass schon einige Seminarbesucher diese Frage hatten. Kurioserweise wird sie mir selbst aber nie gestellt. Als hätten die Leute Angst, von mir eine Antwort zu bekommen – da fragen sie dann doch lieber in meiner Abwesenheit den Philosophen. Dabei erscheint selbst mir die Frage einleuchtend.

Gerade meine „Alleingänge“ haben einen anderen Rahmen, der auf den gemeinsamen Seminaren in der Regel nicht gegeben ist. Zusammen sind wir an verschiedenen Orten, in Schulen und Kindergärten, ständig in neuen Umgebungen. Ständig ein anderer Beamer, immer (!) fehlt das HDMI-Kabel (selbst wenn ich im Vorfeld nach einem HDMI-Beamer frage), ich checke zuerst Akkustik und Raumlage, suche die üblichen Wege (Seminarraum – Kaffeemaschine – Toilette – Ausgang) und versuche hier, eine grobe Orientierung zu bekommen. Auch Geräuschquellen außerhalb des Raumes versuche ich schon im Vorfeld zu erfassen, damit sie mich im Seminar nicht überraschen und ich den Faden dann verliere. Wenn dann noch das Gewusel um die Teilnehmer mit all ihren Fragen („Wann gibt es Mittagessen?“ – „Und, wo kommen Sie denn her?“ – „Wir machen auch Pausen, oder?“ – „Sind die Hefte für uns?“) losgeht, bin ich eigentlich restlos bedient. Mit dem Philosoph zusammenzuarbeiten ist an guten Tagen wie ein gut eingespieltes Ping-Pong-Spiel – wir werfen uns die „Stichwort-Bälle“ zu, die Pointen folgen einem klaren Ablaufplan.

Bin ich alleine unterwegs, gestalte ich die Seminare schon grundlegend anders. Zum einen bin ich mit immer wiederkehrenden Inhalten an den gleichen Institutionen und stets im gleichen Raum vertreten. Die Technik, die Wege, die Umgebung kenne ich, Fragen der Teilnehmer werden von der Verwaltung beantwortet, ich muss im Grunde nur pünktlich da sein und kann direkt loslegen. Keine organisatorische Arbeit, kein Small-Talk. Ich bin zwar eine Viertelstunde vor Beginn da, betrete aber erst zur eigentlichen Uhrzeit den Seminarraum. Und dann – dann spiele ich Ping-Pong mit mir selbst. Einmal bin ich aufgeflogen. Eine Teilnehmerin, die bereits ein gemeinsames Seminar besucht hatte, hatte nun eine Einzelveranstaltung mit mir gebucht. Dass ich sie nicht wiedererkannt habe, wunderte sie nicht. Und offenbar hat sie sich während der Einheiten köstlich amüsiert, weil sie direkt merkte, dass ich schlicht beim Philosophen klaue. Und damit meine ich nicht Inhalte. Vielmehr kopiere ich seine Art, bestimmte Anekdoten zu erzählen, mogle seine Eselsbrücken in meinen Ablauf, ich gehe seine Wege im Raum und wähle die gleichen Punkte, bei denen irgendein armer Mensch im Plenum plötzlich direkt angesprochen wird. Komme ich in eine Situation, die so noch nicht dagewesen ist – wo mir also der Ablaufplan fehlt – dann weiche ich ebenfalls auf seine Taktik aus und werfe den „Ball“ ins Plenum zurück: „Wie sehen Sie das?“ Funktionierte bislang immer.

Bei der Einzelbetreuung ist es ein wenig anders. Ich bin zwischenzeitlich davon überzeugt, dass die Frage nach der Arbeit mit Menschen mit psychischen Erkrankungen auf einem falschen Bild beruht: der „Helfende“ wird häufig als hochempathisch, mitfühlend, helfend im Sinne von „Da muss man dies und jenes machen“, als wandelnder Ratgeber und Patentrezepteblock, gedacht. Und ja, das bin ich nicht. Und doch merke ich immer wieder, dass die Klienten gezielt nach mir fragen. Oder mein Umfeld mir gezielt bestimmte Klienten zuweist. Nämlich die, die dazu neigen, ihre Helfer emotional einzubeziehen. Genau das funktioniert bei mir nicht. Ich sehe die Sache, analysiere mit meinen Klienten, lasse sie nach einer möglichen Lösung für ihr Problem suchen und unterstütze dann bei der Umsetzung ihrer (!) Lösung – aber ich habe keine Lösung für sie. Ich höre die Dinge und schaue mit ihnen gemeinsam auf die Sache – und nicht auf die emotionale Verstrickung dahinter. Ein Urteil kann ich nicht fällen. In keinem einzigen Fall. Über keine Sache und keine Person. Zwischenzeitlich bin ich mir fast sicher, dass das der Schlüssel ist: Wertschätzung meint auch, nicht zu werten. Und gerade die, die aufgewühlt sind, werden durch die sachliche Art, meine Orientierung an Fakten, zusehends ruhiger.

Und dann kommt da noch ein Punkt, der vielleicht unerheblich ist, für meine Haltung aber eine ganz große Rolle spielt: Ich weiß, dass ich „komisch“ genug bin, um auch auf der anderen Seite stehen zu können. Im Dialog mit Kollegen fällt mir immer wieder auf, dass ich dem Verstehen nach meinen Klienten näher bin als den Kollegen. Manches, was die „schräg“ finden, erscheint mir völlig „normal“. Und das merken wahrscheinlich auch gerade die Menschen, die in der allgemeinen Meinung „einen an der Klatsche haben“.

 
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Verfasst von - 21. Februar 2016 in Alltägliches

 

Es ist vollbracht!

Die letzten zehn Prozent waren die schwersten. Aber nun endlich haben wir es geschafft. Das Buch zum Blog ist fertig. Und wir freuen uns natürlich sehr.

Es hat länger gedauert, wir haben probiert, drüber geschlafen, umgeworfen, neu sortiert. Und irgendwann war der Punkt, an dem wir zufrieden waren.

Wir hoffen, ihr habt viel Freude beim Lesen. Und wir freuen uns natürlich über Feedback.

Sophie und Platon

Ich will das Buch haben!

 

 

 

 

 

 

 

 

 
2 Kommentare

Verfasst von - 5. Februar 2016 in Alltägliches