RSS

Frösche und Glashäuser

01 Nov

Platon

„Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“ – Mein erster Gedanke: Irgendwie haben wir alle „Dreck am Stecken“. Und ich werde wieder daran erinnert, wie zerbrechlich soziale Beziehungen sind. Tatsächlich stelle ich mir, wenn dieses Sprichwort zur Sprache kommt, ein Geschäft mit ganz vielen Glasfenstern, Vitrininen und Gegenständen vor, die schon allein vom Anschauen zu zerbrechen drohen. Ich selbst benutze dieses Sprachbild selten, finde es aber aber gut. Für mich bedeutet es, dass jemand nicht zu schnell über andere urteilen sollte, da man ja ersteinmal seine eigene Probleme im Blick haben sollte…

Sophie

Wer im Glashaus mit Steinen wirft, kann nicht mit sonderlicher Intelligenz gesegnet sein. Dass die Kombination „Glas plus als Wurfgeschoss missbrauchtes Geröll“ in aller Regel nicht gut geht, leuchtet mir ein. Für mich genau so einleuchtend wie der Elefant, der in den Porzellanladen geschickt wird. Wobei sich mir auch die Frage stellte: Wer im Glashaus sitzt und mit Steinen wirft, soll dies vielleicht nicht tun, muss es aber, weil er die Tür nicht findet?

Solche Sprichworte und Redewendungen sind manchmal eine Krux. Da glaubt man, sie endlich durchschaut zu haben und im nächsten Moment steht man wieder mit einem Fragezeichen da, weil ein unbekannter Vertreter eines Sprichwortes auftaucht. Gehört eindeutig in die Kategorie: Warum sagen die Menschen nicht einfach das, was sie meinen? Denn während ich mir um Scherben und etwaige Verletzungsgefahr Gedanken mache und zur Sicherheit die Fenster kontrolliere, ist mir vielleicht eine ganz zentrale Botschaft entgangen, die weder mit Glas noch mit Steinen zu tun hat. Und nebenbei: Die Abwandlung „Wer im Schlachthaus sitzt, sollte nicht mit Schweinen werfen“ leuchtet mir noch weniger ein…

Platon

„Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ – Ich stelle mir dabei wirklich eine Grube vor. Und ich entwickle sogar etwas Schadenfreude für den Grubengräber. Soll er doch selber reinfallen. Für mich bedeutet es, dass Arglist und böse Absicht letztlich einen selbst treffen. Ich benutze das Sprichwort selten.

Sophie

Hier scheint mir ein Fall fehlender Orientierung vorzuliegen. Wenn ich ein Loch buddle, dann weiß ich in der Regel auch, wo ich dies getan habe. Sollte ich tatsächlich selbst hineinfallen, dann war entweder das Gelände unübersichtlich, meine Sicht getrübt oder mein Sicherheitsabstand zum Loch schlicht nicht groß genug. Aber auch hier die Irritation: Wer anderen eine Grube gräbt, arbeitet wohl auf einem Friedhof. Oder verhilft Menschen unfreiwillig und unentdeckt abzuleben. Sollte er dann selbst hineinfallen – siehe oben…

Ich kenne viele Sprichworte, lerne sie, verwende sie in Teilen auch selbst. Trotzdem kann ich nicht verhindern, regelmäßig an der seltsam blumigen und ungenauen Umschreibung hängenzubleiben. Eine etymologische Herleitung hilft da nur in Teilen.

Platon

Das Sprachbild „Ich habe einen Frosch im Hals“ ist für mich  negativ belegt. Ich muss es gelegentlich selbst benutzen, da ich tatsächlich „einen Frosch“ im Hals habe, mich also räuspern muss. Ich mag dieses Gefühl ganz und gar nicht, wenn ich reden möchte oder muss, aber mir der Hals irgendwie verstopft ist. Und dann sagt man ja, quasi als Entschuldigung, dass man einen Frosch im Hals habe. Ich stelle mir dabei aber ganz gewiss keinen Frosch vor, sondern ein lästiges Gefühl im Hals.

Sophie

Der sprichwörtliche „Frosch im Hals“ ist eine ganz grausame Sache. In meinem Kopf. Wer einen Frosch im Hals hat, muss ihn zuvor gegessen haben. Frösche, beziehungsweise Froschschenkel, sind eine Delikatesse in Frankreich – und eine Qual für die armen Tiere – angeblich fast 100 Millionen im Jahr. Fast zeitgleich zur räuspernden Entschuldigung erscheint das Bild eines dicken Kochs in einer Küche mitten in Paris vor meinem geistigen Auge, der mit einem großen Messer dem armen Frosch… lassen wir das lieber. Jedes Mal aufs Neue regt es mein Mitleid mit den Tieren an, wenn jemand vom „Frosch im Hals“ spricht.

 

Advertisements
 
6 Kommentare

Verfasst von - 1. November 2014 in Alltägliches, Brett vorm Kopf

 

6 Antworten zu “Frösche und Glashäuser

  1. anderssein2000

    1. November 2014 at 11:32

    iiiih gitt… tatsächlich einen Frosch im Hals zu haben… wie furchtbar.. für den Frosch..

    Ich sitze hier und lache Tränen, tatsächlich, weil, wenn ich sehr intensiv lache, heule ich… und ich grunze zuweilen, was ein Ausdruck für höchste Erheiterung ist… bin ich deswegen ein Schwein?? uuuuh.

    Vielen Dank für diesen Blog. Vielen Dank für diese vielen Kopfkinos, die den Rest des Tages meinen Tag erheitern werden…. und auch ich, nutze diese Sinnbilder, wenngleich ich sie auch nicht immer verstehe, aber die Bilder dahinter so mag.

     
  2. Ismael Kluever

    1. November 2014 at 13:49

    Witzig, es war die Diskussion über „Steine im Glashaus“ im Blog einer Autistin, die mir den Impuls dafür gab, aus neurotypischer Perspektive einen eigenen Blog für eine autistische Leserschaft zu beginnen. http://innerwelt.wordpress.com/2013/05/05/in-bildern-denken/

    Klar, wenn man sich manche Redewendungen bildlich vorstellt („Es regnet mal wieder junge Hunde!“), gibt’s erst mal Lacher, – oder auch Stirnrunzeln. Aber die Sache hat für mich ganz praktische Konsequenzen.

    Ich schreibe gern mit vielen Wortspielen, Andeutungen, oft auch Mehrdeutigkeiten. Und meine Sätze sind meistens viel zu lang. Seit ich mich mit Autisten austausche, werde ich meiner eigenen Sprache gegenüber kritischer.

    Ich frage mich immer öfter, ob es nicht auch einfacher geht. Ob ich mich direkter und klarer ausdrücken kann. Und von welchem Grade der Vereinfachung ein Text öde wird und die Langeweile beginnt.

    Aber je intensiver ich meine Gesprächspartner und deren Sprachstil kennenlerne , desto freier werde ich wiederum gegenüber solchen Bedenken. 🙂

     
  3. Silke Iden

    1. November 2014 at 13:56

    Witzig finde ich das gar nicht, mir wird immer mehr bewußt wie sehr ich auf meine Sprache achten muß, wenn ich mit autistischen Menschen kommuniziere.
    Ironie wird nicht verstanden und eben diese Sprichwörter werden 1 zu 1 übernommen und ich werde mißverstanden.
    Ich muß lernen mich klarer, deutlicher auszudrücken.
    Das ist gar nicht einfach, aber ich arbeite daran!

     
  4. Forscher

    1. November 2014 at 22:46

    In manchen Foren oder Plattformen verwendet man gegenüber Autisten das Kürzel (RW), um auf eine Redewendung hinzuweisen. Redewendungen, Wortspiele und Ironie gibt es immer wieder, ich kenne auch einige Autisten, die sie selbst gerne benutzen und verstehen. Sehe aber Unterschiede, ob Ironie verbal verwendet wird, aber die nonverbalen Signale oder der Tonfall übersehen werden, in dem die Ironie sichtbar wird (–> man nimmt es wörtlich, tritt ins Fettnäpfchen), oder ob sie schriftlich verwendet wird, meist im Internet, und dann ist es oft egal, ob man Autist ist oder nicht: Ironie geht schief. Weil neben fehlenden nonverbalen Signalen auch der Kontext nicht immer klar ist. Und Gelesenes gerade im Internet wird je nach der *eigenen* Stimmung interpretiert oder missinterpretiert. Ironie immer zu kennzeichnen führt aber auch Ironie ad absurdum.

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: