RSS

Alleinflug – Teil II

25 Okt

Sophie

Ich mache es wirklich. Mit Laptop und Konzept stehe ich bereits eine Stunde vor Beginn im Schulungsraum. Nein, den Bildungseinrichtungs-PC will ich nicht benutzen, ich nehme meinen eigenen. Alles in meiner Hand. Alles bekannt. Während die Teilnehmer eintreffen, werfe ich einen Blick in das Schulungsprogramm und bin irritiert. Mir war nicht bewusst, dass man innerhalb von drei Monaten in einer Art Crashkurs eine qualifizierte Ausbildung zum Integrationsassistenten bekommen kann. Und wenn ich mir das hier so ansehe, dann ist dem auch nicht so. Auch halte ich das Vorgehen, Leute „zwangsumzuschulen“, gerade für diese Aufgabe nicht für richtig. Als Integrationsassistent trägt man in meinen Augen eine große Verantwortung. Da einfach „irgendwen“ ranzusetzen unter Androhung von Bezugskürzungen – ich weiß nicht, ob das a) die richtige Motivation und b) das entsprechende Know-How mit sich bringt. Aber gut – ich werde es ja sehen. Der Raum füllt sich zusehend. Ich bekomme noch die Teilnehmerliste und das Klassenbuch gereicht. Auf dem einen Bogen muss ich abhaken, auf dem zweiten müssen die Teilnehmer unterschreiben, im dritten muss ich was eintragen. Oh je.

Platon

Sophie wird es wirklich versuchen. Ich bin irgendwie beeindruckt. Denke aber auch, dass sie vielleicht ins offene Messer läuft und das Seminar ein Desaster wird. Andererseits bewundereich ihren Mut. Und sie sollte es auf jeden Fall versuchen. Ich kenne zwar die Institution, für die sie das Seminar macht, sehr gut. Habe aber keinerlei Kontakte zum dem Bereich, in dem diese Art der Seminare durchgeführt werden. Einen Moment überlege ich, ob ich in irgendeiner Form unterstützend eingreifen sollte. Ob ich das Sophie vorschlagen soll. Doch ich verwerfe diesen Gedanken schnell. Es soll ihr Ding sein. Im Erfolg und im Misserfolg.

Sophie

Den Teilnehmern raucht der Kopf. Ich habe mich entschlossen, erst einmal einen breitgefächerten, oberflächlichen Überblick über das Thema zu geben, bevor wir dann in den kommenden 15 Stunden die einzelnen Bereiche inhaltlich vertiefen. So sehen die Leute einmal die Breite des Themas, zum anderen können sie dann bei der Vertiefung die Lerninhalte mit dem bereits gegebenen Überblick verknüpfen. Zumindest in meiner Theorie.

Eine der Teilnehmerinnen stellt ziemlich seltsame Fragen. Ob Autisten eigentlich einen Tinnitus schlimmer finden als Nicht-Autisten, weil sie ja geräuschempfindlicher sind, beispielsweise. Links von mir murmelt jemand: „So ein Schwachsinn!“, ich kann aber nicht einordnen, ob sich das auf die Frage oder mein Thema generell bezieht. Links beschließe ich zu ignorieren, die Frage selbst versuche ich, angemessen zu beantworten, ohne zu offenkundig werden zu lassen, dass die Frage an sich bereits einen signifikanten logischen Fehlschluss beinhaltet.

Die fünf Stunden gehen schneller herum als erwartet. Ohne Zwischenfälle. Die Gruppe war ruhig, stellte viele Fragen, nach der großen Pause stellte ich einen Leistungseinbruch fest, der etwa zwanzig Minuten andauerte – das muss ich beim nächsten Mal einplanen. Eine der Teilnehmerinnen sprach mich später noch an, sie ist Mutter einer frühkindlichen autistischen Tochter. Im Weggehen meint sie, dass es toll sei, wie ich die Provokationen einer Teilnehmerin habe ins Leere laufen lassen – bei anderen Dozenten gäbe das immer heftige Wortgefechte. Sie verschwindet und ich bleibe irritiert zurück. Ich fühlte mich zu keinem Zeitpunkt von irgendjemandem provoziert. Ich kann mir nicht mal vorstellen, welche Teilnehmerin sie eigentlich meinte – die Namen habe ich mir nämlich nicht gemerkt.

Platon

So wie ich es jetzt beurteilen kann, hat sie alles alleine gemacht. Ich kann es mir aber nur schwer vorstellen, wie sie mit diesen „bunt“ zusammengesetzten Teilnehmern klarkommt. Und was ist, wenn eine oder mehr Krawallbürsten dabei sind? Wie kann sie sich räumlich orientieren? Wie kann sie die  Stimmung im Seminar wahrnehmen? Wie wird ihr Timing sein, also das Einhalten der Zeiten bei den einzelnen Themenblöcken? Wie wird sie mit kritischen Fragen und Beiträgen umgehen?  Wird sie alles verstehen? Was macht sie in den Pausen? Ich bin gespannt auf ihren Bericht, wenn sie fertig ist. Am liebsten würde ich mich allerdings unter die Teilnehmer mischen…

Advertisements
 
Ein Kommentar

Verfasst von - 25. Oktober 2014 in Neue Wege

 

Eine Antwort zu “Alleinflug – Teil II

  1. Anneke Hugenberg

    27. Oktober 2014 at 0:17

    Da würde ich gerne mal Mäuschen spielen, stelle es mir toll vor, in so einem Seminar zu sitzen, wenn der Dozent das das erste Mal macht und vor allem: dumme sinnlose Einwürfe selbstverst nicht beachtet

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: