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Die Gewichtsdecke – Teil II

17 Dez

Platon

Sophie und meine Bekannte verabreden einen Termin bei einer Schneiderin. Die Terminvereinbarung gestaltet sich etwas problematisch, da die Schneiderin diesen Termin gerne kurz vor Ladenschluss wählen möchte, um eventuell noch nach Ladenschluss etwas mehr Zeit zu haben für das eher außergewöhnliche Projekt. Irgendwie schafft es dann auch Sophie, zu diesem Termin kommen zu können. Im Anschluss berichtet sie mir, dass sie jetzt vor Ort eine interessante Lösung entwickelt hätten. Es sollen über 100 einzelne Kassetten genäht und mit einem schweren, noch zu wählenden Füllstoff gefüllt werden. Den Stoff dazu wolle meine Bekannte liefern und man wolle erst einmal mit wenigen Kassetten beginnen, um abschätzen zu können, wie viel Zeitaufwand für die Decke nötig ist.

Sophie

Die Schneiderin hat ihren Laden direkt in der Innenstadt an einer viel befahrenen Straße. Auf Schleichwegen trotte ich der Bekannten des Philosophen hinterher, die außerdem noch die große Decke unterm Arm hat. Bei der Schneiderin ist eine Kundin vor uns, der Laden ist vollgestopft mit Stoffen, im Hintergrund surrt eine Nähmaschine. Durch die offene Tür wird das Geräusch der vorbeifahrenden Autos noch verstärkt. Eigentlich würde ich gehen. Aber die Aussicht auf die Decke hält mich.

Schnell stellt sich heraus, dass mein favorisierter Stoff zu dick ist. Er kann nicht entsprechend bearbeitet werden. Ich habe meine andere Decke dabei, um das Prinzip zu zeigen – es stört mich, dass die beiden Frauen meine Decke zwischen den Händen halten und anfassen, aber mir ist auch klar, dass sich das wohl nicht vermeiden lässt. Trotzdem fühlt es sich an, als würde jemand in der Schublade mit meiner Unterwäsche wühlen.

Mit Taschenrechner und Stift rechnen wir gemeinsam aus, wie viel Füllung in jede einzelne Kassette sollte – zwischen 200 und 250 Gramm, je nachdem, wie das klappt. Mit 100 Kassetten kämen wir am Ende auf stolze 20 bis 25 Kilo. Ich frage vorsichtig noch einmal nach dem Reißverschluss an, denn ich hätte gerne die Möglichkeit, die Füllung zu entnehmen und die Decke zu waschen. Das ginge nicht, heißt es. Ich verstehe zwar nicht ganz, warum – aber wenn die Expertin das sagt, muss es wohl so sein.

Die beiden Frauen fachsimpeln. Sie treffen die Einigung, dass jede Kassette einzeln genäht und befüllt wird und anschließend die einzelnen Kassetten aneinandergenäht werden. Rein logisch fürchte ich, dass das nicht klappen wird. Wenn die Decke tatsächlich 25 Kilo wiegen soll, glaube ich, dass bei einzelnen Kassetten die Naht reißen wird, spätestens, wenn man die Decke anhebt. Eher vorsichtig werfe ich ein, dass die Naht reißen könnte. „Ja, wenn die irgendwann mal einreißt, dann näht man das nach. Das ist ja das Praktische“, meint die Schneiderin. Ich bin nicht überzeugt. Vor allem fürchte ich, dass „irgendwann“ bei der Konzeption früher als erwartet kommen wird. Aber vielleicht habe ich auch nur keine Ahnung.

Platon

Auf meine Frage, wie die soziale Situation von Sophie empfunden wurde, sagte sie, dass es zwar sehr laut und wuselig, aber insgesamt in Ordnung gewesen sei.
Auch meine Bekannte bestätigt mir, dass der Termin insgesamt gut gelaufen sei, man jetzt nur irgendwie beginnen müsse mit einer Kassette. Irritiert war sie lediglich etwas, weil Sophie ihrer Meinung nach sehr schüchtern und unsicher wirkte und sie nicht immer einschätzen konnte, ob die geplante Vorgehensweise für sie okay war oder sie weitere Fragen und Anregungen hatte. Insgesamt hätte sich Sophie bei der gesamten Diskussion sehr zurückgehalten. Für mich war es spannend zu sehen, wie dieses Gespräch bei der Schneiderin funktionierte, da ja meine Bekannte von Sophies Eigenheiten wusste und auch versuchte, sich darauf einzustellen.

