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„Unfertige Menschen“ – Teil I

14 Jan

Platon

Im Rahmen der Familienhilfe betreue ich einen Jungen von acht Jahren und seine alleinerziehende Mutter. Obwohl der Junge nicht getestet ist, zeigt er unter anderem eine ADHS-typische Symptomatik. Der Fallbetreuerin vom Jugendamt ist neben der Arbeit mit dem Jungen auch eine Erziehungsberatung und psychische Stabilisierung der Mutter wichtig. Mir fehlt allerdings die Zeit, mich um die Mutter einerseits und den Jungen andererseits zu kümmern. Hinzu kommt, dass bei unseren bisherigen Treffen der Jungen sehr anhänglich und kaum zu steuern ist. Und wichtiger scheint auch zunächst die Mutter zu sein. Als sie mich fragt, ob ich nicht einen „Betreuer“ für ihren Sohn kennen würde, kommt mir spontan eine Idee.

Sophie

Während der Philosoph erzählt, was er sich in den Kopf gesetzt hat, kommt bei mir zunehmend Unglauben auf. Kinder – das sind kleine, unfertige Menschlein, hochgradig irrational, unberechenbar und bis zu einem gewissen Altern von einer beneidenswerten Einfachheit, die mir Probleme macht. Kinder und ich, das ist wie Feuer und Wasser. Bislang sind mir nur zwei „Gattungen“ von Kindern begegnet: Die mit großen Augen glotzenden und die, die sich hinter Mama oder Papa verstecken. Nicht, dass ich irgendwas mache oder Kindern etwas Böses will – aber irgendwie funktioniert das nicht. Umso erstaunter bin ich, als der Philosoph mich wegen eines Klienten fragt.

Sicher, die Theorie all der relevanten Themen – Kinderentwicklung, Entwicklungsstörungen, emotionale Störungen und was es nicht noch alles gibt – ist mir vertraut. Und auch das konkrete Vorgehen an sich, ja. Aber es ist ein Unterschied, ob ich jemandem erkläre, wie ein PC funktioniert oder ob ich selbst einen bauen muss.

Platon

Gegensätzlichkeit kann eine ausgleichende Wirkung haben. Eine Bezugsperson mit einer Diagnose aus dem Bereich Autismus-Spektrumstörung hat vielleicht einen ganz besonderen Zugang zu einem Kind mit einer Störung im Bereich ADHS. Und die Betreuung kann ja auch gleichzeitig mit einigen Übungen verknüpft werden. Die Bezahlung wäre auch okay, das würde alles über die Krankenkasse gehen. Und da Sophie sich aufgrund unserer Seminartätigkeit zunehmend für die Behandlung von Autismus und ADHS interessiert, denke ich natürlich gleich an sie.
Allerdings drängen sich mir die folgenden Fragen auf: Kann sie überhaupt mit Jugendlichen angemessen umgehen? Findet sie Zugang? Wie erkläre ich es der Mutter? Denn Sophie ist doch auffallend in ihrem Verhalten. Und schließlich: Wird es Sophie nicht überfordern?
Ich frage zunächst Sophie. Sie ist sofort stark interessiert, sagt ohne weiter zu überlegen zu. Auch als ich ihr meine Bedenken mitteile, ändert sie nicht ihre Meiniung. Stattdessen fragt sie, was ich denn meinen würde. Ich antworte ihr, dass ich es ihr zutraue und denke, das auch der Junge davon sehr profitieren würde.

Sophie

Nach einigem Überlegen bin ich doch bereit, einen – begleiteten – Versuch zu wagen. Denn grundsätzlich geht das in eine Richtung, die ich sowieso schon mal – in der Theorie, versteht sich – als Option für mich angepeilt habe. Hier zeigt sich vielleicht, ob das klappen kann. Da ich offiziell über die Krankenkasse abrechnen kann, bin ich auch rechtlich auf der sicheren Seite. Und wenn es schief geht, steht die Familie nicht alleine da.

Trotz allem bleibe ich skeptisch. Ein anhänglicher, lebhafter Junge ist nun nicht gerade das, was ich mir vorgestellt habe. Und ich fürchte, dass ich mich bereits am Anfang durch klare Grenzsetzung unbeliebt machen werde.

Wir vereinbaren einen Termin in der kommenden Woche. Der Philosoph erzählt mir, der Junge interessiere sich für den Weltraum und Raumschiffe. Also krame ich mein Lego-Raumschiff (USS Enterprise) hervor und hoffe, dass ich mir auf diesem Wege zumindest einige Einstiegsschwierigkeiten erspare…

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4 Kommentare

Verfasst von - 14. Januar 2015 in Neue Wege

 

4 Antworten zu “„Unfertige Menschen“ – Teil I

  1. Aspergiller

    14. Januar 2015 at 12:42

    Sophie, Du schaffst das! Ich selbst habe meinen Zivildienst im sozialen Bereich absolviert und mit Menschen zu tun gehabt – auch wenn meine Autismus-Spektrum-Störung erst nach dem 40. Lebensjahr bekannt wurde, habe ich sie damals ja schon gehabt. Im Vergleich zu einer Wohngruppe von Geistigbehinderten mit diversen Verhaltensauffäligkeiten (Fremd- und Autoaggression) scheint mir der kleine Junge etwas zu sein, das man ‚mit Links‘ nehmen kann.
    Anbei: Die USS Enterprise aus Lego würde ich gerne mal sehen (Foto)!

     
    • dualessein

      14. Januar 2015 at 12:44

      Bild liefere ich nach. Gibt sogar einen Lego-Spock.

       
  2. Johannes Lewke

    14. Januar 2015 at 17:15

    Als Kind habe ich auch gerne Star Trek-Raumschiffe aus Lego gebaut, sei es die NCC-1701, die NCC-1701-D oder die Voyager.

     
  3. Kakerlake

    14. Januar 2015 at 18:55

    Na-ich-weiss-nicht….ob heutzutage noch eine Lego Enterprise einen zehnjährigen hinterm Ofen vorlocken kann….
    Ob die Kids von heute nicht eher auf das Podrennen auf Tatooine aus Stars Wars Episode 1 abfahren. Da gibt’s den kleinen Anakin Skywalker, der in seiner selbstgebauten Kiste gegen so berüchtigte Individuen wie den Dug „Sebulba“ (Der ja auch gerne mal an anderen Pods manipuliert…) antritt und sogar gewinnt.
    Ich würde dort die größere Identifikation vermuten.
    Ich selbst bin jedoch ein bekennender Treki Fan (…und wünsche mir an dieser Stelle ein Foto vom Lego Spock…)
    Ansonsten finde ich die Vorgehensweise gut…den Jungen mit seinem Interesse zu „packen“.
    Vor vielen Jahren hatte ich auch mit einem sehr verschlossenen 10 jährigen zu tun, der nur ein einziges Interesse hatte. Darüber habe ich sehr schnell Zugang zu ihm bekommen.
    Und bei mir ist es auch nicht anders…wer mit mir zu tun haben will, sich aber nicht über meine Interessen mit mir austauschen kann…oder wenigstens nachfragt, dem kann ich nicht viel bieten.
    Bin gespannt, wie es nun weiter geht…(derweil schraube ich noch ein wenig an meinem Pod…).

    Kakerlake

     

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