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Jedem seine Prüfung – Teil VI

21 Feb

Sophie

Ich sitze in der Prüfung mit sieben weiteren Teilnehmern. Auf dem Flur lauschte ich den Gesprächen, wie viele Bücher gelesen, wie viele Kurse besucht wurden. Wieder kommen Zweifel. Bin ich vermessen? Unverschämt? Die anderen Prüflinge sind wesentlich älter, einige kommen in langen, wallenden Gewändern, sprechen von Schwingungen und Energien und wirken eher wie Kräuterhexen. Bin ich hier richtig?

Die Prüfungsbögen werden verteilt und ich bekomme einen leichten Schrecken – viele Fragen zu Schizophrenie. Na toll. Nach zehn Minuten übertrage ich meine Lösungen auf den Antwortbogen und ärgere mich schon wieder. Ein Teil der Fragen ist unsauber formuliert. Da wird nach selbstschädigend Verhalten bei Erwachsenen gefragt und die einzig mögliche korrekte Antwort lautet „Jungen sind seltener betroffen als Mädchen“. Mal davon abgesehen, dass selbstschädigendes Verhalten nicht nur – wie in der Frage wohl zwischen den Zeilen angenommen wird – das bekannte „Ritzen“ meint, so sind Jungen und Mädchen auch definitiv Bezeichnungen, die nicht für Menschen im Erwachsenenalter verwendet werden. Einen Moment überlege ich, eine entsprechende Bemerkung auf dem Antwortbogen zu machen. Oder vorne die Aufsicht anzusprechen. Lasse es dann aber doch.

Fünfzehn Minuten nach Prüfungsbeginn bin ich wieder draußen. Die anderen sitzen noch an ihren Bögen, eine Stunde dauert die Prüfung. Ich frage mich, wozu man soviel Zeit braucht, aber gut.

Platon

Heute hat Sophie ihre schriftliche Prüfung. Das ist der erste Schritt. Die mündliche folgt dann einige Wochen später. Ich überlege, welche der beiden Prüfungen Sophie mehr Probleme bereiten wird. Die Schriftliche liegt ihr naturgemäß besser, hätte sie nur etwas mehr gelernt. Die mündliche Prüfung kann eine Eigendynamik entwickeln mit vielen Kommunikationskonflikten. Andererseits kann sie hier mit ihrem breiten Fachwissen überzeugen. Durch meine Tätigkeit als Prüfer kann ich ja gut vergleichen. Vom Wissen her sollte die mündliche Überprüfung überhaupt kein Problem sein.

Sophie

Die Fragebögen durfte ich mitnehmen. Beim Philosophen angekommen gehe ich gleich meine Antworten durch. Zwei Fragen sind unsauber gestellt – ich bin mir nicht sicher, ob ich hier richtig geantwortet habe: Entweder beantworte ich die Frage richtig oder aber ich muss auf das antworten, was der Prüfer beim Verfassen der Fragen gemeint haben könnte, aber schlicht nicht fragt. Ich schimpfe vor mich hin. Das sind Experten. Die sollten doch in der Lage sein, solche Fragen korrekt und klar zu stellen. Der Philosoph grinst nur doof und hört sich mein Geschimpfe an. Bei einigen meiner Fragen im Vorfeld wusste er keine Antwort, ich vermute fast, dass ihm vollkommen egal ist, ob solche Fragen richtig oder falsch gestellt werden. Mich ärgert so etwas, denn falsche Fragen führen zu falschen Aussagen führen zu falschen Diagnosen und dazu, dass Menschen in Schubladen gesteckt werden, in die sie nicht gehören. Unterliegen Prüfer keiner Sorgfaltspflicht? Aber immerhin. Es scheint alles richtig zu sein.

Am Abend werden die Ergebnisse veröffentlicht. Ich habe die Bestätigung. Bestanden.

Platon

Jetzt kehrt Sophie von der schriftlichen Prüfung zurück. Sie hat auch gleich die Fragen mitbringen dürfen. Hektisch setzt sie sich an den Computer und beginnt einige Fragen gleich zu recherechieren. Sie regt sich auf, eine oder zwei Fragen wären schlichtweg falsch und irreführend formuliert gewesen. Ja, natürlich, denke ich. Frau Oberschlau hat mal wieder etwas zu mosern. Eigentlich ist es mir vollkommen egal, ob die Fragen sachlich korrekt oder nicht sind.

Jetzt hat sie die Prüfungskommission im Visier. Diese Fragen werden übrigens deutschlandweit gleichzeitig eingesetzt. Da sitzen in der Regel schon Fachleute am Werk. Etwas amüsiert, aber auch etwas besorgt frage ich genauer nach. „Eigentlich müsste ich es geschafft haben, bin bei zwei drei Fragen aber unsicher“ sagt sie. Und sie fügt natürlich hinzu, dass diese Fragen auch völlig unsinnig seien. Ansonsten sei sie aber wohl fehlerfrei durch, meint sie. Ich hoffe nur, dass dem so ist, und sie nicht auch noch einen Diskurs über richtig formulierte Fragen mit dem Gesundheitsamt vom Zaun reißt. So ganz erleichtert bin ich noch immer nicht, obwohl sie sich als sicher bestanden sieht. In einigen Tagen, wenn sie zur mündlichen Prüfung eingeladen wird, oder eben auch nicht, wissen wir es genau.

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2 Kommentare

Verfasst von - 21. Februar 2015 in Alltägliches

 

2 Antworten zu “Jedem seine Prüfung – Teil VI

  1. Sandra Pilz (@SunDial79)

    21. Februar 2015 at 15:15

    „Eigentlich ist es mir vollkommen egal, ob die Fragen sachlich korrekt oder nicht sind. […] Diese Fragen werden übrigens deutschlandweit gleichzeitig eingesetzt. Da sitzen in der Regel schon Fachleute am Werk.“

    Das finde ich etwas schade. Auch ohne Autistin zu sein, kann ich Sophies Ärger über schlecht formulierte Fragen voll und ganz verstehen, mir ginge es genau so. Meiner Erfahrung nach schreibt man nicht allein schon deshalb automatisch sprachlich saubere Fragen oder Texte, weil man Fachmann auf seinem Gebiet ist. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Fachkompetenz die Sensibilität für die Bedeutungsmöglichkeiten des eigenen Geschriebenen einengt, weil man sich nur auf einen bestimmten Blickwinkel auf das Thema konzentriert, den man auch beim Gegenüber als selbstverständlich annimmt. Juristen würde ich persönlich da noch die größte Sorgfalt zutrauen.
    Als Übersetzerin kenne ich das Phänomen, dass Kunden denken, ihr Text drücke das aus, was sie meinen, auch wenn das sprachlich gesehen nicht stimmt.

    Mich persönlich hätte daher Platons Sicht auf die Fragen durchaus interessiert. Mir ist natürlich bewusst, dass die Frage, wie berechtigt oder nicht Sophies Einwände sind, keine große Bedeutung hat, wenn man Sophies Ziel im Auge behält.

    Ich glaube das ist mein erster Kommentar hier, aber ich lese schon seit Beginn des Blogs mit. Ein tolles Projekt! Danke für die Mühe, die Ihr Euch macht, und die Einblicke, die Ihr uns vermittelt.
    Und Sophie viel Erfolg!

     
  2. Anneke

    28. Februar 2015 at 10:15

    Ungenaue, unspezifische Fragen sind die Hölle.
    Ich ärgere mich auch immer darüber, aber man kommt leider nicht darumherum.

     

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