Sophie

Die ersten Wochen nach den Terminen warte ich gespannt. Ich bin unruhig, möchte die Decke haben, wissen, ob und wie es funktioniert. Aus Wochen werden Monate. Aus Monaten ein halbes Jahr. Nichts. Keine Rückmeldung. Weder von der Bekannten des Philosophen noch von der Schneiderin. Zweimal frage ich vorsichtig beim Philosophen nach. Er verspricht, sich darum zu kümmern. Nichts geschieht. Ich weiß nicht, wie nachdrücklich ich fragen darf – schließlich sollte ich ja froh sein, dass mir fast fremde Menschen überhaupt ihre Zeit für ein solches Projekt schenken. Immer wieder kommen Situationen, in denen ich an die Decke denke. In denen ich sie gerne gehabt hätte. Ich wage nicht mehr, nachzufragen.

Das alte Jahr neigt sich dem Ende zu. Der Termin bei der Schneiderin war im Frühjahr. Seitdem hat sich nichts getan, ich glaube fast, dass auch die Kassetten noch nicht angefangen sind. Vielleicht war das Projekt zu ehrgeizig, zu ungewöhnlich? Oder zu banal? Ich weiß es nicht. Ich wundere mich nur, dass ich eine Decke vermisse, die ich nie gehabt habe…

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7 Kommentare

Verfasst von - 17. Dezember 2014 in Alltägliches

 

7 Antworten zu “Die Gewichtsdecke – Teil II

  1. Ismael Kluever

    17. Dezember 2014 at 16:33

    Hmm, ich bin ja ein bekennder Fan eures Blogs, aber…

    …lieber Platon, könnte es sein, dass die ein wenig der Esprit abhanden gekommen ist? Du schreibst in letzter Zeit irgendwie ziemlich distanziert. So wenig aus eigenem Erleben, wenig wirkliche Beobachtung, wenig subjektive Eindrücke.

    Okay, vielleicht liegt es hier daran, dass die Planung der Decke schon eine Weile zurückliegt, da ist die Erinnerung ja nicht mehr so lebendig. Aber auch bei anderen Beiträgen wirkte es manchmal so, als würdest du nur Sophies Schilderung mit eigenen Worten wiederholen oder vorwegnehmen. Ich hatte ja irgendwann schon mal gefragt, ob ihr einender schon so gut kennt, dass du ihre Wahrnehmung selbst schon sehr gut wiedergeben kannst. Aber kann es sein, dass deshalb dieser Blog für dich gar nicht mehr so spannend und daher ein bischen die Luft raus (RW) ist?

    LG Ismael

     
    • dualesseinzwei

      18. Dezember 2014 at 22:38

      Hallo Ismael,

      deine Fragen sind sehr berechtigt. Ich habe mir diese Fragen auch schon selbst gestellt. Anfangs waren für mich die Gedanken und Wahrnehmungen von Sophie sehr fremd und faszinierend. Je mehr Zeit und Projekte wir miteinander verbringen, um so vorhersehbarer und letztlich (selbst)verständlicher wird für mich Sophies Welt. Das ist ja grundsätzlich eine gute Sache, für den Blog aber eher wenig unterhaltsam. Dass sich die Gegensätze deutlich relativieren und vielleicht auch normalisieren ist ja eine gute Botschaft und kann Hoffnung machen, für den Blog bedeutet das aber vermutlich eine notwendige Neuorientierung. Daran basteln wir noch und strengen unsere grauen Zellen mächtig an. Leider fehlte mir auch zusätzlich die Zeit und Ruhe, um mich dieser Veränderung in vollem Umfang widmen zu können.
      Aber es wird weitergehen im Blog, die Ideen sind da. Es wird nach einer Phase des seichten Fließens wieder einige Stromschnellen und spektakuläre Wasserfälle geben. Wie im richtigen Leben.

      Kannst du mit dieser Antwort etwas anfangen?

      Liebe Grüße

      Platon

       
      • Ismael Kluever

        19. Dezember 2014 at 9:18

        Hi Platon,

        danke erstmal für die Antwort!
        Na, auf die spektakulären Wasserfälle bin ich ja gespannt! 🙂

        Dass man zwischenzeitlich auch mal weniger oder nichts zu erzählen hat, kenne ich ja auch aus eigener Bloggererfahrung. Aber dann schreibe ich eben auch nichts. Es steht mir nicht zu, in euer Bloggkonzept hineinzukritzeln, aber ihr solltet vielleicht auch das entspannt angehen. Es muss ja nicht immer konsequent dialektisch sein und auch nicht jede Woche etwas Neues kommen.

        Was mich interessieren würde, lieber Platon, in wie weit der Austausch und die sich entwickelnde berufliche Zusammenarbeit mit Sophie eventuell auch dich selbst verändert.
        Obwohl ich bislang „nur“ über das Internet mit Autisten kommuniziere, tut sich da bei mir selbst eine Menge!

        Liebe Grüße, Ismael

         
  2. anderssein2000

    17. Dezember 2014 at 17:53

    und ich sage, da ich andere Decken gemacht habe: es geht. Punkt. Sorry, dass ich jetzt so zickig rüberkomme, aber so eine kreative Nichtleistung regt mich auf. Zumal ich die Notwendigkeit erkenne. 25kg sind verdammt schwer, das als Complet zu nähen ist Irrsinn, auch wenn man nur einzelne Kissen näht um diese dann zusammen zu nähen, das geht einfach nicht.

    Ich befürchte, Platon, Deine Bekannte hat sich “da etwas weit aus dem Fenster gelehnt“, was für Sophie ein ziemliches Desaster ist.

     
  3. Aspergiller

    19. Dezember 2014 at 22:23

    Ich weiss ja nicht, wie es mit kommerziellen Anbietern in Deutschland aussieht, abgesehen von dem, was in Teil I verlinkt ist. Ich bin über folgende Angebote auf einer Website von der anderen Seite des Atlantiks gestossen: https://www.etsy.com/de/shop/WeightTherapyShop. Das ist zwar bunter, wenn man es denn bunter mag, jedoch ebenso alles noch weit von 25 kg entfernt!

     
  4. raababy

    28. Dezember 2014 at 14:53

    Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Und wer im Beitrag „Die Gewichtsdecke Teil 1“ Glück mit der neuen Decke wünscht, hat Teil zwei nicht gelesen. Der Zeitraum ist für etwas, was man so sehr braucht, einfach zu lange. Für einen Freund meines Sohnes habe ich in der örtlichen Großnäherei einer Behindertenwerkstätte eine Sanddecke in Auftrag gegeben, das war vor vier Wochen und in zwei Wochen ist sie fertig: aus Neoprenstoff, mit Kassetten, 18 kg schwer. Das geht gut, wenn Platons Bekannte das Projekt nicht schafft, hätte sie es ja irgendwann in den letzten Monaten sagen können. Unsere gekaufte Decke ist von Beluga Healthcare und wurde uns durch Spenden von Freunden und Verwandten ermöglicht, ebenso wie die Sandweste, denn teuer ist das wirklich. Die Großnäherei verlangt einiges weniger, vielleicht ist das eine Alternative? Wenn Neopren als Stoff unbequem erscheint (wurde uns als der perfekte Stoff dafür empfohlen), kann man ja noch einen Überzug aus haptisch ansprechenderen Stoff nähen.

     
  5. Michael

    11. Januar 2015 at 0:01

    Ich habe hier gerade eine ganz tolle Selbstnähanleitung für eine Gewichtsdecke gefunden und da fiel mir dieser Blogbeitrag ein. Wer also selbst nähen kann oder jemanden kennt…

    http://www.ruhrpottzwerge.de/2014/06/11/gewichtsdecke-ganz-einfach-selbstgemacht/

     

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