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Die andere Sicht der Dinge

01 Jan

Platon

Mittlerweile sind wir bei den Seminaren ein eingespieltes Team. Zumindest wirkt es bei mir so. Und offenbar auch bei den Teilnehmern. Kleine Geschichten und Witze sind schon fest eingeplant und ritualisiert. Und doch überraschen wir uns dabei immer wieder selbst. Ein schönes Beispiel ist meine kleine Einleitung zum Thema „Theory of mind“. Ich beginne diese Episode immer mit der Geschichte von Max und seiner Muttter. Doch vorab erkläre ich den Teilnehmern die Aufgabe, die am Ende der Geschichte von ihnen abverlangt wird:
„Ich erzähle Ihnen jetzt eine Geschichte von Max und seiner Mutter. Beide haben nichts mit Autismus, ADHS oder sonstigen Diagnosen zu tun. Ich werde Sie lediglich am Ende der Geschichte Fragen, aus welchem Schrank Max die Schokolade als erstes herausnehmen möchte. Bitte antworten Sie dann ganz spontan und ohne nachzudenken.
Und dann beginne ich mit der Geschichte:
Max geht mit seiner Mutter einkaufen. Im Supermarkt sucht sich Max eine Tafel Schokolade aus und legt sie in den Einkaufskorb.
Manchmal erzähle ich allein diesen Vorgang noch weit ausschweifender. Um die Spannung aufzubauen und damit die Geschichte nicht zu kurz wird.
„Zuhause angekommen, packt die Mutter in der Küche den Korb aus. Max greift sich die Schokolade und legt sie in den …“ Hier ist jetzt ein entscheidender Punkt. Ich zeige mit einer deutlichen Geste zur Wand an meiner Rechten und wähle auch gleichzeitig die an dieser Wand dominierende Farbe, also etwa die Tapete, Vorhänge, Fensterrahmen oder ähnliches. Das heißt, bei meiner Geschichte verwende ich immer unterschiedliche Farben für die Schränke. In diesem Fall ist die Wand gelblich. „… gelben Schrank. Er legt die Schokolade also in den gelben Schrank. Dann geht er aus dem Haus zum Fußball spielen. Derweil backt die Mutter einen  Kuchen. Dafür benötigt sie etwas Schokolade. Sie erinnert sich, dass  Max die Tafel in den gelben Schrank gelegt hat. Sie nimmt also die Schokolade aus dem gelben Schrank und bricht sich die benötigte Menge von der Tafel ab. Dann legt sie etwas gedankenverloren den Rest der Tafel Schokolade in den …“ Jetzt orientiere ich mich mit einer deutlichen Körperbewegung zur gegenüber liegenden Seite. In diesem Fall die Fensterseite mit dicken braunen Fensterrahmen. Damit ist also die Farbe Braun für den zweiten Schrank spontan gefunden. „… braunen Schrank. Sie legt also die Resttafel in den braunen Schrank. Danach macht sie etwas anderes und verläßt die Küche. Etwas später kommt Max nach Hause und er hat großen Hunger auf etwas Süßes. Er läuft direkt in die Küche, ohne dabei seiner Mutter zu begegnen. Er möchte sich seine Tafel Schokolade nehmen.“ Jetzt richte ich meine Frage, also die Pointe der Geschichte, unmittelbar an die Teilnehmer: „Was glauben Sie, in welchem Schrank wird Max zuerst nach der Tafel schauen?

Sophie

Als Autistin die Theory of Mind zu beschreiben, das ist vergleichbar mit einem Blinden, der Farben zu erklären versucht. In den Seminaren, in denen ich es versuchte, merkte ich, dass ich immer wieder ins Schleudern kam. Irgendwann trat ich den Part an den Philosophen ab – auch wenn der seinen Einsatz in schöner Regelmäßigkeit verpennt. Das führt dann zu einer längeren Pause, einem langen Schweigen und schließlich seiner Frage: „Ach so, ich bin dran, oder?“ Spätestens, wenn ich dies bestätige, lacht sich ein Teil der Teilnehmer schlapp – warum auch immer.

