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Jedem seine Prüfung – Zwischenfrage

04 Feb

Der Philosoph hat Zweifel, Sophie schwankt zwischendurch – und der entscheidende Arztbesuch für eine Art der „Tauglichkeitsbescheinigung“ steht nun kurz vor der Tür. Vorher interessiert uns aber, was IHR glaubt. Kann jemand mit ASS überhaupt als „tauglich“ angesehen werden, um später im psychotherapeutischen Bereich zu arbeiten? Hat das Vorteile? Oder doch eher Nachteile? Wir sind gespannt auf das Ergebnis.

Auflösung am 14.02.2015:

„Logisch! Wo ist das Problem?“ – 74,67 %

„Hm. Ein bisschen skeptisch wäre ich schon.“ – 25,33 %

„Klare Sache. Ein absolutes No-Go.“ – 0 % 🙂

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14 Kommentare

Verfasst von - 4. Februar 2015 in Alltägliches

 

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14 Antworten zu “Jedem seine Prüfung – Zwischenfrage

  1. Jules

    4. Februar 2015 at 11:16

    Es ist auf jeden Fall machbar als Autist_in in einem therapeutischen Beruf zu arbeiten und diese Arbeit gut zu machen. Ich habe als Ergotherapeutin im ambulanten psychiatrischen Bereich gearbeitet, wo vor allem auch Gespräche eine wichtige Rolle spielten und ich nicht einfach „die Basteltante“ war. Ausgerechnet mir (Achtung, ironisches Klischee) „empathieloser“ Autistin wurde immer wieder von verschiedenen Seiten gesagt, wie unheimlich gut ich mich auf die einzelnen Menschen einstellen könne, insbesondere auch in Gruppentherapien (jedenfalls so lange die Gruppen eher klein waren, sonst wurde es wirklich zu anstrengend).
    Ich hatte diesen Eindruck auch, ich konnte das, ich habe meine Arbeit gut gemacht und hatte ein angenehmes, vertrauensvolles Verhältnis zu den meisten Klient_innen. Ich habe mich ganz auf die Menschen mir gegenüber konzentriert und ich glaube, es war oft sogar hilfreich, dass ich nicht intuitiv nach einem unbestimmten Gefühl agiert habe oder reagieren wollte und das mühsam reflektieren musste, sondern dass mein Verhalten und meine Entscheidungen von vorneherein sehr klar von bewussten Überlegungen gesteuert wurden. Was nicht mit fehlendem Mitgefühl zu verwechseln ist.
    Meine unvoreingenomme Herangehensweise, abseits von gesellschaftlichen Konventionen und Normen, die nichtautistische Menschen oft so verinnerlicht haben, dass sie unbewusst danach handeln, halte ich ebenfalls für eine große Stärke.

    Was von außen nicht sichtbar war, das war die große Anstrengung und das hohe Maß an Konzentration, das mir diese Arbeit abverlangt hat. Die Rolle der Therapeutin ist ziemlich klar umrissen. Sie ist ein Teil von mir, ich muss sie nicht schauspielern. Aber es gibt klare Orientigungspunkte und auch Regeln, die es einfacher machen eine therapeutische Beziehung zu gestalten (im Gegensatz zur freien Wildbahn (RW), wo es keine Anhaltspunkte gibt). Allerdings erfordert das eben ununterbrochene Aufmerksamkeit und das ständige Zusammensein mit anderen Menschen. Das ist nicht zu unterschätzen, wenn jemand zu den Autist_innen gehört, die ihre regelmäßige Alleinseinzeit besonders dringend und ausgiebig brauchen.

    Dass die Therapieumgebung meistens angenehm ruhig war und ohne übermäßige Lichtreize oder Lärm, kam mir immer sehr entgegen. Normalerweise habe ich die größten Probleme mit sensorischen Überreizungen, das ist sehr ausgeprägt. Hier war das nie ein Problem, das war schon sehr toll.
    Die Ausbildung an sich war von fachlicher Seite ein Kinderspiel für mich, ich war vom Lernpensum wie üblich unterfordert und habe in praktischen wie theoretischen Fächern durchgehend mit Bestnoten abgeschnitten. Der soziale Kontakt dagegen war wie üblich schwierig und ich habe mich sehr oft gefühlt, als wäre ich dort ganz und gar „falsch“. Ich muss aber zugeben, das lag häufig mehr daran, dass ich nicht glauben konnte, was für menschliche „Nieten“ Therapeut_innen werden wollen und welche Haltungen und welches Sozialverhalten da oft sichtbar wurden. Der Kontakt unter Autist_innen ist dagegen wirklich wesentlich respektvoller und reifer, jedenfalls nach meiner beschränkten allgemeinen Erfahrung. Das muss natürlich nicht so sein.

    Mein Fazit ist also, dass es sehr wohl möglich ist einen derartigen Beruf auszuüben und das auch sehr gut zu machen. Es kommt aber nur für ganz bestimmte Menschen in Frage und auch dann ist es wahrscheinlich sehr viel anstrengender und fordernder für sie, als für viele nichtautistische Menschen. Das ist ein ziemlich hoher Preis und ein hoher Anspruch, darüber sollte man gut nachdenken. NIcht alles, wozu man fähig ist, ist auch wirklich gut für einen. Ich hatte auch ein bisschen den Drang mir zu beweisen, dass ich das wirklich kann und eine gute Therapeutin abgebe. Abgesehen davon, dass mir der Beruf einfach gefallen hat und die Inhalte interessant waren. Als ich das erreicht hatte, wurde mir klar, dass mir auf Dauer der Preis einfach zu hoch ist. Meine Pensum für soziale Begegnungen war zum Feierabend hin aufgebraucht und ich brauchte dann viel Ruhe und Alleinsein. Das war nicht direkt förderlich für mein eigenes Sozialleben.

    Die Frage, ob man so eine Arbeit machen *kann*, sollte also nicht die einzige oder wichtigste sein. Die Frage ist insbesondere auch, warum man das machen möchte und ob es einem wirklich gut tut.
    Ich kenne außerdem viele Autist_innen, die mit sozialen Situationen deutlich mehr Schwierigkeiten haben, als ich. Die nicht schon als Kinder menschliches Verhalten zu ihrem Spezialinteresse erkoren haben, die nicht schon früh tonnenweise Bücher darüber, über Mimik, Körpersprache, Psychologie gelesen haben. Die wirklich große Schwierigkeiten damit haben, sich auf einen anderen Menschen einzulassen und sich bewusst in seine Situation hineinzuversetzen. Es ist ja oft so, dass manche Autist_innen mehr Schwierigkeiten im sozialen Bereich haben und bei anderen die sensorischen Probleme überwiegen. Ich gehöre eindeutig in die zweite Kategorie. Den meisten, die sich tendenziell eher der ersten zuordnen, würde ich von so einer Berufswahl abraten. Aber eben nicht allen.

    Es ist wie so oft: wir können das, wir müssen nur mehr Arbeit und mehr Energie investieren, als andere Menschen.

     
    • Jules

      4. Februar 2015 at 12:07

      Ergänzung:

      Wenn es um die Beratung anderer Autist_innen geht, halte ich es übrigens für einen großen Vorteil und eine Stärke, selbst autistisch zu sein und sich mit seiner Art wahrzunehmen und zu kommunizieren auseinandergesetzt zu haben. Und zwar auf mehreren Ebenen 🙂

       
  2. Anika

    4. Februar 2015 at 12:35

    Die einzigen Probleme, die ich sehen würde, sind wie grade von Jules beschrieben. Wie wird Sophie ihre Ressourcen einsetzen können? Wann sind diese verbraucht? Wird man Sophie die Arbeit so gestalten können, dass sie selbst nicht durch Überlastung und die an sich selbst gesteckten Ziele und Anforderungen Rückschläge erleiden wird? Wie kann ihre Umgebung so angepaßt werden (Zeiten, Arbeitsumgebung etc.) dass es für sie machbar ist?

    Für mein Kind wäre eine Therapeutin aus dem Spektrum wichtig gewesen. Noch wichtiger für uns Eltern. Denn NT Therapeuten können die andere Wahrnehmung weder erklären, noch gibt es genügend Therapeuten, die in der Lage sind, sich in die autistische Wahrnehmung hineinzuversetzen ider zumindest zu akzeptieren, dass es so ist, wie es ist.

    Sophie for Therapie! Gerne.

