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Jedem seine Prüfung – Teil II

28 Jan

Platon

Sophie erreicht aus dem „Nichts“ 27 richtige Antworten. Ich bin sprachlos. Danach gehe ich zum Kühlschrank und genehmige mir ein Bier. Immerhin ist es auch schon nach 19 Uhr.

Als Sophie mich fragt, ob sie auch die Prüfung machen solle, muss ich unweigerlich lachen. Im Regelfall muss dafür zwei Jahre gelernt werden, normalerweise in umfangreichen und teuren Weiterbildungsmaßnahmen. Ich gebe Sophie ein Buch. Ein einziges Buch. Das müsse sie können, sage ich ihr. Mehr nicht. Hinzu kommen die Erfahrungen, die sie mittlerweile so nebenbei gesammelt hat. „Ich werde es versuchen“, sagt sie.

Sophie

Ein Fehler. Ich schwanke innerlich. Einerseits bin ich überrascht – waren die Fragen doch sehr simpel. Andererseits ärgere ich mich. Ein Fehler ist für mich ein Fehler zu viel. Dem Philosophen hingegen scheint es die Sprache verschlagen zu haben.

Während er mit leisem „Unglaublich“-Gebrabbel den Raum verlässt, suche ich die Seite vom Gesundheitsamt. Lese. Grüble. Lese wieder. Als der Philosoph zurück ist, frage ich nach der Prüfung. Der echten Prüfung. Die, an deren Ende eine Heilerlaubnis steht.

Platon

Ich denke, dass es ganz schön vermessen ist, die Heilerlaubnis so nebenbei zu erlangen. Offiziell heißt es dann „Heilpraktiker eingeschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie“. Andererseits denke ich, dass sie gute Chancen hat. Ich sehe sogar die größte Hürde nicht in der Theorie und der schriftlichen Prüfung, sondern in der mündlichen Prüfung. Wird sie in der Prüfung zeigen können, dass sie anderen Menschen helfen kann? Wird es überhaupt möglich sein, dass jemand, der selbst auf Unterstützung angewiesen ist, anderen hilft? Für mich ist es keine Frage, aber wie wird es die Prüfungskommission sehen?

Sophie

Der Philosoph gibt mir ein Buch. Ich weiß nicht, ob ich meine Zweifel ansprechen soll. Ich habe schon von der Komplexität der Prüfung gehört, auch er bestätigt sie mir. Ich weiß, dass die Durchfallquote hoch ist. Dass viele schon die Schriftliche nicht packen. Vielleicht war das ein Glückstreffer? Ein Glückstreffer, nach dem ich vermessen genug bin, einfach weiterzumarschieren. Geht das? Darf ich das? Und mal davon abgesehen – bringt mich das in irgendeiner Form weiter oder wird das nur ein stressiges Hobby? Bin ich zu arrogant, zu selbstüberzeugt?

Ich nehme das Buch mit. Blättere durch. Kapitel eins kenne ich. Zwei auch. Das dritte auch. Das vierte überfliege ich. Auch bekannt. Noch in der Nacht schreibe ich eine Email an den Landkreis mit der Bitte, mir eine Übersicht aller einzureichenden Unterlagen zu schicken. Damit ich mich zur Prüfung anmelden kann. Hoffentlich, ohne mir eine blutige Nase zu holen.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 28. Januar 2015 in Alltägliches

 

Eine Antwort zu “Jedem seine Prüfung – Teil II

  1. Aspergiller

    28. Januar 2015 at 14:05

    „Hinzu kommen die Erfahrungen, die sie mittlerweile so nebenbei gesammelt hat.“
    Ich denke, die sind bei Menschen im Spektrum nicht zu unterschätzen. Das, was viele neurotypische Menschen intuitiv machen und vielleicht nie darüber nachdenken, können wir nicht oder versuchen es auf intellektuellem Wege zu kompensieren. Das habe ich vor meiner Diagnose unbewusst getan, seither extrem bewusst! Die Diagnostikerin meinte auch zu mir, das wäre ein Prozess, der in der intensiven Anfangszeit Monate verbaucht.
    Übrigens: Auf einer Facebook-Gruppe von Aspies mit Hochschulausbildung scheinen sich doch einige herumzutummeln, die Psychologie studiert haben (naja, die Gruppe hat z. Zt. nur 13 Mitglieder).

     

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