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Filmtage – Teil II

15 Nov

Platon

Luzy, ihre Tochter und ich betreten das Büro. Schnee von den Schuhen verteilt sich auf dem Teppich. Es gibt Flecken. Und es wird wuselig. Die Tochter quengelt, Luzy ist durch ihre extrovertierte Art sehr präsent im Raum. Sie grüßt Sophie freundlich und knapp. Sophie grüßt zurück. Sehr knapp. Ich versuche nun, so schnell wie möglich mein Interview mit Luzy zu führen. Ihre Tochter muss dabei irgendwie integriert werden. Ich merke, wie Sophie unruhig wird. Sie gibt kurze Anweisungen zur Sitzposition und jeweils zum Start der Aufnahmen. Ich merke etwas ihren Unmut. Vielleicht ist es auch nur der Zeitdruck. Zudem spielt die Technik nicht so mit wie geplant. Wir improvisieren etwas.

Ich muss mich auf dass Interview konzentrieren, merke aber auch, wie ich mich wiederhole, wie ich unpräzise werde. Ich denke aber auch, dass Sophie im Schnitt einiges retten kann. Nach etwa einer halben Stunde sind wir fertig. Ich habe ein gutes Gefühl. Die Zusammenarbeit mit Sophie funktioniert. Ich bin auf die Film-Ergebnisse gespannt.

Sophie

Im Flur rumpelt es. Der Philosoph und die Probandin kommen herein, sie rödelt das Kind aus der Winterjacke, das kleine Mädchen brabbelt vor sich hin. Ich hoffe stillschweigend, dass keine rasselnden oder quietschenden Spielzeuge dabei sind. Lucy möchte nicht erkannt werden, also wird sie nur von hinten aufgenommen, mit Kopftuch und Sonnenbrille unkenntlich gemacht. Das Kind nimmt sie auf den Schoß.

Während des halbstündigen Interviews wird die Kleine unruhig. Zwischen ihr und dem Philosophen entsteht ein Spiel: Er gibt ihr die Brille, sie wirft sie auf den Boden, er hebt sie auf und gibt sie ihr. Vier, fünf Mal. Ich werde noch wahnsinnig. Das wird jeden Zuschauer komplett ablenken, der Effekt ist ähnlich wie bei den Nachrichten, wenn plötzlich die Putzfrau durchs Bild marschiert: kein Mensch hört mehr, was gerade gesagt wird. Das Kind rutscht hin und her. Immerhin schreit es nicht. Auf einmal schaut der Philosoph auf: „Ich glaube, ich habe vergessen, das Tonband einzuschalten.“ Warum nur wundert mich das nicht?

Platon

Beim Zusammenpacken wird die Tochter von Luzy unruhig und laut. Sehr laut. Luzy dann auch. Und ich ungeduldig. Das wird Sophie nun viel zu viel. Ich sehe ihr ihren Unmut förmlich ins Gesicht geschrieben.

Die Zeit läuft uns zusätzlich davon. Wir verstauen alles so schnell es geht. Sophie reicht es. Das merke ich. Zack, alles ins Auto geschmissen, und wir fahren los. Langsam auf schneebedeckter Fahrbahn zum nächsten Termin. In Ostfriesland werden die Straßen – wenn überhaupt – nur spät und langsam geräumt. Sophie ist unzufrieden. Die Technik funktionierte nicht richtig. Der Lärm durch Kind und Mutter, der Zeitdruck. Ich denke, dass ich all das nicht ändern konnte. Ich bin zufrieden. Ist viel besser gelaufen als unter den Umständen erwartet.

Sophie

Nach dem Interview bleibt Lucy noch im Raum. Ihr Kind hat endgültig die Grenze von „unruhig“ zu „quengelig“ überschritten und brüllt sich die Seele aus dem Leib. Lucy geht nicht minder laut dagegen an, um das Geschrei des Kleinkindes zu übertönen. Und da kommt auch eine Rassel ins Spiel. Ich möchte mir die Ohren zuhalten, in diesem kleinen Raum scheint mich der Schall fast zu erschlagen. Deswegen drehe ich lieber mit Tieren. Die brüllen nicht.

Eigentlich hätte ich einen Teil der Aufnahmen gerne wiederholt. Aber die Zeit hat das nicht hergegeben, ich muss mit dem zufrieden sein, was ich habe. Und hoffen, dass das Richtmikro an der Kamera trotz Kabelbruch aufgenommen hat. Der Blick auf die Uhr verrät, dass es schon zu spät ist. Und die Schneeverhältnisse ziehen die anschließende Fahrt in die Länge. Ich bin müde, habe Kopfschmerzen. Eigentlich reicht es heute. Aber wie so oft geht es weiter.

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2 Kommentare

Verfasst von - 15. November 2014 in Alltägliches

 

2 Antworten zu “Filmtage – Teil II

  1. Ismael Kluever

    15. November 2014 at 11:16

    Mich interessiert, zu welchem Thema ihr den Film machen wolltet.
    Geht es um eine bestimmte Problematik von Luzy und ihrer Tochter?
    Oder um eine bestimmte Form der Beratung bzw. Therapie?

     
  2. Anneke

    17. November 2014 at 9:26

    Immer wieder spannend, wie anders Wahrnehmung ist hier in dem Blog und noch spannender, wie ähnlich sie auch sein kann…

    Und wie sich die Perspektive, die Sichtweise auf Dinge verschiebt, wenn man hier regelmäßig liest, danke dass ihr euch die Arbeit macht..

     

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