Wenn der Philosoph mit der Geschichte von Max und der Schokolade beginnt, bin ich immer unsicher. Denn ich kann nie vorhersagen, welche Variante der Geschichte er jetzt erzählt. Ich warte auf den Tag, an dem er so ausschweift, dass wir auch noch den Preis für die Schokolade erfahren und ob es ein Sonderangebot war oder nicht. Soweit kam es bislang noch nicht. Trotzdem verwirrt er mich jedes Mal aufs Neue, denn Max scheint in der Geschichte eine sehr renovierungsfreudige Mutter zu haben – jedes Mal haben die Schränke eine neue Farbe, was es mir unmöglich macht, mir einfach den Lösungsschrank zu merken. Ich merke dann schnell, dass ich überhaupt Probleme habe, der Geschichte an sich zu folgen, denn permanent spukt in meinem Kopf die Farbe der vorigen Schränke herum. Spätestens eine halbe Minute später ist es mir fast unmöglich, die aktuelle Farbe der Schränke zu rekapitulieren.

Gleichzeitig beobachte ich die Seminarteilnehmer, die jedes Mal am Ende der Geschichte blitzartig ihre Antwort hinausposaunen. Und genau das machen, was Theory of Mind ausmacht: Sie versetzen sich in Max‘ Lage und nehmen seine Sicht der Dinge ein. Rasend schnell, intuitiv, ohne darüber nachzudenken. Beeindruckend.

Platon

Obwohl einige Teilnehmer darin eine Fangfrage vermuten oder einfach nur denken, dass die Frage doch wirklich zu simpel sei, wird fast immer einstimmig und ganz spontan der richtige Schrank benannt. In diesem Fall natürlich der gelbe Schrank.

Und dann kommt meine Auflösung. Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben häufig Probleme, diese doch recht einfache Frage intuitiv und spontan zu beantworten. Es fällt ihnen schwer, automatisch und unbewußt gleichzeitig die Situation aus der Sicht von Max einerseits und der Sicht der Mutter und des Erzählers andererseits zu betrachten. Zur Beantwortung sind also zusätzliche kognitive Anstrengungen nötig, die etwas mehr Zeit benötigen. Aber das kann dann Sophie besser beschreiben. Denn selbst sie hat ihre eigene „Eselsbrücke“, mit der sie diese Frage beantwortet, obwohl sie diese Geschichte mittlerweile auswendig kennt.
Ich wechsle übrigens immer wieder die Farben der Schränke, damit ich selbst nicht durcheinander komme. Ich orientiere mich am Raum und dessen Farbgebung. Und die Farben variieren natürlich von Seminarort zu Seminarort. Was meinem schwachen Kurzzeitgedächtnis hilft, verwirrt Sophie  immer wieder. Ein interessanter Nebeneffekt, der oft für Heiterkeit beim Seminar sorgt und  die Aufgabe für Sophie immer wieder abwechslungsreich gestaltet.

Sophie

Sapperlot. Da war es wieder. Dieser Moment der Verwirrung, der mich immer wieder überkommt, wenn die Teilnehmer unisono „gelb“ antworten – und ich mir denke: „Hä? Nein. Braun. Weil… achso.“ Fehler erkannt, Fehler nicht gebannt. Ich bin stets erneut erstaunt, wie schwer es mir scheinbar fällt, dieses einfache Beispiel zu lernen und zu verinnerlichen. In den ersten Seminaren hatten die Schränke noch gleichbleibende Farben, sodass ich mir sagen konnte: Der erste Schrank, der mir einfällt (in diesem Fall also der braune), der ist es NICHT. Das braucht einige Sekundenbruchteile länger, fällt im Kommunikationsgeschehen aber nicht auf. Zumindest meist nicht. Mit dem Farbenwechsel komme ich in große Schwierigkeiten. Denn erst muss ich mir vergegenwärtigen, welche Farbe die blöden Schränke haben und wo sie hängen, dann muss ich diese beiden Gedankengänge zusammenführen und erst dann kann meine Eselsbrücke zum Tragen kommen. Das heißt: Die Schokolade lag im rechten Schrank und liegt nun im linken. Der Schrank links ist braun, der rechts gelb. Meine erste Antwort wäre links – in diesem Fall braun – gewesen, also muss es rechts – ergo gelb – sein. Wenn ich diese Gedankengänge erkläre – die für mich eigentlich vollkommen normal finde – dann ernte ich häufig Verblüffung. Das sei ja wahnsinnig kompliziert und anstrengend. Ja. Aber nicht der Denkvorgang an sich, sondern die Tatsache, dass vorausgesetzt wird, dass jeder Mensch intuitiv diese Theory of Mind anwenden kann. Und ich dann in Teufels Küche komme, wenn ich gerade nicht weiß, dass ich eine Denksportaufgabe im Sinne von „In welchem Schrank ist die Schokolade?“ absolvieren muss. Das können schon banale Alltagsfragen sein. Die einfache Frage „Was gibt es bei dir Neues?“ setzt nämlich bereits genau das voraus. Ich muss dann nämlich wissen, was mein Gegenüber als „neu“ definiert – und in einem weiteren Schritt als „interessant“. Ich beobachte immer wieder, dass andere Menschen scheinbar aus dem Nichts heraus den richtigen Punkt erwischen, der für das Gegenüber „neu“ und „interessant“ ist. Ohne darüber nachzudenken. Wohingegen mir diese Fähigkeit der Theory of Mind gleich rätselhaft vorkommt wie die Teleportationskunststücke der großen Magiere.

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3 Kommentare

Verfasst von - 1. Januar 2016 in Alltägliches

 

3 Antworten zu “Die andere Sicht der Dinge

  1. aspiemom

    2. Januar 2016 at 5:46

    Hat dies auf Aspie Mom rebloggt und kommentierte:
    Sie schreiben wieder…
    Für mich irgendwie witzig, weil ich beide persönlich kenne und somit auch viele Geschichten, aber ich empfinde diesen Blog als absolut hervorragend. Ich sitze regelmäßig vor meinem Rechner, lese, höre beide Stimmen, die erzählen, habe das betreffende Kopfkino…. und lache mich schlapp.

     
  2. Ismael Kluever

    2. Januar 2016 at 13:28

    Zitat: „Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben häufig Probleme, diese doch recht einfache Frage intuitiv und spontan zu beantworten. Es fällt ihnen schwer, automatisch und unbewußt gleichzeitig die Situation aus der Sicht von Max einerseits und der Sicht der Mutter und des Erzählers andererseits zu betrachten. Zur Beantwortung sind also zusätzliche kognitive Anstrengungen nötig, die etwas mehr Zeit benötigen. Aber das kann dann Sophie besser beschreiben.“

    Sophie, könntest du das vielleicht tun? So ganz ausführlich für ganz dumme NTs?
    Dass es nicht so einfach ist, zu erschließen, was für einen Gesprächspartner „etwas Neues“ und darüber hinaus etwas „Erzählenswertes“ ist, kann ich ja nachvollziehen. Das ist ja auch ziemlich diffus gefragt. Auf solche Fragen reagiere ich selbst oft einsilbig, nämlich mit „nichts!“. 😉

    Aber die Erlebnishistorie von Max wird ja vom Erzähler referiert, und beim Aufnehmen der Erzählung braucht man sich weder in die Situation der Mutter noch des Erzählers hinein zu versetzen, wie Platon annimmt, sondern nur in die Von Max. Oder?

    Mich interessiert, was bei einer solchen Erzählung in einem Autisten vorgeht. (Wobei wir von den schnell wechselnden Farben der Schränke mal absehen können. 🙂 )
    Klär mich mal auf!

     
    • dualessein

      31. Januar 2016 at 20:05

      Hallo Ismael,

      wahrscheinlich geht da gar nicht soviel vor. Es ist eher ein „unbewusster Denkfehler“, der durch die Kognition ausgeglichen werden muss. Genau das führt ja dann zu den Irritationen meinerseits. Mein erster Impuls ist, dass mein Gegenüber meinen Kenntnisstand hat – permanent und zu jeder Zeit. Zwischenzeitlich weiß ich – weil ich es gelernt habe – das dem nicht so ist. Diesen bewussten gedanklichen Prozess haben die meisten Nicht-Autisten nicht, weil sie sich inuitiv in die Situation ihres Gegenübers versetzen. Ich muss bei dem Beispiel erst einmal die Kognition ins Spiel bringen, die dann die Situation analysiert. Als Beispiel: „Max war nicht da, kann also nicht wissen, dass seine Mutter die Schokolade umgeräumt hat. Bedingt durch seine Nicht-Anwesenheit während dieses Geschehens hat Max einen anderen Wissenstand als ich. Von daher ist davon auszugehen, dass Max – im Gegensatz zu mir – nicht weiß, dass die Schokolade im anderen Schrank ist und daher im vorigen Schrank suchen wird.“ Diesen gedanklichen Prozess kann ich aber nur machen, weil ich eben bewusst gelernt habe, dass andere Menschen nicht das wissen, fühlen und denken, was ich weiß, fühle und denke.
      Der kognitive Prozess hat in meinen Augen zwei entscheidende Nachteile: zum einen ist er langsamer als die intuitive Reaktion, zum anderen erscheint er mir auch fehleranfälliger. Wobei letzteres eher ein subjektiver Eindruck ist.

       

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