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Tohuwabohu – Teil I

20 Dez

Sophie

Das Unheil nimmt seinen Lauf, als ich dem Philosophen erzähle, dass ich seit geraumer Zeit einen Bericht für ein Förderprojekt vor mir herschiebe. „Geraume Zeit“ meint hier nun fast ein Jahr. Normalerweise muss ich einmal jährlich diesen Bericht abliefern, im vergangenen Jahr habe ich den Abgabetermin in all dem Trubel schlicht verpasst. Danach bestand meine Strategie in konsequenten Nicht-beachten, denn die Anforderungen, die mir vorab per PDF zugesandt worden waren, waren so unkonkret, dass ich einfach nicht wusste, was man eigentlich von mir wollte. Normalerweise schreibe ich einen fünfseitigen Bericht innerhalb von einer halben Stunde, hier aber glotzte ich abwechselnd auf die Anforderungen und ein weißes Blatt Papier. Die Verantwortlichen erhöhten den Druck: Im Laufe des Jahres trudelten immer wieder Emails bei mir ein: „Bitte schicken Sie den Bericht.“ – „Bitte schicken Sie Ihre Zeugnisse.“ – „Bitte schicken Sie uns Ihre aktuelle Telefonnummer und Adresse.“ Ich hüllte mich in virtuelles Schweigen. Das kann ich gut. Meist hilft es und die Menschen geben Ruhe. Hier jedoch nicht. Die Antwort auf mein Schweigen war ein ebenso virtueller Kontakt-Angriff: Per Email schrieben mir gleich drei Mitarbeiter, diese sendeten ihre Nachrichten sicherheitshalber auch noch mal über die sozialen Netzwerke – mehrfach. Aussitzen war nicht mehr möglich. „Abgabe in zwei Wochen. Jetzt aber wirklich, bitte.“ Wohlgemerkt: Ein Jahr nach der eigentlichen Abgabe.

Und da sitze ich nun. Mit großen Augen vor dem Schrank, in dem sich mein persönlicher Albtraum befindet: Papiere. Unzählige Papiere. Rechnungen (bezahlte, wie ich hoffe), Quittungen, Versicherungen, Zeugnisse, Ich-weiß-nicht-was-ich-damit-machen-muss-Zeug. Nicht zu vergessen die Briefe, die noch jungfräulich verschlossen dazwischen liegen. Alles fein säuberlich in den Schrank gestopft und diesen dann fest verschlossen. Das Problem: Ich brauche jetzt das Zeugnis, das irgendwo in diesem Wust liegen könnte. Könnte! Denn alle paar Jahre packt mich die blanke Wut und ich beseitige die Papierflut einfach im Mülleimer… „Einfach mal mitbringen, das kriegen wir schon hin“, meint der Philosoph. Und so öffne ich den Schrank und lasse das Papier-Ungeheuer frei.

Platon

Sophie hat offenbar ein Problem mit ihren Unterlagen. Steuern, Lohnabrechnungen, Versicherungen, Banken, Korrespondenzen und die ganzen anderen Dinge, die einem täglich per Post ins Haus flattern. Es gibt keine Ordnung, kein System. Allerdings eine konsequente innere Haltung: ungeöffnet ignorieren. Und irgendwann ist der Berg an Post groß und die Übersicht verloren. Eigentlich war das die Aufgabe einer anderen Unterstützungsinstitution. Eigentlich.

Sophie kommt nun mit Einkaufskörben zu mir anmaschiert. Auf die Frage, ob das jetzt alles wäre, antwortet sie nicht. Sie ist allerdings in tiefe Depression verfallen, weil sie ihr Zeugnis nicht finden kann. Das wäre wohl mit dem Altpapier abhanden gekommen. Und sie brauche es jetzt. Für einen Bericht für die Hochbegabtenförderung. Hochbegabt! „Ich schaffe es nicht, meine Post zu öffnen und meine wichtigsten Urkunden vom Altpapier fernzuhalten“ geht mir durch den Kopf, während ich Sophie hilflos im Post-Chaos wühlen sehe.

Sophie

Ich stopfe das ganze Zeug (zwei Alibi-Ordner und zahlreiche lose Blätter) aus Not in einen Einkaufskorb. Und bereits auf dem Weg zum Philosophen weiß ich, dass sich sicher noch etwas in der einen oder anderen Kiste in meiner Wohnung verstecken muss. Jetzt sitzen mir auch noch zwei Dinge im Nacken: Der Papierkram UND der Bericht (den ich, nebenbei bemerkt, einen Tag zuvor hätte abgeben sollen. Wären dann ein Jahr und ein Tag Verspätung). Eher planlos bereite ich den Papierkram beim Philosophen auf dem Boden aus. Binnen Sekunden, so scheint mir, schwindet jeder freie Platz. Vom Zeugnis keine Spur. Ich sitze auf dem Boden, krame zwischen Kontoauszügen, Sozialversicherungsbescheinigungen, Anmeldebestätigungen und Werbung für Paypack-Punkte (die ich unauffällig verschwinden lasse). Lege einen Stapel mit Unterlagen der Krankenkasse und der Agentur für Arbeit zu den Kontoauszügen und doch wieder zurück. Halte plötzlich mein Latinum in den Händen. Nah dran, aber trotzdem daneben. Krame weiter. Mal hier, mal dort. Auf einmal halte ich Kontoauszüge von einem Konto in der Hand, dass ich gar nicht kenne. Ist das meins? Zumindest steht mein Name drauf. Kurz darauf Blätter von der Agentur für Arbeit. Die sollte ich eigentlich an den Gutachter schicken, der meine Selbstständigkeitsplanung beurteilte. Er hatte mir kurzzeitig geistige Umnachtung bescheinigt, weil ich ihm – wie er es angefordert hat – nur das von ihm genannte (Deck-)Blatt schickte und nicht die daran angetackerten Seiten… Und ja, danach habe ich die angetackerten Seiten im Schrank nicht mehr gefunden.

Panischer Blick zum PC – der Bericht. Ich versuche, Ordnung in das Chaos zu bringen. Der Bericht! Aber doch nicht in dem Chaos?! Ich merke, dass ich zu pendeln anfange: meine Gedanken springen zwischen den beiden Aufgabenfeldern hin und her, unfähig, auch nur eine klare Entscheidung zu treffen. Der Philosoph hält einen Stapel ungeöffneter Briefe in der Hand, öffnet einen mit meiner Erlaubnis – und zeigt dann auf das Datum. 2009. Ups. Der Bericht. Weiße Seite. Unklares Aufgabenprofil.  Dinge wie: „Schreiben Sie etwas zu Ihrem Werdegang, aber schreiben Sie nicht, was Sie gemacht haben.“ Hä? „Schreiben Sie über Ihr soziales Engagement im vergangenen Jahr.“ Gab es nicht. „Schreiben Sie über Ihre Teilnahme an unseren Gruppenaktivitäten.“ Ich war nicht dabei. „Schreiben Sie über Preise, die Sie gewonnen haben.“ Keine. Die Seite bleibt weiß.

Ich pendle wieder zum Papierchaos, ich werde aus diesen Bericht nicht schlau. Fange da an zu kramen, wo ich vorhin auch schon mal gekramt habe. Das Chaos ist perfekt. Plötzlich halte ich Studienscheine in den Fingern. Sofort fällt mir ein, wie ich in halbjährlicher Regelmäßigkeit im Studiensekretariat aufgetaucht bin und mir eine Übersicht der von mir bereits belegten und noch zu belegenden Kurse und Vorlesungen ausdrucken ließ. Und nach jedem Semester war dieser Wisch inklusiver meiner Scheine wieder verschollen und ich ratlos, welche Vorlesungen ich eigentlich wann und bei wem belegen muss. Immerhin einen dieser Zettel habe ich wieder – nur brauche ich ihn jetzt nicht mehr. Auf einmal kommt mir ein Begriff aus meinem Studium in den Sinn: Tohuwabohu. Ich bin mitten drin. Und möchte eigentlich nur noch weg. Das Zeugnis habe ich immer noch nicht gefunden. Und statt eines Berichtes ist auf meinem PC ein großes, leeres Blatt. In meinem Kopf ist nur noch ein grauer Nebel der Überforderung. Tohuwabohu in seiner ursprünglichen Form: Alles ist wüst und leer.

Platon

Sophie ist den Tränen nahe und ich entwickle Fluchtgedanken. Prioritäten setzen. Der Bericht muss bis gestern abgeliefert sein. Wie ist das möglich? Sophie kommt zu allen Terminen 15 Minuten früher, wartet im Auto. Schreiben gelingt ihr auch mit anderthalb schlafenden Gehirnhälften, und diesen kleinen Bericht schafft sie nicht rechtzeitig? Was ist da los?

Körbe weg stellen, erst den Bericht schreiben. Es geht um einige Jahre Zusatzförderung, die verloren wären, um einen Abschluss. Ich stelle die Einkaufskörbe beiseite und biete meine Mithilfe erst dann wieder an, wenn der Bericht geschrieben ist.

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3 Kommentare

Verfasst von - 20. Dezember 2014 in Alltägliches, Welt-Autismus-Tag

 

3 Antworten zu “Tohuwabohu – Teil I

  1. anderssein2000

    20. Dezember 2014 at 10:42

    Eine konsequente Haltung, die ganz sicher richtig ist, aus NT Sicht. Aber nicht aus AS Sicht, denn bei mir impliziert diese Haltung Desinteresse und ein ’nicht-helfen-wollen‘ (ich weiß, dass dem nicht so ist, aber ich würde es bei mir hier so auffassen!!! Also bitte nicht falsch verstehen Platon.).

    Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Ich würde nämlich auch in eine komplette Bewegungslosigkeit verfallen und ebenfalls heftig depressiv werden.

     
  2. Ismael Kluever

    20. Dezember 2014 at 12:16

    Irgendwie unglaublich tröstlich, dass ich nicht der Einzige bin, der angesichts von Behördenpapieren lustvoll an lodernde Scheiterhaufen für all den Formularkram denkt… 😉

    Allerdings erinnere ich mich auch an Sophies erste Impressionen von Platons Arbeitszimmer aus den Anfangszeiten dieses Blogs. Demnach ist Platon doch auch ein ziemlicher Cha…
    …äh, ‚tschuldigung…
    …ich wollte sagen, – er ist nicht gerade ein Schüler des Aristoteles, oder?

    Ich bin gespannt, ob er Ordnung in die Wirrnis bringen kann! 😉

     

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