     
  3. Aspergiller

    4. Februar 2015 at 13:56

    Jules hat geschrieben „Ausgerechnet mir (Achtung, ironisches Klischee) “empathieloser” Autistin wurde immer wieder von verschiedenen Seiten gesagt, wie unheimlich gut ich mich auf die einzelnen Menschen einstellen könne“.
    Das klingt ähnlich wie in meinen Arbeitszeugnissen aus der Zeit meines Zivildienstes mit geistig behinderten Menschen: „Sein Umgang mit den behinderten Menschen war liebevoll und einfüllsam.“ und „Es gelang ihm, trotz der Schwere der Behinderungen der Heimbewohner, sich Zugang zu den Frauen und Männern zu verschaffen und mit der Zeit gute Kontakte zu ihnen herzustellen. Er ging dabei mit sehr viel Einfühlungsvermögen vor und respektierte die Persönlichkeiten der Heimbewohnerlnnen.“
    Es ist immer wieder erstaunlich, was einem Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung alles abgesprochen wird zu können! Sicher haben wir unsere – individuellen – Grenzen, aber schlimmer sind diejenigen Grenzen, die uns gemäss klischeehaften Vorstellungen zugeschrieben werden!

     
  4. Frau Anders

    4. Februar 2015 at 14:21

    Hey Jules, ich suche schon so lange nach autistischen Ergos die einfach anders arbeiten als die Masse zum Austauschen. Wenn du Lust hast, meld dich doch mal bei mir.

    Hier nun aber auch mal meinen Senf zu der Sache. Ich bin ebenso Ergotherapeutin und bin der Meinung daß sich das Therapeutendasein und Autismus nicht ausschließen. Ich habe anfangs auch im psychiatrischen Bereich einer Klinik gearbeitet und bin nun selbständig und rein ambulant im neurologischen Bereich tätig. Ich kann eigentlich alles was Jules geschrieben hat (auch die Vollpfosten die Ergos werden wollen ;-)) komplett unterschreiben.
    Solange die Therapiesituation eine 1:1 Situation ist, klappt alles ganz prima, kleinere Gruppen und so gingen auch. Aber es kostet alles enorm viel Kraft und ich benötige vielleicht mehr Pausen zwischen den Therapien als andere um wirklich gut arbeiten zu können. Ich muss mich in Ruhe auf den nächsten Patienten einstellen können und wer Autisten kennt, ahnt wieviel Denkarbeit ich in Vorbereitung auf eine einzige Behandlung zu bewältigen habe. Dafür ist es dann auch perfekt durchdacht und sehr effizient was ich da mache. Habe ich diese Pausen nicht, werd ich schlechter und wirke wirr und konfus auf andere und innerlich fast nicht mehr richtig anwesend.
    Daher habe ich mich anfangs oft sehr zum Leidwesen meiner Familie wegen überlanger Arbeitszeiten für immer 15 Minuten Pause zwischen den Patienten entschieden. Heute als Selbständige plane ich immer genug Puffer ein und leiste mir auch den Luxus nicht allzuviele Patienten an einem Tag behandeln zu müssen.
    Das wichtigste Thema in meinem Dasein als Therapeut ist sozusagen schon immer der Selbstschutz und das sich gut um sich selber kümmern. Ist dies gegeben, kann ich ein ganz hervorragender Therapeut sein. Also es geht definitiv, es geht sogar sehr gut aber es kostet sehr viel Kraft und ich denke so einen Job muss man dann auch schon wirklich wollen und lieben.
    Ich bin in meiner Arbeit als Therapeut saumäßig kreativ in den Dingen die ich therapeutisch anwende und manchmal mache ich auch total schräge und abgefahrene Dinge die sich andere niemals trauen würden. Aber genau diese Dinge helfen oft ungemein. Ich kenne kaum Tabus, ich kann über alles wertfrei und offen reden. Irgendwie scheine ich Menschen auch dazu zu bringen, ihre Scham schnell loszuwerden um mir zu sagen was für schamhafte Dinge ihnen wirklich Probleme bereiten. Da kann es schon mal passieren daß das größte Problem einer gelähmten Patientin das einführen ihres Tampons ist und wir finden dafür Lösungen. Ich kann mich wider der Klischees sehr gut in meine Patienten einfühlen um zu erkennen was sie grade brauchen. Das wird mir auch oft von ihnen bestätigt. Ich sammle wie bei einem Spezialinteresse massenweise Faktenwissen über so viele Dinge daß ich eigentlich einen großen Fundus an Möglichkeiten besitze und dann nur noch passend auswählen muß.
    Mein großes Talent liegt im Erkennen von ganzheitlichen Zusammenhängen wo niemand welche vermuten mag. Ich betrete einen Raum und sehe einfach ALLES und vieles hat oft in der Therapie Relevanz. Wie lebt der Mensch, was ist ihm wichtig, welche Werte und Normen kann man anhand dessen ableiten. Ich höre was ein Mensch sagt und ich höre auch das was er nicht sagt, ich sehe einen Menschen und weiß sofort was wirklich sein Problem ist und kann entsprechend nachhaken.

