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Der erste Eindruck

31 Jan

Platon

Es sind immer die ersten zwei Stunden eines Seminars, die überstanden werden müssen. Besonders kritisch sind die Minuten vor Seminarbeginn. Meisten sind Sophie und ich schon etwa 45 Minuten vor dem Start angereist. Wir inspizieren dann den Seminarraum, stellen gegebenenfalls einige Tische noch um, überprüfen Licht, Lüftung und Technik. Die Unterlagen werden ausgeteilt. Der Beamer und PC werden hochgefahren. Und dann trudeln auch schon die ersten Teilnehmer ein. Meistens sind sie noch orientierungslos, fragend in Bezug auf richtige Raum- und Platzwahl. Die Teilnehmer suchen Blickkontakt, haben Fragen, machen Anmerkungen oder setzen sich und blättern in den Seminarheften. Während dieser Phase ist Sophies Unsicherheit am größten. Sie versichert mir immer wieder, so angemessen wie möglich sein zu wollen, also freundlich und korrekt.

Es betreten dann immer mehr Teilnehmer den Raum. Ich bin nicht immer anwesend, mal zur Toilette, mal zur Rezeption des Hotels, um den Ablauf zu besprechen, mal mit einzelnen Teilnehmern direkt im Gespräch. Und ich bemerke jedes Mal, wenn ich umherblicke, die Fragezeichen der Teilnehmer: Das soll unsere Dozentin sein? Wie alt ist die wohl? Warum guckt die einen nicht an und begrüßt uns nicht? Was ist mit der los, warum guckt die so komisch?

Sophie

Die Nervosität vor den großen Seminaren hat sich zwischenzeitlich etwas gelernt. Ich kenne den Ablauf, die eingebauten Witze, im günstigsten Fall sogar den Seminarraum. Die einzigen zwei Unsicherheitsfaktoren: Der Philosoph. Und die Seminarteilnehmer.

Wir haben es zur Regel gemacht, schon frühzeitig vor Ort zu sein – das ist vor allem mir geschuldet, den ich rechne mit allem Möglichen: Stau, Software-Crash, Hardware-GAU oder – mein Alptraum – ein leerer Seminarraum, weil alle angemeldeten Teilnehmer verschlafen haben.

Der Philosoph hat zudem ein schon beängstigendes Gespür dafür, wann die ersten Teilnehmer eintrudeln werden: dann verschwindet er spurlos. Und ich stehe allein im Raum, mit PC und Beamer beschäftigt. In vielen Fällen marschieren die Teilnehmer ein und setzen sich schweigend. Das ist mir am liebsten. Manchmal kommt ein „Guten Morgen“, was ich dann mit einem obligatorischen „Hallo“ erwidere. Manche Teilnehmer scheinen unentschlossen, sie öffnen die Tür, schauen in Raum und bleiben dann vor der Tür stehen. Und dann gibt es noch die Mutigen, die mir irgendwelche Fragen stellen, die gerade so gar nicht relevant sind. Was es zum Mittagessen gibt. Wann die Kaffeepausen sind. Oder wie es mir geht, obwohl wir uns gar nicht kennen. Diese halbe Stunde VOR dem Seminar ist streng genommen die anstrengendste.

Platon

Ich habe mittlerweile gut gelernt, diese mal mehr und mal weniger deutlich sichtbare Irritation der Teilnehmer einfach zu ignorieren. Wir fangen dann an, immer beginne ich. Sophie stellt sich dann kurz vor, und dann geht es direkt mit meinem Part wieder weiter. Ein langes erstes Kapitel, und noch ein weiteres zweites Kapitel. Zwischendurch kommen Kommentare, Ergänzungen und Beispiele von Sophie. Die Teilnehmer versuchen in aller Regel, sich die eigene Irritation nicht anmerken zu lassen. Insbesondere, da Sophie ja durchaus klar und verständlich referiert. Nicht selten im Gegensatz zu mir phasenweise.

