RSS

Die Zugfahrt – Teil I

21 Mrz

Platon

Sophie muss alleine mit dem Zug fahren. Es geht sehr früh morgens los, es muss einige Male umgestiegen werden. Ob das gut geht? Ich habe da ja echte Bedenken. Eigentlich kann sie ja solche Dinge, solange nichts Unvorhergesehenes eintritt. Solange alles nach ihrem Plan läuft. Und da gibt es ja so enendlich viele kleine Details und Umstände, die bedacht werden müssen. Dinge, über die ich mir in aller Regel nicht Gedanken mache, oder erst, wenn es soweit ist. Ich bin gespannt, denke aber auch gleichzeitig, dass es einerseits ein gutes Training ist und andererseits von ihr selbst ja auch so gewollt ist.

Sophie

Es ist fünf Uhr morgens. Um pünktlich beim Seminar anzukommen, muss ich so früh los. Der Parkplatz hat keine funktionierende Parkuhr, die wird erst um sieben aktiviert. Ich bin ratlos, aber ich muss zum Zug. Wagen abstellen, geistige Notiz für „Du bekommst bestimmt einen Strafzettel“. Verdammt. Welche Hohlbirne hat bei der Einrichtung der Parkuhr nicht bedacht, dass es auch Menschen gibt, die vor sieben Uhr einen Zug erreichen müssen?

Am Bahnhof begegnen mir Gruppen betrunkener junger Menschen. Großartig. Nicht. Ich fühle mich unwohl, unsicher. Stelle fest, dass mein Zug schon am Gleis wartet. Es sind überraschend viele Menschen im Abteil. Ein älteres Pärchen hier, zwei Männer südländischer Abstammung da, eine weitere Frau, die sehr gut gekleidet ist, dort. Der Pulk betrunkener Jugendlicher zieht lärmend durchs Abteil, geht dann aber – zum Glück – weiter. Ich krame meinen Fahrplan heraus. Ich habe die Verbindung rausgesucht mit den wenigsten Umstiegen. Ich muss am nächsten Bahnhof nur auf das gegenüberliegende Gleis und habe dafür 45 Minuten Zeit. Das sollte auch ohne Unfälle zu schaffen sein.

Platon

Ich hole Sophie dann vom Bahnhof ab. Ich kann dann ja sofort aus erster Hand erfahren, wie die Zugfahrt und alles andere funktioniert hat. Interessant ist ja auch, ob sie überhaupt ankommt, oder ob nicht ein Notfallplan gestartet werden muss. Sophie kommt aber an, und sie scheint auch guter Dinge zu sein. Vor meinem inneren Auge stelle ich mir vor, wie sie unscheinbar und still, leicht ängstlich und verstört wirkend im Abteil gesessen hat. Nach den üblichen ersten Begrüßungsfloskeln berichtet Sophie, dass ihr heute sogar im Zug applaudiert wurde. Ich staune. Das erscheint mir sogar fast unvorstellbar. Was ist denn jetzt schon wieder passiert? Ich weiß ja, dass Sophie jederzeit für spontane Aktionen und Überraschungen gut. ich kenne das ja auch aus den gemeinsamen Seminaren. Aber was soll denn jetzt im Zug mit wildfremden Menschen passiert sein? Und dann sogar noch Applaus. Das ist ja selbst mir noch nie passiert.

Sophie

Es ist halb sechs. Draußen dämmert es ganz langsam. Im Zug ist eine müde Stille. Die schlagartig durch ein lautes, undefinierbares Geräusch unterbrochen wird. Die beiden Herren, die nun nachweislich aus der Türkei kommen, haben ihr Handy angestellt. Und hören tiefenentspannt irgendwas zwischen türkischem Disko-Pop und Techno. Das ist… grausam. Und ich bin wirklich irritiert. Ein solches Verhalten kenne ich von pubertierenden Jugendlichen oder Testosteron-gesteuerten, aber tendenziell eher nicht zum Abschuss kommenden Mit-Zwanzigern. Für die diese Art der Aufmerksamkeit, die nur durch massives Störverhalten gewonnen werden kann, die einzige Aufmerksamkeit ist, die sie überhaupt bekommen. Die beiden Herren passen weder in die eine noch in die andere Kategorie.

Ein Fahrgast steht auf. Geht hinüber, bittet darum, dass die Musik ausgestellt wird. „Wa? Nix Deutsch. Nix Deutsch“, kommt als Antwort. Bislang dachte ich immer, solche Episoden gehören zu urbanen Legenden. Die Musik dröhnt durch das Abteil, schmerzt in den Ohren und – bitte nicht lachen – in den Zähnen. Extrem unangenehm. Ich überlege. Ansprechen hilft nichts, das hat sich gerade gezeigt. Ich könnte das Abteil wechseln – habe dann aber vielleicht die betrunkenen Jugendlichen da, was genauso wenig amüsant werden könnte.

Plötzlich poppt in meinem Kopf eine Idee auf. Irgendwie verrückt. Aber ich muss lachen. Wenn das klappt… soll ich es wagen?

Advertisements
 
Ein Kommentar

Verfasst von - 21. März 2015 in Alltägliches

 

Eine Antwort zu “Die Zugfahrt – Teil I

  1. anderssein2000

    21. März 2015 at 11:41

    ich ahne es…. und bin gespannt ob ich richtig ahne

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: