RSS

„Unfertige Menschen“ – Teil II

21 Jan

Sophie

Ich warte im Büro. Der Termin ist für 15 Uhr anberaunt, es ist bereits 15.04 Uhr. Innerlich ärgere ich mich über die Unpünktlichkeit, äußerlich übe ich mich in Geduld.

Als die Mutter mit dem Jungen endlich auftaucht, bekomme ich Zweifel. Das Kind begrüßt den Philosophen mit einem Sprung und High-Five. Nach einem kurzen Gespräch geht dann die Tür auf, die Mutter sagt kurz „Hallo“ und verschwindet im anderen Büro. Ich bleibe mit dem Jungen, Lukas, alleine. Das Schweigen dehnt sich. Zu lange? Ungelenk steige ich ein, hoffe auf mein Lego-Raumschiff. „Kennst du das?“ – „Nö. Was ist das?“ Ich setze mit einer Erklärung an, werde aber unterbrochen. „Raumschiffe? Nee, sowas gibt es doch gar nicht. Raketen, damit fliegen die sogar bald zum Mars!“ Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Untertassensektion der Enterprise D auf Veridian III zerschellen. Lukas schaut mich erwartungsvoll an. Ich schaue fieberhaft überlegend zurück.

Platon

Ich stehe jetzt vor der Aufgabe, der Mutter zu erklären, warum ich Sophie für genau die richtige halte. Dabei entscheide ich mich für die einfache Variante: Ich sage es ihr einfach ohne weitere Erklärungen. Allerdings erwähne ich kurz Sophies Diagnose. Die Mutter ist sofort einverstanden. Ich hatte auch nicht mit Einwänden gerecht, zumal die ganze Familie irgendwelche Diagnosen mit einem F vorweg hat. Anschließend hole ich mir noch das OK vom Jugendamt. Der Fallbetreuerin schildere ich etwas genauer die Ausbildung von Sophie. Auch hier gibt es ein OK.

Sophie

Ich schaue auf die Uhr. Fünf Minuten vergangen. Lukas zappelt. Mein Raumschiff steht unbeachtet auf dem Tisch. Großartig. „Was ist eigentlich das da?“ fragt Lukas und greift über den Tisch. In mir sträubt sich alles, als er zu meinem Zauberwürfel greift. Es ist einer von den teuren, leichtgängigen Speedcubes, die fast geräuschlos drehen und von denen ich eine ganze Sammlung daheim habe. Lukas beginnt wild am Würfel zu drehen, stellt ihn dann wieder zurück. „Das Spiel verstehe ich nicht.“ Ich erkläre, dass er die Seiten des Würfels einfarbig sortieren muss, drehe einige Sekunden am Würfel und stelle ihn sortiert wieder auf den Tisch. Lukas guckt. Und guckt. Und guckt. Greift zum Würfel, verstellt ihn, hält ihn mir hin. „Nochmal.“ Ich sortiere. Er schaut zu. Rückt näher. „Nicht so nah“, sage ich. Er rückt ab, die Augen immer noch am Würfel klebend. Im Geiste sage ich meine Lösungzüge und Eselsbrücken. „Wagen biegt um die Ecke, Koffernraum geht auf, Wagen fährt zurück, Kofferraum geht zu.“ Eine Minute später ist der Würfel gelöst. Lukas greift ihn sich wieder, schaut auf den Würfel, dreht hin, dreht her. „Wie geht das? Kannst du mir das zeigen?“ Die Faszination des Jungen für den Rubik Cube ist nicht zu übersehen. Wir drehen, ich zeige ihm die ersten Züge, er probiert, ist hochkonzentriert, aber vergesslich. Immer wieder beginnen wir von vorne, immer wieder gebe ich Tipps und Hilfestellung. Irgendwann öffnet sich die Bürotür. Der Philosoph und die Mutter stehen im Raum. Lukas bittet mich, den Würfel noch einmal zu lösen, bevor er geht. Und fragt, ob er nächstes Mal wiederkommen darf.

Platon

Ich bin nun sehr gespannt, ob es wirklich funktionieren wird. Der erste Termin wird geplant. Ich ziehe mich aus den jetzt folgenden Absprachen und Planungen ganz raus, beobachte nur aus der Ferne und stehe im Zweifelsfall schnell zur Verfügung, um gegebenenfalls wie auch immer unterstützen zu können. Doch es zeigt sich sehr schnell, dass Sophie und der Junge einen guten Zugang zueinander gefunden haben. Es erscheint tatsächlich so, als übe das sehr kontrollierte, sozial und kommunikativ wenig moduliert Verhalten Sophies einen positiven und regulierenden Einfluss auf den Jungen aus. Sophie gelingt es offenbar, die Aufmerksamkeit des Jungen über längere Phasen auf begrenzte Aktionen und Themen zu richten. Auch seine gesamte körperliche Unruhe und Anspannung scheint sich in Sophies Gegenwart deutlich zu reduzieren. Er berührt sie auch nicht. Bei mir ist er dazu im Vergleich immer sehr distanzlos, fasst mich überall an, zieht und zupft. Einige Tage später komme ich mit der Mutter wieder ins Gespräch. Sie sagt, dass ihr Sohn noch immer von Sophie schwärme und frage, wann sie wieder komme.

Advertisements
 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 21. Januar 2015 in Neue Wege

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: