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Towuhabowu – Teil II

27 Dez

Sophie

Die weiße Seite starrt mich an. Der Philosoph hat die Unterlagen beiseite geschoben und mich an den PC verbannt. Ich. soll. diesen. verdammten. Bericht. schreiben. Jaha. Ich hab’s ja kapiert. Aber die Vorgaben sind… bescheiden. Da passt nichts. In meinem Frust drücke ich einfach auf die Tasten. „hkjldhgjdsfhgjkfgjhalkjhfkljar“ steht in der ersten Zeile. Auch nicht das Wahre. Ich lösche alles wieder. Leere Seite. Der Philosoph unkt, dass mir als Schreibtalent die Worte fehlen. Fünf Seiten seien doch nicht die Welt. Nein, sind sie nicht. Und wenn ich wüsste, wie ich diese fünf Seiten so fülle, dass es angemessen ist, hätte ich das Ding schon vor einem Jahr geschrieben. Die Zeit verrinnt. Ich starre auf die weiße Seite. Je mehr ich grüble, desto weißer wird das Blatt. Meine Laune ist im Keller. Ganz, ganz tief im Keller.

Platon

Sophie sagt, sie könne nichts schreiben. Sie hätte nichts von dem gemacht, was in dem Vordruck vom Bericht abgefragt werden würde. Es sei alles so sinnlos und verloren. Ich kenne diese Gedanken ja auch von mir. Und meistens habe ich dann doch irgendwie angefangen, und meistens hat es dann auch irgendwie funktioniert. Die Körbe mit den Unterlagen bleiben erstmal beiseite. Ich schlage Sophie drei Alternativen vor: 1. Email schreiben und alles absagen und beenden. Also aussteigen. 2. Einfach nichts tun, weitere Reaktionen der Stiftungsleitung abwarten bzw. weiterhin ignorieren. 3. Im Bericht die Situation ehrlich beschreiben, genau so wie es ist. Die negativen und positiven Entwicklungen detailliert beschreiben. Zur Not dabei von den vorgegeben Fragen abweichen und auch erklären warum. Und auch nicht an die vorgeschriebene Länge von sechs Seiten orientieren. Einfach machen und alles von der Seele schreiben. Und dann wieder der Leitung damit den Ball zurück spielen. Dann müssen die wieder entscheiden, wie es weitergehen könnte. Dann hätte Sophie auch nicht die Förderung beendet. Dann wären auch irgendwelche Rückforderungen schwieriger durchzusetzen.

Sophie

Irgendwann steht da doch ein Satz. Wenn der erste Satz steht, ist es einfacher. Der Philosoph scheint sich zu freuen, ich jedoch werde zunehmend skeptischer. Ich merke, dass ich mich in Rage schreibe. Wenn die Wut meine Texte lenkt, dann sitzt jedes Wort. Dann beschönige ich nicht, dann kommt alles auf dem Tisch. Dann wird die Sprache zu meiner Waffe – und mir wurde schon häufig gesagt, dass ich sie gerade dann meisterhaft zu führen weiß. Genau dann bin ich in einer Phase, in der ich von anderen als „kalt“ wahrgenommen werde. Und das wollte ich nicht. Eine Endabrechnung. Die ganze Zeit hatte ich überlegt, wie ich mein „Eigentlich war eure Förderung ein Fehler“ in angemessene, in freundliche Worte packe. Nun knalle ich ihnen auf zwei Seiten vor, warum ihre Förderung letztendlich mit dazu beigetragen hat, dass ich etwas gänzlich anderes mache. Nach einer Stunde bin ich fertig mit meiner Kampfschrift. Ich lese sie nicht noch einmal durch. Sondern schicke sie einfach ab.

Dennoch bin ich mehr als unzufrieden. Genau so wollte ich den Bericht nicht haben. Aber nun ist er draußen. Und das Echo der Förderung wird nicht lange auf sich warten lassen…

Platon

Sophie tendiert zur zweiten Alternative. Also alles ignorieren. Ich merke, dass Sophie jetzt Begleitung braucht. Jemanden, der ihren inneren Schweinehund eng an die Leine nimmt. Ich lasse nicht locker, bespreche mit ihr den Einstieg, die ersten Zeilen. Wir diskutieren alles hin und her. Sophie besteht aber auf ihre generelle Unfähigkeit, und darauf, dass alles ohnehin sinnlos sei. Ja, wenn das ihre Meinung sei, dann solle sie das schreiben, antworte ich. Etwas mürrisch und genervt fängt sie tatsächlich nach geraumer Zeit an zu schreiben. Währenddessen beginne ich mit dem Sortieren ihrer Unterlagen. Zwischendurch muss ich immer wieder lachen. Die Situation ist schon etwas skuril. Beim Sortieren komme ich mir so vor, als ob sich zwei Menschen mit Höhenangst zusammenschließen, um eine steile Bergwand gemeinsam zu ersteigen. Ein Bergführer wäre hilfreicher, denn Ablage und Sortiersysteme sind nicht meine Stärke. Und beim Schreiben des Berichts habe ich den Eindruck, als müsse der Profi, also Sophie, vom Laien, also mir, angetrieben werden. Immer wieder muss ich lachen, und erkläre es ihr auch, warum. Irgendwann fängt dann auch Sophie wieder an zu lachen.

Und irgendwann wird sie ruhiger und schreibt und schreibt und schreibt. Sie kommt offenbar richtig in Rage. Sie murmelt etwas von Generalabrechnung. Die würden sich wundern. Sie erzählt dann auch, wer den Bericht alles lesen würde. Sie liest mir einige Passagen vor. Ich staune, tatsächlich eine Abrechnung. Und bei den positiven Dingen hat sie richtig fett aufgetragen. Ich nenne sie Angeberin. Sie lacht, ihr ist es egal. Ich biete ihr schließlich an, nochmals Korrektur zu lesen, einige Formulierungen vielleicht zu entschärfen. Doch sie sagt, der Bericht sei gerade abgeschickt worden. Respekt, denke ich. Und mit dem Sortieren bin ich nicht wirklich vorangekommen.

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3 Kommentare

Verfasst von - 27. Dezember 2014 in Alltägliches

 

3 Antworten zu “Towuhabowu – Teil II

  1. anderssein2000

    27. Dezember 2014 at 12:19

    ich bin gespannt auf die Reaktion der Stiftung.

     
  2. Ismael Kluever

    27. Dezember 2014 at 12:27

    Ist es gehässig, wenn ich zugebe, dass ich euch beiden gerne zugeguckt hätte? 😉
    Okay, beim Papiere Sortieren hätte ich schon geholfen. Bin schließlich in Archiven usw. großgeworden. 🙂

     
  3. Anneke

    27. Dezember 2014 at 16:57

    Oh ich liebe solche sortieraktione, Musik an, alles auf den Boden schmeißen und los…
    Da wäre ich herne dabei gewesen..

     

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