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Alleinflug – Teil III

29 Okt

Sophie

Alle vier Einheiten gingen gut über die Bühne. Die Teilnehmer meldeten zurück, dass sie sich gut auf die Prüfung vorbereitet fühlen. Zumindest, was den Bereich Autismus-Spektrum-Störungen angeht. Ich denke mir, dass es dann nicht ganz so schlimm gewesen sein kann. Einige fragen an, ob sie mich später im beruflichen Alltag einmal kontaktieren könnten, wenn noch spezifische Fragen auftauchen. Meine Zustimmung haben sie.

Auch die Abschlussbewertung ist gut. Die erstaunt mich sogar. Denn ich habe auf sämtliche Spielchen wie Stuhlkreise, Selbsterfahrungstripps, buntes Tücherwedeln und was es nicht noch alles gab, verzichtet. Trotzdem bin ich in der Gesamtwertung an einigen alteingesessenen Dozenten vorbeigezogen. Und soll damit an der Abschlussbesprechung teilnehmen. Was mir gar nicht behagt.

In dem kleinen Raum stehen Kaffee und Kuchen. Ernste Gespräche in „gemütlichem Ambiente“. Na danke. Vier weitere Dozenten sind da, außerdem einige Schulleiter der Schulen, an denen künftig die Integrationsassistenten tätig werden könnten. Auf meinem Platz liegt ein Zettel mit Fotos jedes einzelnen Teilnehmers. Ich bin irritiert. Sehr sogar. Am Tisch wird geschnattert und geplappert, Kuchen und Kaffee lehne ich ab. Als es dann ins Thema geht, wird mir klar, worum es bei der Abschlussbesprechung geht: Jeder Teilnehmer, der die Prüfung bestanden hat, wird im Einzelnen besprochen. Und das Gremium entscheidet, ob er trotz bestandener Prüfung für den Einsatz zugelassen wird. Formale Kriterien: keine. Eine Zulassung braucht die Zustimmung aller anwesenden Dozenten. Ich fühle mich seltsam. Das, was ich höre, erscheint mir nicht immer fachlich fundiert, sondern persönlich motiviert. Häufig scheinen Sympathie und Antipathie mehr eine Rolle zu spielen als eine wirkliche Eignung. „Frau Müller hat mich zweimal ziemlich angeblafft. So ein Verhalten geht gar nicht, da fehlt echt was in der Erziehung. Von mir bekommt sie ein Nein.“ Daumen hoch, Daumen runter. Ich habe das Bild eines römischen Cäsaren vor mir, der in der Arena über das weitere Schicksal des Probanten entscheidet.

Platon

Bei unserem ersten Treffen mit Sophie nach dem Seminar bin ich gespannt auf ihren Bericht. Sophie erzählt in ihrer Art und Weise sachlich die Abläufe und ihre Einschätzung. Bei einigen Dingen ist sie unsicher. Ich meine trotz der Sachlichkeit zumindest einen Anflug von Stolz und Zufriedenheit in ihrem Gesicht zu sehen. Und ich gebe ihr auch davon unabhängig zu verstehen, dass ich ihre Leistung sehr hoch einschätze und ihr meinen Respekt zolle.

Neben der erfolgreichen Dozententätigkeit von Sophie beobachte ich eine weitere positive Entwicklung. Sophie hat eine Reihe weiterer Kontakte in der Institution, die offenbar funktionieren. So führt sie regelmäßig Gespräche mit der koordinierenden Assistentin der Geschäftsleitung im Rahmen von organisatorischen Abstimmungen und inhaltlichen Konzepten. Sie scheint dort sehr gut anzukommen, denn weitere Projekte werden offenbar in Aussicht gestellt.

Sophie

Die Bilder helfen mir, die Personen den Namen zuzuordnen. Gleichzeitig sehe ich gerade eine große Verantwortung in meinen Händen. Ich weiß, dass alle Teilnehmer der Schulung Hartz IV beziehen. Und plötzlich ist es mit meine Entscheidung, ob diese Leute in diesem Bereich eine berufliche Zukunft haben können oder nicht. Einfach so. Erst vor wenigen Wochen war ich eine kleine Angestellte, die nach der Probezeit gekündigt hat. Heute diese Entscheidungen. Ich möchte das so eigentlich nicht. Ich bin plötzlich mit Lebensgeschichten konfrontiert, die biografischen Stationen der Teilnehmer, die ich bis dato nicht kannte, werden auseinandergenommen, im Lichte des Plenums ausgebreitet, analysiert, kommentiert. Und daraus Rückschlüsse gezogen, die ich nicht immer nachvollziehbar und auch nicht immer für korrekt halte. Ich fühle mich zunehmend unwohl.

