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Jedem seine Prüfung – Teil VII

28 Feb

Sophie

Ich fahre früh los. Eine Stunde zu früh bin ich am Gesundheitsamt. Abgeschlossen. Mist. Ich bin aber doch froh, dass ich früher gekommen bin, denn eine Baustelle vor dem Haus hat die Wegbeschreibung meines Navigationssystems außer Kraft gesetzt.

Eine halbe Stunde später wird die Tür geöffnet und ich in den Warteraum geführt. Ich bin ruhig. Glaube ich zumindest. Kurz nach mir taucht eine Dame mit wallenden Gewändern (gibt es hier eine mir nicht bekannte Kleiderordnung?) auf. Und erzählt mir geschlagene zwanzig Minuten von Schwingungen, von Tänzen, von Sternen. Ich bin angefressen, will meine Ruhe und nicht so ein esoterisches Geblubber. Meine Toleranzschwelle ist gerade ziemlich bei Null. Ich  reiße mich zusammen, nichts Falsches zu sagen.

Platon

Schriftlich bestanden. Jetzt kommt die zweite und letzte Hürde. Die mündliche Prüfung. Ich kann die Situation ganz schlecht abschätzen. Wird sie sich völlig verrennen oder an irgendwelchen Kleinigkeiten oder unwichtigen Details festbeißen? Wird sie überhaupt die Fragen der Prüfer verstehen? Diese vielleicht sogar darauf hinweisen, dass die Fragen unsinnig oder falsch formuliert wären? Wie reagiert sie, wenn ihre autismusspezifischen Auffälligkeiten thematisiert werden? Und und und …

Andererseits muss ich zugeben, dass Sophie zurzeit deutlich sicherer im Thema diskutiert und argumentiert als ich. Bis in die tiefsten Differenzierungen und Typisierungen der einzelnen Störungsbilder kennt sie sich aus und fragt und kommentiert dazu. Ich kann da nicht immer spontan folgen, muss dann häufig zum Fachbuch greifen. Das ist wohl ähnlich wie bei Führerschein-Neulingen, die sich natürlich wesentlich besser mit der aktuellen Straßenverkehrsordnung auskennen als jene, die vor Jahrzehnten die Regeln gelernt haben. Aber kann sie ihr Wissen auch anbringen? Ich weiß, dass sie durch Kleinigkeiten komplett aus dem Konzept gebracht werden kann. Dass sie dann Probleme hat, wieder zurück auf die Spur zu gelangen.

Sophie

Endlich geht es los. Eine Treppe hoch, einen endlos langen Flur entlang und ich sitze vor den Prüfern. Eine Heilpraktikerin, eine Dame vom Gesundheitsamt, die Psychiaterin von der gleichen Behörde. Letztere soll… schwierig sein. Genauer wurde mir gesagt, dass sie sehr ungemütlich werden kann.
Ich laviere mich durch meine sorgsam einstudierte Begrüßung. Lächeln, ins Gesicht schauen, jedem die Hand geben (OHNE sie anschließend hinter dem Rücken abzuwischen) und immer freundlich. Klappt gut. Über mir hängt eine laut tickende Uhr. Tick. Tick. Tick. Tick. Tick. Tick. Tick. Mist.
Die Heilpraktikerin beginnt mit der Prüfung. Und steigt ein mit Autismus. Ich kann mein Glück kaum fassen. Die nächste Viertelstunde gelingt es keinem der Prüfer, mir verbal in den Satz zu fallen. Ich beginne bei den Symptomen, gehe über den Verlauf, beziehe aktuelle Forschungen mit ein, verweise auf den TEACCH-Ansatz, gehe auf die unterschiedliche Ausprägung bei Mädchen und Jungen ein, Tick. Tick. Tick. Tick. Und auf die gesonderte Situation bezüglich einer Unterversorgung erwachsener Autisten im hochfunktionalen Bereich. Selbst ich merke, dass ich die Heilpraktikerin an die Wand gequatscht habe. Bei einem Großteil des Gesagten kann sie nicht nachvollziehen, ob es stimmt – es steht schlicht nicht in dem Buch, das sie vorliegen hat – und was ich auch sage. Tick. Tick. Tick. Aaaah!
Den zweiten Teil der Prüfung übernimmt die Psychiaterin. Sie schaut mich an. Holt Luft. Und beginnt: „Sie machen mich wahnsinnig.“ Ich bin irritiert. Wäre ich schlagfertig, hätte ich sie eingeladen, künftig in meine Praxis zu kommen, wenn sie glaubt, dem Wahnsinn nahe zu sein. Das fällt mir leider erst später ein. Stattdessen verstumme ich. Und überlege, was ich falsch gemacht habe. Gehe das Protokoll durch. Nein, alles okay. Tick. Tick. Tick. Tick. „Ganz ehrlich: Ihre ganze Art macht mich komplett wahnsinnig.“
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4 Kommentare

Verfasst von - 28. Februar 2015 in Alltägliches

 

4 Antworten zu “Jedem seine Prüfung – Teil VII

  1. anderssein2000

    28. Februar 2015 at 11:59

    ähm…. au Backe.
    Ich weiß ja, wie es ausgeht, aber das finde ich schon krass.
    Andererseits finde ich gut, dass sie es ausspricht, aber mich hatte diese Bemerkung komplett in den Orbit geschossen… also die, der Psychiaterin. Aber, rein menschlich betrachtet, finde ich diese Bemerkung inkompetent und wenig professionell.
    Wenn man Autismus abruft, sollte sich gerade eine Psychiaterin, auch wenn sie nicht die Fragestellerin ist, im Klaren sein, was das bedeutet, also ‚Autismus’… und sie hätte aufmerksam werden müssen….

     
  2. Cave

    28. Februar 2015 at 12:04

    Liebe Sophie,
    vermutlich hast du bereits die Prüfung mit Bravour bestanden, trotzdem drücke ich die Daumen und freue mich auf nächsten Mittwoch. Bin richtig gespannt, wie es weitergeht.

     
  3. mueller7de

    28. Februar 2015 at 14:45

    Als Prüferin ist die Psychiaterin durchgefallen. Falls irgendwas schief gelaufen sein sollte, kann man genüßlich einen Strick drehen.
    Persönliche Dinge haben in einer Prüfung nichts zu suchen.

     

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