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Jedem seine Prüfung – Teil VIII

07 Mrz

Sophie

Ich schaue die Psychiaterin an. Bin irritiert. Das Ticken der Uhr hinter mir hallt in meinen Ohren. „Ihre ganze Art macht mich wahnsinnig.“ Der Satz schwebt im Raum. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Entscheide mich schließlich zum Versuch eines Lächelns. Tick. Tick. Tick. Ich werfe einen Blick auf die Uhr, als ließe sie sich dadurch zum Schweigen bringen. Die erste Frage beginnt. Grundlagenwissen. Die Psychiaterin stellt die Fragen genau konträr zum Buch, möchte also nicht den verschiedenen Krankheitsbildern Symptome zugeordnet bekommen. Vielmehr nennt sie einzelne Symptome und möchte alle dazu passenden Krankheitsbilder hören. Im Geiste blättere ich in Windeseile die Seiten meines Buches durch – gerade erweist sich das fotografische Abspeichern von ganzen Seiten als eher kontraproduktiv. Ich bin nicht so schnell wie in der ersten Runde. Formale Denkstörungen – ich blättere. Tick. Tick. Tick. Der Psychiaterin geht es zu langsam. Und ich merke zunehmend, dass wir aneinander vorbeireden. Ich frage genauer nach. Suche nach einer Möglichkeit, nicht nur das zu hören, was sie sagt, sondern auch das zu verstehen, was sie meint – und das sind hier teils zwei komplett verschiedene Sachen. Tick. Tick. Tick. Noch ein Blick zur Uhr. „Gucken Sie da nicht so hin. Sie haben noch Zeit. Ich lass Sie nicht gehen.“ Für einen Moment überlege ich, pampig zu werden. Bin mir zwischenzeitlich sicher, dass wir uns nicht mögen. Rette mich wieder in die Thematik. Tick. Tick. Tick. Nicht zur Uhr hören, nicht zur Uhr sehen. Und gleichzeitig schnell antworten. Ich merke, dass meine Grenze erreicht ist. In dem Moment entlässt mich die Prüfungskommission aus ihren Klauen und schickt mich aus dem Raum.

Platon

Sophie ist an diesem Tag die erste Geprüfte. Danach bin wieder ich für die folgenden Prüfungen als Prüfer vorgesehen. Ich erfahre also das Ergebnis unmittelbar im Anschluss an die Prüfung. Ich muss zugeben, dass auch ich sehr aufgeregt und gespannt bin. Ich befinde mich noch im Gespräch mit der zweiten Prüfungsvorsitzenden im Sekretariat des Gesundheitsamts, als Sophie die Treppe herunter gelaufen kommt. Ich sehe ihr an, dass sie bestanden hat. Das sagt sie mir auch. Es scheint aber irgendwie sonderbar gewesen sein, die gesamte Prüfungssituation. Ich bin erleichtert, möchte jetzt aber nicht tiefer ins Detail gehen. Das wäre hier vor Ort unpassend.

Sophie

Mit jedem Schritt zurück in den Prüfungsraum scheint der Gang länger zu werden. Ich sitze, lächle, hoffe. Und dann das erlösende Wort: Bestanden. Ungläubig höre ich nochmal hin. Ja, bestanden. Wie in Trance spule ich das Verabschiedungsprogramm ab, dass ich mir vorher sorgsam zurechtgelegt habe. „Danke, einen schönen Tag noch.“ Reihum Hände schütteln, des guten Eindrucks wegen. Lächeln. Kaum aus dem Raum fällt die mir unangenehme Rolle von mir ab. Bestanden. Trotz wahnsinniger Psychiaterin. Trotz tickender Uhr. Trotz minimalem Lernaufwand. Trotz der vielen „Aber-„Situationen im Voraus. Im Foyer treffe ich den Philosophen, der die Prüfung nach mir machen wird. Die Kräuterhexe mit ihren positiven Schwingungen, die sie nicht durch die Prüfung tragen werden.

Ich sitze im Auto, habe direkt einen Anschlusstermin, ein Seminar, das ich alleine halten muss. Bislang habe ich es erfolgreich ausgeblendet. Und dann sage ich zum ersten Mal meinen neuen Vorstellungssatz: „Mein Name ist Sophie. Ich bin Heilpraktikerin für Psychotherapie.“

Platon

Ich gehe in den Prüfungsraum, bereite mich auf die folgenden Gespräche vor. Als die Amtsärztin den Raum betritt, kommen wir noch einmal kurz auf die Prüfung von Sophie zu sprechen. Natürlich nicht im Detail, nicht über Inhalte, wohl aber über eine gewisse Verwirrung bei den Beteiligten. Ich hatte Sophie ja schließlich als jemanden angekündigt, mit dem ich im Rahmen von Seminaren und weiteren beratenden und therapeutischen Maßnahmen zusammenarbeiten möchte. Mir fällt unvermittelt die laut tickende Uhr im Prüfungsraum auf. Das muss Sophie wahnsinnig gemacht haben. Ich thematisiere das Ticken der Uhr. „Achso, darum blickte sie da immer hin. Ich dachte schon, sie wartete nur darauf, dass die Prüfung bald zu Ende sei“, sagt die Psychiaterin. Ich denke jetzt: Mit einem blauen Auge davon gekommen. Und zwar nicht nur Sophie.

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2 Kommentare

Verfasst von - 7. März 2015 in Alltägliches

 

2 Antworten zu “Jedem seine Prüfung – Teil VIII

  1. Ismael Kluever

    8. März 2015 at 22:28

    Yeah! =)

     
  2. Diana Helbich

    8. März 2015 at 23:33

    Glückwunsch zu den bestandenen Prüfungen

     

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