    Ich habe in meiner Arbeit aber auch Schwierigkeiten. (viele wuurden von Jules schon genannt). Ich habe zudem oft ein großes Problem damit, wenn andere mir inhaltlich reinreden wollen (va. Chefs die gerne gewisse Behandlungsinhalte sehen wollen) , ich mag es nicht beobachtet zu werden (Praktikanten, Leute „die mal gucken“ wollen, Lehrer, Angehörige…) ich kann es schwer ertragen wenn ich eine gewisse Organisation die ich wenig durchdacht empfinde aufobstruiert wird und ich hasse es wenn andere Menschen Termine für mich machen. Ich bin also nicht aller Chefs Liebling, weil ich oft auch mal unbequem werde.
    Ständig hatte ich das Gefühl daß mir Bremsklötze von anderen vor die Füße geworfen wurden.
    Daher habe ich es irgendwann aufgegeben einen Arbeitgeber zu finden der mir das ermöglicht (am ehesten ging es noch im Klinikbereich wo ich sehr selbständig agieren durfte) und mich selbständig gemacht. In meinen Augen das beste was mir je passiert ist, obwohl ich so große Angst vor dem Schritt hatte. Denn endlich darf ich so arbeiten wie es zu mir als Menschen paßt und endlich hab ich daher die Möglichkeiten wirklich effizient zu arbeiten. Meine Patienten werden in kürzester Zeit in ihrem eigenen Leben plötzlich komplett selbständig und bleiben nie sehr lange weil sie mich irgendwann nicht mehr brauchen. Okay, das ist vielleicht finanziell gesehen nicht so schlau wenn die Patienten zu schnell wieder fit werden, aber mir ist das egal und auch das spricht sich rum und ist heute mein bestes Aushängeschild.

    Lange Rede, kurzer Sinn:
    Therapeutendasein als Autist: Ja! Wenn du achtsam mir dir und deinen Ressourcen umgehst und vielleicht schräge und andere Wege als normal innerhalb deiner Arbeit bestreitest kann das was ganz tolles werden. Ich wünsche mir auf jeden Fall noch mehr Therapeuten von dieser Sorte.

     
    • Jules

      5. Februar 2015 at 0:16

      Tolle Antwort, die sich zum Großteil mit meinen Erfahrungen deckt.

      Mit dem Unterschied, dass ich mittlerweile Informatik und Mathematik studiere, das erste Studium ist fast abgeschlossen. Ich war noch nie so zufrieden in meinem Leben, wie nach der Entscheidung für diese Veränderung. Manchmal fehlt sie mir, die Arbeit mit Menschen statt mit Computern und Zahlen und ich könnte mir vorstellen, das später vielleicht mal auf irgendeine Weise zu verbinden. Momentan bin ich einfach nur glücklich und auch überrascht, dass ich wirklich wieder mehr Energie und Lust habe, mich in meiner Freizeit freiwillig mit Menschen zu umgeben. Ich gehe Projekte und Ideen an, für die ich früher keine Kapazitäten mehr frei hatte.

      Aber ich hatte auch nie die richtigen Rahmenbedingungen und zu wenig Einflussmöglichkeiten auf meine individuelle Arbeitsgestaltung als Ergo. Was du schreibst, liest sich dagegen wirklich großartig und ich freu mich echt das zu lesen, obwohl ich dich garnicht kenne 😀

      Wenn es diese Möglichkeiten gibt, genug Raum und Zeit und Selbstbestimmung vorhanden sind, dann könnte ich mir die Arbeit als Ergo vielleicht wieder vorstellen. Aber ich denke, dieses Kapitel ist für mich wirklich abgeschlossen, ich habe etwas gefunden, das besser passt 🙂 Von meinen Erfahrungen profitiere ich natürlich trotzdem sehr, zumal ich mich in der Autismus-Selbsthilfe engagiere und dort sehr viel einbringen kann. Aber eben genau in der Art und in dem Umfang, in dem ich das gerade leisten kann und will.