Im dritten Kapitel nach der ersten Kaffeepause kommt dann der große Knall. „Fragen wir sie doch mal selber…“ ist meine Überleitung beim Thema Autismus, nachdem ich ein anonymes Einführungsbeispiel zur Diskussion gestellt habe. Oft geht ein spürbares Raunen durch den Raum. Manche sagen, sie hätten es schon geahnt. Manche sind etwas verärgert, weil wir sie ins offene Messer haben laufen lassen. Manche finden dieses Vorgehen eindrucksvoll, andere die eigenen Eindrücke und Wirkungen, die dann im Rückblick neu betrachtet werden, besonders hilfreich beim Zugang zum Thema Autismus.

Sophie

Die ersten zwei Themenblöcke sind so gelegt, dass ich mich kaum beteiligen muss. In der Regel ist das der Part des Philosophen, nur bei juristischen Feinheiten oder auch komplexen Themenabschnitten springe ich mit ein, wenn ich merke, dass er zu diffus und ungenau wird.

Ich nutze diese ersten beiden Stunden normalerweise, um ein Gespür für die Menschen vor mir zu bekommen. Wo sitzt der Querulant, wo derjenige, der es ganz genau wissen will und wo der, der eigentlich was ganz anderes erwartet hat? Das hilft mir, um später einschätzen zu können, wer den gewohnten Ablauf stören könnte – nicht, dass ich mit meiner Einschätzung jemals richtig gelegen hätte. Aber bevor ich nicht zumindest eine Art Basiswissen über die Teilnehmer vor mir habe, fällt es mir schwer, mich überhaupt in die gesamte Seminarthematik einzulassen.

Nach etwa zwei Stunden – je nachdem, wie heftig das Thema „Legasthenie und Nachteilsausgleiche“ oder das Thema „Medikamente bei AD(H)S“ diskutiert wurde – beginnt die Überleitung zu meinem Part des Seminars: der Themenblock Autismus-Spektrum-Störungen. In der Regel kann ich dann nach der überraschenden Offenbarung des Philosophen („Sie finden das schräg? Fragen wir sie doch selbst mal, wie sie das findet. Sie ist nämlich hier.“) mein Konzept in die Tonne werfen, denn die Fragen prasseln nur so auf mich ein. Wir sagen bewusst im Vorfeld nichts, denn trotz aller meiner Bemühungen scheine ich in den ersten zwei Stunden als reine Studienassistenz wahrgenommen zu werden, deren Aufgabe es ist, bei der Powerpoint auf „Nächste Folie“ zu klicken. Eine Teilnehmerin meinte sogar, dass die in der Ankündigung ausgeschriebene Dozentin noch kommen würde und ich demnach noch gar nicht anwesend sei.

Es ist faszinierend, dass der Effekt ein ums andere Mal reproduzierbar ist. Die Teilnehmer basteln sich die absurdesten Theorien über meine Person in diesen zwei Stunden zurecht – konkret nachgefragt hat aber noch keiner, obwohl in den Theorie-Einheiten alle nach ihren eigenen Aussagen ganz eifrige Frager sind, wenn ihnen etwas seltsam vorkommt.

Wir lösen diese Irritationen (und manchmal auch Verlegenheiten) sehr bewusst aus, denn letztendlich sind diese wilden Theorien Bestandteil meines Alltags: Anstatt zu fragen, konstruieren die Menschen Dinge, die nicht sind. In der Regel zu meinem Nachteil… denn was es konkret ist, was den Menschen „komisch“ vorkommt, dass konnte mir in all den Monaten nicht ein Seminarteilnehmer adäquat erklären.

Platon

In der Mittagspause, beim gemeinsamen Essen am großen Tisch, nimmt Sophie nie teil. Sie bleibt dann im Seminarraum. Dann kann sich so mancher Teilnehmer einen Kommentar nicht verkneifen. Zum Beispiel: „Ich dachte, die hätte die ganze Nacht durchgefeiert und wäre jetzt noch ganz verkatert, so wie die aussah und wirke.“ Ein anderer: „Am Anfang dachte ich, dass die ja total verstört ist.“ Oder: „Unfreundlich und abweisend“. Und Sophie resigniert später wieder: „Ich gebe mir soviel Mühe. Was mache ich denn falsch? Ich dachte,heute merkt endlich mal niemand etwas und es ist alles okay verlaufen.“

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Verfasst von - 31. Januar 2016 in Alltägliches

 

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