Nur zweimal melde ich mich zu Wort. Eine Teilnehmerin bekommt eine Einschränkung bezüglich des Gebietes Autismus-Spektrum-Störungen, weil sie thematisch in einem Bereich involviert ist und dort hochemotional reagiert, dies halte ich für nachvollziehbar, aber im schulischen Alltag nicht hilfreich für die betreffenden Kinder. Eine generelle Eignung spreche ich ihr deswegen aber nicht ab.

Eine einzige Teilnehmerin bekommt mein Nein. Sie hatte mehrfach geäußert, dass bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten ein paar deftige Griffe schon ausreichen würden, um da Grenzen zu setzen. „Einmal eine gescheuert und die mucken nicht mehr auf. Da darf man nur nicht zimperlich sein.“ Niemand stellt meine Begründung in Frage. Auch andere Dozenten berichten davon, dass sie öfter auf Einsatz von Gewalt verwiesen hat, um Situationen in den Griff zu bekommen. Mir ist nicht klar, warum man sie überhaupt bis zur Prüfung hat kommen lassen. Es wäre fair gewesen, wenn die Verantwortlichen ihr nach den ersten Wochen mitgeteilt hätten, dass diese Umschulung wohl der falsche Weg ist. Denn ich glaube, dass eine Arbeit mit Kindern weder den Kindern noch der Teilnehmerin gut tun würde. Dass das sogar eskalieren könnte und Menschen dabei zu Schaden kommen. Trotzdem fühle ich mich schlecht, als ich mein negatives Votum abgebe. Und damit entscheide, dass diese Frau in naher Zukunft keine Anstellung bekommen wird.

Platon

Zudem erfährt Sophie plötzlich eine Form der Wertschätzung, die sie nicht gewohnt ist. Sie wird um Rat gefragt, ihre Meinung ist plötzlich wichtig. So ist zum Beispiel ihr Votum im Rahmen der Gesamtbewertung entscheidend dafür, ob die Teilnehmer ihres Seminars als Unterrichtsbegleiter eingesetzt werden oder nicht. Einerseits überfordert sie diese plötzliche Verantwortung, andererseits sind diese Erfahrungen für sie ein weitere Schritt bei der Integration in gesellschaftliche Abläufe. Ich habe den Eindruck, dass Sophie von dieser ganzen Entwicklung deutlich profitiert und sich weiter entwickelt.

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5 Kommentare

Verfasst von - 29. Oktober 2014 in Neue Wege

 

5 Antworten zu “Alleinflug – Teil III

  1. Silke Iden

    29. Oktober 2014 at 10:21

    Ich bin tief beeindruckt, wie Sie Sophie diese Herausforderung gemeistert haben.
    Herzlichen Glückwunsch!

     
  2. reynard1603

    29. Oktober 2014 at 18:11

    Ich bin auch beeindruckt, sehr gute Entwicklung. Sophies berufliche Stärken kommen zur Geltung.

     
  3. Amy

    30. Oktober 2014 at 17:57

    Ich finde es spannend, wie dort bei euch die Schulung läuft – vor allem, dass man offen dafür ist, Autisten über Autismus schulen zu lassen. Was ich so aus anderen Gegenden gehört habe, klingt weitaus weniger gut – auch wenn man wirklich was daran verbessern könnte, dass jemand mit Hang zur Gewalt gegen Kinder überhaupt bis zur Prüfung kommt. Dass solche Leute überhaupt in solchen Maßnahmen landen, ist wohl leider nicht zu verhindern wenn die Teilnehmer durchs Amt zugewiesen werden. Aber gut, dass die Dozenten überhaupt noch Einfluss haben, wenn auch erst sehr spät. Mein Gedanke war dazu überigens, ob solche Äußerungen nicht vielleicht auch durchaus in der Absicht fallen könnten rauszufliegen – wenn das Amt dahinter steckt, ist ja ein Abbruch auf eigenen Wunsch der Teilnehmer vermutlich nicht die beste Idee, oder?

     
    • dualessein

      1. November 2014 at 5:23

      Soweit korrekt, die Teilnehmer müssen bei Abbruch mit Kürzungen rechnen. Es sei denn, die zu schulende Institution bricht das ganze ab (ist dann wie eine Absage im Vorstellungsgespräch). Allerdings gibt es dann für die Institution von der Agentur auch kein Geld… womit der vollkommen absurde Kreislauf eröffnet wäre.

       

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