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Jedem seine Prüfung – Teil I

24 Jan

Platon

Sophie findet immer mehr Gefallen an psychologischen Themen. Durch die Seminare ist sie mittlerweile theoretisch weit vorangekommen. Praktisch hat sie im Umgang mit dem Jungen erste Gehversuche unternommen. Sophie wäre aber nicht Sophie, wenn sie nicht mehr wollte. Sie sieht für sich Perspektiven in der Beratung und der Therapie bei Personen, die Symptome im Bereich Autismus Spektrumstörung und AD(H)S zeigen. Und ich mache ihr Mut. Die Seminare haben gezeigt, dass sie sehr gut ankommt und selbst noch Wochen später Anfragen direkt an Sophie von Teilnehmern kommen. Als Paradebeispiel kann hier Sophies einfacher und genialer Ratschlag an eine ratlose Mutter angeführt werden, der dazu führte, dass der kleine Sohn sein großes Geschäft nicht mehr in der Dusche, sondern wieder auf dem Klo verrichtet. Sophie möchte helfen, ihr Wissen einbringen. Sich beruflich neu orientieren.

Sophie

Irgendwie hat sich die Idee festgesetzt. Ich weiß schon länger, dass es den Heilpraktiker für Psychotherapie gibt. Aber die Prüfung, das Finanzielle für die Ausbildung, die Zeit – bislang kam es nicht in Frage. Immer öfter dachte ich in letzter Zeit, dass es schade ist. Auf der anderen Seite ist es vielleicht auch gut – denn was sollen andere Leute schon von mir lernen können? Was soll ich ihnen mit auf den Weg geben können? Es ist eine Idee, ein Hirngespinst – mehr nicht. Und doch bleibt es im Hinterkopf hängen. Es wäre ein Neuanfang, etwas ganz anderes. Eine Qualifikation mehr – oder doch nicht? Ich schwanke. Soll ich – oder soll ich nicht?

Im Internet suche ich nach Schulen, finde einige mit orbitanten Preisen, verwerfe die Idee doch wieder. Nein. Ich bleibe, wo ich bin. Ist besser so. Oder?

Platon

Um allerdings beruflich zu therapieren, benötigt sie die Heilerlaubnis vom Gesundheitsamt. Eine amtliche Prüfung ist dort schriftlich und mündlich abzulegen. In unserem Landkreis bin ich seit einiger Zeit einer der Prüfer. Ich kenne mich damit aus. Eines Tages fällt Sophie ein Bogen mit dem kompletten Satz Fragen einer Prüfung aus dem Vorjahr in die Hände. Es sind insgesamt 28 Fragen. Selbst altgediente Psychologen haben sicherlich Mühe, ohne Vorbereitung alle Fragen richtig zu beantworten. Ähnlich wie bei der Führerscheinprüfung, die langjährige Autofahrer wohl auch nicht aus dem Stehgreif erneut bestehen würden.

Sophie ist sehr interessiert an diesen Fragen. „Soll sie ruhig“, denke ich. Die Lösungen habe ich ja. Ich gebe ihr die Prüfung, und rechne mit maximal der Hälfte richtig beantworteter Fragen. Allerhöchstens. Insgeheim freue ich mich sogar auf ihre „Bruchlandung“ und ihren übertriebenen Übermut. „Jetzt wird sie ihre Grenzen kennenlernen“, denke ich etwas schadenfroh. Zum Bestehen müssten wenigstens 21 der 28 zum Teil sehr schwierigen Fragen beantwortet werden.

Sophie

Als mir der Bogen mit den Fragen in die Hände fällt, frage ich den Philosophen. Ich solle ruhig machen, meint er. Die Lösungen habe er, in aller Regel dauere die schriftliche Prüfung 55 Minuten. Ich fange an zu lesen. Spontan, ein Kreuz hier, ein Kreuz da. Der Philosoph schaut kurz vorbei, verschwindet wieder im Nebenraum. Ich lese die Fragen, kratze mich innerlich am Kopf. Einfach sind sie nicht. Aber mit gesundem Menschenverstand und einer einigermaßen ausgebildeten Lesekompetenz kein Hexenwerk. Es sei denn, mir fehlt doch fundamentales Wissen. Bei einer Frage zur Schizophrenie bin ich unsicher. Der Philosoph schaut kurz in den Raum, verschwindet wieder. „Irgendwie ist das einfach“, kommentiere ich. „Das scheint nur so“, klingt es dumpf aus dem Nebenraum. Zehn Minuten brauche ich, dann bin ich fertig. Drücke dem Philosophen den Bogen in die Hand. Der möchte ihn selbst korrigieren, falls ich schummeln würde. Ein bisschen beleidigt bin ich schon – ich betrüge nicht.

Ich sehe ihn den Lösungsbogen durchgehen. Dann noch einmal. Ein drittes Mal. Anschließend bekomme ich einen langen, nicht definierten Blick zugeworfen. Sehr, sehr lange. Ich werde unsicher. Er holt tief Luft. Innerlich wappne ich mich. Verfluche meinen Hochmut. Was glaube ich eigentlich, wer ich bin?

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4 Kommentare

Verfasst von - 24. Januar 2015 in Alltägliches, Neue Wege

 

4 Antworten zu “Jedem seine Prüfung – Teil I

  1. Silke Iden

    24. Januar 2015 at 12:28

    Na Platon nun sag es schon!
    Sophie hat den Tedt sicher bestanden, oder???

     
  2. Ismael Kluever

    24. Januar 2015 at 23:14

    Was für einen Tipp hat Sophie der Mutter denn gegeben?

     
    • anderssein2000

      28. Januar 2015 at 14:58

      DAS würde mich auch sehr interessieren

       
      • dualessein

        31. Januar 2015 at 10:55

        Wir haben eine Regel im Haus umgestellt. Das Problem war das Geräusch der Spülung. Das musste umgangen werden. Erst kurz-, dann langfristig.

         

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