      Für die Zukunft will ich nicht ausschließen, dass ich einen Weg einschlage, wie ich beides beruflich verbinden kann.

      Für einen (beruflichen) Austausch bin ich also vielleicht nicht ganz die Person, die du suchst, oder?

       
  5. Kiwigirl

    4. Februar 2015 at 17:29

    hi!

    ich studiere selbst soziale arbeit, bin asperger autistin und mein si sind zwischenmenschliche probleme. zudem arbeite ich seit guten 7 jahren im sozialen bereich.
    ich konnte beobachten, dass es im beruflichen kontext häufig vorteile hat, nicht so stark emotional gesteuert zu sein, wie viele nts die im sozialen feld tätig sind, da man so das sieht was tatsächlich da ist und nicht eigene empfindungen mitreinmixt.
    es ist von vielen autisten eine positive fähigkeit probleme zu lösen, dies fördert professionalität, da dies mit aufgabe eines therapeuten ist.
    was im privaten schwierig ist, ist meiner beobachtung beruflich sogar ein vorteil.
    ich persönlich kann sehr einfühlsam arbeiten, bin persönlich jedoch nicht belastet.

    was mich noch interessiert ist es eine therapeutische ausbildung für autisten?

    viel erfolg

     
    • dualessein

      4. Februar 2015 at 17:44

      Nein. Die ganz normale Überprüfung zum Heilpraktiker für Psychotherapie, die mit der Heilerlaubnis verbunden ist. Kann quasi jeder machen, der mind. 25 Jahre alt ist, einen Hauptschulabschluss hat und gesund ist.

       
  6. reynard1603

    4. Februar 2015 at 18:21

    Ich habe mich nicht an der Abstimmung beteiligt, weil ich die drei Antwortalternativen nicht ausreichend finde.
    „Autismus“ als allgemeine Kategorie ist sicher kein Ausschlusskriterium, um als Therapeut, Coach oder Berater zu arbeiten
    Die individuelle Eignung hängt m.E. davon ab in welchen Bereichen der Autismus problematisch ausgeprägt ist und ob es bei den anderen 99% Mensch „Fürs und Wieders“ gibt
    Wenn beispielsweise ein Spezialinteresse für Psychologie/Psychotherapie o.ä. besteht, was ja nicht soo selten ist, kann der „Autismus“ durchaus hilfreich sein
    Wenn es sich im Rahmen der ASS um eine ausgeprägte Störung der sozialen Kommunikation handelt, wird ein therapeutisches Gespräch auch schwierig sein.
    Wenn es deutliche aber nicht so offensichtliche Probleme in der soz. Kommunikation gibt, die aber durch Intelligenz kompensiert werden können, mag eine Berufstätigkeit als Therapeut „gehen“, aber nicht mit einer 40 Std-Woche. Auf lange Sicht könnte der Stress zu groß werden.
    Ein übersichtliches (Einzel-) therapeutisches Setting wäre auch hilfreich.
    Letztendlich hängt es vom einzelnen Menschen ab.

     
    • dualessein

      4. Februar 2015 at 18:50

      Vollkommen richtig. Aber im Rahmen des ärztlichen Gutachtens kann genau dieser Punkt auch anders gesehen werden. Daher fragen wir nicht ganz ohne Grund.
      Mir sind auch schon Fälle zu Ohren gekommen, da wurde jemandem eben dieses Attest und die Prüfungszulassung verweigert – weil er als Rollstuhlfahrer oder als Blinder nicht geeignet sei. Es ging also nicht um die Kriterien: „Bist du als Mensch auch ein guter Therapeut?“, sondern einfach um das „Nee, da steht aber was in Ihrer Krankenakte“. Und sei es nur ein bekanntes Diabetes.

       
      • Jules

        4. Februar 2015 at 23:57

        Genau dagegen sollte man sich aber wehren können. Eine Bekannte von mir (Rollifahrerin mit starker Tetraspastik) hat dieses ärztliche Gutachten im zweiten Anlauf nach einer gut begründeten Beschwerde / einem Widerspruch überstanden und wurde zugelassen. Da steht nicht die Bewegungs- oder Sehfähigkeit auf dem Prüfstand! So eine Entscheidung ist eine klare Diskriminierung. Es gibt reichlich behinderte Therapeut_innen und Ärzt_innen in höher qualifizierten Positionen als Heilpraktiker.
        Das klingt sehr stark nach Willkür und fachlichem Versagen und ich würde im Fall der Fälle raten auf jeden Fall gegen ein negatives Gutachten vorzugehen. Mir ist klar, dass die Amtsschimmel-Realität da mitunter sehr ernüchternd sein kann. Das ist mit einer Autismus-Diagnose also sicher schwieriger, als mit einer körperlichen Beeinträchtigung, aber versuchen würde ich es auf jeden Fall. Ich habe aber auch erlebt, dass Leute nach Bekanntwerden gravierender psychischer Erkrankungen aus der Ergo-Ausbildung geflogen sind, weil es eben auch diesen Punkt gibt, dass psychische Erkrankungen, insb. auch Suchterkrankungen, ein Ausschlussgrund sind. Eine Kollegin mit bipolarer Störung dagegen durfte nach Bekanntwerden ihrer Diagnose weitermachen und ist heute eine hervorragende Therapeutin.

        Ich finde das gesamte Verfahren anhand von Diagnosen zu entscheiden, grauenvoll und diskriminierend. Aber das ändert nichts.

        Zunächst einmal halte ich es also für vollkommen legitim und sinnvoll denen überhaupt nichts davon zu erzählen, wenn eine Diskriminierung durch das Verfahren direkt vorprogrammiert ist.

         
  7. Diotima

    7. Februar 2015 at 1:38

    Eine schöne Diskussion. Meiner Ansicht nach können Autisten, die prinzipiell Interessiert an Menschen, Psychologie, Kommunikation etc. sind, sogar sehr gute Therapeuten sein. Für autistische Klienten ist es meiner Ansicht nach sogar essentiell, einen Therapeuten zu haben, der ein „inneres“ Verständnis von Autismus hat – und das ist bei Nichtautisten leider die Ausnahme, auch bei Psychologen, Psychiatern etc. Und wie Jules und Frau Anders schon sehr treffend ausführen, ist auch die mangelnde Fähigkeit zum intuitiven „Mitschwingen“ in vieler Hinsicht eine Stärke. Allerdings habe auch ich Zweifel, ob Therapie bzw. Beratung/ Coaching als Vollzeit-Beruf in vielen Fällen nicht auf Dauer zu auslaugend sein wird.Für geeigneter halte ich da zumindest für mich persönlich einen Job, der eine therapeutische, beratende oder unterrichtende Tätigkeiten kombiniert mit einer Arbeit, die man für sich allein machen kann. Im idealen Fall mit eigener geistiger Arbeit. Leider gibt es diese Kombination außerhalb der Wissenschaft meinem Eindruck nach kaum. Und gerade Autisten, deren Stärken und Interessen eher in sprachlichen, geisteswissenschaftlichen und psychologischen Bereichen liegen, haben es sehr, sehr schwer, eine „Nische“ zu finden, in der sie nicht entweder total überfordert oder unterfordert sind. Oder auch beides zusammen. Ich selbst bin auch noch auf der Suche – und dabei leider ziemlich ratlos.

    @Sophie: Viel Glück für die Prüfung – und natürlich die Anerkennung. Falls ich fragen darf: hast Du vor, Dich anschließend als Heilpraktikerin für Psychotherapie selbständig zu machen? Oder ansonsten schon Pläne für die Zeit danach? Ich freue mich immer über Ideen und Anregungen.:)

     
  8. Diotima

    7. Februar 2015 at 2:15

    PS: @Jules: Den Hinweis, dass die klare Definition der Rolle des Therapeuten für Autisten von Vorteil sein kann, halte ich für sehr wichtig. Meinem Eindruck nach ist die Tätigkeit als Therapeut für viele Autisten geeigneter als viele andere soziale Berufe (wie etwa Sozialarbeiter, Lehrer oder auch Pastor), weil man dort weniger implizite, indirekte Beziehungsarbeit leisten muss.

     
  9. Michaela

    7. Februar 2015 at 14:00

    Ich fände es wunderbar, wenn ich für meinen Sohn eine Therapeutin/einen Therapeuten mit ASS hätte. Ich glaube, dass sie/er ihm viel besser helfen könnte, sich in unserer NT-Welt zurecht zu finden. Und auch für mich würde ich kein Problem darin sehen, eher im Gegenteil.
    Leider gibt es hier niemanden… Zumindest nicht, dass ich wüsste.

     

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