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Der Autoschlüssel

10 Jan

Sophie

Diesmal habe ich es nicht verpasst und bin ziemlich stolz. Mein Wagen musste zum TÜV und diesmal habe ich noch vor Ablauf daran gedacht, statt danach in Panik zu verfallen. Ich frage den Philosophen, ob er mich morgens abholen kann, damit ich mein Auto wieder abhole. Ich weiß, dass er quasi an der Werkstatt vorbei muss. Da ich nicht genau sagen konnte, wann ich bei der Werkstatt vorbeikomme, habe ich mit den Mitarbeitern vereinbart, dass sie mir den Schlüssel fürs Auto auf den Vorderreifen legen und die Rechnung zuschicken. Und schon als wir die Vereinbarung trafen, vermutete ich, dass das wahrscheinlich nicht klappen wird. Immer schön das Schlimmste annehmen, dann ist man nachher überrascht, wenn es trotzdem klappt.

Es ist kalt, dunkel und regnerisch, als wir an der Werkstatt ankamen. Auf dem Hof steht tatsächlich mein Auto. Der Philosoph parkt so, dass seine Scheinwerfer meinen Wagen beleuchten und im Regen taste ich über die Reifen nach dem Autoschlüssel. Nichts. Ich schaue nochmal. Nichts. „Ich hab es ja gesagt, ich hab es ja gesagt“, flüstern ein Stimmchen in meinem Kopf. In der Werkstatt brennt Licht. Mir bleibt nichts anderes übrig, als dort nachzufragen. Vielleicht haben sie den Schlüssel wieder reingeholt? Die Mitarbeiterin wundert sich über mein Erscheinen. „Ist noch was?“, fragt sie. „Der Schlüssel“, murmle ich. „Ist der nicht am Auto? Wir haben den hier nicht.“ Ich stehe da wie angewurzelt. Wie reagiere ich jetzt? Die Mitarbeiterin wird sofort aktiv, fragt in der Werkstatt, greift zum Telefon. In meinem Kopf greifen die Rädchen ineinander. Was, wenn der Schlüssel ganz verschwunden ist? Wenn er nicht mehr auftaucht? Wie komme ich nach Hause? Wie wieder hierher? Und ist mein Auto ohne Schlüssel vielleicht komplett unbrauchbar?

Hinter mir öffnet sich die Tür und der Philosoph betritt die Werkstatt.

Platon

Sophie muss ihren Wagen in die Werkstatt bringen. Sie bittet mich, ob ich sie an einem Morgen dort hinfahren könne, um den reparierten Wagen abzuholen. Kein Problem für mich, wir fahren sehr früh los, es ist noch dunkel. Alles verläuft planmäßig, wir kommen an, der Wagen steht schon zur Abholung bereit. Die Schlüssel würden auf einem der Vorderreifen liegen, so sagt sie. Ich werde skeptisch. Ob das wohl hingehauen hat? Ich ahne schon etwas. Und warte ersteinmal, nachdem sie ausgestiegen ist. Zu recht, denn nach wenigen Sekunden kommt sie zurück: „Da ist kein Schlüssel“. Ich überlege eine Sekunde, ob ich nicht selbst nachschauen soll, bleibe dann aber sitzen. Gleichzeitig beobachte ich sie, ob sie nervös wird. Sie beschließt, in der Werkstatt nachzufragen. Ich bleibe sitzen und schaue mir alles aus dem warmen Auto an. Draußen regnet und stürmt es. Sophie geht hin und her zwischen Werkstatt und Büro. Dann kommen zwei Mechaniker angelaufen und beginnen unter ihrem Auto mit der Suche. Nach kurzer Zeit kehren sie offensichtlich erfolglos zurück. Sophie geht wieder vom Büro in die Werkstatt. Jetzt steige auch ich aus und versuche, Sophies Stimmung abzuschätzen. Ich rechne damit, dass sie nun an einem problematischen Punkt angekommen ist. Ihre Autoschlüssel scheinen verschwunden zu sein, es gibt keinen Alternativfahrplan für diese Situation.

Sophie

Mitarbeiter der Werkstatt laufen nach draußen, kommen wieder rein, laufen wieder raus. Die Frau an der Annahme telefoniert. „Du hast den Schlüssel auch nicht? Ja, dann weiß ich auch nicht, wo der ist.“ Ich beobachte das Geschehen, scheinbar unbeteiligt. In Gedanken sehe ich mich schon die acht Kilometer nach Hause laufen, denn auch der Philosoph wird ungeduldig. Er muss zur Arbeit, was ich nachvollziehen kann. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Spiele in Gedanken rasend schnell alle möglichen Szenarien durch und bemühe mich, die Kontrolle zu behalten.

Da steht der Mechaniker plötzlich mit dem Schlüssel im Raum. Das Notfallprogramm, das gerade hochgefahren ist, fährt in Standby. Auf langen Smalltalk in der Werkstatt habe ich keinen Nerv. Eigentlich wollte ich noch wissen, was alles repariert wurde, aber das lasse ich nun sein. Ich greife den Schlüssel, verabschiede mich und sehe zu, dass ich wegkomme. Reicht für heute.

Platon

Erstaunlicherweise nimmt sie die Suche des Schlüssels relativ gelassen. Ich wundere mich, halte mich aber insgesamt mit meinen Kommentaren zurück, nachdem auch ich die Büroangestellte freundlich gegrüßt habe. Jetzt geht erneut einer der Mechaniker zum Auto, diesmal aber mit einer großen Taschenlampe bestückt. Innen geht derweil die Suche nach Erklärungen weiter. Und Sophie scheint es weiterhin gelassen zu nehmen. Ich überlege derweil, wie es wohl für mich weitergehen könnte, denn für mich wird auch langsam die Zeit knapp, ich habe Termine. Dann steht der Mechaniker neben mir und winkt mit den Schlüsseln. Die seien wohl vom Wind unters Auto geblasen worden, sagte er grinsend. Sophie nimmt die Schlüssel, bedankt sich und steigt ein und fährt davon. Ich bin immer noch überrascht, wie locker sie diese Situation genommen hat.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 10. Januar 2015 in Alltägliches

 

Eine Antwort zu “Der Autoschlüssel

  1. Karin Moser

    10. Januar 2015 at 16:03

    stimmt, sie hat es locker genommen – aber nächstes Mal würde ich vorschlagen, soll sie den Reserveschlüssel (so sie ihn findet) bei der Werkstatt abgeben, dann kann sie mit ihrem „normalen“ Schlüssel wenigstens das Auto öffnen und heimfahren. Außerdem halte ich es auch für gefährlich, wenn man den Schlüssel auf den Vorderreifen legen läßt – jeder potentielle Dieb kennt diese Masche, da ist schnell mal ein Auto weg

     

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