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Jedem seine Prüfung – Teil V

18 Feb

Sophie

Der Philosoph schaut nur sparsam, als er von der Episode beim Arzt erfährt. Und scheint fast resignieren zu wollen? Mir kommen Zweifel. Vielleicht ist er ganz froh, dass ich das Attest nicht bekommen habe? Andererseits hätte er das dann wohl schon vorab gesagt, oder? Ich schiebe die Zweifel beiseite. Gleichzeitig hat mich die Wut gepackt. Über eine Bekannte bekomme ich kurzfristig einen Termin bei einer anderen Ärztin. Montag vor der Prüfung. Es wird eng, aber immerhin. Im Internet habe ich mich lang und breit informiert. Ich weiß ganz genau, dass die Aussage des Arztes falsch und diskriminierend war. Es gibt keinen Grund, mir eine Prüfungsteilnahme zu verweigern. Ich habe die entsprechenden Texte und Entscheidungen ausgedruckt und stecke sie in die Tasche. Falls die Ärztin ins gleiche Horn bläst, bin ich gewappnet.

In Gedanken gehe ich bereits Stunden vorher jedes mögliche Szenario durch. Eigentlich müsste ich lernen, aber diese Attestgeschichte beschäftigt mich massiv. In meinem Kopf führe ich Diskussionen mit der mir unbekannten Ärztin, kämpfe für meine Prüfung, für etwas, was ich seit langer Zeit endlich mal wieder will. Ich will. Und ich werde. So einfach ist das.

Platon

Ich kann ja irgendwo noch den Arzt verstehen. Er ist unsicher, und im Zweifelsfall möchte er lieber keinen Fehler machen. Also stellt er vorsichtshalber keine Bescheinigung aus. Das hätte er dann auch etwas anders begründen können. Auf jeden Fall muss Sophie nun einen anderen Arzt finden, der ihr die grundsätzliche Befähigung bescheinigt. Dass wird sie alleine machen müssen, denn ich bin gar nicht im Lande. Vielleicht ist das sogar eine gute Übung zur Ausweitung der Improvisationsfähigkeit. Denn die Zeit wird mittlerweile auch knapp.

Sophie

Ich gehe ohne den Philosophen zur Ärztin. Seine scheinbare Passivität in dieser Geschichte irritiert mich, aber ich beschließe, das zu ignorieren. Bereits im Wartezimmer bin ich sprichwörtlich „auf Krawall gebürstet“. Im Kampfmodus. Als ich endlich drankomme, lege ich direkt los. Was ich möchte, warum ich erst jetzt hier bin, was die Gesetzeslage sagt, was der vorige Arzt gesagt hat und warum das falsch ist. Die Ärztin hört sich meinen Monolog schweigend an. „Welcher Arzt war das?“, fragt sie schließlich. Ich nenne den Namen. Was dann kommt, überrascht mich. Die Ärztin setzt mit einer langen Schimpftirade an. Die Bemerkung zur Schwerbehinderung sei eine Frechheit und grundsätzlich würde das die Ahnungslosigkeit des „Kollegen“ demonstrieren. „Falls Sie möchten, rufe ich den mal an und sage ihm ein paar Takte dazu. Das geht ja gar nicht.“ Und natürlich stelle sie mir das Attest aus. Und gehe davon aus, dass die Prüfung auch sehr gut klappe.

Die Zeit ist knapp. Das Attest werde erst Mittwoch, am Prüfungstag, vorliegen. Meine Bekannte bringt es zehn Minuten vor Prüfungsbeginn vorbei. Der Philosoph hält sich weiterhin auffallend zurück. Seine größte Sorge scheint zu sein, dass ich nicht bestehen könnte. Etwas, was durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Denn gelernt habe ich… nun ja. Aber jetzt kann ich nicht mehr zurück. Die schriftliche Prüfung beginnt.

Platon

Und diese Übung gelingt ihr offenbar. Sie hat eine Ärztin gefunden. Nun sind alle Unterlagen vollständig. Sie kann in den nächsten Tagen zur Prüfung gehen. Allerdings sehe ich sie noch immer nicht üben. Sie bereitet sich scheinbar nur an Randstunden des Tages auf die schriftliche Prüfung vor, wenn überhaupt. Ich gebe ihr deutlich meine Verwunderung zu verstehen. Und wenn das ganze ein totaler Reinfall werden würde, dann würde das auch mich etwas betreffen. Denn die gesamte Prüfungskommission samt Terminen wurde ja umgeschmissen, weil ich Sophie angekündigt hatte und selbst nicht prüfen wollte. Das geht ja nicht, dass ich der Prüfer bin. Es wurde sogar noch extra schnell eine neue Prüferein nur für Sophie gesucht und gefunden.

Wie auch immer. Sophie scheint die Ruhe weg zu haben. Die letzten Tage beginnt sie etwas ausführlicher zu pauken. Aber meine Zweifel bleiben, ob tatsächlich mit so wenig Zeitaufwand solch eine komplexe Prüfung zu bestehen ist. Und das sage ich ihr auch.

Bald werden wir es ja wissen.

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3 Kommentare

Verfasst von - 18. Februar 2015 in Alltägliches

 

3 Antworten zu “Jedem seine Prüfung – Teil V

  1. NiMaBe

    18. Februar 2015 at 10:43

    Ich würde mit Unterstützung dieser Ärztin eine Beschwerde bei der Ärztekammer einlegen.
    Ein Arzt, der Klischees bedient, nicht in der Lage ist zu differenzieren, hat meiner bescheidenen Auffassung nach, noch viel zu lernen.

    Und: ich glaube zu wissen, warum Platon sich zurückhält. Es ist DEIN Erfolgserlebnis. Ich glaube, er traut Dir mehr zu, als Du dir vorstellen kannst. Verbessert mich, wenn ich falsch liege.
    Liebe Grüße!!

     
    • Anneke

      28. Februar 2015 at 10:08

      Das sehe ich ähnlich. Das Gefühl das alleine geschafft zu haben könnte man als riesiges Geschenk von Platon an Sophie sehen…

       
  2. Aspergiller

    18. Februar 2015 at 10:44

    Gratulation Sophie, dass es bei jener Ärztin dann doch funktioniert hat.

     

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